Der Nandu (span. Ñandú) oder Großer Nandu (Rhea americana) ist ein flugunfähiger Vogel aus der Gattung der Nandus (Rhea). Er gehört zu den Laufvögeln und ist in Südamerika beheimatet. Seit dem Jahr 2000 hat sich eine freilebende Schar Nandus in Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein etabliert, nachdem mehrere Nandus aus einem Gehege in der Nähe von Lübeck ausgebrochen waren (sogenannte Neozoen).Naturschutzbund Deutschland e. V.: Nandu

Merkmale Mit einer Scheitelhöhe von 1,25 bis 1,40 Metern (Rückenhöhe etwa 1 Meter) und einem Gewicht von 20 bis 25 Kilogramm ist der Nandu der größte Vogel Amerikas. Dies betrifft vor allem die Männchen, denn wie beim Strauß sind auch beim Nandu die Hähne im Durchschnitt etwas größer als die Hennen. Nandus haben ein lockeres, zerfleddert aussehendes Federkleid und besitzen die größten Flügel aller Laufvögel. Die Beine sind lang und kräftig. Im Gegensatz zu den Verhältnissen bei den zweizehigen Straußen weisen die Füße der Nandus drei Zehen auf. Die Ähnlichkeit zwischen den beiden Gattungen von nicht flugfähigen Laufvögeln stellt ein Beispiel für Konvergenz dar. Auf der Flucht erreichen Nandus Geschwindigkeiten von bis zu 60 km/h.

Das Gefieder ist grau oder braun, selten weiß, zwischen den Individuen variiert die Farbgebung stark. In der Regel sind Männchen etwas dunkler und größer als Weibchen, was aber kein zuverlässiges Unterscheidungsmerkmal ist. Die einzelnen Unterarten werden vor allem durch die Anteile schwarzer Federn an der Halsbefiederung unterschieden.

Verbreitung und Lebensraum mini|Nandu im natürlichen Habitat in Argentinien (Departamento Goya, Provinz Corrientes). Das Verbreitungsgebiet erstreckt sich von der Pampa, dem Grasland im zentralen Argentinien und Uruguay, über den Gran Chaco bis in den Nordosten von Brasilien. Die Art ist außerdem in Deutschland als Neozoon etabliert, die einzige bekannte Population in Mitteleuropa, die sich nach Ausbrüchen aus Gehegen halten konnte.Nandus etablieren sich in Norddeutschland (7. April 2015) auf www.n-tv.de, abgerufen am 23. November 2015

Nandus bewohnen Savannenhabitate, fehlen also in Wäldern. Im Gegensatz zum Darwinnandu ist der Nandu ein Bewohner des Flachlands, der große Höhen meidet. Ebenso meidet der Nandu kalte Klimazonen und kommt südlich des 40. Breitengrads nicht mehr vor.

Der Nandu ist laut IUCN „potenziell gefährdet“ (near threatened). Seine Population nimmt aufgrund von Bejagung und der Zerstörung seines natürlichen Lebensraums stetig ab.[ Rhea americana] auf https://www.iucnredlist.org/, abgerufen am 12. Mai 2017

Unterarten mini|Verbreitungsgebiet der Unterarten: R. americana albescens (hellgrün) R. americana americana (dunkelgrün) R. americana araneipes (blaugrün) R. americana intermedia (gelb) R. americana nobilis (orange) Fünf Unterarten werden anerkannt. Sie sind nur schwer auseinanderzuhalten; vor allem die Schwarzfärbung des Halses, die bei allen unterschiedlich ausgeprägt ist, gilt als Identifikationsmerkmal.IOC World bird list Ratites: Ostriches to tinamous

Rhea americana americana (, 1758), nördliches und östliches Brasilien Rhea americana intermedia & , 1914, Uruguay und angrenzendes südöstliches Brasilien Rhea americana nobilis , 1939, östliches Paraguay Rhea americana araneipes , 1938, westliches Paraguay, östliches Bolivien, angrenzendes südwestliches Brasilien Rhea americana albescens & , 1878, neu: Rhea americana var. albinea, nordöstliches und östliches Argentinien

Etymologie und Forschungsgeschichte „Nandu“ ist abgeleitet von ñandu guasuAntonio Guasch: Diccionario Castellano-Guaraní. Ediciones Loyola, Asunción 1978 (guasu „groß“ und ñandu „Spinne“ in Guaraní), da der Nandu in Balz-Pose einer großen Spinne ähnelt. Eine alternative Herleitung bezieht sich auf den Ruf, der lautlich wie Nan-Du klingt.

Die Erstbeschreibung des Nandus erfolgte 1758 durch Carl von Linné unter dem wissenschaftlichen Namen Struthio americanus. Als Verbreitungsgebiet des Typusexemplar gab er nur Südamerika an. Bereits 1760 führte Mathurin-Jacques Brisson die Gattung Rhea ein. Dieser Begriff stammte aus der griechischen Mythologie und bezieht sich auf Rhea.Rhea The Key to Scientific Names Edited by James A. Jobling Der Artname »americanus« bedeutet aus Amerika.americanus The Key to Scientific Names Edited by James A. Jobling »Intermedia« leitet sich vom lateinischen intermedius für dazwischen ab,intermedia The Key to Scientific Names Edited by James A. Jobling »araneipes« von aranea für Spinne bzw. vom altgriechischen Wort für „Spinne“ und für „Fuss“.araneipes The Key to Scientific Names Edited by James A. Jobling »Noblis« bedeutet bewundernswert, berühmt, edel, hochgeboren, adlig.noblis The Key to Scientific Names Edited by James A. Jobling »Albescens« bedeutet weißlich von albus für weiß.albescens The Key to Scientific Names Edited by James A. Jobling Alfred Laubmann ging in seinem Werk Die Vögel von Paraguay stark auf Unterschiede in den Unterarten Paraguays ein. Damals war noch nicht klar, ob es sich hier gar um eigene Arten handeln könnte.

Wilde Population in Norddeutschland mini|Eine Gruppe Nandus im Februar 2015 auf einem Acker bei Lüdersdorf (Mecklenburg-Vorpommern) mini|Nandus bei Schlagsdorf im Mai 2018 Entwicklung Im Jahr 2000 entwichen mehrere Nandus aus einer Freilandhaltung in Schleswig-Holstein nahe der Landesgrenze zu Mecklenburg-Vorpommern, die von dort in den Landkreis Nordwestmecklenburg wechselten und dort in der Niederung der Wakenitz, im Raum zwischen Schattin und Herrnburg, sowie weiter südlich bei Utecht beobachtet wurden. Bereits 2001 gab es einen erfolglosen Brutversuch sowie den Nachweis einer erfolgreichen Brut durch die Beobachtung eines Männchens mit 14 Küken, weitere erfolgreiche Bruten wurden 2002 (1), 2003 (mindestens 3) und 2004 (mindestens 5) dokumentiert. Im Jahr 2002 konnten in der Wakenitzniederung bereits 11 Nandus nachgewiesen werden, 2004 waren es im Raum Schattin – Utecht – Duvennest bereits 20.Alle Angaben nach W. Eichstädt: Nandu – Rhea americana. In: Ornithologische Arbeitsgemeinschaft Mecklenburg-Vorpommern (OAMV) e. V. (Hrsg.): Atlas der Brutvögel Mecklenburg-Vorpommerns. Steffen Verlag, Friedland 2006, ISBN 3-937669-66-3, S. 455 Bis August 2009 war der Bestand auf etwa 80 Tiere gewachsen,Auf der Spur von Nandu „Schorsch“ und seinen Küken. Ostseezeitung , abgerufen am 16. August 2010 im März 2011 ging man von einem Bestand von über 100 Exemplaren aus.NDR 1 Radio MV: , abgerufen am 22. Juni 2011 Zählungen von Rangern des Biosphärenreservats Schaalsee ergaben im Herbst 2014 144 Tiere, im Frühjahr 2015 120 Tiere, im Herbst 2015 177 TiereTierzählung: 177 wilde Nandus im deutschen Norden, FAZ vom 20. November 2015, abgerufen am 20. November 2015, im Herbst 2016 über 200 TiereNandu-Population knackt 200er-Marke, NDR-Meldung vom 3. November 2016, abgerufen am 3. November 2016. und im März 2017 220 TiereZarrentin: Nandu-Population gewachsen, NDR-Meldung vom 7. April 2017, abgerufen am 7. April 2017. im rund 150 Quadratkilometer großen Verbreitungsgebiet östlich des Ratzeburger Sees. Nachdem die Zahl der Nandus vermutlich aufgrund des langen kalten Winters bis März 2018 zwischenzeitlich auf 205 Tiere abgesunken war, wurden bei der Herbstzählung im selben Jahr 566 Tiere gezählt, davon ein Großteil Jungtiere. Als Ursache für diesen hohen Anstieg innerhalb eines Jahres vermutet das Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt Mecklenburg-Vorpommern die ungewöhnlich warme und trockene Witterung des Jahres.Ergebnisse der Nandu-Herbstzählung liegen vor – weiterer Anstieg verzeichnet, Pressemitteilung des Ministeriums für Landwirtschaft und Umwelt Mecklenburg-Vorpommern vom 10. Dezember 2018, abgerufen am 11. Dezember 2018

Die Art ist offenbar recht anpassungsfähig. In Mecklenburg-Vorpommern bewohnen Nandus vor allem Stilllegungsflächen mit flächigen Trocken- und Halbtrockenrasen und Kiefernforsten, wurden aber auch auf Grünland, Äckern und in Laubwald beobachtet. Im Winter suchen die Tiere auf Rapsäckern und Stilllegungsflächen nach Nahrung. Gelegefunde erfolgten bisher in Trockenrasen, Staudenfluren, auf Getreide- und Rapsäckern sowie im Laubwald.

Rechtlicher Status Rechtlich gilt der Nandu als besonders geschützte Art i. S. d. Abs. 2 Nr. 13 Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG), sodass die in Deutschland wild lebenden Nandus nicht nur den allgemeinen Schutz des BNatSchG, sondern auch den besonderen Schutz des BNatSchG genießen.

Seit April 2020 wurde der Nandu in Mecklenburg-Vorpommern ins Jagdrecht aufgenommen. Küken und Jährlinge dürfen seitdem ganzjährig geschossen werden. Ausgewachsene Tiere dürfen vom 1. November bis 31. März bejagt werden.

Bewertung aus Sicht des Naturschutzes In Naturschutzkreisen ist die Bewertung des Nandus als Brutvogel in Deutschland sehr unterschiedlich. So wird von manchen die Auflösung der Bestände, also Tötung aller Nandus, gefordert. Dies wird mit dem Vorsorgeprinzip begründet, da der Nandu sich als invasive Art erweisen könnte. Als invasive Arten werden nach Abs. 2 Nr. 9 BNatSchG solche Arten deklariert, die für die natürlich vorkommenden Ökosysteme, Biotope oder Arten eine erhebliche Gefährdung darstellen. Dem Nandu wird Invasionspotenzial zugeschrieben, weil eine Gefährdung anderer Bodenbrüter und Bodenfauna nicht auszuschließen sei.Klemens Steiof: Handlungserfordernisse im Umgang mit nichtheimischen und mit invasiven Vogelarten in Deutschland. Berichte zum Vogelschutz 47/48, 2011: 93–118.

Derzeit steht der Nandu auf der Grauen Liste. Auf die Graue Liste werden potenziell invasive Arten gesetzt, um diese durch die Behörden beobachten zu lassen. Befürchtungen bezüglich einer möglichen Gefährdung von Bodenbrütern, Reptilien und Insekten haben sich bisher durch Feldforschungen und Magenuntersuchungen nicht bestätigt. Nach Abs. 2 BNatSchG muss vor Bekämpfungsmaßnahmen erst geklärt werden, ob eine Art tatsächlich invasiv ist, also die natürlich vorkommenden Ökosysteme, Biotope und Arten gefährdet.Stefan Nehring: Warum ein differenzierter Umgang mit gebietsfremden Vogelarten sinnvoll ist und welches naturschutzfachliche Instrument dabei in Deutschland Anwendung finden sollte. Berichte zum Vogelschutz 47/48, 2011: 119–134. Derzeit werden weitergehende Untersuchungen über die Auswirkung der heimischen Nandupopulation nicht als dringlich angesehen, da der Bestand teilweise nicht ganz winterfest ist und somit wieder aussterben könnte.Exoten auf Mecklenburgs Feldern, www.spektrum.de vom 4. Januar 2016, abgerufen am 5. Januar 2016

Maßnahmen zur Eindämmung der Population Nach Beschwerden aus der Landwirtschaft wegen zunehmender Schäden auf Raps- und Getreideflächen genehmigt das Biosphärenreservatsamt Schaalsee-Elbe seit 2017, die Population der wildlebenden Nandus durch Manipulation der Gelege einzudämmen.Mit dem Akku-Bohrer gegen wilde Nandus, www.ndr.de vom 11. Mai 2017, abgerufen am 12. Mai 2017 Hierzu werden die Eier im Gelege durch namentlich registrierte Personen angebohrt.Ergebnisse der Nandu-Herbstzählung liegen vor – weiterer Anstieg verzeichnet, Pressemitteilung des Ministeriums für Landwirtschaft und Umwelt Mecklenburg-Vorpommern vom 10. Dezember 2018, abgerufen am 31. Dezember 2018

Da die Population trotz dieser Maßnahme auf 566 Tiere (Herbstzählung 2018) anwuchs, forderte der Bauernverband, die Bejagung männlicher Nandus zu erlauben. Daraufhin haben laut Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD) zwei Landwirte eine Abschussgenehmigung erhalten und von Januar bis März 2019 auf ihren Feldern 17 Nandus geschossen. Die Frühjahrszählung 2019 ergab einen Bestand von 362 Tieren. 2019 sollten noch weitere 40 bis 50 Tiere erlegt werden. Um zu klären, ob die Nandus der heimischen Tier- und Pflanzenwelt schaden, war ab Herbst 2019 ein Monitoring geplant, das abgeschossene Exemplare untersuchen und einige Tiere mit GPS-Sendern ausstatten sollte.NDR1, Radio MV: Bis Januar 2021 wurde die Population durch Bejagung auf etwa 300 Tiere reduziert.NDR: