Kammerton a1 (440 Hz) Datei:440.ogg Der Kammerton, auch Stimmton und Normalton genannt, ist ein als gemeinsamer Bezugspunkt definierter Ton, auf den die Instrumente einer Musikgruppe gleich hoch eingestimmt werden. Die Tonhöhe des allgemein verwendeten Kammertons A ist nach mehrfachen Festlegungen in der Musikgeschichte heute das eingestrichene A (a′ auch a1).

Der seit einer internationalen Konferenz in London 1939 in vielen Ländern gültige Standard-Kammerton oder Normalstimmton ist festgelegt auf a1 = 440 Hertz (Hz). In deutschen und österreichischen Sinfonieorchestern ist jedoch a1 = 443 Hz üblich, in der Schweiz a1 = 442 Hz.

Neben der Tonbezeichnung a1 (auch a′ geschrieben, daher „eingestrichenes“ a) wird auch die im englischsprachigen Ländern übliche Bezeichnung A4 oder im MIDI-Protokoll 69 verwendet.

Zur Bezeichnung „Kammerton“ „Kammer-“ bezieht sich auf die fürstlichen Privatgemächer, in denen früher musiziert wurde. Daher gibt es historisch einen Gegensatz zwischen „Kammerton“ und „Kirchenton“ (auch Orgelton oder „Chorton“ genannt). Die Begriffsgeschichte des „Kammertons“ und seine Abgrenzung vom „Kirchenton“ ist komplex; sie wurden gelegentlich gleichgesetzt, konnten sich aber auch um bis zu einem Ganzton unterscheiden.Michael Praetorius bezeugt, der alte Chorton sei zwar um einen ganzen Ton tiefer als der Kammerton, aber diese beiden Begriffe würden von seinen Zeitgenossen in der Regel gleich gesetzt. Michael Praetorius: Syntagma musicum II. S. 14 f. In dem 1732 erschienenen Musiklexikon von Johann Gottfried Walther werden die ursprünglichen und von Praetorius bezeugten Bedeutungen dieser beiden Ausdrücke bei dem Lemma „Cammer-Ton“ gegeneinander vertauscht. Leonhard Euler erläuterte wenige Jahre später ein Berechnungsverfahren, nach welchem die „Zahl der Vibrationen, so in einer Secundminute zu Ende gebracht werden“ mit der Zahl 392 angegeben werden müsse. Diese Tonhöhe käme mit demjenigen Ton überein, „der auf dem Instrument mit a bezeichnet wird.“ Er meinte damit offensichtlich den von Walther 1732 definierten tieferen „Cammer-Ton“.Leonhard Euler: Tentamen novae theoriae musicae. 1739, Cap. I, § 10, S. 7; deutsche Übersetzung und Kommentierung: Lorenz Christoph Mizler: Musikalische Bibliothek. III.1 , S. 89, online-Quelle. Erläuterungen dazu bei Lutz Felbick: Lorenz Christoph Mizler de Kolof – Schüler Bachs und pythagoreischer „Apostel der Wolffischen Philosophie“. (Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig – Schriften, Band 5), Georg-Olms-Verlag, Hildesheim 2012, PDF Online-Version, S. 141f. Vgl. Bruce Haynes: A History of Performing Pitch: The Story of A. Außerdem gab es noch den Cornettton und den Opernton. Diese Unterscheidung verlor sich nach 1800.

Entwicklung Bis in das 19. Jahrhundert hinein gab es keine einheitliche Stimmhöhe, sondern es wurde abhängig von Ort oder Region wie auch nach Art der Musik unterschiedlich eingestimmt.

Verglichen mit dem heutigen Standardkammerton lagen die Stimmtöne im 16. Jahrhundert um bis zu vier Halbtöne tiefer oder um bis zu drei Halbtöne höher. In der Mitte des 18. Jahrhunderts schwankten die Stimmungen etwa im Bereich von −2 bis +2 Halbtöne und Mitte des 19. Jahrhunderts im Bereich von −1 bis +1 Halbton, bezogen auf a1 = 440 Hz. Dabei wurden in Österreich, Deutschland, Italien und den Niederlanden tendenziell höhere, in Frankreich und England eher tiefere Stimmtöne bevorzugt.Stimmton. In: Die Musik in Geschichte und Gegenwart. (MGG). Bärenreiter-Verlag, 1986, Band 16, S. 1760 f.

Durch ein zunehmend interregionales und internationales Musikleben wuchs das Bedürfnis nach einem einheitlichen Stimmton. Im Jahr 1788 einigte man sich zunächst in Paris auf 409 Hz für das eingestrichene a, die (frühe) Pariser Stimmung. Später wurde dort 1858 durch die französische Akademie, unter Napoleon III., der Kammerton a′ dann auf 435 Hz festgelegt (mit der damaligen Bezeichnung als „435 Doppelschwingungen pro Sekunde“), für Frankreich gesetzlich eingeführt und in benachbarten Ländern übernommen. Für Russland, Schweden, Italien und verschiedene deutsche Staaten beschloss eine internationale Stimmtonkonferenz 1885 in Wien einen internationalen Normstimmton mit ebenfalls 435 Hz.435 Hz, Stimmtonkonferenz, Wien. In: Zeitschrift für Instrumentenkunde. August 1891, 435 Hz, Stimmtonkonferenz, Wien. In: Zeitschrift für Instrumentenkunde. 1891, 435 Hz, Stimmtonkonferenz, Wien. In: Grundlinien der Psychologie. 1908, Grundlage dieser Festlegung war eine Aussendung der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien: Vor der Konferenz wurden Stimmgabel-Rohlinge versendet, mit dem Ersuchen, diese Rohlinge jeweils vor Ort so zurechtzuschleifen, dass damit der dort verwendete Stimmton wiedergegeben wurde. Auf diese Weise langten fast 100 Stimmgabeln in Wien ein, auf deren Grundlage die Stimmtonkonferenz arbeitete. Die Stimmgabeln werden im Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien aufbewahrt.Stimmgabeln als Inspiration für ein ganzes Festival. Informationsheft zum Festival des Musikvereins zum Thema A vom 7. Mai bis 17. Juni 2022. Wien 2021. S. 6–9. Als „Herstellung der Normalstimmgabel“ findet dieser Beschluss sich auch im Friedensvertrag von Versailles wieder.Friedensvertrag von Versailles, Art. 282, Punkt 22. documentarchiv.de

In der österreichischen Militärmusik und dadurch beeinflusst auch in der Blasmusik herrschte dagegen ab der Mitte des 19. Jahrhunderts bis 1938 der sogenannte türkische Ton mit 461 Hz vor, der von den Wiener Original Hoch- und Deutschmeistern auch seit 1945 wieder verwendet wird. Viele österreichische Amateurkapellen blieben sehr lange bei dieser Stimmung, weil sie sich erst ab den späten 1960er Jahren neue Instrumente in der Normalstimmung (440 Hz) leisten konnten.

Das Bundesheer und die Gendarmerie- und Polizeikapellen in Österreich stimmten nach 1945 in der Normalstimmung; die heute in der Praxis bei etwa 442/443 Hz liegt.

Die britische Militärmusik hatte – ebenso wie fast alle Sinfonieorchester (ab etwa 1830) in Großbritannien – eine Stimmung von etwa 453 Hz. Als dann die Orchester nach massiven Protesten bis hin zu Streiks der Sänger den Stimmton nach und nach auf etwa 438 Hz absenkten, folgten die Militärkapellen um 1927. Die Brass Bands behielten diese Stimmung jedoch noch länger, erst in den 1960er Jahren stellte Boosey & Hawkes die Produktion hochgestimmter Brass-Band-Instrumente ein. (Viele Blechblasinstrumente lassen sich durch Ausziehen auf den neuen „pitch“ von 440 Hz umstimmen; die Holzbläser benötigten aber komplett neue Instrumente.)

Unterschiedliche Vorschläge für den Stimmton Joseph SauveurJoseph Sauveur et le Son fixe. Une première normalisation du «diapason». auf organ-au-logis.pagesperso-orange.fr, abgerufen am 25. September 2022 (französisch)Joseph Sauveur, auf organ-au-logis.pagesperso-orange.fr, abgerufen am 25. September 2022 (französisch) (1653–1716) und später auch Ernst Chladni (1756–1827) machten den Vorschlag einer auf C basierenden Stimmung, und zwar derart, dass eine Frequenz mit einer Schwingungs-Periode von genau einer Sekunde ein tiefes C darstellen solle. Das gegenüber diesem C6 von 1 Hz um acht Oktaven höhere eingestrichene  C (c′ oder c1) hätte damit die 28-fache Frequenz von 256 Hz (entspricht −37,6 Cent gegenüber einer Stimmung mit a1 = 440 Hz).

Dieser Vorschlag fand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch im deutschsprachigen Raum zunehmend Fürsprecher und wurde in namhaften Publikationen wissenschaftlich diskutiert, so schrieb beispielsweise Gustav Schubring 1868:

Giuseppe Verdi erwähnte 1884 im Rahmen der Diskussion um die Übernahme der Stimmtonfrequenz von 435 Hz in Italien einmal die Frequenz für a1 von 432 Schwingungen pro Sekunde.11. November. In: Harenbergs Musik-Kalender. 2008 Als Ideal soll Giuseppe Verdi und Nikolaus Harnoncourt 430 Hz vorgeschwebt sein.

Festlegung des Standardkammertons 440 Hz Die bis heute letzte internationale Stimmtonkonferenz wurde 1939 von der International Federation of the National Standardizing Associations in London durchgeführt und erstellte eine Norm für die Kammerton-Frequenz von 440 Hz für den Ton a1 (Standard ISO 16), in Deutschland folgte das Deutsche Institut für Normung e. V. (DIN) dieser Regelung und erstellte die DIN 1317-1 für die Normung der Stimmtonhöhe allgemein, die DIN 1317-2 für die Stimmgabel und die DIN 1317-3 für die Orgel. Der Europarat übernahm diese Norm am 30. Juni 1971.Res(71)16E on the standardisation of the initial tuning frequencyKommentar zur Resolution (71) 16 des Europarates vom 30. Juni 1971 über die Normierung der Frequenz des Stimmtones in: Fritz Winckel: Das Musikinstrument. 1972

Praxis mini|Stimmgabel – hier eine für den Ton a1 mit 440 Hz Die klassische Methode, den Kammerton anzugeben, ist die Stimmgabel, die 1711 von dem englischen Militärtrompeter John Shore entwickelt wurde; alternativ gibt es auch Stimmpfeifen. Heutzutage werden zunehmend elektronische Stimmgeräte eingesetzt. In manchen Telefonnetzen hat auch der Wählton 440 Hz; im Netz der Deutschen Telekom liegt er allerdings 70 Cent – erheblich mehr als einen Viertelton – tiefer. In Österreich bietet das Bundesamt für Eich- und Vermessungswesen den Stimmton 440 Hz unter der Telefonnummer +43 1 21110-821507 an.

In deutschen und österreichischen Orchestern hat sich – unabhängig von der nach wie vor international gültigen Normstimmhöhe von 440 Hz – die Frequenz von 443 Hz als Kammerton eingebürgert. Dieser Ton wird zu Beginn der Probe oder der Aufführung von der Oboe angegeben, vom Konzertmeister (das heißt dem führenden Instrumentalisten der Stimmgruppe der ersten Geigen) abgenommen, der seine Geige nach diesem Ton stimmt und ihn dann an das übrige Orchester „weiterreicht“. Bei Beteiligung eines nicht ohne Aufwand stimmbaren Instrumentes (z. B. Klavier oder Orgel) gibt dieses anstelle der Oboe den Ton vor.

In anderen Ländern sind auch andere Stimmhöhen von 440 Hz bis 444 Hz (entspricht +16 Cent) üblich, beispielsweise herrscht in der Schweiz und Italien ein Stimmton von 442 Hz (+8 Cent) vor.Franz Nistl: Tabelle der Stimmhöhen europäischer Orchester. Teil 1. nistl.com; abgerufen am 25. September 2022Franz Nistl: Tabelle der Stimmhöhen europäischer Orchester. Teil 2. nistl.com; abgerufen am 25. September 2022 Die Berliner Philharmoniker verwendeten unter Herbert von Karajan sogar 445 Hz.Der Zauber des perfekten Klangs. In: Die Zeit, Nr. 1/2003, S. 4. Ende der 1970er Jahre behauptete der Berliner Chordirigent Fritz Weisse anlässlich eines Gastdirigates beim Münchner Rundfunkchor, dass man neulich 449 Hz (entspricht +35 Cent) bei den ‚Berlinern‘ in der Philharmonie gemessen habe. Noch Anfang 1994 bemerkte Werner Thärichen anlässlich eines Dirigierseminars in Mürzzuschlag resignierend: „Wenn es doch nur bei 445 Hz bliebe!“ (In seinen Büchern hatte er dieses leidige Thema ausführlich behandelt.) Eine erhebliche Anzahl von Aufnahmen aus den 1960er Jahren mit den ‚Berlinern‘ weist einen Stimmton auf, der weit über 445 Hz liegt; wie zum Beispiel die 9. Mahler mit Sir John Barbirolli, oder die 6. Bruckner mit Joseph Keilberth.