mini|Die in Siam (heute Thailand) geborenen Brüder Chang und Eng Bunker (1811–1874), auf welche die Bezeichnung siamesische Zwillinge zurückgeht

Siamesische Zwillinge (auch verbundene Zwillinge oder Doppelfehlbildung) bezeichnen eine Fehlentwicklung, bei der eineiige Zwillinge im Verlauf ihrer intrauterinen Entwicklung und nach der Geburt körperlich miteinander verbunden bleiben.

Bei eineiigen (monozygoten), monochorial-monoamnioten Zwillingen teilt sich die befruchtete Eizelle in zwei eigenständige Embryonalanlagen auf. Bei einer unvollständigen Durchschnürung des Embryoblasten im späten Entwicklungsstadium der Blastozyste nach dem 13. Tag nach der Befruchtung bleiben die beiden Feten miteinander verbunden.

Die statistische Wahrscheinlichkeit für eine Doppelfehlbildung liegt zwischen 1 : 60.000 und 1​: 200.000. Dies entspricht einer Frequenz bei monozygoten Zwillingsschwangerschaften von 1 : 300. Da jedoch durchschnittlich drei von zehn siamesischen Zwillingen pränatal versterben, kommt nur etwa ein siamesisches Zwillingspaar auf eine Million Lebendgeburten. Wenn bekannt ist, dass es sich um ein siamesisches Zwillingspaar handelt, wird die Geburt in der Regel per Kaiserschnitt durchgeführt, um die gesundheitlichen Risiken für Mutter und Kinder möglichst gering zu halten.

2024 erklärte die UN den 24. November zum World Conjoined Twins Day.

Der Ausdruck wird im übertragenen Sinn auch für zwei unterschiedliche, unter Umständen gegensätzliche, aber untrennbar miteinander verbundene Sachverhalte gebraucht.

Ausprägungen mini|Skelettpräparat eines Kalbes mit zwei Wirbelsäulen mini|Präparierte siamesische Welpen Die Verbindung kann sowohl nur äußeres Gewebe betreffen als auch (schwerwiegender) Innere Organe betreffen. So kommt es vor, dass ein siamesisches Zwillingspaar nur ein Herz oder eine Lunge hat.

In der Medizin wird nach Art und Ausmaß der Verwachsung unterschieden. Verwachsungen können in verschiedenen Körperbereichen auftreten: Brustbereich (Thorakopagus, ca. 70 % der Fälle) Hüftenbereich (Ischiopagus, ca. 5 % der Fälle) Kopf (Kraniopagus (Kephalopagus), weniger als 2 % der Fälle) Sonderform: Dizephalie: einzelner Körper mit zwei Köpfen Sonderform: Janiceps (nach dem zweigesichtigen Gott Ianus): am Kopf zusammengewachsene siamesische Zwillinge, deren Gesichter in entgegengesetzte Richtungen blicken Bauchbereich (Omphalopagus) Steißbereich (Pygopagus) fetale Inklusion oder Foetus in foeto, wobei intrauterin ein Zwilling vom anderen absorbiert wird.

Allerdings muss jemand mit zum Beispiel zwei Gesichtern nicht unbedingt ein siamesischer Zwilling sein; dies könnte auch ein Fall von Diprosopus sein.

Ist eine Trennung möglich und innerhalb der ersten drei Wochen nach der Entbindung erforderlich, liegt die Sterblichkeit bei durchschnittlich 50 %, während zwischen der 4. und 14. Woche die Überlebenschance bei 90 % liegt. Die (vor- und nachgeburtliche) Prognose ist jedoch stets abhängig von Art und Ausmaß der Fusion der Kinder.

Diagnose Die ersten Anzeichen für siamesische Kontakte der Föten sind bereits mit der üblichen Sonografie festzustellen. Die detaillierte Bestandsaufnahme erfordert jedoch Untersuchung mit Magnetresonanztomographie. Dieses bildgebende Verfahren zeigt (dreidimensional) die anatomischen Gemeinsamkeiten der verbundenen Zwillinge, ihre Fehlbildungen und morphologischen Varianten. Solche Diagnose gibt Auskunft über eine mögliche chirurgische Trennung und Überlebenschancen. Sie liefert wichtige Informationen für Ärzte wie für die Eltern, nicht zuletzt, was die Versorgung nach der Geburt erfordern wird.Julie E Walcutt, B M Kline-Fath, R S Ayyala, F Y Lim, Usha D Nagaraj: Fetal MRI findings in conjoined twin pregnancies. In Pediatr Radiol 56, 8, 2026: 1757–1775. PDF.

Parasitärer Zwilling Die Teilung muss nicht immer symmetrisch sein. Entwickelt sich zum Beispiel das Zellmaterial eines Zwillings nur unvollständig, kann es auch zu asymmetrischen (oder auch parasitären) Doppelfehlbildungen kommen. Das weiter entwickelte Kind, in diesem Fall auch Autosit genannt, trägt das weniger entwickelte Kind, den „Parasiten“, am oder im Körper. Im Extremfall kann das weniger entwickelte Kind nur aus einem tumorähnlichen Zellhaufen bestehen, der jedoch differentialdiagnostisch gegen das Teratom (griech. teras ‚Ungeheuer, Missgeburt‘) abgegrenzt werden muss, einen Keimzelltumor, der Anteile aller drei Keimblätter enthält.

Trennung mini|Trennung von Radhika und Dudhika Nayak durch Dr. Doyen 1902 Je nach Art und Umfang der Verbindung ist eine chirurgische Trennung der beiden Zwillinge möglich. Dabei müssen einige Voraussetzungen gegeben sein:

Die beiden Zwillinge müssen jeweils alle lebensnotwendigen Organe besitzen. Die lebensnotwendigen Prozesse wie Stoffwechsel und Atmung dürfen nicht zu kompliziert verflochten sein (z. B. gemeinsame Blutbahnen oder mehrere nur einzeln vorhandene Organe wie Herz und Leber).

Die erste erfolgreiche Trennung von siamesischen Zwillingen wurde vom Schweizer Chirurgen Johannes Fatio in Basel, zwischen dem 24. November und 3. Dezember 1689 durchgeführt. Bei den Patienten handelte es sich um ein Paar neugeborener Mädchen namens Elisabet und Catherina, die sich beide vollständig von der Operation erholten.

Bis September 2004 überlebten 30 an der Schädeldecke zusammengewachsene Kinder eine Trennung, 17 von ihnen trugen jedoch von dem Eingriff eine Behinderung davon.

Bezeichnung Der Name siamesische Zwillinge kommt vom Zwillingspaar Chang und Eng Bunker (1811–1874) (auf Deutsch wird als Name meistens Bunkes statt Bunker angegeben). Die beiden Brüder wurden in Siam (heute Thailand) geboren, wurden unter dem Namen Die siamesischen Zwillinge als Jahrmarktsattraktion bekannt und gaben so dieser Fehlbildung den Namen.

In der englischsprachigen Version der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD) der WHO wird bereits seit Jahrzehnten die Bezeichnung Conjoined twins (dt. verbundene Zwillinge) verwendet.ICD-9 Codes – Congenital Anomalies – Code 759.4, aapc.com, abgerufen am 23. Januar 2024.ICD-10 Codes – Chapter XVII – Code Q89.4, who.int, abgerufen am 23. Januar 2024. Dieser Begriff wird mittlerweile auch in der englischen Alltagssprache benutzt und befürwortet, da der Ausdruck siamesische Zwillinge „Assoziationen mit Kuriositätenkabinetten und Varietés“ hervorrufe. Während in der deutschen Version der ICD-10 die Fehlentwicklung weiterhin als siamesische Zwillinge bezeichnet wird,ICD-10 – ICD-Code Q89.4, bund.de, abgerufen am 23. Januar 2024. wurde in jüngerer Vergangenheit anlässlich einer erfolgreichen Operation derartig verbundener Zwillinge vom behandelnden Krankenhaus hervorgehoben, dass „in der Fachliteratur seit geraumer Zeit von verbundenen Zwillingen gesprochen wird“. In der Folge wurde der Begriff verbundene Zwillinge auch von zahlreichen Medien, die über diese Operation berichteten, verwendet.

Berühmte Fälle mini|Siamesische Zwillinge auf Gefäßen der Moche-Kultur von ~300 mini|Die Biddenden Maids auf einer Darstellung von 1808 mini|Judith und Helena von Szony auf einer Zeichnung 1757 mini|Daisy und Violet Hilton Beschreibungen siamesischer Zwillinge finden sich zu allen Zeiten und Orten,

in der Antike z. B. bei Augustinus von Hippo in De civitate Dei.Augustin von Hippo: Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat 16. Buch 8. Kapitel Hydatius von Aquae Flaviae schreibt, im Jahre 462 seien in Galicien zwei Männer, die im Fleische zusammengeheftet waren und fest aneinanderklebten, [...] gestorben.Chronik des Hydatius, 462 n. Chr.: duo adulescentes carne invicem solidati adhaerentes sunt mortui. Übersetzung nach Kötter & Scardino.

Auch bei den Moche in Peru sind Darstellungen siamesischer Zwillinge bekannt. Zu den ersten europäischen Überlieferungen über siamesische Zwillinge zählt die Legende von Mary und Eliza Chulkhurst aus Biddenden, die unter dem Namen Biddenden Maids bekannt wurden und am Anfang des 12. Jahrhunderts gelebt haben sollen. In der Nürnberger Chronik von Hartmann Schedel aus dem Jahr 1493 sind gleich mehrere Paare abgebildet. Michel de Montaigne schrieb in seinem Essai Über ein mißgeborenes Kind von vierzehn Monaten: „Unter der Brust aber sah man es mit einem andern Kind zusammengewachsen, dem der Kopf fehlte und dessen Wirbelkanal sich oben geschlossen hatte; Im übrigen mangelte ihm nichts. Der eine Arm war zwar kürzer, doch das lag an einem zufälligen Bruch bei der Geburt.“Michel de Montaigne Essais. Erste moderne Gesamtübersetzung von Hans Stilett Die Andere Bibliothek, Berlin 2016, 9. Auflage, 2. Buch Nr. 30, S. 352f Lazarus und Joannes Baptista Colloredo bereisten im 17. Jahrhundert zahlreiche Länder. Lazarus soll mit seinem parasitischen Zwillingsbruder viel Geld verdient haben. Detailliert beschreibt der Geograph Johann Gottfried Gregorii alias Melissantes die gewinnbringende Zurschaustellung eines achtjährigen ungarischen Schwesternpaares am Rande der Leipziger Ostermesse im Jahr 1709.Melissantes: Der curieuse und gelehrte HISTORICUS… Frankfurt, Leipzig [und Erfurt] 1712, S. 515–521. Die im Steißbereich verwachsenen Schwestern Judith und Helena (Ilona) Gofitz (1701–1723) wurden auch in Dresden und Wien schaulustigen Besuchern als Attraktion gegen Geld vorgeführt, ehe sie sich mit neun Jahren in ein Kloster in Bratislava zurückzogen. Das Zwillingspaar Chang und Eng Bunker (1811–1874) (auf Deutsch wird als Name meistens Bunkes statt Bunker angegeben) wurde in Siam (heute Thailand) geboren und gab der Fehlentwicklung ihren Namen, indem sie als Die siamesischen Zwillinge als Jahrmarktsattraktion bekannt wurden. Die Brüder heirateten die Schwestern Adelaide und Sarah Yates und zeugten mit ihnen insgesamt 18 Kinder (nach anderen Quellen 21 Kinder).Nach U. S. National Library of Medicine: From „Monsters“ to Modern Medicine Miracles (abgerufen am 11. August 2012): gemeinsame 21 Kinder, von denen 11 überlebten; Scheugl (1978) nennt die Zahl von 18 Kindern. Beide Brüder starben nur wenige Stunden nacheinander. Ritta und Christina Parodi (*/† 1829) hingegen durften nicht öffentlich ausgestellt werden, obwohl das Interesse der Öffentlichkeit und besonders auch der Medizin groß war. Die beiden kleinen Mädchen starben als Säuglinge. Millie und Christine McKoy (1851–1912) wurden in North Carolina als Sklavinnen geboren. Die an der Hüfte zusammengewachsenen Mädchen wurden vom Kleinkindalter an von mehrfach wechselnden Besitzern ausgestellt. 1854 wurden sie entführt und in Barnum’s American Museum, Kanada und Großbritannien ausgestellt. Nachdem ihr Besitzer sie 1856 zurückgeholt hatte, ließ er sie in Gesang und Instrumenten ausbilden. Sie lernten auch mehrere Sprachen. Nach der Emanzipationsproklamation 1863 waren sie als „Millie Christine, the Two-Headed Nightingale“ bis in die 1880er Jahre als Showkünstlerinnen tätig. Millie erkrankte an Tuberkulose, woran die Schwestern im Alter von 61 Jahren starben. Giovanni Battista und Giacomo Tocci wurden 1877 geboren und schon im Alter von vier Wochen zur Schau gestellt. Nachdem sie volljährig geworden waren, zogen sie sich hinter die hohen Mauern ihres Anwesens in Italien zurück, um nie wieder neugierigen Blicken ausgesetzt zu sein.