mini|The Fall of the House of Usher, Illustration von Aubrey Beardsley, 1894
Der Untergang des Hauses Usher, seltener auch Der Fall des Hauses Usher oder Der Fall des Hauses Ascher (original: The Fall of the House of Usher), ist eine Kurzgeschichte des amerikanischen Autors Edgar Allan Poe, die 1839 in Burton’s Gentleman’s Magazine und 1840 überarbeitet in der Sammlung Tales of the Grotesque and Arabesque erschien. Eine deutsche Übersetzung der Geschichte von Hedda Eulenberg wurde erstmals 1901 veröffentlicht. 1960 wurde der Text von Christel und Helmut Wiemken neu ins Deutsche übertragen; 1966 folgte eine weitere Übersetzung von Arno Schmidt.Die Übersetzung Eulenbergs erschien 1901 im Rahmen der zehnbändigen deutschen Gesamtausgabe der Werke Poes im J. C. C. Bruns Verlag Minden, die in verschiedenen Auflagen publiziert wurde. Vgl. Edgar Allan Poe – Erzählungen, Auf: haus-freiheit.de, abgerufen am 31. Januar 2016. Die Übertragung von Helmut und Christel Wiemken wurde in der von Günter Blöckler hrsg. Sammlung: Edgar Allan Poe – Meistererzählungen. Deutsche Buch-Gemeinschaft, Berlin, Darmstadt, Wien 1960, als Lizenzausgabe des Carl Schünemann Verlags, Bremen, veröffentlicht (vgl. ebenda, Der Untergang des Hauses Usher, S. 247–271). Die Neuübersetzung von Arno Schmidt erschien unter dem Titel Der Fall des Hauses Ascher zunächst im ersten Band einer vierbändigen Werkausgabe von Edgar Allan Poe (Übersetzungen von Arno Schmidt und Hans Wollschläger) im Walter-Verlag, Olten und Freiburg im Breisgau, 1966. Später wurde sie u. a. abgedruckt in der von Max Nänny hrsg. Sammlung: Edgar Allan Poe – Meistererzählungen. Manesse Verlag, Zürich 1979, 4. Auflage 1993, ISBN 3-7175-1564-0, S. 88–117.
Inhalt Aufgewühlt durch den dringlichen Brief des Jugendfreundes Roderick Usher reitet der namenlose Ich-Erzähler zu dessen Anwesen, dem Hause Usher, das durch seine gespenstische Umgebung, insbesondere den Pfuhl, aus dem es sich erhebt, sowie durch einen Riss, der sich durch das Gemäuer zieht, einen beunruhigenden und schreckenerregenden Eindruck erweckt. Es wird außerdem von dem See erzählt, an dem das Haus Usher liegt. Dämonische Gestalten sollen herauftreten und denjenigen holen, der zu lange auf den See starrt.
Dort trifft der Erzähler den nervlich stark überreizten, anscheinend an einer Geisteskrankheit leidenden Hausherrn, den letzten Spross eines degenerierten Adelsgeschlechtes. Roderick Usher bittet seinen Besucher, ihm einige Zeit Gesellschaft zu leisten, um seine Krankheit erträglicher zu machen. Kurz darauf stirbt angeblich die Zwillingsschwester des Gastgebers, Lady Madeline, und wird im Keller des Hauses aufgebahrt und begraben.
Während einer Sturmnacht einige Tage später liest der Ich-Erzähler dem nervlich stark angegriffenen und ebenfalls schlaflosen Roderick eine vermeintlich aufheiternde Rittergeschichte vor, die letztlich aber das Grauen vor den unheimlichen Geräuschen im Haus nur potenziert. Durch den Verlauf der Rittergeschichte und die sie begleitenden Geräusche sowie das darauf folgende Geständnis Rodericks wird es offensichtlich, dass Roderick seine Schwester lebendig begraben haben muss. Plötzlich steht Lady Madeline blutüberströmt in der Tür; sie wirft sich sterbend auf den Bruder, welcher an dem Schock sofort stirbt.
Panisch flüchtet der Ich-Erzähler vom Anwesen und sieht noch, wie der das Haus durchziehende Riss immer weiter auseinanderklafft, bis dieses zusammenbricht und im Pfuhl versinkt.
Deutung mini|Arthur Rackhams Illustration zu Edgar Allan Poes Geschichte „Der Untergang des Hauses Usher“, 1935
Poe hatte in seiner Jugend einige Jahre in Schottland und England verbracht und war dort zur Schule gegangen. Die hier noch existierende Welt des Adels mit seiner weit zurückreichenden Geschichte machte auf den jungen amerikanischen Schriftsteller und Dichter, der sich im Vergleich dazu fast geschichtslos fühlte, tiefen Eindruck.
Zugleich gestaltet und nutzt Poe einige seiner Lieblingsmotive: Geisteskrankheit, Opiumrausch, die Liebe unter nahen Verwandten, das Lebendigbegrabensein, die Wiederauferstehung von Totgeglaubten oder das Sterben einer schönen jungen Frau. Dass er diese Motive nicht nur zum Zweck der Effektsteigerung arrangiert, sondern sie zum Teil aus seiner eigenen Lebensgeschichte heraus abarbeitet, macht eine Geschichte wie die vom Untergang des Hauses Usher auch biografisch interessant.Vgl. zu der biografischen Bedeutung der Erzählung, beispielsweise der bemerkenswerten äußeren Ähnlichkeit zwischen Poe selber und der Beschreibung Ushers, ausführlicher E. Arthur Robinson: Ordnung und »Sentience« in Edgar Allan Poes ›The Fall of the House of Usher‹. In: Gerhard Hoffmann (Hrsg.): Amerikanische Literatur des 19. Jahrhunderts. Interpretationen Band X, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. 1971, ISBN 3-436-01456-7, S. 74 f.
Der Titel der Erzählung weist nicht nur auf das zentrale Geschehen, d. h. den „Fall“ bzw. Untergang des Geschlechts der Usher durch den Tod der Geschwister Roderick und Madeline, hin, sondern enthält zugleich einen doppelten Bezug zu dem am Ende tatsächlich zusammenstürzenden und in dem Bergsee versinkenden Haus der Ushers. Die Bedeutung des Raumes sowie die Wechselbeziehung zwischen Mensch und Raum stellen eines der wichtigsten Gestaltungsprinzipien des Autors in dieser Erzählung dar.Vgl. eingehend E. Arthur Robinson: Ordnung und »Sentience« in Edgar Allan Poes ›The Fall of the House of Usher‹. In: Gerhard Hoffmann (Hrsg.): Amerikanische Literatur des 19. Jahrhunderts. Interpretationen Band X, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. 1971, ISBN 3-436-01456-7, S. 58, 63 f. und 71 f.
Der Ich-Erzähler beginnt seine Erzählung mit dem ersten Anblick des Hauses, das er auf Bitten seines Jugendfreundes Roderick Usher besucht, und schließt sie mit einem Rückblick auf das zusammenbrechende Gebäude, dem er entsetzt entflieht. Dazwischen liegt die Darstellung des wachsenden psycho-physischen Verfalls der Hauptfigur Roderick, der plötzliche Tod seiner Zwillingsschwester Madeline sowie ihre mysteriöse Beisetzung in dem unterirdischen Gewölbe des Hauses und das anschließende gespenstische Wiedererscheinen der totgeglaubten Madeline in einer unheimlichen Nacht, die dann das gemeinsame Ende des Geschwisterpaares zur Folge hat.Gerhard Hoffmann: Poe • The Fall of the House of Usher. In: Karl Heinz Göller u. a. (Hrsg.): Die amerikanische Kurzgeschichte. August Bagel Verlag, Düsseldorf 1972, ISBN 3-513-02212-3, S. 82 ff.
Die begrenzte Perspektive des Ich-Erzählers, der als Außenstehender nicht vollständig in die Hintergründe der von ihm geschilderten Vorgänge eingeweiht ist und daher nur aufgrund seiner eigenen Analyse und Kombination der ihm zugänglichen Fakten über ein mehr oder weniger vordergründiges Verständnis der Zusammenhänge verfügt, erzeugt erzähltechnisch den Eindruck einer Komplexität, in der noch vieles verrätselt bzw. unentdeckt oder ungesagt ist, und trägt so zu einem wesentlichen Spannungsreiz dieser Geschichte Poes bei. Gleichermaßen deutet die überwiegend rationale Grundhaltung des Erzählers darauf hin, dass die irrationalen Tiefendimensionen der Geschehnisse von ihm nicht wirklich erschlossen werden können. Auf diese Weise erscheint die Erzählung von ihrer Gestalt und Konzeption her für den Leser von vornherein als ergänzungsbedürftig; der Leser wird damit über weite Strecken zu eigenen Spekulationen und Kombinationen angeregt, um die Bedeutung der dargestellten Ereignisse zu verstehen.
Der gesunde Menschenverstand des Erzählers und seine Skepsis übernatürlichen Erscheinungen gegenüber erzeugt allerdings ebenso den Anschein einer Authentizität seiner Schilderungen; seine zunehmende Betroffenheit durch die unheimlichen Vorgänge und das Aussehen bzw. Verhalten Ushers überträgt die schauerhafte Atmosphäre des Hauses umso eindrucksvoller auf den Leser. Auf der äußeren Geschehensebene erhalten die Vorgänge gerade durch die emotionale und intellektuelle Überwältigung des Erzählers am Schluss eine besondere Überzeugungskraft oder verisimilitude, die Poe seinen theoretischen Vorstellungen über die short story entsprechend umzusetzen versuchte.Siehe eingehender Gerhard Hoffmann: Poe • The Fall of the House of Usher. In: Karl Heinz Göller u. a. (Hrsg.): Die amerikanische Kurzgeschichte. August Bagel Verlag, Düsseldorf 1972, ISBN 3-513-02212-3, S. 83f. Vgl. zur Funktion und des Stellung des Erzählers auch E. Arthur Robinson: Ordnung und »Sentience« in Edgar Allan Poes ›The Fall of the House of Usher‹. In: Gerhard Hoffmann (Hrsg.): Amerikanische Literatur des 19. Jahrhunderts. Interpretationen Band X, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. 1971, ISBN 3-436-01456-7, S. 72 ff.
Der Eindruck der Vieldeutigkeit und Irrationalität der Geschehnisse wird darüber hinaus entscheidend vertieft durch die Verrätselung der Hauptpersonen und ihrer Beziehungen zum räumlichen und menschlichen Umfeld. Das Erscheinungsbild, das sich dem Erzähler wie auch Leser bietet, ist durch zahlreiche Ungereimtheiten und seltsame bzw. mysteriöse Merkmale gekennzeichnet, die sowohl eine Ergänzung als auch eine Variante zu der Erzählperspektive liefern. Der körperliche sowie geistig-seelische Zustand Roderick Ushers ist durch eine morbide Sensibilität und nervöse Erregbarkeit charakterisiert, die bereits zu Beginn eine letztlich verhängnisvolle Katastrophe als unvermeidbar erscheinen lassen. Die Kontrastierung des Einst und Jetzt durch den Erzähler unterstreicht dabei die Krisenhaftigkeit der dargebotenen Situation und den Verfall seiner Persönlichkeit.Vgl. detailliert Gerhard Hoffmann: Poe • The Fall of the House of Usher. In: Karl Heinz Göller u. a. (Hrsg.): Die amerikanische Kurzgeschichte. August Bagel Verlag, Düsseldorf 1972, ISBN 3-513-02212-3, S. 83–86.
Rodericks Stimmung schwankt beständig zwischen lebhafter Aufgeschlossenheit und Verdrießlichkeit als Zeichen seiner „mental disorder“, die sich gleichermaßen in der krankhaften Empfindlichkeit seiner Sinne äußert. So kann er beispielsweise nur noch in abgedunkelten Zimmern sitzen, lediglich Geigenmusik hören, einzig schwach gewürzte Speisen zu sich nehmen und spezielle Gewebe tragen. Zugleich sind Rodericks künstlerische Produkte (bezeichnenderweise spricht der Erzähler von ihm als Künstler) jedoch Zeichen der Intensität seiner „mental collectedness and concentration“,Vgl. The Complete Works of Edgar Allan Poe, hrsg. von J. A. Harrison, New York 1965, Band III, S. 274 und 284 mithin einer Intensität und Konzentration seiner Vorstellungskraft und seines Denkens. Andererseits betont der Erzähler ausdrücklich mehrfach die Loslösung der Produkte der künstlerischen Imagination Rodericks in seinen Malereien, Dichtungen oder musikalischen Interpretationen von allen normalen sozialen, zeitlichen oder räumlichen Bezügen und hebt damit wiederum das Fehlen jeder gewöhnlichen Beziehung Rodericks zur (Alltags-)Realität hervor. Bei aller Phantastik zeugen Rodericks Werke dennoch von einer merkwürdigen Hellsichtigkeit und spiegeln eine objektiv richtige Einsicht in seinen eigenen geistig-seelischen Zustand.Vgl. detailliert Gerhard Hoffmann: Poe • The Fall of the House of Usher. In: Karl Heinz Göller u. a. (Hrsg.): Die amerikanische Kurzgeschichte. August Bagel Verlag, Düsseldorf 1972, ISBN 3-513-02212-3, S. 84 f.