Dieser Artikel behandelt die bildende Kunst auf dem Gebiet des heutigen Südtirol, einer autonomen Provinz in Italien.

Vorromanik mini|St. Peter in Altenburg, vermutlich auf das 6. Jh. zurückgehend Die im heutigen Südtirol erhaltenen Überreste vorromanischer Baukunst schließen wohl an spätantike Traditionen an und sind großteils sakrale Monumente.Karl Gruber, Hans Nothdurfter: Vor-Romanik in Südtirol: Kunst und Architektur von der Völkerwanderung bis 1150. Bozen: Athesia 2017, ISBN 978-88-68392093. Es handelt sich dabei oftmals um archäologisch ergrabene Kirchen und Kapellen, die durch ihre Bauform Rückschlüsse auf die politischen Machtverhältnisse im Alpenraum der ausgehenden Völkerwanderungszeit und des Frühmittelalters zulassen. Eine auf dem Säbener Berg gefundene Kirche, die teilweise auf das frühe 5. Jahrhundert zurückgeht, und St. Peter in Altenburg stellen beispielsweise einen von Aquileia her beeinflussten Kirchentypus dar. Spätere Bauten, etwa die in das 8. Jahrhundert zu datierende Kirche St. Benedikt in Mals und die im 10. oder 11. Jahrhundert erfolgte Umgestaltung der frühchristlichen Kirche bei Schloss Tirol, bedienen sich hingegen karolingischer Elemente.Leo Andergassen: Kunstraum Südtirol. Bildende Kunst im Spiegel europäischer Epochen. Athesia, Bozen 2007, ISBN 978-88-8266-231-8, S. 8–17. mini|Fresken in St. Prokulus in Naturns, Datierungen zwischen dem 7. und 10. Jh. schwankend Die in St. Benedikt in Mals betrachtbaren Fresken aus dem 8. oder 9. Jahrhundert zählen zu den herausragenden Beispielen vorromanischer Malerei im heutigen Südtirol und sind im Zusammenhang mit der Ausmalung der Klosterkirche St. Johann im Münstertal und einiger weiterer Sakralbauten im oberitalienischen Raum zu sehen.Elisabeth Rüber: St. Benedikt in Mals. Bozen: Athesia 1992, ISBN 978-88-70146868. Wohl etwas jünger anzusetzen sind die Fresken in St. Prokulus in Naturns. Wiederum aus St. Benedikt und aus St. Peter bei Gratsch stammen die spärlichen Zeugnisse vorromanischer Stuckplastik der Region.

Romanik Die romanische Architektur im heutigen Südtirol geht auf die zeitliche Phase zwischen etwa dem Jahr 1000 und dem ausgehenden 13. Jahrhundert zurück. Die Sakralbauten entstammen mehrheitlich der Spätphase dieses Stils und wurden unter Verwendung aus dem lombardischen Raum entstammender Details errichtet. Herausragende Kirchenbauten aus der Romanik sind etwa das Brixner Münster, das allerdings später barock überformt wurde, die Stiftskirche in Innichen oder die als Zentralbau verwirklichte „Engelsburg“ (Michaelskapelle) beim Kloster Neustift. Daneben entstanden zahlreiche, oftmals in späteren Perioden umgebaute Dorf- und Höhenkirchen in der Peripherie, die zumeist in sehr einfachen Grund- und Aufrissformen verwirklicht wurden. Der hochmittelalterliche, primär Machtaspekte spiegelnde Burgenbau fiel in Südtirol enorm produktiv aus und ist bis heute landschaftsprägend. Wichtige Beispiele sind das an salische Pfalzbauten angelehnte Schloss Tirol, die Burg Hocheppan, die Churburg und die Burg Taufers.Leo Andergassen: Kunstraum Südtirol. Bildende Kunst im Spiegel europäischer Epochen. Athesia, Bozen 2007, ISBN 978-88-8266-231-8, S. 18–29.

Die im heutigen Südtirol anzutreffende hohe Dichte erhaltener Reste romanischer Wandmalerei ist in Europa ohne Vergleich. Großteils ist sie stilistisch an byzantinische Vorlagen und in ihrem Bildprogramm ekklesiologisch gebunden. Unter der Vielzahl möglicher Beispiele seien der qualitativ herausragende Zyklus in der Abtei Marienberg, die fast vollständig erhaltenen Malereien der Burgkapelle Hocheppan, das Bestiarium in St. Jakob in Kastelaz bei Tramin und die scholastisch-mystische Freskierung der Johanneskapelle am Kreuzgang in Brixen genannt. Von den profanen Fresken aus der Romanik haben sich allein jene auf Schloss Rodenegg erhalten, die den Iwein des Hartmann von Aue illustrieren.Leo Andergassen: Kunstraum Südtirol. Bildende Kunst im Spiegel europäischer Epochen. Athesia, Bozen 2007, ISBN 978-88-8266-231-8, S. 42–55.

Anhand der mittelalterlichen Skulptur lassen sich gut unterschiedliche Traditionslinien innerhalb des heutigen Südtirol ablesen: Das Etschtal war vermehrt Richtung Süden orientiert und so ist dort die lombardisch geprägte Steinplastik häufiger anzutreffen, etwa beim Kapellen- und beim Palasportal von Schloss Tirol; im Eisack- und Pustertal hingegen war hauptsächlich die von den nördlichen Zentren Salzburg und Regensburg her beeinflusste Holzskulptur verbreitet, die beispielsweise in der Kreuzigungsgruppe der Stiftskirche in Innichen erhalten geblieben ist.Leo Andergassen: Kunstraum Südtirol. Bildende Kunst im Spiegel europäischer Epochen. Athesia, Bozen 2007, ISBN 978-88-8266-231-8, S. 30–41.

Gotik Gotische Architektur hielt im heutigen Südtirol erst im 14. Jahrhundert Einzug. Die Sakralbauten der Epoche – ganz überwiegend klein dimensioniert – zeichnen sich durch einen relativ einheitlichen und süddeutsch beeinflussten Stil aus. Typisch sind insbesondere weitgehend geschlossene Wandpartien und das materialbedingt seltene Erscheinen von Bauplastik. Der Chor der Dominikanerkirche in Bozen zählt zu den frühesten Zeugnissen gotischer Architektur in Tirol; der 1519 vollendete Turm der Bozner Pfarrkirche hingegen gilt als Hauptdenkmal der lokalen Spätgotik. In der Zwischenzeit entstand in Meran mit St. Nikolaus und der Barbarakapelle ein besonders repräsentatives Ensemble gotischer Baukunst. Ein Musterbeispiel des spätmittelalterlichen Burgenbaus stellt Schloss Sigmundskron bei Bozen dar. Die charakteristische Innenausstattung adliger Wohnräume der Epoche lässt sich in der Landesfürstlichen Burg in Meran begutachten, die sich durch ihre qualitätsvoll holzgetäfelten Stuben auszeichnet.Leo Andergassen: Kunstraum Südtirol. Bildende Kunst im Spiegel europäischer Epochen. Athesia, Bozen 2007, ISBN 978-88-8266-231-8, S. 94–107.

Die gotische Malkunst kam über oberdeutsche und innerösterreichische Zentren ab der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts in den Tiroler Raum und war in der Folge auch in der Peripherie äußerst wirkungsmächtig. Ein lokales Hauptwerk des 14. Jahrhunderts ist die Ausmalung der Herrschaftskapelle auf Schloss Tirol. Im Bozner Raum traten im Laufe des Trecento verstärkt oberitalienische Einflüsse auf, die sich in der Johanneskapelle der Dominikanerkirche besonders eindrucksvoll niederschlugen. Um 1400 hielt die internationale Gotik Einzug, die sich lokal sowohl von den in Verona und Padua tätigen Meistern wie Altichiero da Zevio und Stefano da Verona als auch böhmisch beeinflusst manifestierte, und örtlich einen in der Forschung als „Bozner Schule“ bezeichneten eigenen Stil ausprägte.Sigrid Popp: Die Fresken von St. Vigil und St. Zyprian. Studien zur Bozner Wandmalerei um 1400. Tectum Verlag: Marburg 2003, ISBN 3-8288-5169-X. Zu den wichtigsten Beispielen der Kunstproduktion dieses Zeitraums zählen die Fresken im Brixner Domkreuzgang und die profanen Zyklen auf Schloss Runkelstein bei Bozen. Generell verlor die Wandmalerei im Laufe der Zeit zu Gunsten der Tafelmalerei an Bedeutung, wobei in den Sakralbauten geschnitzte und bemalte Flügelaltäre an die Stelle der Wandmalerei traten.Leo Andergassen: Kunstraum Südtirol. Bildende Kunst im Spiegel europäischer Epochen. Athesia, Bozen 2007, ISBN 978-88-8266-231-8, S. 56–83.

Erste Beispiele für Flügelaltäre im Tiroler Raum gehen auf das späte 14. Jahrhundert und österreichischen bzw. böhmischen Einfluss zurück. Die Schnitzkunst und Tafelbilder des im Bruneck des 15. Jahrhunderts tätigen Michael Pacher stellen einen Meilenstein der europäischen Kunstgeschichte dar und stehen am Übergang vom ausgehenden Mittelalter in die Frühe Neuzeit. Zu Pachers Umfeld zählen u. a. der Meister von Uttenheim, Friedrich Pacher, Marx Reichlich und Simon von Taisten. Im lokalen Kunstzentrum Brixen waren währenddessen der auch als Freskenmaler sehr umtriebige Meister Leonhard und Hans Klocker führende Künstler im Bereich der Altarproduktion, im Raum Meran wirkte Hans Schnatterpeck, im Vinschgau Jörg Lederer.Leo Andergassen: Kunstraum Südtirol. Bildende Kunst im Spiegel europäischer Epochen. Athesia, Bozen 2007, ISBN 978-88-8266-231-8, S. 84–88 und 106–133

Renaissance Die Erzeugnisse bildender Kunst im heutigen Südtirol fielen im 16. Jahrhundert durch die Umwälzungen der Bauernkriege und der Reformation spärlicher als in den vorangegangenen Epochen aus. Das Nachlassen sakraler Bautätigkeit kontrastierte mit verstärkter adliger Auftraggeberschaft für Profanbauten in Renaissance-Formen, bei denen oftmals alte Burganlagen mit verstärktem Wohnkomfort zu herrschaftlichen Behausungen umgestaltet wurden, wie beispielsweise Schloss Maretsch bei Bozen. Die im Überetsch unter lombardischem Einfluss (Überetscher Stil) entstandenen Ansitze gehören zu den Hauptwerken der lokalen Renaissance-Architektur. Auch die Brixner Fürstbischöfe ließen mit Schloss Velthurns und der später barock ausgebauten Hofburg zwei bedeutende Repräsentationsbauten planen. In der Kirchenarchitektur sind Renaissance-Formen hingegen kaum auffindbar.Leo Andergassen: Kunstraum Südtirol. Bildende Kunst im Spiegel europäischer Epochen. Athesia, Bozen 2007, ISBN 978-88-8266-231-8, S. 134–135.

In der Malerei machte sich zunehmend eine humanistisch beeinflusste Bildwahl bemerkbar. Stilistisch handelte es sich dabei vorwiegend um Wiederholungen flämischer, deutscher oder italienischer Vorlagen. In den Bildprogrammen der Zeit, wie sie etwa Bartlmä Dill Riemenschneider verwirklichte, ist vielfach kryptoprotestantisches Gedankengut nachweisbar. Aus dem ausgehenden 16. Jahrhundert stammen diverse Werke des Manierismus im südlichen Landesteil, darunter etwa auf Schloss Maretsch. Der Tendenz der Zeit entsprechend lag ein neuer Fokus der Malerei auch auf dem Porträt.Leo Andergassen: Kunstraum Südtirol. Bildende Kunst im Spiegel europäischer Epochen. Athesia, Bozen 2007, ISBN 978-88-8266-231-8, S. 134–145.

Die Bildhauerkunst fand in den Renaissance-Altären neue Aufgaben, die typischerweise als skulptierte Figurenaltäre ausgestaltet wurden. In der Zeit um 1600 erfuhr der Schnitzaltar unter Bezugnahme auf Albrecht Dürer einen neuen Aufschwung. Zu den bedeutendsten Werken der lokalen Spätrenaissance-Plastik zählen die Terrakottafiguren von Hans Reichle in der Brixner Hofburg und die Stuckfiguren von Joseph Proy im Ahnensaal auf der Trostburg.Leo Andergassen: Kunstraum Südtirol. Bildende Kunst im Spiegel europäischer Epochen. Athesia, Bozen 2007, ISBN 978-88-8266-231-8, S. 145.

Barock Barocke Architektur im heutigen Südtirol ist eng mit der aus der Lombardei stammenden und in Bozen ansässigen Familie Delai verbunden. Mitglieder der Familie, darunter die beiden Brüder Andrea und Pietro Delai, schufen im 17. und frühen 18. Jahrhundert zahlreiche Profan- und – häufig als Zentralbau konzipierte – Sakralbauten, darunter beispielsweise das Palais Mamming in Meran oder die Heiliggrabkirche in Bozen. Generell blieben barocke Kirchenneubauten Ausnahmen, typischer waren bauliche Ergänzungen oder Umgestaltungen bestehender Gotteshäuser, wie etwa am Brixner Dom in besonders opulenter Weise geschehen. Der in dieser Phase zunächst geringere Einfluss süddeutsch geprägter Architektur wurde erst im 18. Jahrhundert durch das vielfach nachgeahmte Werk Franz Singers umfänglicher. Im Bereich der barocken Profanbauten stellt neben dem Ausbau der Hofburg die Errichtung von Schloss Wolfsthurn einen lokalen Höhepunkt dar.Leo Andergassen: Kunstraum Südtirol. Bildende Kunst im Spiegel europäischer Epochen. Athesia, Bozen 2007, ISBN 978-88-8266-231-8, S. 146–157.