mini|Georg Ratzinger (2019) rahmenlos|klasse=skin-invert-image|Unterschrift von Georg Ratzinger, 2008
Georg Ratzinger (* 15. Januar 1924 in Pleiskirchen, Oberbayern; † 1. Juli 2020 in Regensburg) war ein deutscher römisch-katholischer Priester und Kirchenmusiker. Er war der Bruder von Papst Benedikt XVI. (Joseph Ratzinger).
Familie Georg Ratzinger wurde am 15. Januar 1924 als Sohn des Gendarmeriemeisters Joseph (* 6. März 1877; † 25. August 1959) und der Köchin Maria, geb. Peintner (* 7. Januar 1884; † 16. Dezember 1963) geboren. Er war Großneffe des Reichstagsabgeordneten und Priesters Georg Ratzinger und hatte zwei Geschwister, Joseph Aloisius (* 16. April 1927; † 31. Dezember 2022) und Maria Ratzinger (* 7. Dezember 1921; † 2. November 1991). Die Schwester widmete sich bis zu ihrem Tod seinem Haushalt und zeitweise auch dem seines Bruders, des späteren Papstes Benedikt XVI.
Leben Kurz nach Ratzingers Geburt übersiedelte die Familie nach Marktl am Inn, dem neuen beruflichen Einsatzort des Vaters. Beruflich bedingt zog die Familie 1929 nach Tittmoning um, wo Georg Ratzinger in die Volksschule eingeschult wurde. 1932 erfolgte wieder ein Umzug nach Aschau am Inn; ein Jahr später kauften die Eltern ein Bauernhaus in Hufschlag bei Traunstein. Bereits als Elfjähriger spielte Georg Ratzinger Kirchenorgel. 1935 trat er in das Erzbischöfliche Kleine Seminar in Traunstein ein, wo er ersten professionellen Instrumentalunterricht erhielt. 1941 hörte er zum ersten Mal die Regensburger Domspatzen, als sie zum Mozartjahr in Salzburg sangen.
Im selben Jahr musste er wegen der gesetzlich verordneten Jugenddienstpflicht in die Hitler-Jugend eintreten. Im Sommer 1942 wurde er zum Reichsarbeitsdienst und im Herbst zur Wehrmacht eingezogen, wo er in Frankreich, in den Niederlanden und der Tschechoslowakei eingesetzt wurde. 1944 wurde er in Italien am rechten Oberarm verwundet, ins Lazarett nach Traunstein verlegt und nach Genesung wieder in Italien eingesetzt. Gegen Kriegsende geriet er in amerikanische Gefangenschaft. Im Juli 1945 kehrte er nach Traunstein heim.
Im Januar 1946 trat er zusammen mit seinem jüngeren Bruder Joseph in das Priesterseminar der Erzdiözese München und Freising ein. Gleichzeitig führte er seine musikalischen Studien fort. Im Oktober 1950 erhielt er die Subdiakonats- und Diakonenweihe. Am 29. Juni 1951 empfing er im Freisinger Dom zusammen mit seinem Bruder von Kardinal Michael von Faulhaber das Sakrament der Priesterweihe. Die Primiz feierten er und sein Bruder Joseph am 8. Juli 1951 in der Traunsteiner Pfarrkirche St. Oswald.
Er war unter anderem als Musikpräfekt im Erzbischöflichen Knabenseminar Freising tätig, studierte Kirchenmusik an der Musikhochschule in München und schloss dort 1957 die Meisterklasse ab. Anschließend wurde er in Traunstein zunächst Chordirektor, kurz darauf Chorregent an der dortigen Pfarrkirche St. Oswald und Musikpräfekt am Erzbischöflichen Studienseminar. Während seines Musikstudiums war er seelsorgerisch tätig, unter anderem als Kaplan in der Pfarrei St. Ludwig in München und Wallfahrtskurat in der Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt in Maria Dorfen bei München.
Am 1. Februar 1964 wurde er der Nachfolger von Theobald Schrems als Domkapellmeister am Regensburger Dom und Leiter der Regensburger Domspatzen. 1967 wurde er durch Papst Paul VI. zum Päpstlichen Ehrenkaplan (Monsignore) ernannt, 1976 erfolgte die Ernennung zum Päpstlichen Ehrenprälaten. Mit dem 70. Geburtstag Georg Ratzingers sowie dem Jubiläum 30 Jahre Domkapellmeister trat er 1994 als Leiter der Regensburger Domspatzen zurück. Sein Nachfolger wurde Roland Büchner.
Nach seinem Rücktritt trat er in das Kapitel des Kollegiatstifts zu den Heiligen Johann Baptist und Johann Evangelist in Regensburg ein und zog in die Regensburger Luzengasse. Von 1995 bis 2001 nahm er die Aufgabe des Stiftsdekans des Kapitels des Kollegiatstifts von St. Johann wahr.
Am 8. Juli 2001 feierten Georg und Joseph Ratzinger gemeinsam ihr 50-jähriges Priesterjubiläum im Münchner Dom zu Unserer Lieben Frau. Am 29. Juni 2011 feierte er mit seinem Bruder und weiteren Weihekollegen in Rom sein 60-jähriges Priesterjubiläum.
Im September 2011 erschienen Ratzingers Erinnerungen an seinen Bruder mit dem Titel Mein Bruder, der Papst. Aufgezeichnet wurden sie von dem Journalisten Michael Hesemann.
mini|hochkant|Grab von Theobald Schrems und Georg Ratzinger auf dem Unteren Katholischen Friedhof in Regensburg Am 15. Januar 2014 beging Georg Ratzinger seinen 90. Geburtstag im Vatikan. Ihm zu Ehren wurde in Anwesenheit seines Bruders, Papst em. Benedikt XVI., ein privat organisiertes Konzert mit Wolfgang Nöth gegeben; Michael Hesemann hielt eine Laudatio.Georg Ratzinger feierte 90. Geburtstag mit seinem Bruder Benedikt XVI. kath.net, 16. Januar 2014.
Georg Ratzinger starb am 1. Juli 2020, kurz nachdem ihn sein Bruder noch einmal für vier Tage besucht hatte,Bewegender Abschied: Das geschah beim Papst-Besuch bei seinem kranken Bruder., auf www.tz.de vom 1. Juli 2020. im Alter von 96 Jahren in Regensburg.
Mit einer Totenvesper im Regensburger Dom am 5. Juli 2020 gedachten seiner über 200 aktive und ehemalige Domspatzen (mehr Teilnehmer waren aufgrund der COVID-19-Pandemie nicht zugelassen), woran sich mehrtägige Trauerfeiern anschlossen: wie ein Sterberosenkranz, ein Trauerdefilee in der Stiftskirche St. Johann und ein Requiem im Dom am 8. Juli 2020 unter Leitung von Bischof Rudolf Voderholzer sowie den Konzelebranten Erzbischof Georg Gänswein, der einen Abschiedsbrief Benedikt XVI. verlas, auf kurier.de vom 8. Juli 2020 und Erzbischof Nikola Eterović, dem Apostolischen Nuntius in Deutschland.200 ehemalige Domspatzen nehmen Abschied von Georg Ratzinger, Bayerischer Rundfunk vom 6. Juli 2020 Gäste waren unter anderem Reinhard Marx, Gerhard Ludwig Müller sowie Bischof Gregor Maria Hanke, Kurienbischof Franz-Peter Tebartz-van Elst, Weihbischof Reinhard Pappenberger und Weihbischof Josef Graf sowie Gloria von Thurn und Taxis. Sein Bruder nahm via Livestream teil. auf bunte.de vom 9. Juli 2020 Papst Franziskus richtete ein persönliches Beileidsschreiben an Benedikt XVI.Beileidsschreiben von Papst Franziskus auf onetz.de vom 2. Juli 2020
Beerdigt wurde Georg Ratzinger auf dem Unteren Katholischen Friedhof im Stiftungsgrab der Regensburger Domspatzen, auf pnp.de vom 7. Juli 2020 in dem auch schon sein Vorgänger Theobald Schrems bestattet wurde. Die Beisetzung nahm der Stiftsdekan des Kanonikerkapitels Johannes Hofmann vor.
Nach dem Tod von Georg Ratzinger verzichtete Benedikt XVI. zugunsten des Heiligen Stuhls auf das Erbe seines älteren Bruders.Das Erbe von Papst Benedikts Bruder geht an den Heiligen Stuhl in: Augsburger Allgemeine, 3. November 2020
Künstlerisches Wirken
Bereits 1965, im Jahr nachdem Ratzinger das Amt des Domkapellmeisters übernommen hatte, erfolgten die ersten Schallplattenaufnahmen und die erste Auslandstournee nach Rom mit Konzerten, der Teilnahme bei einer Konzilsmesse des laufenden Zweiten Vatikanischen Konzils sowie einem privaten Empfang durch Papst Paul VI. Zu Weihnachten 1965 gab Ratzinger mit den Domspatzen auch das erste seiner Weihnachtskonzerte in Regensburg. Der Chor entfaltete neben zahlreichen TV-Auftritten eine rege Konzerttätigkeit mit Reisen und Tourneen in die USA, nach Italien, Großbritannien, Schottland, Skandinavien, Kanada, Taiwan, Japan, Irland, Polen, Ungarn, in die DDR und in den Vatikan sowie jährlich einer Deutschlandtournee; weiterhin erfüllte er seine primäre Aufgabe, die liturgischen Dienste im Dom von St. Peter in Regensburg. Zwischen 1964 und 1994 bestritt er als Domkapellmeister mit den Regensburger Domspatzen über 1000 Konzerte im In- und Ausland.Barbara Just (KNA): „Papst-Bruder und Kirchenmusiker: Ein Porträt zum Tode Georg Ratzingers“ auf katholisch.de vom 1. Juli 2020, abgerufen am 3. Juli 2020 1976 feierten die Domspatzen ihr 1000-jähriges Bestehen. Im darauf folgenden Jahr leitete Georg Ratzinger den Chor bei der Weihe seines Bruders Joseph zum Erzbischof von München und Freising.„Georg Ratzinger – Lebenslauf und Stationen“, Bistum Regensburg, Juli 2020, abgerufen am 3. Juli 2020
Georg Ratzinger widmete sich der Kirchenmusik nicht nur in seinem Amt als Domkapellmeister (Dirigent), sondern auch als Komponist und Arrangeur. Anlässlich des Heiligen Jahres 2000 schrieb er die Messe L’Anno Santo, die im Regensburger Dom uraufgeführt wurde. Auch ein Satz zu O du fröhliche, der von den Domspatzen gelegentlich als Zugabe in Weihnachtskonzerten gesungen wird, stammt von ihm.Andreas Meixner: In: mittelbayerische.de, 3. Dezember 2014. Abgerufen am 27. Juni 2017.
Bei den Regensburger Domspatzen entstanden unter seiner Leitung Einspielungen großer Werke der Chormusik und der Vokalpolyphonie.Martin Lohmann: „Georg Ratzinger: Ein weltoffener Bayer“ In: tagespost.de, 2. Juli 2020. Abgerufen am 4. Juli 2020. Für sein Engagement für die Musica Sacra wurde er unter anderem zum Ehrenmitglied der „Consociatio Internationalis Musicae Sacrae“ (CIMS; 1989) und des Deutschen Chorverbands Pueri Cantores (1991) ernannt.
Musikalisch stand Ratzinger – neben der Pflege der Alten Musik – vor allem der Chormusik der Romantik nahe. Unter anderem gilt es als sein Verdienst, dass die Kirchenmusik des zwischenzeitlich in Vergessenheit geratenen Komponisten Joseph Gabriel Rheinberger heute wieder öfter aufgeführt wird.Alexander Unger: Georg Ratzinger, Bruder des emeritierten Papstes, ist tot auf www.onetz.de, 1. Juli 2020 Seine Repertoires beinhalteten ebenso zeitgenössische Werke, etwa solche von Max Baumann, Karl Höller, Friedrich Zipp, Maurice Duruflé sowie des mit ihm befreundeten Hermann Schroeder. Darüber hinaus war er Mitglied der Max-Baumann-Gesellschaft.
Seine herausragenden Leistungen für die Kirchenmusik wurden durch die Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Päpstliche Hochschule für Kirchenmusik „Pontificio Instituto di Musica Sacra“ Rom (2000) und die Ernennung zum Honorarprofessor durch die Hochschule für Katholische Kirchenmusik und Musikpädagogik Regensburg (2004) gewürdigt.
Christian Heiß, ehemaliges Mitglied der Domspatzen und seit 2019 Domkapellmeister in Regensburg, gibt folgenden Eindruck über Georg Ratzinger wieder: „Ich habe Georg Ratzinger als musikalisch herausragenden, liebenswerten, väterlich-fürsorgenden, fordernden und fördernden Menschen erlebt, für den Musik und christlicher Glaube untrennbar verbunden sind. Er war für die Regensburger Domspatzen ein Glücksfall.“
Vorwürfe und Stellungnahmen zu Missbrauchsthemen Nachdem im Jahr 2010 Fälle von körperlichen Misshandlungen und sexuellem Missbrauch bei den Domspatzen publik geworden waren, geriet auch Ratzingers Erziehungs- und Führungsstil in die Kritik. Er selber räumte ein, gemäß dem in der damaligen Zeit allgemein üblichen Erziehungsstil Fehlverhalten gelegentlich mit Ohrfeigen bestraft zu haben.Domspatzen: Papstbruder Ratzinger verteilte Ohrfeigen bei Chorproben. In: Der Spiegel vom 9. März 2010 Nach Angaben des Nachrichtenmagazins Der Spiegel bezeichneten ehemalige Sänger der Regensburger Domspatzen Ratzinger als „extrem cholerisch und jähzornig“.Neue Missbrauchsvorwürfe bei Regensburger Domspatzen. www.spiegel.de vom 13. März 2010. Andere ehemalige Domspatzen, die sich kurz darauf an die Mittelbayerische Zeitung wandten, nahmen Ratzinger in Schutz und betonten, es habe zu ihrer Zeit keine derartigen Gewaltanwendungen gegen Sänger gegeben. In: Mittelbayerische Zeitung vom 16. März 2010.