mini|Flagge der Reedereien Gebr. Bossler in Neckarsteinach und Bossler oHG in Heidelberg.
Boßler [] auch Bossler ist der Name einer deutschen Binnenschifffahrts-Unternehmerfamilie aus dem Sektor der Fahrgast- und Güterschifffahrt auf den Flüssen Neckar und Rhein mit Stammort in Neckarsteinach im hessischen Landkreis Bergstraße. Sie gehört als «Pioniersfamilie» zur Historie der Schifffahrt am Neckar und unterteilt sich in zwei Familienlinien; eine ältere sowie eine jüngere.
Die ältere Linie war in der Frachtschifffahrt auf dem Rhein und seinen Nebenflüssen tätig. Werner Ludwig Boßler (1931–2018), ein Pionier der Binnenschifffahrt und Nachkomme dieser Familienlinie, hatte zwei Binnengüterhandelsschiffe in seinem Dienst, die nationale Bedeutung erlangten. Eines galt 1991 als das größte Binnenschiff der Bundesrepublik. Das andere Schiff ging 2007 durch den Excelsior-Unfall und die damit verbundene Sperrung des Rheins in die Schifffahrtsgeschichte ein.
Die jüngere Linie der Familie konzentrierte sich auf das Geschäftsfeld der Weißen Schifffahrt.Unter dem Begriff Weiße Schifffahrt wird gemeinhin die Passagierschifffahrt auf Binnengewässern verstanden. Sie betrieb ein Passagierschifffahrtsunternehmen mit Sitz in Bad Friedrichshall sowie zwei Reedereien in Neckarsteinach und Heidelberg. Dabei wurde zu touristischen Zwecken mit der Familientradition geworben, seit 1796 Passagierbeförderung auf dem Neckar zu betreiben. Mitglieder der jüngeren Familienlinie gelten als Pioniere der Fahrgastschifffahrt am Neckar, da sie bereits in den 1920er Jahren in diesem Geschäftsfeld tätig waren. Die Gästeliste der durch die jüngere Linie geführten Fahrgastunternehmen umfasste hohe Persönlichkeiten aus Staat und Politik sowie ferner ausländischen Repräsentanten.
Geschichte Die Tradition der Schifffahrt ist für Neckarsteinach seit über acht Jahrhunderten belegt. Durch die Mannheimer Akte aus dem Jahr 1868 wurde die gewerbliche Freiheit auf dem Rhein sowie auf dem Neckar gewährleistet. Wie viele andere Familien in der Schifferstadt Neckarsteinach wurde auch die Familie Boßler auf dem Neckar und dem Rhein unternehmerisch tätig.
Abstammung mini|1826 unter den Kaufvertrag für den Schönauer Hof gesetzte Signatur des Kaufmanns Johannes Boßler d. Ä.
mini|Innenansicht des im gotischen Fachwerk errichteten Schönauer Hofs, eines historischen Anwesen und heutigen Baudenkmals, das möglicherweise als Schultheißenhof oder Rentenkammer diente, sich im Besitz der älteren Familienlinie Boßler befand und 1980 in baufälligem Zustand für 300.000 DM an die Stadt veräußert wurde.
1821 trat Johannes Boßler d. Ä. (1796–1834), zuvor Winterschullehrer in Asbach – jenem Ort, an dem Martin Boßler (1616–1694) mit seinem Hausstand den Dreißigjährigen Krieg überdauert hatte –, die Lehrerstelle in Darsberg an. Als Sohn eines Bauerngutsbesitzers und Gerichtsschöffen in Nieder-Modau entstammte er einer der regionalen Funktionselite angehörenden Familie, deren Töchter bereits im 18. Jahrhundert durch amtlich beglaubigte, eigenhändig unterzeichnete Ehe- und Erbverträge ihr Vermögen absicherten.
Der Schullehrer, Kaufmann, Ökonom und Gutsbesitzer Johannes Boßler d. Ä. bereitete damit den Boden für die Tradition der Schifffahrt durch seine Nachkommen und damit den Übergang ins Wirtschaftsbürgertum. Sein Sohn Johannes Boßler d. J. (1823–1906) ist 1853 erstmals als Binnenschiffer belegt. Wiederum folgten seine beiden Söhne, die Brüder Johann Christoph (1848–1933) und Jakob Friedrich I. (1851–1927) in der väterlichen Profession nach und wurden die Stifter der beiden noch heute bestehenden Linien des Neckarsteinacher Zweigs aus dem sogenannten Niedermodauer Ast.
Ältere Linie der Familie Der Schiffer Johann Christoph Boßler wurde zum Begründer der älteren Linie der Familie Boßler. Diese steht in der Tradition der Frachtschifffahrt und besaß in ihren Zweigen mehrere Motorgüterschiffe. Johann Christoph heiratete im Gegensatz zu seinem Bruder Jakob Friedrich I. nicht direkt in eine Schifffahrtsunternehmerfamilie ein.
Unternehmerisch betätigte sich Johann Christoph Boßler mit den beiden 1884 und 1890 erbauten hölzernen Segelschleppkähnen Catharina und Elisabeth, die eine Besatzung von je zwei Mann hatten auf dem Neckar, Rhein sowie Main.
Jüngere Linie der Familie mini|Plan zum Bau der Fähranlage zwischen den Ländern Hessen und Baden aus dem Jahr 1906.
Jakob Friedrich I. (bzw. Friedrich oder Fritz) Boßler war als Fährunternehmer auf dem Neckar der erste Boßler aus der von ihm begründeten jüngeren Familienlinie, der Passagierverkehr betrieb. Er hatte den Fährdienst von Neckarsteinach inne. 1906 wurde ihm vom Großherzogtum Hessen durch das großherzoglich-hessische Ministerium der Finanzen in Darmstadt und das großherzoglich-hessische Wasserbauamt in Worms sowie vom Großherzogtum Baden durch das großherzoglich-badische Innenministerium in Karlsruhe und das großherzoglich-badische Bezirksamt in Heidelberg das Recht verliehen, den Fährbetrieb zwischen den Ländern Hessen und Baden von Neckarsteinach aus nach Dilsberg hinüber mit einer Gierseilfähre zu betreiben.
Heiratspolitik und familiäre Verbindungen Johannes Boßler d. Ä. trat 1822 mit der Krämerswitwe Catharina Friederika Haas, geb. Pfautz (1785–1856) in den Ehestand ein. Seine Gattin stammte gebürtig aus der ehemals im Kreis Sinsheim ansässigen Familie Pfautz, die in Dühren ein durch das Hochstift Speyer verliehenes Hofgut zum Lehen hatte und das Amt des Schultheißen in Rohrbach bekleidete. Mitglieder der Familie Pfautz wanderten nach Nordamerika in die USA aus. Der bekannteste Spross dieser Familie war der spätere US-Präsident Herbert Clark Hoover.Edmund Ritscher: Drei US-Präsidenten mit deutschen Vorfahren, Mannheim 2017, (PDF; 101 kB)
Der Schiffer Johannes Boßler d. J. ehelichte 1845 die Schiffermeisterstochter Catharina Barbara Heilmann (1823–1899), eine Cousine seines Schwagers, des Handelsmanns Johann Christian Heilmann (* 1799). Boßler brachte als Heiratsgut sein väterliches Erbe von 1800 Gulden in die Ehe ein, während Catharina Barbara Heilmann ein Heiratsgut von 3000 Gulden in die Ehe einbrachte. Damit verband Boßler seine Nachkommen und sich durch Eheschließung in das seit 1605 mit der Fischerei- und der Schifffahrt verbundene Neckarsteinacher Geschlecht Heilmann, aus dessen Reihen ebenfalls Zunftmeister der örtlichen Fischerzunft entstammten.
Johannes Boßlers älteste Tochter, Katharina Margarethe (* 1849), heiratete den in Mannheim und Heidelberg tätigen Baumeister und späteren Bauunternehmer Georg Börtlein. Deren Tochter Susanna Börtlein erscheint 1910 als Bestellerin einer Buchhypothek auf ihre Heidelberger Immobilie, ein Vorgang, der in der rechtsgeschichtlichen Forschung als Beispiel für die badische Grundpfandrechts‑Praxis im Übergang zum BGB herangezogen wurde.
Johann Christoph Boßler hatte zwei Söhne. Der erstgeborene Sohn, Jakob Friedrich II. Boßler (1875–1898), blieb ohne Nachkommenschaft. Der zweitgeborene Sohn, Ludwig Friedrich Boßler (1876–1946), der später Stadtkassenverwalter in Neckarsteinach wurde, verbandelte sich sowie die ältere Familienlinie durch seine Vermählung mit Hermine Elisabeth Katharina Egner (1878–1943) mit der aus Neckarhausen stammenden Magistrats- und Steinbruchsbesitzerfamilie Egner, die mehrere großherzoglich-hessische Beigeordnete stellte.
mini|hochkant=1|Die Industriellentochter Sibylla Luise Boßler, geb. Götz, Gattin des Jakob Friedrich I. Boßler und Ahnmutter der jüngeren Familienlinie links|mini|245x245px|Die Initialen Georg Kargs gehören zum Gemeindewappen von Heroldingen, zu den Nachfahren des Prälaten zählen wiederum die Boßler der jüngeren Linie
Jakob Friedrich I. Boßler begründete durch seine Heirat mit Sibylla Luise Götz (1854–1885), der zweitgeborenen Tochter des Gasthausbesitzers (Adlerwirts), Industriellen, Steinschifffahrtsunternehmers und Steinlieferanten für die Tullasche Rheinkorrektur Johann Friedrich II. Götz (1820–1892), die jüngere Linie. Sibylla Luise Boßler, geb. Götz, war eine direkte Tante der beiden Binnen-Reeder, Steinbruchbesitzer, Pioniere sowie Begründer der motorisierten Güterschifffahrt auf dem Neckar Ludwig (1887–1955) und Jakob Götz (1890–1977). Durch sie wurde das verwandtschaftliche Verhältnis mit der seit 1791 in Neckarsteinach eingesessenen Unternehmerfamilie Götz, die als eine der gewichtigsten Schifffahrtsdynastien am Neckar galt, begründet. Diese Form der gleichrangigen Heirat zieht sich von da an durch nahezu alle Häuser der jüngeren Familienlinie.
Sibylla Luise Götz reichte über die 1746 im Zedler-Lexikon beschriebene Theologenfamilie Unfug, latinisiert Unfugius, eine Ahnenreihe aus evangelisch-lutherischen Geistlichen, die durch ihr Wirken zur deutschen Reformationsgeschichte gehören, an ihre Nachkommenschaft weiter. Darunter Georg Karg, Reformator der Grafschaft Oettingen sowie der Markgraftümer Ansbach-Bayreuth, durch dessen Familie eine Ahnengemeinschaft mit Johann Wolfgang Goethe zustande kommt.
Weiter besteht durch die Industriellentochter Götz ein direktes Verwandtschaftsverhältnis der jüngeren Linie mit der Erbbeständerfamilie Krieger aus Neckarhausen, die eine lange Tradition der Treidelschifffahrt aufweisen kann.
mini|Die 105 Meter lange Hanna Krieger ist der Unternehmerin Hanna Krieger, geb. Boßler gewidmet, der Tochter des Binnen-Reeders Andreas Boßler und Gattin des Industriellen Heinrich Heiner Krieger, genannt „der Wohltäter“
Unter den mit der jüngeren Linie verwandtschaftlich verbundenen oder verschwägerten Schifffahrtsunternehmerfamilien finden sich die bedeutendsten Familien der Schifffahrt auf Neckar und Rhein, deren Reedereien Sitz oder Ursprung am Neckar haben. So die Reederfamilie Waibel aus Gernsheim, die zu den alten Schiffergeschlechtern gehört, sowie die Schifffahrts- und Baustoffunternehmerfamilie Fretter aus Erfelden, deren Kiesabbau am Altrhein dem sogenannten Fretter Loch seinen Namen gab und die heute Eigner der Rheinfähre Helene in Gernsheim ist. Weitere verwandtschaftliche Beziehungen bestehen zu den Schifffahrtsunternehmerfamilien Stumpf und Oestreicher.
Ein Haus der jüngeren Familienlinie ist darüber hinaus über Johanna „Hanna“ Krieger, geb. Boßler (1920–2010), mit der Schifffahrts-, Logistik- und Baustoffindustriellenfamilie Krieger aus Neckarsteinach verschwägert, die gleichwohl den alten Schiffergeschlechtern zugehörig ist und deren Unternehmensgruppe in etwa 1000 Mitarbeiter zählt.
Schreibweise des Familiennamens Die Änderung der Schreibweise des Familiennamens in der Schifffahrt ist dadurch begründet, dass im internationalen Alphabet der Buchstabe „ß“ nicht existiert. Um jedoch auf dieser Ebene mitagieren zu können, trugen die Unternehmen und die dazugehörigen Schiffe zukünftig den Namen Boßler mit „ss“. Die Mitglieder der Familie passten die Schreibweise ihres Nachnamens den jeweiligen Unternehmen sowie den Schiffen an, um eindeutig mit ihnen identifiziert werden zu können. Gerade im Bereich der Passagierschifffahrt war eine internationale Schreibweise bedeutend. Eine amtliche Änderung des Familiennamens erreichte lediglich Herbert Rudolf Bossler aus der jüngeren Familienlinie, dessen Fahrgastunternehmen den Namen Herbert Bossler trug. Alle weiteren Mitglieder der Gesamtfamilie führen weiterhin amtlich den Familiennamen in der Schreibweise Boßler.
Weiße Schifffahrt Die Flusstouristik durch reine Dampfschiffe wurde in den 1920er Jahren verdrängt. Es kam die Zeit der Motorschifffahrt im Bereich der Gästebeförderung auf. Ein spezieller Schiffstyp, der auf die Bedürfnisse des Tourismus und der Erholung zugeschnitten sowie technisch optimal auf die Gegebenheiten der einzelnen Flüsse angepasst ist, entstand. Hierzu zählt unter anderem der Voith-Schneider-Antrieb in Passagierschiffen auf Binnengewässern.
Unternehmens-Ursprung mini|Das historische Fährhäuschen von Neckarsteinach wurde 1904 errichtet und vom Fährunternehmer Jakob Friedrich I. Boßler als erstes gewerblich für den Fährbetrieb zwischen zwei Staaten genutzt