Mendzan, auch mendzang, mendzaŋ, mendjan, medzang, mebiang und menjyang, bezeichnet große, am Boden liegende Holmxylophone ohne Resonatoren und kleinere Tragbügelxylophone mit einem Kalebassen-Resonator unter jeder Klangplatte bei den Fang im Süden Kameruns und im Norden Gabuns sowie bei den Beti in der Region Centre in Kamerun. Während die traditionell bei Übergangszeremonien, Ahnenkulten und anderen Ritualen gespielten Holmxylophone nur noch selten vorkommen, gehören Ensembles mit häufig vier unterschiedlich gestimmten Tragbügelxylophonen zur Unterhaltung bei Familienfeiern und sonstigen gesellschaftlichen Anlässen. mini|Tragbügelxylophone mendzan in Kamerun, um 1914
Herkunft und Verbreitung Die Klangstäbe von Xylophonen liegen meist beweglich auf zwei parallelen Holmen oder Stäben; in Südostasien werden sie in seltenen Fällen auch an zwei Schnüren aufgehängt. Die instrumentenkundliche Einteilung erfolgt nach der Art der Auflage und – falls Resonatoren vorhanden sind – nach deren Form. Die einfachsten Xylophone, die in Afrika hauptsächlich im Süden und auf Madagaskar vorkommen, sind Schenkelxylophone. Kinder, auf Madagaskar auch Frauen, sitzen hierbei am Boden und haben sich eine Reihe Klangstäbe quer über die ausgestreckten Beine gelegt. Ein Ensemble mit von männlichen Musikern gespielten Schenkelxylophonen dokumentierte Gerhard Kubik 1973 bei den Igbo im Osten Nigerias. Ein Mann hatte ein Xylophon aus vier Holzstäben (ano mgbe) über seine Oberschenkel gelegt, zwei weitere Musiker verwendeten jeweils zwei Holzstäbe (mgbe etiti). Sie schlugen die Xylophone mit keulenartigen Schlägeln anlässlich des omabe-Maskenkults zur Beschwörung der Leopardengeister.Gerhard Kubik: Westafrika. Musikgeschichte in Bildern. Band 1: Musikethnologie, Lieferung 11. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1989, S. 64
Xylophone sind nichts anderes als in Reihe liegende, unterschiedlich große Schlaghölzer, die einzeln angeschlagen als Rhythmusinstrumente verwendet werden. Die Igede-Sprecher im Osten Nigerias verwenden ein quer über zwei Bananenstämme gelegtes Rundholz osisi, das wie eine Schlitztrommel mit zwei Stöcken geschlagen wird, aber keinen Schlitz besitzt. Das osisi wird wie die Schlitztrommel ekwe, die Einton-Stielglocke aus Eisen obele ogene und Rasseln zur Begleitung von Tänzen gespielt.Gerhard Kubik, 1989, S. 68
Die Kombination von derartigen Schlaghölzern und Schenkelxylophonen führt zu den Holmxylophonen, bei denen mehrere, unterschiedlich gestimmte Hölzer auf zwei Querträgern gelagert sind. Bei größeren Holmxylophonen liegen die Klangplatten auf langen Bananenstämmen oder manchmal auf gebundenen Grasbüscheln. Zur Fixierung ihrer Position werden zwischen die Klangplatten Trennstäbe gesteckt oder die Platten werden durch Stifte in Löchern der Platten an den Auflagepunkten fixiert. Eine besondere Befestigungsart kommt bei den kleinen dimbila der Makonde im Süden Tansanias und im Norden Mosambiks vor. Dort sind die Klangstäbe auf einer Seite durch einen Stift im Loch und auf der anderen Seite durch Trennstäbe fixiert.
In Afrika werden Holmxylophone von der Zentralregion über Ostafrika bis in den Süden bei sehr verschiedenen kulturellen und sozialen Gelegenheiten verwendet. Abgesehen von ungewöhnlichen Ausnahmen gehören sie zu den nur von Männern gespielten Instrumenten. In Uganda wird das kponingbo der Azande mit 12 bis 13 Klangstäben von zwei nebeneinander sitzenden Musikern gespielt, das entaale oder amadinda im Reich Buganda mit 12 Platten und das embaire mit 15 Platten wird von zwei Musikern, die sich gegenübersitzen, gespielt, während ein dritter Musiker an einer Seite die höchsten Klangplatten bedient.Gerhard Kubik: Xylophonspiel im Süden von Uganda. In: Ders.: Zum Verstehen Afrikanischer Musik. Lit, Wien 2004. S. 154–157 Solche Xylophone gehörten im Zwischenseengebiet zur höfischen Musik der Herrscher und bei ihrer Herstellung waren gelegentlich Opfer an die Ahnen vonnöten.
Im Hochland im Westen Kameruns spielen die Bamileke Holmxylophone aus Bananenstämmen und sehr schweren Klangplatten. Ngelenge ist laut J. N. Lo-Bamijoko (1987) ein Holmxylophon bei den Igbo im Osten Nigerias mit 10 Platten. Herbert Pepper (1952) beschreibt ein ebenso grob gearbeitetes Holmxylophon bei den Igbo in der Gegend von Owerri mit 12 Platten, die auf Bananenstämmen liegen und deren Stimmung den Obertönen eines Mundbogens entspricht. Es wurde von zwei sich gegenüber sitzenden Musikern gespielt.Herbert Pepper: Sur un Xylophone Ibo. In: The African Music Society Newsletter, Bd. 1, Nr. 5, Juni 1952, S. 35–38
Weder Schenkelxylophone noch Holmxylophone besitzen Resonatoren, aber der weitgehend geschlossene Raum unter den Platten übt einen gewissen klangverstärkenden Effekt aus. Um die Resonanz eines Hohlraums auszunützen, werden die Klangstäbe bei den Erdgrubenxylophonen an den Enden auf eine pflanzliche Unterlage und über ein in der Mitte ausgehobenes Loch im Boden gelegt. Erdgrubenxylophone sind von Westafrika (Guinea, Benin, Nigeria) über Ostafrika (Uganda, Kenia) bis ins Kongobecken bekannt.Sibyl Marcuse: A Survey of Musical Instruments. Harper & Row, New York 1975, S. 23 Ein solches Erdgrubenxylophon ist das lengasho der zentralafrikanischen Banda, das nur drei Klangstäbe besitzt, die von zwei Musikern zugleich geschlagen werden. Dass die Banda Schlegel mit Gummiköpfen verwenden, zeigt den Kontakt mit Ethnien in der Umgebung, die so ihre Tragbügelxylophone spielen.Gerhard Kubik: Xylophone. B Afrika, Lateinamerika. III. Erdgrubenxylophon. In: MGG Online, November 2016 (Musik in Geschichte und Gegenwart) Die Igbo nennen ein Erdgrubenxylophon aus zwei Stäben, die auf einem Ring aus geflochtenen Pflanzenfasern über einem runden Erdloch liegen, ndedegwu.J. N. Lo-Bamijoko: Classification of Igbo Musical Instruments, Nigeria. In: African Music, Bd. 6, Nr. 4, 1987, S. 19–41, hier S. 22, 36 Bei den Alur in Uganda ist das Erdgrubenxylophon ndara aus acht sehr großen Klanghölzern, die auf einem Grasbündel liegen, zum Spielen von Melodien geeignet.Xylophone tuning. British Library Sounds. Klaus Wachsmann Uganda Collection (Hörprobe Erdgrubenxylophon ndara der Alur von 1950) Die drei ursprünglichen Xylophonvarianten beinhalten in einfachster handwerklicher Ausführung die wesentlichen, tonbildenden Eigenschaften des Instrumententyps.
mini|Tragbügelxylophon mit 14 Klangstäben und Resonatoren aus Tierhörnern im nigerianischen Bundesstaat Plateau. Xylophone mit individuellen Resonatoren haben deutlich verbesserte Klangeigenschaften und stellen die größte Gruppe unter den Xylophonen dar. In Afrika werden als Resonatoren hauptsächlich Kalebassen verwendet, deren Größe sorgfältig auf die Tonhöhe der Platte abgestimmt wird. Vermutlich sind von Kalebassen verstärkte Xylophone bereits seit dem 1. Jahrtausend bekannt. Seltener dienen Bambusröhren, Rinderhörner oder andere Materialien als Resonatoren. Obligatorisch für fast alle afrikanischen Kalebassenresonatoren an Xylophonen, auch an den mendzan, ist eine kleine seitliche Öffnung, die mit einem Mirliton überklebt wird. Dies ist eine Membran aus einem Spinnenkokon, einer Fischblase oder einem dünnen Papier, die zur Klangverstärkung dient und zum Ton der Platte ein schnarrendes Nebengeräusch hinzufügt.Gerhard Kubik: Xylophone. B Afrika, Lateinamerika. VI. Xylophon mit individuellen Resonatoren. In: MGG Online, November 2016
Die Tragbügelxylophone sind eine der bekanntesten Xylophontypen mit individuellen Resonatoren. Sie sind vom südlichen Kamerun über den Kongo bis in den Norden Angolas verbreitet. Die ältesten Abbildungen stammen von zwei italienischen Angehörigen des Kapuzinerordens, die im 17. Jahrhundert in den alten Reichen Ndongo und Matamba reisten. Die Bezeichnung dieses tragbaren Xylophontyps rührt von einem Bügel, der einseitig in der Ebene der Klangstäbe befestigt ist und dem Musiker erlaubt, das mit einem Tragriemen um die Schulter gehängte Xylophon in einem gewissen Abstand vor seinem Körper zu halten. Das Xylophon mentsyā (eine Sprachvariante von mendzan) im Südwesten der Zentralafrikanischen Republik besteht aus einer Reihe von etwa neun schmalen, an den Enden zugespitzten Stäben. Der stehende Musiker trägt dieses typische Tragbügelxylophon mit einem ovalen Bügel gegen die Mitte seiner Oberschenkel gelehnt und mit der Plattenebene leicht zu sich geneigt. Der Xylophontyp gehörte zur Prozessions- und Repräsentationsmusik der Könige und sonstigen Herrscher. Bei den Ngbandi im Norden des Kongo heißt ein Tragbügelxylophon menza gwe. Dessen 10 Klangstäbe sind durch geflochtene Zwischenlagen von ihrer Brettauflage getrennt. Unter jedem Stab ist ein Loch aus dem Brett geschnitten, an dem eine Kalebasse festgeklebt ist.Ferdinand de Hen: Menza gwe. In: Laurence Libin (Hrsg.): The Grove Dictionary of Musical Instruments. Bd. 3, Oxford University Press, Oxford/New York 2014, S. 442 Aus dem Gebiet des Königreichs Kongo breiteten sich Tragbügelxylophone in vorkolonialer Zeit nach Norden aus. In ihrem Herkunftsgebiet sind sie heute verschwunden, sie blieben jedoch mitsamt ihrer – angepassten – einstmaligen sozialen Funktion als mendzan im Süden Kameruns erhalten.
Der Namensraum der mendzan-Xylophone ist das größte geschlossene Verbreitungsgebiet von Tragbügelxylophonen. Das Wort mendzan stammt nicht aus den Bantusprachen, zu denen die Sprache der Beti gehört, sondern ist den Adamaua-Sprachen zuzuordnen. Damit ist mendzan mit dem Wort manza für einen Xylophontyp bei den Azande im Dreiländereck zwischen der Zentralafrikanischen Republik, dem Kongo und dem Südsudan verwandt. Dies verweist auf eine historische Verbindungslinie der Xylophone.Gerhard Kubik: Central Africa: An Introduction. In: Ruth M. Stone (Hrsg.): Garland Encyclopedia of World Music. Volume 1: Africa. Routledge, London 1997, S. 656 Die Azande kennen drei Tragbügelxylophontypen: longo, kponingbo und manza. Nur der letztgenannte Typ gehört zur Repräsentationsmusik der Azande-Herrscher. Der Name manza ist wie mendzan nicht auf ein Tragbügelxylophon beschränkt, er dürfte sich vor der Einführung tragbarer Xylophone auch auf Holmxylophone bezogen haben. Sprachlich werden Holmxylophone und Tragbügelxylophone in Kamerun auch im Nordwesten in der Sprache Bum (njang) und bei den Mbum sprechenden Fulfulde (nzanga) gleichgesetzt.Roger Blench: A guide to the musical instruments of Cameroun: classification, distribution, history and vernacular names. Draft, 31. Juli 2009, S. 16f Der Xylophontyp kommt im Norden bis zum Tschadsee vor.Gerhard Kubik: Xylophone. B. Afrika, Lateinamerika. VI. Xylophon mit individuellen Resonatoren. 2. Tragbügelxylophon. In: MGG Online, November 2016 Ein wie das timbrh altes Lamellophon in Kamerun, das nur rituell verwendet wird, heißt mbø menjang.
Bei ihrer Verbreitung aus dem Kongo gelangten die Tragbügelxylophone in der Zentralafrikanischen Republik auch zu den Baka, wo Xylophone, Rasseln und Eisenglocken in einem Besessenheitsritual zur Krankenheilung verwendet werden.Jos Gansemans, Barbara Schmidt-Wrenger, 1986, S. 80 Bei den Banda in der Präfektur Ouham-Pendé im Nordwesten der Zentralafrikanischen Republik spielen vier Tragbügelxylophone (mbaza) mit sieben bis acht Klangstäben zusammen mit einer zweifelligen Trommel (kporo), Rasseln, kleinen Glocken und gelegentlich einem Tierhorn (goto) in einem Instrumentalensemble. Jedes Xylophon hat eine bestimmte Tonhöhe und Funktion im Ensemble, das zur Unterhaltung und für rituelle Zwecke eingesetzt wird.Centralafrique. Xylophones de l’Ouham-Pendé. Sylvie Le Bomin: Textheft, S. 12. CD von Ocora. Radio France, 1996 Ein anderer Name für Tragbügelxylophone bei den Banda ist kalangba,Jos Gansemans, Barbara Schmidt-Wrenger, 1986, S. 138 namensverwandt mit kalangwa für ein Instrument mit 5 Klangstäben bei den Ngbandi im Kongo. Drei bis fünf kalangba spielen in einem Ensemble mehrstimmige, ineinandergreifende Tonfolgen, die ansonsten von Eintontrompeten oder Eintonflöten wie der hindewhu der Ba-Benzele produziert werden.
Bauform