mini|hochkant|Tom Regan (2004) Tom Regan (* 28. November 1938 in Pittsburgh; † 17. Februar 2017) war ein US-amerikanischer Philosoph. Sein Case for Animal Rights gilt als Klassiker in der Tierethik und stellt die erste Ausarbeitung einer abolitionistischen Tierrechtsposition dar. Im Rahmen von Regans anschließender fachlicher Verteidigung seines Vorstoßes lassen sich etwa drei Debattenstränge ausmachen:Tom Regan: The Case for Animal Rights: A Decade’s Passing. In: Richard T. Hull (Hrsg.): A Quarter Century of Value Inquiry – Presidential Addresses of the American Society for Value Inquiry. Radopi, Atlanta, 1994, S. 439–459 (pdf; 1,7 MB). Einerseits antwortete er Gegnern der Tierrechtsposition, wie z. B. Jan Narveson, Peter Carruthers oder R. G. Frey. Andererseits bestand er gegenüber anderen Argumenten für eine ethische Berücksichtigung der Tiere mit einer deontologischen Begründung für diese Position. Regan kritisierte insbesondere Peter Singer für sein utilitaristisches Argument. Schließlich antwortete er auch auf die feministische Kritik an seinem Argument, die beinhaltete, dass einerseits ein Grundrechtsdiskurs nicht hilfreich sei, um die Interessen der Tiere wirksam zu schützen, und dass Regan andererseits die Rolle von Gefühlen und moralischen Impulsen in der Ethik gegenüber Logik und Vernunft geringschätze. Kritiken dieser Art haben etwa Cora Diamond, Brian Luke oder Josephine Donovan an ihn herangetragen.
Weitere Beiträge von Regan zur Ethik betreffen eine vergleichsweise scharfe Kritik an der Umweltethik beziehungsweise der Umweltbewegung sowie eine Ausarbeitung des Grenzfallarguments. Weniger bekannt, aber in Fachkreisen geschätzt,Vgl. etwa die Reviews zu (Regan 1986). sind Regans Arbeiten zur Philosophie von George Edward Moore.
Biografisches Tom Regan wurde im November 1938 als Sohn von Marie und Thomas Regan in Pittsburgh, Pennsylvania geboren. Er wuchs in dieser Stadt auf und schildert selbst sein damaliges Umfeld autobiografisch als schlicht in den sozialen Verhältnissen der Arbeiterklasse, zu der seine Familie gehörte. Das Wohnviertel war geprägt vom Bergbau und der Stahlindustrie. Bemerkenswerterweise arbeitete Regan als Schüler auch in einer Fleischerei. Als ein früher Wendepunkt in seinem Leben schildert Regan den Wechsel dieses Umfelds in einen der Vororte im Jahr 1953. Es war zunächst nur dieses Umfeld, was Regan zum Besuch des College motivierte. Regan war allenfalls ein leicht überdurchschnittlicher und sicher kein überragender Schüler. Auch ein Studium trat er zunächst in erster Linie wegen der Lustlosigkeit an, einem Brotberuf nachzugehen. Seine Wahl auf das Fach Philosophie fiel aus dem pragmatischen Grund, keinen Kurs in US-amerikanischer und Pennsylvanischer Geschichte belegen zu müssen, die ihm nicht zusagte. Als einzigen roten Faden in dieser Entwicklung schildert Regan seinen Affekt für das Schreiben, der von einigen seiner frühen Lehrer und Pfarrer geschürt wurde. Regan dachte in dieser Zeit kaum ernsthaft über Tiere oder moralische Fragen, die diese betreffen, nach.Mit einigen Ergänzungen auch.
Regan schloss 1960 am Thiel College in Philosophie ab und studierte dann an der University of Virginia. Er schrieb seine Master Thesis über den Begriff der Schönheit und promovierte schließlich unter der Anweisung von Peter L. Heath im Jahr 1966 über den Begriff des Guten. Seinen ersten Lehrauftrag erhielt er am Sweet Briar College 1965–1967. Ab 1967 lehrte er bis zu seiner Emeritierung 2001 an der North Carolina State University, wobei er ab 1972 eine reguläre Professur hielt. Während seiner Laufbahn nahm er diverse Lehraufträge anderer Institutionen wahr, etwa an der Oxford University 1973, an der University of Calgary 1977, am Brooklyn College 1982, an der University of Essex 1988, an der Eastern Michigan University 1996 oder an der Massey University 1997. Neben der internationalen Anerkennung, die Regan für seine wegbereitenden Forschungen zur Tierrechtsposition zuteilwurden, wurde er auch mehrfach für eine exzellente Lehre ausgezeichnet.
Regan war seit dem 17. Juni 1962 mit Nancy Jane Regan, geborene Tirk, verheiratet. In dieser Zeit kaufte das junge Paar den Hund Gleco, dessen Unfalltod – und die Anteilnahme der Familie Regan daran – eine Schlüsselrolle in Regans Denken über Tierethik spielte. Zusammen setzte das Ehepaar Regan die Kinder Bryan Regan (* 8. Oktober 1966) und Karen Regan (* 24. November 1970) in die Welt. Nancy und Tom Regan leiten gemeinsam die Belange der Culture and Animals Foundation. Die Stiftung hat es sich zur Aufgabe gemacht, durch intellektuellen und künstlerischen Ausdruck Tierrechtspolitik zu fördern.
Tierrechtsargument Entstehungszusammenhang Als junger Hochschullehrer sah sich Regan durch seine Teilnahme an den Friedensprotesten im Kontext des Vietnamkriegs dazu veranlasst, über die pazifistische Position philosophisch nachzudenken und zu schreiben. Die Fragen, die dieses Thema aufwirft, führten ihn zu einer intensiven Lektüre der Schriften Gandhis im Jahr 1972.Mohandas K. Gandhi and Tom Regan: Advocates for Animal Rights Für Gandhi kommt der Idee der ahimsa, was oft mit Gewaltfreiheit übersetzt wird, eine Schlüsselrolle in seiner pazifistischen Theorie politischen Wandels zu. Ganz selbstverständlich war für Gandhi, die Idee der Gewaltfreiheit auch auf Tiere anzuwenden. Da Menschen gut ohne Gewalt gegenüber Tieren leben könnten – insbesondere ohne die Gewalt der Tierhaltung – und da man nach Möglichkeit Gewalt immer unbedingt vermeiden sollte, verstand es Gandhi als eine ethische Pflicht, vegetarisch zu leben. Nach seinem Essay zur pazifistischen Position (die Regan übrigens – zumindest in ihrer Radikalität, dass sich Gewalt niemals rechtfertigen lasse – zurückwies, Zu Regans Bedingungen der Legitimität von Gewalt, siehe (Petrus 2013).) widmete er sich der Frage der Tierethik, die von Gandhi aufgeworfen wurde, intensiver und veröffentlichte zunächst im Oktober 1975 einen vielfach nachgedruckten Essay zur Moral Basis of Vegetarianism im Canadian Journal of Philosophy. Es folgten diverse weitere Essays zum Themenkomplex, die später in der Anthologie All That Dwell Therein (University of California Press 1982) gesammelt wurden und die Regan im Rückblick alle als interessant, aber als technisch unausgegoren einschätzt.(Regan 1986 S. 95). Regan fungierte in diesem Zeitraum auch als Mitherausgeber diverser Lehrbücher der angewandten Ethik und er verfasste im Jahr 1976 gemeinsam mit Peter Singer ein solches einführendes Buch mit dem Titel Animal Rights and Human Obligations.
mini|Regans Case beginnt mit einem Kommentar zu diesem Gemälde von Stefan Lochner (* um 1400), der hier den heiligen Hieronymus mit einem gezähmten Löwen malte. Lochner war zu Lebzeiten nie einem Löwen begegnet, was seine Darstellung aus heutiger Sicht albern aussehen lässt. Lochners Bild von Löwen stehe paradigmatisch für das unaufgeklärte vormoderne Verständnis von Tieren allgemein.
Bewusstsein und Wohlbefinden bei Tieren Den ersten Teil von Regans Case macht eine umfangreiche Analyse der Philosophie des Geistes von Tieren aus. Beginnend bei Descartes’ Begriff der bête machine, der unterstellte, dass im Gegensatz zu Menschen den Tieren jegliche Teilhabe an geistigen Phänomenen abkomme beziehungsweise, dass geistige Eigenschaften bei Tieren stets auf ihre körperliche und physiologische Verfassung reduzibel seien, argumentiert Regan für eine prinzipielle Teilhabe der Tiere am Phänomen des Bewusstseins. Einerseits sei Descartes’ Argument, dass Sprachvermögen von Menschen eine notwendige Bedingung für Bewusstsein sei, problematisch: Es ist nach Regan unklar, wie menschliche Kinder Sprachvermögen entwickeln, wenn sie nicht bereits zuvor die Welt begrifflich wahrnehmen können. Ferner unterliege Descartes einem Einwand von La Mettrie, der Descartes insofern radikalisierte, als er Descartes’ Argument für die Existenz einer unsterblichen Seele bei Menschen zurückwies und auch für Menschen die Ansicht vertrat, dass sie im Wesentlichen als „gedankenlose Automaten“ funktionieren. Ohne hier La Mettrie zu antworten, gesteht Regan zu, dass unter der Annahme, dass nichtmenschliches Verhalten rein mechanisch sei, dasselbe auch für menschliches Verhalten gelte.Regan 2004 S. 4–25. Regan schließt diese Abhandlung vorerst mit einer zusammenfassenden Erwiderung an moderne Varianten, die Tieren die Teilhabe am Phänomen des Bewusstseins absprechen:Regan 2004 S. 28. Die Zuschreibung von Bewusstsein für gewisse Tiere stimmt mit unserer Alltagserfahrung überein. Projekte, tierisches Verhalten ohne eine Unterstellung geistiger Phänomene zu erklären, waren erfolglos. Die Zuschreibung von Bewusstsein für gewisse Tiere deckt sich mit der Alltagssprache. Die Zuschreibung von Bewusstsein für gewisse Tiere muss nicht voraussetzen oder implizieren, dass Tiere eine unsterbliche (immaterielle) Seele haben, und kann daher unabhängig von religiösen Überzeugungen über das Nachleben vertreten werden. Das Verhalten von Tieren stimmt damit überein, sie als bewusst zu verstehen. Ein evolutionäres Verständnis von Bewusstsein stellt ein theoretisches Fundament bereit, gewisse Tiere auch als bewusste Wesen zu begreifen.
In der Folge weitet Regan das Argument auf, um zu der Position zu gelangen, dass manche Tiere auch eigene Wünsche, Interessen und Überzeugungen haben können. Diese Wünsche und Überzeugungen konstituierten dann einen Begriff des Wohlbefindens von Tieren, sodass es sinnvoll sei zu sagen, dass Tiere solche Wesen sind, denen es in ihrem subjektiven Wohlbefinden besser oder schlechter ergehen kann in Abhängigkeit von menschlichen Handlungen.Regan 2004 S. 78–81.
Moralphilosophische Einbettung Neben den eben besprochenen Thesen zur geistigen Verfasstheit von Tieren gehören bei Regan eine Gruppe metaethischer Thesen zu den zentralen Voraussetzungen des Tierrechtsarguments. So schlägt Regan etwa vor, dass ideale moralische Urteile wenigstens folgenden Kriterien zu genügen hätten: Sie müssten (1) begrifflich klar verfasst, (2) wohl informiert über die zu urteilenden Gegenstände, (3) hinreichend rational, (4) unparteiisch, (5) aus einem nüchternen Gemütszustand heraus geformt und (6) basierend auf validen moralischen Prinzipien sein. Den letzten Punkt spezifiziert er damit, dass valide moralische Prinzipien stets (6a) miteinander konsistent, (6b) von angemessener Tragweite, (6c) hinreichend präzise formuliert und (6d) vereinbar mit unseren moralischen Intuitionen sein sollten.Regan 2004 S. 126–140. Den Begriff der moralischen Intuition differenziert Regan weiter in vorreflektierte Intuitionen („Bauchgefühle“) und in reflektierte moralische Intuitionen als moralische Gefühle, die wir auch dann haben, nachdem „wir einen ehrlichen Aufwand betrieben haben, diese gegen die Kriterien [gemeint sind 1-5] abzuwägen … [J]ede ethische Theorie, die diese Intuitionen in einer Vielzahl von Fällen nicht erklären kann, können wir nicht sinnvollerweise als die beste Theorie auffassen.“Regan 2004 S. 148.
Etwas spezieller diskutiert Regan schließlich gegen die Ansichten, dass alle Pflichten, die Menschen gegenüber Tieren haben, Tiere nur betreffen, aber ihnen selbst letztlich nicht geschuldet sind, sondern stattdessen etwa anderen Menschen, der Sittlichkeit, Gott oder dergleichen gelten. Konkret argumentiert Regan etwa gegen Jan Narvessons ethischen Egoismus, der alle Pflichten für indirekte Pflichten in diesem Sinne hält, die jeder letztlich sich selbst schuldet, dass sich aus dieser Ansicht radikal ungleiche institutionelle Arrangements rechtfertigen ließen. Gegen John Rawls’ Theorie der indirekten Pflichten gegenüber Tieren wendet Regan ein, dass es letztlich willkürlich sei, im Urzustand hinter dem Schleier des Nichtwissens nicht auch ein Nichtwissen über die eigene Spezieszugehörigkeit vorauszusetzen. Gegen Immanuel Kant zeigt er, dass „Überhöhung“ der Menschlichkeit letztlich auf einem geringeren Verständnis tierischer Fähigkeiten basiere.Regan 2004 S. 193.