Der Lotse geht von Bord (im englischen Original Dropping the Pilot) ist eine Karikatur von John Tenniel, die am 23. März 1890 in der auf den 29. März datierten Ausgabe der britischen Satirezeitschrift Punch gemeinsam mit einem gleichnamigen Gedicht von Edwin James Milliken (1839–1897) erschien. Sie bezieht sich auf den wenige Tage zuvor erfolgten Rücktritt Otto von Bismarcks als Reichskanzler, der von Kaiser Wilhelm II. forciert worden war, und gilt als bekannteste Karikatur Tenniels und des Punchs sowie als eine der berühmtesten Karikaturen überhaupt. Sie bildete die Vorlage für viele weitere Karikaturen und ist häufig in deutschen Schulgeschichtsbüchern abgebildet. Die Redewendungen „Dropping the Pilot“ und „Der Lotse geht von Bord“ sind zu geflügelten Worten der englischen bzw. deutschen Sprache geworden.
Historischer Kontext hochkant|mini|Otto von Bismarck (1890) hochkant|mini|Wilhelm II. (1888)
Otto von Bismarck war ab 1862 Ministerpräsident des Königreichs Preußen und ab 1867 Bundeskanzler des Norddeutschen Bundes. Er hatte die Vorherrschaft Preußens in Deutschland durchgesetzt und gilt als treibende Kraft der deutschen Reichsgründung im Jahr 1871, ab der er Reichskanzler war. Als solcher galt er als wichtigste politische Persönlichkeit des Reichs, die ihre politischen Vorstellungen fast immer bei Kaiser Wilhelm I. durchsetzen konnte. So klagte Wilhelm: „Es ist nicht leicht, unter einem solchen Kanzler Kaiser zu sein.“Volker Ullrich: Otto von Bismarck. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1998, ISBN 3-499-50602-5, S. 102–103.
Nach dem Tod Wilhelms I. und seines Sohnes Friedrich III. im sogenannten Dreikaiserjahr 1888 kam Wilhelm II. auf den Thron. Bismarck hielt nicht viel vom jungen Wilhelm. Er sei ein „Brausekopf, könne nicht schweigen, sei Schmeichlern zugänglich und könne Deutschland in einen Krieg stürzen, ohne es zu ahnen und zu wollen.“Volker Ullrich: Otto von Bismarck. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1998, ISBN 3-499-50602-5, S. 117. Wilhelm äußerte jedoch den Plan, selbst deutlich stärker politischen Einfluss zu nehmen: „Sechs Monate will ich den Alten verschnaufen lassen, dann regiere ich selbst.“Martin Kohlrausch: Der Monarch im Skandal. Die Logik der Massenmedien und die Transformation der wilhelminischen Monarchie (= Elitenwandel in der Moderne. Band 7). Akademie, Berlin 2005, ISBN 3-05-004020-3, S. 104 (Digitalisat bei Google Books). So kam es bald zu erheblichen Differenzen zwischen dem Kaiser und seinem Kanzler. Ursache waren unter anderem unterschiedliche Ansichten zur Bündnispolitik, zum Kulturkampf und zu den Sozialistengesetzen. Am 17. März 1890 ließ der Kaiser Bismarck die Nachricht überbringen, er solle noch am selben Tag ins Schloss kommen und sein Abschiedsgesuch mitbringen. Bismarck stellte es dem Kaiser am folgenden Tag zu. Damit endete die 19-jährige Amtszeit Bismarcks als Reichskanzler. Der Kaiser soll dies in einem Telegramm wie folgt kommentiert haben: „Das Amt des wachhabenden Offiziers ist Mir zugefallen. Der Kurs bleibt der alte: und nun Volldampf voraus!“ Über den Adressaten des Telegramms gibt es verschiedene Angaben. So werden Wilhelms alter Lehrer Georg Ernst HinzpeterJohn C. G. Röhl: Wilhelm II. Der Aufbau der Persönlichen Monarchie 1888–1900. C. H. Beck, München 2001, ISBN 3-406-48229-5, S. 351 (Digitalisat bei Google Books). und der Großherzog von Sachsen-WeimarHendrik Ziegler: Carl Alexander und Wilhelm II. Fürstliches Kunstmäzenatentum im Vergleich. In Lothar Ehrlich, Justus H. Ulbricht (Hrsg.): Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach. Erbe, Mäzen und Politiker. Böhlau, Köln/Weimar/Wien 2004, ISBN 3-412-09203-7, S. 129–164, hier: 136 (Digitalisat bei Google Books). genannt.
Die Reaktionen auf Bismarcks Sturz fielen in Deutschland eher erleichtert aus. Der Kanzler hatte sich am Ende weitgehend isoliert. Unter den Sozialdemokraten war er wegen der Sozialistengesetze verhasst, aber auch bei den Liberalen und dem Zentrum war er unbeliebt, ebenso bei den polnischen Einwohnern der Ostprovinzen wegen seiner antipolnischen Politik. Selbst in seinem eigenen Lager, den sogenannten Kartellparteien, gab es wachsende Spannungen. Der junge Kaiser hingegen galt zu Beginn seiner Regierungszeit vielen als Hoffnungsträger.Karl Arndt: „Dropping the Pilot“ oder „Der Lotse geht von Bord“. Zum 100. Geburtstag einer Karikatur. In: Herwig Guratzsch (Hrsg.): Der Lotse geht von Bord. 1990, S. 11–12.
Im europäischen Ausland fiel das Urteil anders aus. Bismarck war es durch seine Bündnispolitik in den Jahren zuvor gelungen, eine europäische Führungsrolle zu übernehmen und den Frieden in Europa zu sichern. Diese Friedenspolitik sollte vor allem den Interessen Deutschlands dienen und verschaffte ihm zugleich im Ausland Respekt. Sein Abgang rief deshalb vor allem Besorgnis hervor. So schrieb die britische Times: „Wir in diesem Lande hören die Nachricht vom Rücktritt des großen Mannes mit Bedauern und Besorgnis. Die Entfernung des Fürsten Bismarck vom Steuerruder […] ist von derart weitreichender Bedeutung, dass niemand, der dessen außerordentliche Verdienste um den europäischen Frieden kennt, dieses Ereignis ohne ein Gefühl der Furcht im Hinblick auf die Zukunft registriert.“ Diese Besorgnis richtete sich vor allem auf den Kaiser und seinen neuen Kanzler Leo von Caprivi. So schreibt die Times weiter: „Der Kaiser und der neue Kanzler haben ein leeres Papier vor sich, um darauf Geschichte zu schreiben. Die Welt fragt sich ängstlich, welche Art von Geschichte dies sein wird.“Karl Arndt: „Dropping the Pilot“ oder „Der Lotse geht von Bord“. Zum 100. Geburtstag einer Karikatur. In: Herwig Guratzsch (Hrsg.): Der Lotse geht von Bord. 1990, S. 12–13.
Beschreibung mini|Die Hohenzollern auf einem Gemälde von Willy Stöwer Die Karikatur zeigt einen Ausschnitt eines Schiffes. Der Politologe Stephan Leibfried vermutet dahinter eine Fantasiedarstellung der kaiserlichen Jacht Hohenzollern. Bismarck, der statt einer Uniform Seemannskleidung trägt, schreitet die Fallreepstreppe hinab. Unten wartet auf ihn ein nur teilweise sichtbares Boot. Bismarck wird entweder als verbittert, in sich gekehrt oder gedankenvoll, voller Zweifel und Sorge beschrieben. Der Kunsthistoriker Karl Arndt beschreibt Bismarcks Miene als düster, seine Haltung lasse ungebeugtes Selbstbewusstsein erkennen. Mit seiner linken Hand stützt Bismarck sich am Schiff ab. Die Hand liegt auf einer Halbklappe mit Scharnieren, in der sich ein Loch befindet. Über sie gibt es verschiedene Angaben. Arndt sieht darin eine Stückpforte eines Geschützes,Karl Arndt: „Dropping the Pilot“ oder „Der Lotse geht von Bord“. Zum 100. Geburtstag einer Karikatur. In: Herwig Guratzsch (Hrsg.): Der Lotse geht von Bord. 1990, S. 15–18. Leibfried hält sie für seetaugliche Fensterläden. Die Zeichner von späteren Adaptionen der Karikatur stellten sie oft als Bullauge dar.Karl Arndt: „Dropping the Pilot“ oder „Der Lotse geht von Bord“. Zum 100. Geburtstag einer Karikatur. In: Herwig Guratzsch (Hrsg.): Der Lotse geht von Bord. 1990, S. 35. Neben der Fallreep-Pforte lehnt über der Reling mit verschränkten Armen Wilhelm II. Er trägt eine Offiziersuniform und eine Fantasiekrone und blickt auf den scheidenden Kanzler. Sein Gesichtsausdruck wird als selbstbewusst, selbstgefällig,Heinrich Dormeier: Humoristisch-satirische Europakarten von 1848 bis zum Ersten Weltkrieg. Bestand und Besonderheiten. In: Thomas Stamm-Kuhlmann, Jürgen Elvert, Birgit Aschmann, Jens Hohensee (Hrsg.): Geschichtsbilder. Festschrift für Michael Salewski zum 65. Geburtstag. Franz Steiner, Wiesbaden 2003, ISBN 3-515-08252-2, S. 525–542, hier: 525 (Digitalisat bei Google Books). gelassen, kühl und gleichgültig oder höhnisch grinsend beschrieben. Neben Wilhelm könnte der hintere Teil einer Schiffskanone angedeutet sein.
Auffällig ist das Fehlen typischer Gestaltungsmerkmale von Karikaturen. So verzichtet Tenniel auf groteske Verzerrungen der Figuren und Übertreibungen im Handlungsablauf. Das einzige für Karikaturen typische Gestaltungsmittel, das Tenniel verwendet, ist die Versetzung von Bismarck und Wilhelm von der politischen in die nautische Welt. Diese Zurückhaltung ist laut Karl Arndt kennzeichnend für Tenniels politische Cartoons. Laut Thomas Noll sah sich Tenniel auch nicht als Karikaturist, sondern sein Ziel war es, „die satirische Darstellung dem Historienbild anzunähern.“Thomas Noll: „The Great Gentleman“. Der Künstler John Tenniel. In: Herwig Guratzsch (Hrsg.): Der Lotse geht von Bord. 1990, S. 56. Aufgrund der fehlenden Verzerrungen führt Dietrich Grünewald Dropping the Pilot als ein klassisches Beispiel einer deskriptiven Karikatur an.Dietrich Grünewald: Karikatur im Unterricht: Geschichte, Analysen, Schulpraxis. Beltz, Weinheim/Basel 1979, ISBN 3-407-62033-0, S. 124. Darüber hinaus verkörpert die Karikatur laut Lachlan R. Moyle viktorianische Zurückhaltung und Höflichkeit, da sie so gestaltet sei, keine der beiden Figuren zu verletzen.
Interpretation Laut dem Politologen Wolfgang Bergem (* 1962) lässt die Karikatur zwei mögliche Interpretationen zu. Zum einen kann das Verlassen des Schiffes durch den Lotsen andeuten, dass das Schiff alle schwierigen und gefährlichen Passagen der Reise hinter sich gelassen hat und nun zur großen Fahrt auf der offenen See aufbricht. Zum anderen kann man die Karikatur auch als Warnung verstehen, da ein Schiff ohne kundige Führung verunglücken kann, wenn es der Lotse zu früh verlässt.Wolfgang Bergem: „Herrschende Dienerinnen“ der politischen Theorie. Metaphern vom Staat. In: Markus Kink, Janine Ziegler (Hrsg.): Staatsansichten und Staatsvisionen: Ein politik- und kulturwissenschaftlicher Querschnitt. Lit, Berlin/Münster 2013, S. 45–74, hier: 64 (Digitalisat bei Google Books). Laut Dietrich Grünewald lässt die verzerrungsfreie Präsentationsform der Karikatur keine Rückschlüsse auf eine Wertung zu, weshalb beide Interpretationen möglich seien. Für Imanuel Geiss verkörpert die Karikatur das Bedauern Europas über den Fall Bismarcks, der für die Europäer bis dahin als Symbol für die Stabilität Deutschlands galt.Imanuel Geiss: German Foreign Policy 1871–1914 (= Foreign Policies of the Great Powers. Band 9). Routledge, London/New York 2001, S. 60 (Digitalisat bei Google Books).
Ernst Gombrich sieht ein Erfolgsrezept von Karikaturen darin, den Lesern zu sagen, dass es keinen Grund gibt, sich Sorgen zu machen. Dessen habe sich auch Tenniel bei Dropping the Pilot bedient, indem er Bismarck als Lotsen darstellt, obwohl er eigentlich der Kapitän des Staatsschiffs gewesen sei. Damit habe er versucht, den Schock zu beruhigen, den der Abgang des respektiertesten und gefürchtetsten Staatsmanns bei den englischen Lesern ausgelöst habe.Ernst H. Gombrich: The Uses of Images. Studies in the Social Function of Art and Visual Communication. Phaidon Press, London 1999, ISBN 0-7148-3655-9, S. 209–210.
Karl Arndt sieht in der Karikatur in erster Linie einen huldigenden Nachruf auf Bismarck. Darüber hinaus sieht er in der Kleidung Bismarcks und Wilhelms einen Hinweis auf die unterschiedliche Einschätzung der beiden durch den Karikaturisten. Während Bismarck durch seine Seemannskleidung kompetent und professionell erscheint, unterstreicht aus Arndts Sicht die Krone Wilhelms seine jugendliche Unerfahrenheit, denn der Führer eines Schiffes stehe nicht mit einer Krone auf dem Kopf am Steuer. Die Bedeutung und Macht Bismarcks gegenüber Wilhelm wird laut Arndt auch durch die Wahl der Perspektive verdeutlicht, durch die Bismarck groß im Vordergrund erscheint, während der Kaiser kleiner im Hintergrund halb verdeckt durch die Bordwand dargestellt wird. Das Objekt neben Wilhelm hält Arndt für eine Kanone; die Klappe, auf die Bismarck seine Hand legt, interpretiert er als Geschützpforte. In diesen beiden Darstellungen sieht er einen Hinweis auf die Friedenspolitik Bismarcks und die Unsicherheit darüber, ob diese auch unter Wilhelm fortgesetzt werden wird.
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