Die Welcker-Serenade (auch Welcker-KundgebungHelmut Hirsch: Die Berliner Welcker-Kundgebung. Zur Frühgeschichte der Volksdemonstrationen. In: Archiv für Sozialgeschichte, Jg. 1 (1961), S. 27–42. oder Welcker-DemonstrationLars Lambrecht: „… Mit der Heftigkeit der französischen Revolutionäre von 1792 …“? Zur Rezeption der französischen Revolution und der Philosophie Fichtes durch den Junghegelianer A. Rutenberg. In: Domenico Losurdo (Hrsg.): Rivoluzione Francese e filosofia classica tedesca. QuattroVenti, Urbino 1993, ISBN 88-392-0229-3, S. 147–168, hier S. 159.) war eine Feierstunde demokratisch gesinnter Bürger am Abend des 28. September 1841 in Berlin zu Ehren des badischen Liberalen Carl Theodor Welcker. Die preußische Obrigkeit wertete die Zusammenkunft als eine ungehörige Demonstration. Sowohl das Ereignis als auch die anschließenden Maßregelungen von Beteiligten durch die Behörden fanden große Aufmerksamkeit in der politisch interessierten Öffentlichkeit.
Vorgeschichte In Preußen gab es im Vormärz keine Versammlungsfreiheit. Eine Möglichkeit, seine politische Überzeugung kundzutun, waren öffentliche Ehrungen und Freundschaftsbezeugungen gegenüber solchen Persönlichkeiten, die für dieselben Auffassungen bekannt waren. Das konnte durch ein Festessen geschehen, durch einen Fackelzug zum Haus des Geehrten oder durch eine „Serenade“, ein abendliches Ständchen vor seinem Haus. Diese Formen des Sympathieerweises nutzten alle politischen Lager, vor allem die Liberalen und Demokraten, die infolge der Karlsbader Beschlüsse und der Demagogenverfolgungen nicht damit rechnen konnten, dass ihnen die Behörden eine andere Möglichkeit der „Demonstration“ (womit im damaligen Sprachgebrauch jeder öffentliche Ausdruck politischer Forderungen gemeint war) genehmigt hätten.
Einer der Verfechter einer „constitutionellen Monarchie im liberalen und oppositionellen Sinne“ war Carl Theodor Welcker. Welcker war vor allem in Süddeutschland weitbekannt.Franz Schnabel: Deutsche Geschichte im neunzehnten Jahrhundert, Bd. 2: Monarchie und Volkssouveränität. Herder, Freiburg im Breisgau 1933, S. 178. Als ihm 1833 eine Gefängnisstrafe wegen der vermeintlichen Beleidigung des badischen Großherzogs drohte, planten seine Anhänger in Mannheim eine Serenade mit Fackelzug zu seiner Unterstützung. Doch die Behörden unterbanden die Serenade für Welcker.Bruno Bauer: Geschichte der constitutionellen und revolutionären Bewegungen im südlichen Deutschland in den Jahren 1831–1834. Verlag Egbert Bauer, Charlottenburg 1845, Bd. 3, S. 198.
Die Ereignisse am 28. und am 29. September 1841 Im September und Oktober 1841 unternahm Welcker, zeitweise begleitet von Johann Adam von Itzstein,Velhagen & Klasings Monatshefte, Jg. 17 (1903), S. 922. eine Reise durch Sachsen und Preußen,Karl Wild: Karl Theodor Welcker. Ein Vorkämpfer des älteren Liberalismus. Winter, Heidelberg 1913, S. 190. die auf Beobachter wie eine „Triumphreise“ wirkte.Zeitung für die elegante Welt vom 12. November 1841, S. 887. In Jena wurde er gefeiert, in Leipzig boten Studenten ihm ein „Lebehoch“ dar,Zeitung für die elegante Welt vom 18. September 1841, S. 732. in Dresden wurde ihm eine „Nachtmusik“ zuteil. Als bekannt wurde, dass Welcker nach Berlin kommen werde, trat dort „ein Verein wissenschaftlich gebildeter Männer, vorzüglich Literaten“ zusammen und beschloss, ihn ebenfalls zu ehren.Augsburger Allgemeine Zeitung vom 5. Oktober 1841, zitiert nach Wolfgang Eßbach: Die Junghegelianer. Soziologie einer Intellektuellengruppe. Fink, München 1988, ISBN 3-7705-2434-9, S. 206.
In Berlin angekommen, war er zunächst bei Bettina von Arnim zu Gast. Am 28. September 1841 abends um 10 Uhr versammelte sich eine stetig wachsende Menge vor dem Hotel zum Kronprinzen in der Königsstraße, in dem Welcker logierte. Das Musikkorps der Gardeartillerie spielte die Ouvertüre der die Freiheitsliebe verherrlichenden Oper La muette de Portici von Daniel-François-Esprit Auber. Adolf Friedrich Rutenberg brachte ein „Vivat!“ auf den „kühnen, unermüdlichen Vorfechter für deutsche Volksrechte“ aus. Anschließend hielt Welcker vom Fenster „eine freie, kühne Rede an die Versammelten“.Karl August Varnhagen von Ense: Tagebücher. Brockhaus, Leipzig 1861, Bd. 1, S. 339. Unter den Zuhörern traten besonders die Studenten in Erscheinung.Königlich privilegirte Berlinische Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen vom 1. Oktober 1841. Insgesamt sollen „Tausende“ zugegen gewesen sein.Regensburger Zeitung vom 16. Oktober 1841. Die Menge sang Lieder wie „Was ist des Deutschen Vaterland?“ und „Freiheit, die ich meine“ und zerstreute sich erst gegen Mitternacht. Die Initiatoren und Welcker feierten in einer Weinstube weiter.Dieter Hertz-Eichenrode: Der Junghegelianer Bruno Bauer im Vormärz. Freie Universität, Berlin., 1959, S. 82. Eine weitere Kundgebung für Welcker folgte am nächsten Tag.
Bekannte Teilnehmer der Welcker-Serenade Unter den Organisatoren der Serenade finden sich einige bekannte Namen, damals meist jüngeren Alters: Bruno Bauer (1809–1882), Theologe und Junghegelianer Jacob Burckhardt (1818–1897), damals Student in BerlinJohannes Wenzel: Jakob Burckhardt in der Krise seiner Zeit. Deutscher Verlag der Wissenschaft, Berlin 1967, S. 17. Wilhelm Cornelius (geb. 1809), Schriftsteller Ludwig Eichler (1814–1870), politischer Journalist und Schriftsteller Eduard Flottwell jun. (1811–1862), der Sohn des gleichnamigen Oberpräsidenten der Provinz Sachsen,Wolfgang Eßbach: Die Junghegelianer. Soziologie einer Intellektuellengruppe. Fink, München 1988, S. 75. Oberlandesgerichtsreferendar, zuvor Student bei Johann JacobyZu seiner Beteiligung an der Welcker-Serenade siehe Johann Jacoby: Briefwechsel 1816–1849. Herausgegeben von Edmund Silberner. Fackelträger-Verlag, Hannover 1974, ISBN 3-7716-1362-0, S. 157–158. Karl Friedrich Köppen (1808–1863), Lehrer an der Dorotheenstädtischen Realschule in Berlin, Junghegelianer und politischer JournalistZu seiner Beteiligung an der Welcker-Serenade siehe Art. Köppen, Karl Friedrich. In: Killy Literaturlexikon, Bd. 6: Huh – Kräf. 2., vollständig überarbeitete Auflage. de Gruyter, Berlin 2009, S. 566–568, hier S. 567. Eduard Meyen (1812–1870), Junghegelianer und politischer Publizist Theodor Mügge (1802–1861), Schriftsteller Karl Riedel (1804–1878), zunächst Geistlicher, dann leitender Redakteur des Athenäum, der „Zeitschrift für das gebildete Deutschland“ Adolf Friedrich Rutenberg (1808–1869), Lehrer, Junghegelianer und politischer Journalist Rudolf Wentzel, Übersetzer im Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten und Redakteur der Allgemeinen Preußischen Staatszeitung Friedrich Zabel (1802–1875), zunächst Geistlicher, ab 1840 Berliner Korrespondent für mehrere Zeitungen, u. a. für die Kölnische Zeitung
Die Reaktion der Obrigkeit Tags darauf, am 30. September, sah Welcker sich genötigt, Berlin zu verlassen.Karl August Varnhagen von Ense: Tagebücher. Brockhaus, Leipzig 1861, Bd. 1, S. 340. Denn ihm drohte die Ausweisung aus Berlin.Karl Wild: Karl Theodor Welcker. Ein Vorkämpfer des älteren Liberalismus. Winter, Heidelberg 1913, S. 190, Fußnote 2. Er reiste weiter nach Hamburg, wo ihm am 5. Oktober wiederum „bei Fackelschein“ ein „Ständchen“ gegeben wurde.Heinrich Hoffmann von Fallersleben: Mein Leben. Aufzeichnungen und Erinnerungen. Rümpler, Hannover 1868, Bd. 3, S. 222. Bei dieser Gelegenheit erklang erstmals „Das Lied der Deutschen“.Peter Rühmkorf: „Das Lied der Deutschen“. Wallstein-Verlag, Göttingen 2001, ISBN 3-89244-463-3, S. 8.
In Berlin gingen die Behörden derweil gegen die Urheber der Welcker-Serenade vor. Gegen die Veranstaltung als solche hatten sie keine Handhabe. Denn die erforderliche behördliche Genehmigung vorab hatten die Veranstalter erhalten,Karl August Varnhagen von Ense: Tagebücher. Brockhaus, Leipzig 1861, Bd. 1, S. 355. und zwar durch einen „echt vormärzlichen Husarenstreich“.Helmut Hirsch: Die Berliner Welcker-Kundgebung. Zur Frühgeschichte der Volksdemonstrationen. In: Archiv für Sozialgeschichte, Jg. 1 (1961), S. 27–42, hier S. 32. Dem zuständigen Beamten hatten sie weisgemacht, man wolle dem Wirt des „Kronprinzen“ ein Ständchen bringen. Gleichwohl wollte das Polizeiministerium nach Welckers Abreise den Vorfall nicht auf sich beruhen lassen. Denn eines war offenkundig: Es war „mehr als eine bloße Serenade“.Helmut Hirsch: Die Berliner Welcker-Kundgebung. Zur Frühgeschichte der Volksdemonstrationen. In: Archiv für Sozialgeschichte, Jg. 1 (1961), S. 27–42, hier S. 31. „Die Festbankette und Serenaden galten, wie die Regierung sehr wohl wusste, nicht der Person Welckers, sondern der Sache, die er vertrat.“Boris Iwanowitsch Nikolajewski, Otto Mänchen-Helfen: Karl Marx. Eine Biographie. Dietz, Berlin 1963, S. 46. Die Regierung war beunruhigt, weil es nicht bei einer Feier im kleinen Kreis geblieben war, sondern „einiger Pöbel mitgejauchzt“ hatte.Friedrich Wilhelm Benicken: Chronik des neunzehnten Jahrhunderts, Neue Folge, Band 2: 1841. Expedition der Thüringischen Chronik, Erfurt 1842, S. 100. Offenbar war es mehr als nur eine „Studentendemonstration“.So sah es Wilhelm Klutentreter: Die Rheinische Zeitung von 1842/1843 in der politischen und geistigen Bewegung des Vormärz. Ruhfus, Dortmund 1966, Bd. 1, S. 67: „… die sogenannte Welcker-Serenade in Berlin hatte zwar die Gemüter erregt, sie trug aber noch den Charakter einer Studentendemonstration“. Die Regierung war zudem beunruhigt, weil unter den Teilnehmern auch Personen waren, von denen sie es nicht erwartet hatte: Wentzel als Mitarbeiter der staatstragenden Staatszeitung, der Sohn eines Oberpräsidenten, gar die Militärmusiker.
Das preußische Polizeiministerium führte eine Untersuchung über die Vorfälle durch. Wohl auch um nicht weitere Aufmerksamkeit auf die Welcker-Serenade zu lenken, empfahl das Polizeiministerium in seinem Bericht an König Friedrich Wilhelm IV., „daß denn doch kein Anlaß zu weiteren gerichtlichen oder polizeilichen Verfahren sei“.Karl August Varnhagen von Ense: Tagebücher. Brockhaus, Leipzig 1861, Bd. 1, S. 357. Der König jedoch wollte die Welcker-Serenade nicht auf sich beruhen lassen. Er erließ eine Kabinettsorder, der zufolge die Staatsbediensteten unter den Teilnehmern einen strengen Verweis erhielten.Karl August Varnhagen von Ense: Tagebücher. Brockhaus, Leipzig 1861, Bd. 1, S. 358. Bruno Bauer, seit 1839 Privatdozent an der Universität Bonn, sei aus seinem Lehramte zu entfernen. Weitere Maßnahmen folgten: Rudolf Wentzel verlor seine Stelle. In einer Eingabe verwendeten sich Eichler, Köppen, Meyen, Mügge, Rutenberg und Zabel für ihn.Helmut Hirsch: Die Berliner Welcker-Kundgebung. Zur Frühgeschichte der Volksdemonstrationen. In: Archiv für Sozialgeschichte, Jg. 1 (1961), S. 27–42, hier S. 39–41. Karl Friedrich Köppen wurde verwarnt und eine dreimonatige polizeiliche Überwachung über ihn verhängt.Helmut Hirsch: Karl Friedrich Köppen. Der intimste Berlin Freund Marxens. In: Ders.: Denker und Kämpfer. Gesammelte Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 1955, S. 19–81, hier S. 49. Insgesamt wurden drei Teilnehmer der Welcker-Serenade „unter polizeiliche Aufsicht“ gestellt.Ernst Dronke: Berlin. Literarische Anstalt, Frankfurt am Main 1846, Bd. 1, S. 213. Wilhelm Cornelius musste Berlin verlassen.Helmut Hirsch: Die Berliner Welcker-Kundgebung. Zur Frühgeschichte der Volksdemonstrationen. In: Archiv für Sozialgeschichte, Jg. 1 (1961), S. 27–42, hier S. 38.