Membranopipe (englisch, „Membran-Blasinstrument“), auch membrane aerophone, membrano-reed, membraerophone, membranohorn, membrane reed, ist ein Aerophon, dessen Ton mit einer schwingenden Membran erzeugt wird. Die Membran überdeckt im Ruhezustand eine Öffnung und versetzt, durch Blasluft aus einer inneren Röhre periodisch angehoben, die Luft in einer äußeren Röhre in Schwingung. Die Membranopipe, für die sich noch kein deutscher Name etabliert hat, ist mit ihrer besonderen Art der Tonerzeugung nicht in der ursprünglichen Hornbostel-Sachs-Systematik klassifiziert. In einer durch das MIMO revidierten Fassung von 2011 wurde der Membranopipe die neue Blasinstrumenten-Gruppe (424) zugeteilt.
Bauform Bei der Membranopipe wird der Luftstrom durch eine Membran periodisch unterbrochen und dadurch in Schwingungen versetzt. Das Blasinstrument besteht aus einem Hohlraum mit einer Einblasöffnung und einer zweiten Öffnung, die durch eine ringsum an der Öffnung anliegende Membran aus Gummi oder Kunststoff im Ruhezustand verschlossen ist. Durch den Blasdruck wird die Membran an mindestens einer Stelle angehoben und lässt etwas Luft entweichen, worauf der Luftdruck im Innern nachlässt und sich die Membran wieder dicht über die Öffnung legt. Dieser Vorgang wiederholt sich beim Einblasen periodisch und führt ähnlich wie bei Rohrblattinstrumenten zu einer der Schwingungsfrequenz entsprechenden Tonbildung. Deren Höhe und Qualität wird nicht an erster Stelle durch die Art der Membran, sondern durch die Größe und Form der Luftkammer bedingt. Durch eine größere Membranspannung kann der Ton lediglich um etwa eine kleine Terz erhöht werden. Manche Membranopipes haben Fingerlöcher, um die Tonhöhe zu beeinflussen.
Moderne einfache Klangerzeuger aus einer PVC-Röhre mit einer Plastikfolienmembran, die hauptsächlich als Kinderspielzeug verwendet werden, gelangten mutmaßlich Mitte der 1970er Jahre auf den Markt.Edmond T. Johnson, 2014, S. 442 Der amerikanische Musikinstrumentenentwickler Bart Hopkin dokumentierte als erster Kunststoff-Membranopipes, die er in den 1990er Jahren in Indonesien als von Straßenhändlern verkauftes Kinderspielzeug gefunden hatte. Ein in China hergestellter Typ, der 2011 in den Vereinigten Staaten für die Roderic C. Knight Musical Instrument Collection im Oberlin College Conservatory of Music in Ohio erworben wurde, sieht aus wie eine kleine Vuvuzela. Zur Tonerzeugung dient ein doppelwandiges Gefäß, in das der Spieler über ein seitliches Röhrchen einbläst. Die einströmende Luft gelangt in eine äußere Kammer und drückt gegen eine Membran, die über die Stirnseite eines in der Mitte befindlichen Zylinders gespannt ist. Sie hebt diese Membran an und entweicht über den inneren Zylinder in einen Schalltrichter. Dieses Geräuschinstrument hat eine Gesamtlänge von 28,5 Zentimetern, einen Durchmesser der Membrankammer von 5 Zentimetern und einen Trichterdurchmesser am Ende von 8,5 Zentimetern. Die Tonhöhe kann durch unterschiedlichen Blasdruck deutlich verändert werden.Sonic blast horn. The Roderic C. Knight Musical Instrument Collection
Zum Selberbau für Kinder unter Anleitung und für Jugendliche beschreibt Bart Hopkin verschiedene Möglichkeiten, aus zwei ineinandergeschobenen Pappröhren mit einer an einem Ende übergezogenen Membran, die durch ein Gummiband gesichert ist, eine Membranopipe herzustellen. Die Pappröhre wird durch ein kleines Loch in der Seite nahe der Membran angeblasen. Eine andere Variante besteht aus einer Bambusröhre mit vier Fingerlöchern und eine weitere aus einem PVC-Rohr aus dem Sanitärbereich mit ebenfalls vier Fingerlöchern. In dieses wird über den Abzweig eines T-Stücks aus PVC Luft eingeblasen. An einem geraden Ende des T-Stücks steckt die Röhre und das andere Ende ist mit der Membran verschlossen.Bart Hopkin: Making Musical Instruments with Kids: 67 Easy Projects for Adults Working with Children. See Sharp Press, Tucson 2009, ISBN 978-1884365485 Es gibt beliebig weitere, einfache Möglichkeiten, einen solchen Klangerzeuger selbst zu bauen.World's Loudest Homemade Air Horn! Youtube-Video (Herstellung einer Membranopipe aus einer Filmdose und einem Trinkhalm)
Auf dieser Basis entwickelte Fran Holland, ein Spezialist für Kindermusikinstrumente, aus acht unterschiedlich gestimmten Membranopipes, für die er den Namen membraerophone einführte, eine „Ballon-Orgel“. Die doppelwandigen Gefäße für die Tonerzeugung bestehen aus Kupferfittings, die in einer Reihe montiert sind und über Ventile selektiv mit Luft versorgt werden. Die Blasluft wird mit einem fußbetriebenen Blasebalg erzeugt, wie er für Luftmatratzen verwendet wird, und durch einen seitlich angeschlossenen Luftballon nach dem Prinzip einer Sackpfeife konstant gehalten.Fran and His Balloon Organ. Youtube-Video
Klassifizierung und Verbreitung mini|Diaphon Die Hornbostel-Sachs-Systematik klassifiziert die eigentlichen Blasinstrumente (42) in die drei Kategorien: (421) Flöten, bei denen der Luftstrom auf eine Schneide trifft, die entweder der scharfe Rand des Einblaslochs (Flöten ohne Kernspalte) oder eine Kernspalte (Kernspaltflöten) sein kann, (422) Blasinstrumente mit einer schwingenden Zunge, die entweder frei gegeneinander schlagen (Doppelrohrblattinstrument), eine aufschlagende Zunge (Einfachrohrblattinstrument) oder eine durch eine Öffnung durchschlagende Zunge besitzen, und (423) Blechblasinstrumente, bei denen die vibrierenden Lippen des Bläsers die Luft in Schwingung versetzen.
Die tonerzeugende Membran bei der Membranopipe übernimmt die Funktion der Rohrblätter oder Lamellen bei den Blasinstrumenten der Kategorie (422), unterscheidet sich jedoch grundlegend von diesen. Während bei Durchschlagzungeninstrumenten die Zungen frei zwischen einem Rahmen schwingen, lassen bei Rohrblattinstrumenten die Rohrblätter im Ruhezustand den Lufteinlass am Mundstück offen. Sie vibrieren unter einem Luftstrom gegeneinander, sodass beim Spiel die Öffnung periodisch geschlossen wird. Dagegen schließt die Membran der Membranopipe im Ruhezustand den Luftdurchlass und öffnet ihn erst unter Luftdruck. Dieses Prinzip wurde bereits von Curt Sachs von den anderen Tonerzeugungsmöglichkeiten bei Blasinstrumenten unterschieden und ist unter dem Stichwort „Ausschlagende Zunge“ in seinem Real-Lexikon der Musikinstrumente (Berlin 1913, S. 24b) beschrieben. Dort bezieht sich Sachs auf die von Robert Hope-Jones in den Orgelbau eingeführten Orgelpfeifen mit einem Diaphon. Dies ist eine Platte, die im Ruhezustand mittels Federkraft eine Öffnung geschlossen hält und sich bei einem Luftstrom abhebt. Die erste Orgel mit Diaphon-Pfeifen wurde 1896 für die Kathedrale von Worcester angefertigt. Sie haben sich im Orgelbau nicht durchgesetzt und wurden nur bei Kinoorgeln eingebaut, die Anfang des 20. Jahrhunderts bei Stummfilmen Musik und Klangeffekte beisteuerten. Heute wird die Tonerzeugung nach Hope-Jones noch in Diaphon genannten Nebelhörnern verwendet. Edward L. Stauff: Diaphone. In: Encyclopedia of Organ Stops Roderic Knight (2014) beschreibt zwei Membranopipes, die von der chinesischen Firma Ja-Ru hergestellt werden: Das Sonic Blast Horn mit einem 28 Zentimeter langen Plastikschalltrichter produziert den Ton f1 (349 Hz), während das Mega Blast Horn nur aus einem Mundstück besteht. Wird dieses um ein zylindrisches Rohr verlängert, entsteht ein klarinettenähnlicher Ton.Roderic Knight: The Membrano-Reed. A Discovery for the Twenty First Century. In: The Galpin Society Journal, Bd. 67, 2014, S. 235–238, 268f, 272f
Curt Sachs unterließ es, den „ausschlagenden Zungen“ der Orgelpfeifen in seiner Instrumentenklassizifierung von 1914 eine eigene Kategorie zuzuweisen, obwohl er diesen klassifikatorischen Begriff auch auf ein damals bekanntes Blasinstrument mit einer Membran anwandte: das ippaki-ni der Ainu. Die Ureinwohner im Norden Japans unterscheiden sich nicht nur durch ihre isolierte Sprache (Ainu), sondern auch in ihrer Musik grundsätzlich von der japanischen Mehrheitsgesellschaft. Ihre beliebtesten Musikinstrumente sind die fünfsaitige Schalenzither tonkori und die Bambusrahmenmaultrommel mukkuri. Ferner gibt es noch die einfellige Schamanentrommel kačo. Wesentlicher ist die Vokalmusik, die mit religiös-magischen Ritualen verbunden ist. In Gesängen und Tänzen werden Erlebnisse bei der Jagd und beim Fischfang beschrieben. Beides bildet ihre auf Subsistenz basierende Lebensgrundlage. Zur Ritualmusik gehört das Ausstoßen bestimmter Tierlaute. Der Höhepunkt der traditionellen Kultur ist das große Bärenopfer-Ritual.Kazuyuki Tanimoto: Japan. VIII: Regional traditions. 2. Ainu. In: Grove Music Online, 2001
Die Ainu verwendeten das ippaki-ni als Tierruf.Deer call (ippaki ni). Community of American Ainu (Foto) Es besteht aus einem flachen Holzstück mit einem Anblasstutzen an einer Seite und einer durchgängigen Bohrung. Die andere Seite mit der Austrittsöffnung der Bohrung wird durch eine breite Kante gebildet. Eine über das Holzstück gezogene Tierhaut ist an drei Seiten befestigt. Wird in das Holz hineingeblasen, entweicht die Luft unter der Haut. Dadurch „schwingt die Haut als ausschlagende Zunge“, wie Sachs im Real-Lexikon der Musikinstrumente schreibt.Curt Sachs: Real-Lexikon der Musikinstrumente zugleich ein Polyglossar für das gesamte Instrumentengebiet. Julius Bard, Berlin 1913, S. 197a, Stichwort: Ippaki-ni (bei Internet Archive)
Der europäischen Fachwelt wurde das ippaki-ni schon 1902 durch Francis W. Galpin in einer Abhandlung über die Blasinstrumente der Indianer der amerikanischen Nordwestküste bekannt gemacht. Dessen Beschreibung übernahm Sachs in seinem Real-Lexikon. Galpin erwähnt das ippaki-ni als Entsprechung zu einer Gruppe von Blasinstrumenten der Indianer British Columbias, die er nach ihrer Tonproduktion als retreating reeds („zurückweichende/nachgebende Rohrblätter“) klassifiziert und gibt an, diesen Begriff von Hope-Jones übernommen zu haben, der so die Funktionsweise seiner Diaphon-Pfeifen bezeichnete. Retreating reeds entspricht der „ausschlagenden Zunge“ bei Curt Sachs. Das wesentliche Unterscheidungskriterium der Rohrblattinstrumente gegenüber den retreating reeds ist, so vermerkt Galpin, dass erstere im Ruhezustand etwas Abstand zueinander oder zum Mundstück haben und der Abstand beim Spiel periodisch geschlossen wird (primäre Aktion: schließen), während letztere umgekehrt im Ruhezustand geschlossen sind und sich beim Spiel periodisch öffnen (primäre Aktion: ausschlagen). Das bei den Bella Bella im 19. Jahrhundert gefundene Blasinstrument dieser Kategorie besteht aus einem Stück Zedernholz, das zunächst in der Form einer Turnkeule geschnitzt und dann längs gespalten wird. Das breitere Ende wird bei beiden Hälften löffelförmig am breiten Ende und zu einer engen Rinne am „Löffelstiel“ ausgehöhlt. Die aufeinander gelegten Hälften werden nur am schmalen Ende mit Pflanzenfasern umwickelt. Wenn der Spieler durch die dünne Röhre hineinbläst, vibrieren die freien, breiten Enden auseinander und ein rauer Ton entsteht. Mit Daumen und Zeigefinger kann das Instrument seitlich an unterschiedlichen Positionen gehalten werden, um die Länge der freischwingenden Teile und damit die Tonhöhe zu verändern. Von den Haida und Tlingit werden ähnliche Blasinstrumente in Museen aufbewahrt. Im Pitt Rivers Museum in Oxford befindet sich die einfachste Form dieses Instrumententyps: ein aus Marokko stammendes Stück Pflanzenrohr aus dem 19. Jahrhundert, das an einem Ende offen und am anderen Ende durch einen Fruchtknoten verschlossen ist. Das Fruchtknotenende wurde auf einer gewissen Länge aufgeschlitzt. Der Spieler bläst durch die Öffnung hinein und bringt so die beiden Fruchtknotenhälften dazu, gegeneinander zu schlagen.Francis W. Galpin: The Whistles and Reed Instruments of the American Indians of the North-West Coast. In: Proceedings of the Musical Association, 29th Session, 1902–1903, S. 115–138, hier S. 127–129