Roussolakkos ( , auch ) ist die Bezeichnung der Ausgrabungsstätte einer minoischen Stadt in der Gemeinde Sitia im Osten der griechischen Insel Kreta. Sie befindet sich auf etwa 10 Metern Höhe ungefähr 250 Meter südwestlich des Strandes Chiona () an der Ostküste Kretas am Levantischen Meer. Wegen der Nähe zum 1,5 Kilometer westlich gelegenen Ort Palekastro ist die Ausgrabungsstätte in Veröffentlichungen auch unter dem Namen Palaikastro bekannt.

Lage mini|links| Roussolakkos, die „rote Grube“, ist nach dem rötlich gefärbten feinen und undurchlässigen Mergelsandstein der kleinen Senke um die Ausgrabungsstätte benannt. Die minoische Stadt bedeckte eine Fläche von etwa 600 × 600 Metern, von der eine Fläche von ungefähr 10.000 m² ausgegraben ist, teilweise aber wieder verfüllt wurde. Sie lag in der Vergangenheit direkt am Strand, ist heute jedoch durch alluviale Ablagerungen über 200 Meter von der Küste entfernt.

In der Umgebung der Ausgrabungsstätte gibt es Weideland, aber auch Olivenplantagen und Weinanbau. Nördlich von Roussolakkos liegt der 700 Meter entfernte 89,79 Meter hohe Hügel Kastri (), 1,5 Kilometer südlich der Gipfel des 254,75 Meter hohen Petsofas (). Die Nord-Süd-Ausrichtung der Küstenebene um Palekastro, unterbrochen durch den Kastri direkt an der Küste, beträgt etwa 5 Kilometer, nach Westen in Richtung zum 15 Kilometer entfernten Sitia steigt sie entlang der Straße nur geringfügig an. Das Kap Sideros ( oder ), die Nordostspitze Kretas, liegt 14 Kilometer nördlich von Roussolakkos. Die Ausgrabungsstätte des minoischen Palastes von Zakros befindet sich 11 Kilometer südlich, die des Palastes von Petras 14,5 Kilometer im Westen.

Geschichte Minoische Zeit mini| Das Gebiet an der Küste nahe Palekastro war bereits am Ende der Jungsteinzeit, der sogenannten Kupfersteinzeit, besiedelt. Erste Funde einer kleineren Streusiedlung stammen aus der frühminoischen Zeit FM I B / II A nach 2900 v. Chr., aus der ein Gebäude am Hügel Kastri und zwei Gebäude in Roussolakkos lokalisiert wurden. Schon während der ersten Ausgrabungen Anfang des 20. Jahrhunderts entdeckte man in der näheren Umgebung frühminoische Gräber und Ostotheken (Larnakes). Ein großes Gebäude aus der Phase FM II B unter Block Χ der Ausgrabungsstätte ähnelt Bauten derselben Zeit in Vassiliki, Myrtos, Knossos, Tylissos und Phaistos. Den Phasen frühminoisch FM III und mittelminoisch MM I A können keine Gebäude mit Sicherheit zugeordnet werden, obwohl entsprechende Keramikfunde bekannt sind.

In der Zeit MM I B / MM II A ab etwa 2000 v. Chr. entwickelte sich die vorpalastzeitliche Siedlung zu einer planmäßig angelegten Stadt. Gleichzeitig wurde das Gipfelheiligtum Petsophas südlich von Roussolakkos gegründet. Um 1900 v. Chr., in der Altpalastzeit, bestanden Kontakte über das Meer nach Kleinasien und Ägypten. Nach einem Erdbeben um 1760 v. Chr. am Ende von MM III A wurde die Stadt zu Beginn der Neupalastzeit in MM III B wieder aufgebaut. Sie erhielt nun ein gepflastertes Straßensystem mit Entwässerungskanälen. Vom Ende dieser Periode gibt es erneut Hinweise auf Erdbebenschäden, die die Stadt um 1570 v. Chr. betrafen.

mini| Aus dem Zeitraum von der mittelminoischen Phase MM III B bis in die spätminoische Phase SM I B stammen die meisten Gebäudereste in Roussolakkos. Sie bestehen aus lokalem Sideropetra (kristallinem Kalkstein) und Konglomerat sowie Sandstein für Türpfosten und Quadermauerwerk. Zur Pflasterung der Straßen und der Böden in den Häusern wurden purpurner und blaugrüner Schiefer verwendet. Das Gebäude 1 ganz im Norden der Ausgrabungsstätte war in SM I A das erste, dessen vier Außenwände als Quadermauerwerk errichtet wurden. Gegen Ende von SM I A um 1500 v. Chr. bedeckte eine sieben Zentimeter starke vulkanische Ascheschicht des Thera-Ausbruchs die Region und ein oder mehrere mindestens neun Meter hohe Tsunamis überschwemmten die Ebene von Palekastro. Die Gebäude von Roussolakkos wurden dabei fast bis auf die Grundmauern zerstört.

mini|links|hochkant| Beim Wiederaufbau in SM I B von etwa 1490 bis 1460/40 v. Chr. entstanden planmäßig breite Straßen, große Stadtblöcke und Bauten mit durch Vor- und Rücksprünge gegliederte Quaderfassaden, wie die Gebäude 1, 2, 4 und 5 im Nordsektor. Die zum Teil zweigeschossigen Häuser besaßen Peristylhöfe, große Haupträume, Kultbassins, Brunnen und Zisternen, Hausheiligtümer mit geweihten Doppelhörnern aus Alabaster und viele Magazine. Funde von reich dekorierten Töpferwaren, Steinvasen und Tafeln mit Linearschrift A deuten auf die Nutzung durch reiche Händler. Andere Bereiche der Stadt, wie die Gebäude 2 und 6, blieben Ruinen. In der Zeit von 1460 bis 1440 v. Chr. gab es eine Reihe von Zerstörungen durch Brände, die wahrscheinlich auf feindliche Überfälle auf die Stadt zurückzuführen sind. Aus dem letzten dieser Zerstörungshorizonte in SM I B stammen reichhaltige und gut gearbeitete Fundstücke, unter ihnen der Kouros von Palaikastro, ein Meisterwerk der minoischen Handwerkskunst, das in mehrere Einzelteile zerbrochen in und neben dem Gebäude 5 der Ausgrabungsstätte entdeckt wurde.

mini| Die im Gegensatz zu anderen Siedlungen in Ostkreta in den Phasen SM II und SM III A1 um 1440 bis 1400 v. Chr. zu großen Teilen wiedererrichtete Stadt, oft auf dem alten Grundriss, erlitt in der frühen Zeit von SM III A2 zwischen 1400 und 1320 v. Chr. erneut Zerstörungen durch Brände, möglicherweise zeitgleich mit der endgültigen Zerstörung von Knossos. Dem anschließenden umfassenden Wiederaufbau in SM III A2 und SM III B folgte die Zerstörung durch ein Erdbeben in der Mitte von SM III B um 1250 v. Chr. und das Verlassen der Stadt durch die Bewohner. Nach ihrer Aufgabe beschränkte sich die Besiedlung des Gebietes in der Phase SM III C von 1200 bis 1100 v. Chr. auf eine kleine Zufluchtsstätte auf dem nur von Süden zugänglichen, etwa 180 Meter langen und 15 bis 30 Meter breiten Plateau des Kastri nördlich der Ausgrabungsstätte. Ob es sich dabei um eine Nachfolgesiedlung der Einwohner von Roussolakkos, neu zugereiste Siedler oder eine Burg von Piraten handelte, die von hier aus ihre Raubzüge ausführten, ist ungeklärt.

Griechisch-römische Zeit mini|links|hochkant| Von der geometrischen bis in die römische Zeit, vom 8. Jahrhundert v. Chr. bis zum 4. Jahrhundert n. Chr., befand sich oberhalb des Blocks Χ der Ausgrabungsstätte ein Heiligtum, von dem Ende Mai 1904 in einer Grube nahe dem Block vier Fragmente einer Kalksteinstele mit einer Inschrift gefunden wurden. Sie ist unter der Bezeichnung Hymnus an den diktäischen Zeus oder Hymnus der Koureten bekannt. Die Inschrift auf der beidseitig beschriebenen Stele stammt vom Anfang des 3. Jahrhunderts n. Chr., der Text nach dem glatten Metrum zu urteilen jedoch aus der hellenistischen Zeit des späten 4. oder frühen 3. Jahrhunderts v. Chr., basierend auf älteren Vorstellungen und Riten. In dem Hymnus wird der junge Zeus als „größter Kouros“, der Herden, Felder, Schiffe, Städte und Jungbürger „bespringt“, angerufen, als allmächtiger Herrscher an der Spitze der Dämonen nach Dikta zurückzukehren und sich über den Hymnus zu erfreuen. Vermutlich war das Heiligtum, das durch die Inschrift dem Gott zugeordnet werden konnte, das Zentrum von Heleia (Ἥλεια), auch Eleia (Ἑλεία), einer Stadt oder einem Gebiet der Eteokreter, die entsprechend Inschriften und der Überlieferung durch Strabon (10.4.6) den Kult des diktäischen Zeus beibehalten hatten.

mini| mini| Im etwa um 900 v. Chr. gegründeten, zunächst nicht überdachten Heiligtum für den jungen Gott der Fruchtbarkeit wurde jährlich ein Fest der Wiedergeburt der Natur gefeiert, bei dem vor dem herbeigebetenen Zeus die Initiation von Jungbürgern erfolgte. Funde bronzener Reliefschilde, Lebetes, Waffen und vieler Gefäße zeugen von reichen Weihgaben. In späterer Zeit (550 bis 150 v. Chr.) wurde am Standort des Heiligtums ein Tempel errichtet. Aufgefundene Kelche, Lampen und Fackeln belegen, dass im Kult der nachts vollzogenen Zeremonien Wein konsumiert wurde. Der Tempel entwickelte sich vom lokalen Kultort zu einem überregionalen religiösen Mittelpunkt Ostkretas, dessen Verwaltung die Poleis Itanos, Praisos und Hierapytna wechselseitig für sich beanspruchten.

Zunächst konnten sich die Itanier unter dem Schutz des ägyptischen Königs Ptolemaios VI. Philometor gegen die Praisier behaupten. Nach dem Tod des Königs 145 v. Chr., dem Rückzug der ägyptischen Truppen aus Itanos und der Zerstörung von Praisos durch die Hierapytnier kam es zum Krieg zwischen Itanos und Hierapytna um die Insel Leuke und das an den Zeustempel grenzende Heleia. Die offenbar militärisch unterlegenen Itanier forderten ein Eingreifen des römischen Senats. Dieser sah nach der Beendigung des Krieges 141 v. Chr., vermittelt durch eine römische Gesandtschaft unter dem ehemaligen Konsuln Servius Sulpicius Galba, im Jahr 140 v. Chr. vor, dass sich ein auswärtiges Schiedsgericht mit den Ansprüchen der Hierapytnier befassen solle.

mini|links|hochkant| Der Konsul C. Laelius Sapiens beauftragte Magnesia am Mäander mit dem Schiedsspruch, der 132 v. Chr. zugunsten Itanos’ ausfiel und von dem antike Inschriftenteile in die Fassade des Klosters Toplou verbaut zu sehen sind. Hierapytna scheint jedoch in der Folgezeit die Herrschaft über das umstrittene Gebiet ausgeübt zu haben. In verschiedene kretische Lager eingebunden, Itanos im Bündnis mit Lato und Knossos, Hierapytna mit Olous und Gortyn, kam es um 121 v. Chr. zu weiteren Kämpfen um die Grenzgebiete. Hierapytna errichtete unterdessen ein Dorf in dem umstrittenen Gebiet, bei dem es sich nie um das exterritoriale des Tempels selbst, sondern um das angrenzende Land handelte.

Nach einem erneuten Krieg 115 bis 114 v. Chr., der von Itanos in einer vermutlichen Schwächephase Hierapytnas begonnen wurde, und wiederholten Vermittlungsversuchen der Römer bestimmte Konsul L. Calpurnius Piso Caesoninus 112 v. Chr. wiederum die Magneten ein Urteil in der Grenzfrage zu fällen, das die frühere Entscheidung zugunsten von Itanos bestätigte. Anschließend legten Kommissionen milesischer und möglicherweise auch römischer Horothetai die Grenzziehung zwischen beiden Poleis fest, der der Abschluss eines Bündnis- und Isopolitieabkommens zwischen Itanos und Hierapytna folgte. Nach Diodor war die Siedlung am Tempel des diktäischen Zeus im 1. Jahrhundert v. Chr. nicht mehr bewohnt. Auch nach der vollständigen römischen Eroberung Kretas 67 v. Chr. entstand keine größere Ansiedlung in dem Gebiet, obwohl das Heiligtum weiter in Gebrauch war. Anscheinend wurde der Tempel Ende des 4. Jahrhunderts n. Chr. von fanatischen Christen geplündert und zerstört. Vom Zeus-Heiligtum blieben neben der Hymneninschrift nur die Tonsima des Tempels mit der Reliefdarstellung von Kriegern zu Wagen und zu Fuß und ein Reliefbruchstück aus Ton wahrscheinlich vom Giebel des Gebäudes, das bis in die Neuzeit den Bauern von Palekastro als Steinbruch diente.

Forschungsgeschichte Bereits Thomas A. B. Spratt erwähnte in seinem 1865 erschienenen Buch Travels and Researches in Crete im ersten Band „phönizische“ Terrakotten, die er Anfang der 1850er Jahre bei Palekastro sah. Dabei könnte es sich um die beiden verzierten Terrakottaplatten handeln, die ein Händler in den frühen 1880er Jahren in einem Stall entdeckte und ordnungsgemäß meldete. Sie wurden von der Sylloge in Candia, dem späteren archäologischen Museum in Iraklio, erworben und ein Teil 1892 von Federico Halbherr nach seinem Besuch von Palekastro als Skizze publiziert. Halbherr war sich nicht sicher, ob die Platten von Sarkophagen stammten oder zu einem Gebäudefries gehörten. Im Oktober 1899 wurden 150 Meter nordwestlich des Ortes Palekastro zwei Gussformen für minoische Kultfiguren und Symbole gefunden, von denen Stefanos Xanthoudidis Gipsabgüsse fertigte und die Fotos im März 1900 in Verbindung mit einer Beschreibung und Bewertung veröffentlichte.

Ausgrabungen 1902 bis 1906 mini| mini| mini|