mini|Schrill klingende zumari auf Sansibar. Nzumari, auch zomari, zumari, nzomari, ndzumari, nzumara, ndhumari, somari, ist ein konisches Doppelrohrblattinstrument aus Holz oder Horn und Metall mit vier bis sechs Fingerlöchern, das in mehreren, von Arabisch zamr, mizmār, abgeleiteten Aussprachevarianten an der ostafrikanischen Küste von Südsomalia entlang der Küste Kenias (nzumari) über Sansibar (zomari) bis zu den Komoren (mzumara) verbreitet ist. Andere Namen für diesen im gesamten Orient vorkommenden Kegeloboentyp sind bungo bei den Giriama im Norden Kenias und anjomara oder kabiry an der Nordwestküste Madagaskars. Typologisch verwandt ist die zur islamischen Kultur Nordafrikas gehörende algaita. In Ostafrika ging die Verbreitung der Kegeloboe vermutlich von der Insel Lamu und von einigen, zu den Mijikenda gehörenden Ethnien an der kenianischen Küste aus.

Herkunft mini|hochkant|Die zūrnā in Algerien gehört zum einteiligen orientalischen Kegeloboentyp surnay. Die Swahili-Kultur an der ostafrikanischen Küste entstand gegen Ende des 1. Jahrtausends mit einigen Stadtgründungen in einem Gebiet von bantusprachigen Gruppen. Ab dem 8. Jahrhundert sind arabische Handelsniederlassungen und eine beginnende Islamisierung der Küstenorte archäologisch nachweisbar. In den folgenden Jahrhunderten begann die erste Blütezeit von Sansibar, Lamu, Kilwa und anderen Küstenstädten. Bereits gegen Ende des 1. Jahrtausends dürfte es Handelskontakte vom Malaiischen Archipel und Indien über den Indischen Ozean zur ostafrikanischen Küste und an dieser entlang nach Süden bis Madagaskar gegeben haben.Dagmar Bechtloff: Madagaskar und die Missionare. Technisch-zivilisatorische Transfers in der Früh- und Endphase europäischer Expansionsbestrebungen. Franz Steiner, Stuttgart 2002, S. 66f Unter der Herrschaft des Sultans von Oman war Sansibar vom 17. bis zum 19. Jahrhundert der Hauptumschlagsort des ostafrikanischen Sklavenhandels. Im 19. Jahrhundert gründeten arabische Händler und Swahili im Landesinnern entlang der Verkehrswege des überregionalen Karawanenhandels einige Siedlungen wie Tabora und Ujiji in Tansania sowie Kisangani im Kongo.

Durch die Jahrhunderte alten Handelskontakte sind in der Musik der Swahili afrikanische, arabische und seit dem 20. Jahrhundert auch indische Einflüsse erkennbar. Die Blasinstrumente lassen sich grob in quer geblasene Naturhörner afrikanischer Herkunft, arabisch-persische Flöten und europäische Trompeten einteilen. Letztere heißen auf Kiswahili tarumbeta und werden in der Prozessionsmusik bei Feiern gespielt. Zur Gruppe der afrikanischen Blasinstrumente gehört das quer geblasene Antilopenhorn baragumu, das im südlichen Afrika als phalaphala bekannt ist, im 19. Jahrhundert bei der Swahili als Kriegshorn verwendet wurde und allgemein zeremoniell für den Ruf zu Versammlungen eingesetzt wird.Gerhard Kubik: Ostafrika. Musikgeschichte in Bildern. Band 1: Musikethnologie, Lieferung 10. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1982, S. 24 Das bedeutendste Zeremonialhorn war das lange, aus Elfenbein bestehende siwa, das zu den Insignien des Herrschers gehörte. Von den wenigen Querflöten könnte die ungewöhnliche ludaya der Bagisu im Osten Ugandas eine regionale Entwicklung sein, während die an der kenianischen Küste vorkommende Querflöte chivoti Ähnlichkeiten mit der indischen bansuri aufweist. Ebenso unklar ist die Zuordnung der östlich des Victoriasees von Rinderhirten der Kuria gespielten ibirongwe.Roger Blench: The worldwide distribution of the transverse flute. Draft, 15. Oktober 2009, S. 13

Manche Flöten in Ostafrika könnten regionale Schöpfungen sein, andere sind wahrscheinlich vorderasiatischen Ursprungs, etwa die offene Längsflöte nai oder semaa an der tansanischen Küste, die von der im islamischen Orient weit verbreiteten nay abstammt.Timkehet Teffera, 2009, S. 32, 271 Die nay ist, im Unterschied zu den in diesen Bereich der Volksmusik gehörenden Flöte schabbaba, ein Instrument der klassischen Musik und kann auch im islamisch-religiösen Kontext eingesetzt werden. Hierdurch unterscheiden sich nay oder nai von der ebenfalls im gesamten Orient verbreiteten Kegeloboe, zu welcher die ostafrikanische nzumari gehört. Die orientalischen Kegeloboen gelten für die religiöse Musik als unrein und wegen ihres lauten, durchdringenden Klangs für die höfische Kammermusik als ungeeignet. Sie werden allgemein für die freudige Musik bei Festveranstaltungen im Freien verwendet, üblicherweise im Zusammenspiel mit der zweifelligen Zylindertrommel davul (auf dem Balkan tapan).

Etymologie Kiswahili nzumari ist von den Namen arabischer Blasinstrumente mit Einfach- oder Doppelrohrblatt abgeleitet, darunter mizmār für allgemein „Holzblasinstrument“ oder im Besonderen für eine ägyptische Kegeloboe und zummāra für eine gedoppelte Rohrpfeife. Die zugrundeliegende arabische Konsonantenwurzel z-m-r steht nicht spezifisch für Blasinstrument, sie kann auch im Wort für ein Saiteninstrument vorkommen und bezeichnet zunächst „singen“, die Lautäußerung der menschlichen Stimme einschließlich des Einatmen- und Ausatmen-Vorgangs. In zummāra ist die Bedeutung „Schlund, Kehle, Luftröhre“ enthalten und diese führt über das Blasen der aus einem Lederschlauch gefertigten Sackpfeife (zummāra al-qirba) zur Assoziation vom Schrei eines Esels. Auch Latein sum(m)arius („Saumtier“) steht mit z-m-r in Beziehung.Hans Engel: Die Stellung des Musikers im arabisch-islamischen Raum. Verlag für systematische Musikwissenschaft, Bonn 1987, S. 132 Das Wortumfeld (zamara, zimāra) bedeutet im Arabischen „in ein Rohrblattinstrument blasen“, „ein Rohrblattinstrument spielen“.Martin Vogel: Onos Lyras. Der Esel mit der Leier. (Orpheus-Schriftenreihe 16) Band 1. Verlag der Gesellschaft zur Förderung der systematischen Musikwissenschaft, Düsseldorf 1973, S. 340f

Ein Musikinstrument wird allgemein nach afrikanischem Verständnis nicht „gespielt“ und ein Blasinstrument nicht „geblasen“, weil das für die Tätigkeit des Musizierens verwendete Verb häufig zum Wortumfeld „schlagen“ oder „singen“ gehört. Im Kiswahili werden nicht nur Xylophone „geschlagen“, etwa kupiga mbila („ein Xylophon oder Lamellophon spielen“), sondern auch Blasinstrumente, weshalb es kupiga tarumbeta („Trompete spielen“, wörtlich „Trompete schlagen“) und entsprechend kupiga nzumari heißt. Im Süden von Malawi sagt man dagegen kuyimba bangwe („Zither spielen“, wörtlich „eine Zither singen“).Gerhard Kubik: Einige Grundbegriffe und -konzepte der afrikanischen Musikforschung. In: Ders.: Zum Verstehen afrikanischer Musik. Lit, Wien 2004, S. 64–66

Verbreitung mini|Algaita im Norden Kameruns. Musikalisch gehören die konischen Doppelrohrblattinstrumente an der ostafrikanischen Küste zur Gruppe der arabisch-persischen surnay und der türkischen zurna. Diese mit der Ausbreitung des Islams bis nach Ost- und Südostasien gelangten Blasinstrumente besitzen eine einteilige Spielröhre, deren zylindrische Form sich am unteren Ende konisch erweitert. Sprachlich hängt das Wortumfeld surnay, zu dem auch in Indien shehnai und in China suona gehören, nicht mit z-m-r zusammen, sondern geht auf arabisch-persisch nay für „Blasinstrumente“ zurück. Der surnay-Typ, der in der islamischen Zeit nach dem 7. Jahrhundert eingeführt wurde,Christian Poché, Razia Sultanova: Surnāy. In: Grove Music Online, 2001 verbreitete sich mit den Osmanen spätestens ab dem 14. Jahrhundert auch nach Europa, wo er auf dem Balkan erhalten geblieben ist. Ins subsaharanische Afrika gelangten Doppelrohrblattinstrumente vermutlich überwiegend ebenfalls aus dem orientalisch-islamischen Kulturraum, sie sind dort insgesamt jedoch selten und könnten teilweise auch aus vorislamischer Zeit stammen.Timkehet Teffera, 2009, S. 261

Typologisch stehen die nzumari den mehrteiligen Kegeloboen in Nordafrika näher, die aus einer konischen Spielröhre, einem aufgesetzten breiten Schallbecher und einem langen Metallmundstück mit Lippenstütze bestehen. Sie sind in der Sahelzone als algaita bekannt und bilden mit der zweifelligen Röhrentrommel ganga einen eigenen Ensembletyp, der für die zeremonielle Musik und Unterhaltungsmusik eingesetzt wird. Ein verwandtes Ensemble, das ausschließlich bei Zeremonien auftritt, besteht aus mehreren metallenen Langtrompeten kakaki, mehreren algaita und ganga-Trommeln. Die algaita wurde mit der islamischen Expansion über Nordafrika verbreitet und gelangte über die Iberische Halbinsel nach Europa. Der von den einteiligen Kegeloboen zu unterscheidende (westliche) algaita-Typ kam folglich unabhängig und früher als der (östliche) surnay-Typ nach Afrika.Alfons Michael Dauer: Tradition afrikanischer Blasorchester und Entstehung des Jazz. (Beiträge zur Jazzforschung Bd. 7) Akademische Druck- und Verlagsanstalt, Graz 1985, S. 76f

Mit dem ostafrikanischen Karawanenhandel gelangten im 19. Jahrhundert einige Musikinstrumente von der Swahili-Küste ins Landesinnere. Träger der Sukuma und Nyamwezi brachten unter anderem nzumari, das Antilopenhorn barghuni und die Floßrassel kayamba in die an den Handelsrouten gelegenen Dörfer, wo sie selbst an den lokalen ngoma-Tanzfesten teilnahmen.Frank Gunderson: Music Performance on 19th-Century Sukuma-Nyamwezi Caravans to the Swahili Coast. In: African Music: Journal of the International Library of African Music, Bd. 8, Nr. 2, 2008, S. 6–25, hier S. 15, 17

Bauform und Spielweise Somalia Der nzumari-Kegeloboentyp ist an der ostafrikanischen Küste von Südsomalia bis nach Madagaskar verbreitet. Für Somalia wird auf den italienischen Ethnologen Vinigi Lorenzo Grottanelli (1947) verwiesen, der Kegeloboen bei den Gubahin fand, ehemaligen schwarzafrikanischen Sklaven der Somali, die das Instrument unter dem Swahilinamen parapanda kannten. Grottanelli erwähnt den Forschungsreisenden Nello Puccioni, der in den 1930er Jahren in der Gegend der südsomalischen Stadt Merka zwei Kegeloboen mit dem lokalen Namen simbar oder sombar fand und diese fälschlich als „Klarinetten-Trompeten“ bezeichnete. Grottanellis Ausführungen zielen darauf ab, für die Kegeloboen und andere Musikinstrumente einen südostasiatischen Ursprung nachzuweisen. Der damaligen Theorie des Diffusionismus folgend hielt er einen Verbreitungsweg der Kegeloboe von Westasien nach China, weiter nach Indonesien und von dort an die ostafrikanische Küste für möglich.Vinigi L. Grottanelli: Asiatic influences on Somali culture. In: Ethnos. Journal of Anthropology, Bd. 12, Nr. 4, 1947, S. 153–181, hier S. 174, 177

Lamu Auf der kleinen Insel Lamu vor der Küste Kenias steht die islamisch-religiöse Musik im Vordergrund. Die größte religiöse Zeremonie des Jahres ist maulidi, der Geburtstag des Propheten, bei der während Prozessionen mehrere Rahmentrommeln mit Schellenkranz (twari, Plural matwari) und kleine Zylindertrommeln (kigoma) zusammen verwendet werden. Eine weitere musikalische Form, die ebenfalls an maulidi praktiziert wird, ist der Gesangsvortrag samai (von arabisch samāʿ, „hören“), der außer den beiden Trommeln von der kurzen Längsflöte nai begleitet wird. Diese drei Instrumente sind für religiöse Anlässe reserviert. Die Kegeloboe zumari ya ntapa, kurz zumari wird auf Lamu in der Unterhaltungsmusik verwendet und begleitet hauptsächlich Tänze bei Hochzeitsfeiern. Bis in jüngste Zeit gehörte sie auch zu Besessenheitsritualen (pepo). George W. Senoga-Zake (1986) gibt an, die zumari sei von den somalischen Bajuni zuerst auf Lamu eingeführt und später von den Giriama und danach von anderen Ethnien an der kenianischen Küste übernommen worden.