Nowitschok ( „Neuling“, englische Transkription ) ist eine Gruppe stark wirksamer Nervengifte und ‑kampfstoffe der vierten Generation, die ab den 1970er Jahren in der Sowjetunion entwickelt und mindestens bis in die 1990er Jahre in Russland weiter erforscht wurden.Tucker: War of Nerves. 2006, S. 231–321.Stephanie Fitzpatrick: Novichok. In Eric A. Cody, James J. Wirtz, Jeffrey A. Larsen (Hrsg.): Weapons of Mass Destruction: An Encyclopedia of Worldwide Policy, Technology, and History. ABC Clio, Santa Barbara 2005, ISBN 1-85109-490-3, S. 201–202 (). Die mittlere letale Dosis von Nowitschok bei Hautkontakt liegt bei etwa einem Milligramm, womit es zu den stärksten Nervengiften zählt. Es handelt sich teilweise um binäre Kampfstoffe,Giftanschlag auf Ex-Spion: Fall Skripal – Moskau wehrt sich. In: Tagesschau. 13. März 2018. deren Existenz der Öffentlichkeit bis zum Oktober 1991 unbekannt war, die dann aber durch den beteiligten Wissenschaftler Wil Mirsajanow bekannt gemacht wurden. Die Kampfstoffe werden heute unter den weiter unten erläuterten Codenamen der sowjetischen und russischen Entwickler zitiert, wobei Nowitschok im engeren Sinn für die binären Kampfstoffvarianten verwendet wird. Über die chemische Struktur herrschte in der veröffentlichten Literatur lange Zeit Unklarheit, heute werden überwiegend die 2007 von Mirsajanow vorgeschlagenen Strukturen akzeptiert.

Im weiteren Sinn werden auch zahlreiche weitere hochtoxische, ebenso in Russland entwickelte Varianten als vom „Nowitschok“-Typ bezeichnet. Gemeinsam ist ihnen, dass sie die Acetylcholinesterase hemmen.M. Pohanka: Diagnoses of Pathological States Based on Acetylcholinesterase and Butyrylcholinesterase. In: Curr Med Chem. Band 27, Nr. 18, 2020, S. 2994–3011. PMID 30706778 Außerdem wurden sie entwickelt, um den Nachweisverfahren der Chemiewaffenkonvention (CWC), ausländischer Geheimdienste und forensischer Experten zu entgehen, so dass ihre Produktion als organische Phosphorverbindungen für die Landwirtschaft oder andere zivile Zwecke getarnt werden kann.

In einen breiteren Fokus der Öffentlichkeit rückte Nowitschok im März 2018 durch den Fall Skripal sowie im August 2020 durch den Fall Nawalny.

Geschichte Entwicklung Im Mai 1971 beschlossen der Ministerrat der UdSSR und das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei einen neuen Anlauf zur Schaffung von chemischen Waffen der vierten Generation. Chemische Waffen aus dem Ersten Weltkrieg wie Phosgen und Senfgas zählen zur ersten Generation, die G-Reihe gehört zur zweiten Generation und Gifte aus der V-Reihe bilden die dritte Generation. Das Ziel war die Herstellung einer neuen Klasse von Nervenkampfstoffen mit größerer Toxizität, Stabilität, Persistenz, und einfacherer Produktion. Dieses streng geheime Forschungs- und Entwicklungsprogramm erhielt den Tarnnamen „Foliant“. Mit dem Programm wurde das Staatliche Forschungsinstitut für Organische Chemie und Technologie (GosNIIOKhT in Moskau, Schosse Entusiastow 23, die dortige Abteilung benutzte auch den Tarnnamen Postfach 702) beauftragt, welches dem Ministerium für Chemische Industrie unterstand. Das Forschungsinstitut hatte seinen Hauptsitz in Moskau und betrieb zudem drei regionale Ableger in Schichany, Wolgograd und Nowotscheboksarsk.Tucker: War of Nerves. 2006, S. 231–232. In Wolgograd und Nowotscheboksarsk befanden sich die älteren Produktionsstätten für Nerven-Kampfstoffe in der Sowjetunion. Die älteste Anlage war in Wolgograd aus der Zeit nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Nowotscheboksarsk wurde für die Produktion von VR (R 33) 1972 eröffnet. 1974 brach dort in einer Lagerhalle ein Feuer aus, bei dem rund fünfzig mit R 33 gefüllte Fliegerbomben Leck schlugen. Es gab keine unmittelbaren Todesfälle, aber mehrere Arbeiter starben später an chronischen Folgen der Vergiftung.Tucker: War of Nerves. 2006, S. 231.

Nowitschok wurde 1973 vom Chemiker Pjotr Petrowitsch Kirpitschow entwickelt, der im Staatlichen Forschungsinstitut für Organische Chemie und Technologie in Schichany, Ortsteil Wolsk-17, arbeitete. Die Substanz wurde so konzipiert, dass sie sich mit den Methoden der damaligen Zeit nicht nachweisen ließ. Einige der Giftstoffvarianten werden als fünf- bis achtmal tödlicher als das Nervengift VX eingeschätzt und lassen sich insgesamt schlechter nachweisen als andere Nervengifte. Kirpitschow griff auf die Ideen anderer sowjetischer Militärchemiker zurück und synthetisierte einen stickstoffhaltigen phosphororganischen Nervenkampfstoff, der ursprünglich als K-84 bezeichnet und später in A-230 umbenannt wurde. Die chemische Verbindung war hochgradig giftig und stabil, militärisch bei niedrigen Temperaturen jedoch nur eingeschränkt einsetzbar, weil die zähe Flüssigkeit bei −10 °C kristallisierte. Das Labor stand damals unter der obersten Leitung von Iwan Martinow und dem stellvertretenden Leiter Viktor Petrunin, die sofort die Entwicklung forcierten und unter die oberste Geheimhaltungsstufe stellten. Ein weiterer Chemiker, Wladimir Iwanowitsch Ugljow, schloss sich 1975 Kirpitschows Forschungsgruppe an. In den darauffolgenden Jahren entwickelten Kirpitschow, Ugljow und ihre Kollegen über hundert Strukturvarianten von A-230 und testeten sie in Labor- und Feldexperimenten an Tieren. Die meisten Analoga waren so instabil, dass sie schnell an Wirksamkeit verloren, aber fünf waren ausreichend toxisch und stabil, um von potentiellem militärischem Interesse zu sein. Diese Verbindungen wurden daher intensiven Studien unterzogen, zunächst in Schichany und später in einer speziellen Testbasis des sowjetischen Militärs in der Nähe von Nukus, Usbekistan, die 1986 eingerichtet wurde und auch eine kleine Produktionsanlage hatte.Tucker: War of Nerves. 2006, S. 273. Als das meistversprechende Gift erwies sich A-232.Vadim J. Birstein: The perversion of knowledge: the true story of Soviet science. Westview, Boulder 2004, ISBN 0-8133-4280-5, S. 95 ().Hoenig: Compendium of Chemical Warfare Agents. S. 79: Hier werden mit Nowitschok-5, Nowitschok-7 u. a. dagegen die Komponenten bezeichnet, aus denen sich die A-Serie bildet, im Fall von A-232 ist das Nowitschok-5.

Ab 1983 trieb die Sowjetunion die Entwicklung binärer Kampfstoffe voran. Entsprechend wurden aus den unitären Verbindungen A-230, A-232 und A-234 binäre Nowitschok-Gifte entwickelt.Hoenig: Compendium of Chemical Warfare Agents. S. 79–88. Binäre Nervenkampfstoffe werden gewissermaßen in situ durch eine chemische Reaktion von zwei oder mehreren vergleichsweise ungefährlichen Substanzen miteinander gebildet. Da die Komponenten der binären Kampfstoffe weniger giftig waren und gewöhnlichen Industriechemikalien ähnelten, konnten sie den Listen der Chemiewaffenkonvention entgehen, die Ende der 1980er-Jahre gerade verhandelt wurde. In Moskau entwickelten Igor Wasiliew und Andrei Schelesnjakow eine binäre Version von A-232, die sie Nowitschok-5 nannten. Da Nowitschok-5 im Unterschied zum unitären A-232 erst bei der Anwendung synthetisiert wird und bis dahin in zwei Komponenten aufgeteilt ist, ist Nowitschok-5 stabiler und lässt sich länger lagern als die unitären Strukturvarianten. Die binären Vorläuferchemikalien hatten einen legitimen industriellen Verwendungszweck und waren relativ ungiftig. Bei der Produktion konnten sie unter dem Deckmantel von Düngemitteln und Pestiziden verschleiert werden.

Mitte der 1980er-Jahre wurde eine neue Anlage für Nervenkampfstoffe auf dem Gelände einer seit 1965 bestehenden Chemiefabrik für zivile Zwecke (Pavlovar-Fabrik) im Norden von Kasachstan am Fluss IrtyschGulbarshyn Bozheyeva: The Pavlovar Chemical Weapons Plant in Kazakhstan: History and Legacy. The Nonproliferation Review, Sommer 2000, S. 136. errichtet und Teile der Produktion von Nowotscheboksarsk dorthin verlegt, insbesondere für die Nowitschok-Kampfstoffe. Dies geschah in einem abgeschirmten Teil der Fabrik (Nr. 2 genannt). Es befanden sich dort Produktionsstätten für die Ausgangsstoffe der Nervenkampfstoffproduktion, insbesondere Phosphortrichlorid, und Zwischenprodukte und die Binärkomponenten von Kampfstoffen der Nowitschok-Reihe. Große Reaktoren aus korrosionsbeständigen Legierungen mit hohem Nickel-Anteil (Hastelloy) oder mit Innenauskleidung aus Silber wurden errichtet. Außerdem gab es Gebäude mit Versuchstieren für die Tests der Kampfstoffe. 1987 wurde der Bau der Anlage für die hochtoxischen Endprodukte gestoppt und die übrigen Anlagen in Nr. 2 bis 1992 für zivile Zwecke umgerüstet. In experimentellen Mengen wurden Nowitschok-Verbindungen schon zuvor in den älteren Fabriken in Wolgograd und Nowotscheboksarsk erzeugt. Als Chemiewaffenfabrik wurde Pavlovar bei der CWC 1989/90 nicht deklariert, auch nicht von Kasachstan. Die Phosphortrichlorid-Produktion blieb bestehen und bis 1992 wurden in der nunmehr zivilen Anlage Nr. 2 zum Beispiel Folitol-163 (CF2=CF–(CF2)7–O–CH2–CF2–CHF2) hergestellt, eine organische Fluor-Verbindung zum Schutz von Elektromotoren von Pumpen im Untergrund gegen Kontakt mit Ölen und Wasser bei hohen Temperaturen, Gidrel (verwendet zur Kontrolle von Pflanzenwachstum und eine organische Phosphorverbindung), Acrylate und IOMS, eine organische Phosphorverbindung, die breit genutzt wurde, um Salzbildung in Rohren zum Beispiel für die Wasserversorgung oder Wärmeaustausch zu verhindern. IOMS fiel nicht unter die bei der CWC deklarierten Substanzen (Schedule 2),OPCW, Chemical Weapons Convention, Annex of Chemicals, Schedule 2 da es mehr als ein Kohlenstoffatom am Phosphor besitzt, Gidrel mit nur einem C-Atom am Phosphor schon. In den 1990er-Jahren erfolgten Teilprivatisierungen, und die Fabrik kam in der Folge in finanzielle Schwierigkeiten, da auch die staatliche Unterstützung ausblieb, russische Konkurrenten billiger waren und man verteuertes Chlor aus Russland kaufen musste.

Im April 1987 erklärte der sowjetische Generalsekretär Michail Gorbatschow öffentlich, dass die Sowjetunion die Produktion chemischer Waffen einstellen und ihre bestehenden chemischen Militäreinrichtungen fortan auf zivile Zwecke umstellen werde. Trotz Gorbatschows Versprechen setzte die Sowjetunion die geheime Entwicklung und Erprobung der binären Nowitschok-Kampfstoffe fort. 1989 und 1990 fanden Freiluftversuche mit Nowitschok-5 am Ustjurt-Plateau statt. Auch nachdem das Programm Anfang der 1990er-Jahre bekannt geworden war, wurde die Nowitschok-Serie weiterentwickelt. Im Herbst 1993 entdeckte der Chemiker Georgi Droscht eine neue chemische Verbindung, die er als Nowitschok-7 bezeichnete und die zehnmal tödlicher war als Soman, aber eine ähnliche Volatilität hatte.Tucker: War of Nerves. 2006, S. 321. Mehrere Tonnen Nowitschok-7 wurden hergestellt und in Schichany und bei Nukus getestet. Zwei weitere binäre Nowitschok-Versionen, Nowitschok-8 und Nowitschok-9, wurden entwickelt und standen zur Produktion bereit.Tucker: War of Nerves. 2006, S. 273, 299, 321.

Usbekistan erfuhr erst nach seiner Unabhängigkeit aus der Sowjetunion vom Chemiewaffenprogramm. 1993 verließen die letzten russischen Wissenschaftler die Versuchsanlage in Nukus im Norden des Landes. Usbekistan verhandelte daraufhin mit den Vereinigten Staaten, um Hilfe beim Abbau und bei der Dekontamination zu erhalten. 1999 waren amerikanische Spezialisten daran beteiligt, die Anlage in Nukus zu dekontaminieren.Judith Miller: U.S. and Uzbeks Agree on Chemical Arms Plant Cleanup. In: The New York Times. 25. Mai 1999.

Enthüllung