mini|hochkant=1.5|Behelmte Demonstranten auf dem Weg zum Baugelände des Kernkraftwerks Grohnde

An den Protesten gegen den Bau des Kernkraftwerks Grohnde am 19. März 1977 bei Grohnde in Niedersachsen nahmen etwa 12.000 bis 15.000 (einige Quellen nennen 20.000) Demonstranten teil. Die Proteste waren im Wesentlichen durch Bürgerinitiativen aus der Anti-Atomkraft-Bewegung initiiert. Sie wurden von schweren Ausschreitungen durch etwa 2000 militante Demonstranten begleitet. Sie versuchten, das Baugelände des Kernkraftwerks Grohnde zu besetzen, um dessen Errichtung zu verhindern. Mit etwa 800 verletzten Demonstranten und rund 240 verletzten Polizisten war dies die bis dahin gewalttätigste Auseinandersetzung in der westdeutschen Demonstrationsgeschichte. Sie ging als „Schlacht um Grohnde“ in die Protestgeschichte der Anti-Atomkraft-Bewegung ein.

Vorgeschichte Die E.ON-Vorgängerin PreussenElektra und die Gemeinschaftskraftwerk Weser GmbH planten Anfang der 1970er Jahre die Errichtung eines Kernkraftwerkes an der Weser bei Grohnde. Im Jahr 1973 beantragten diese Unternehmen beim Niedersächsischen Sozialministerium den Bau und Betrieb des Kernkraftwerks Grohnde. Nach dem Bekanntwerden der Baupläne ergingen Einsprüche von 12.000 Bürgern, die bei zwei Erörterungsterminen im Jahr 1974 vorgetragen wurden. Ab 1973 nahm sich die Bürgerinitiative Weserbergland im Weltbund zum Schutz des Lebens, die 1968 gegen den Bau des Kernkraftwerks Würgassen gegründet wurde, des Themas Grohnde an.Kerne des Widerstands. Die Bürgerinitiative Weserbergland. bei: Ausstellung 40 Jahre 'Schlacht um Grohnde' 1977–2017, pdf Sie wollte die Errichtung des Kernkraftwerks mit friedlichen Mitteln verhindern und vertrat die Interessen von verunsicherten Bürgern mit Befürchtungen vor gesundheitlichen Schäden. 1975 gründeten die beiden beteiligten Unternehmen mit Anteilen von jeweils 50 % die Gemeinschaftskraftwerk Grohnde GmbH. Nachdem 1976 durch das Niedersächsische Sozialministerium eine Teilerrichtungsgenehmigung für das Kernkraftwerk ergangen war, begannen im selben Jahr die Baumaßnahmen, die die Kraftwerk Union durchführte. Das etwa 150 × 200 Meter große Baugelände war zunächst mit einem Maschendrahtzaun gesichert.vergleiche Literatur: Michael Stricker: Vorwort. S. 7–12

Erste Protestaktionen

Zu einer ersten Protestaktion von Bürgern gegen den Bau des Kernkraftwerkes kam es im November 1976 zum Buß- und Bettag. Mehrere Pastoren aus der Umgegend hielten am Bauzaun einen Feldgottesdienst vor etwa 300 Menschen ab, was das Landeskirchenamt Hannover missbilligte.Bußgottesdienst zum Thema Bewahrung der Schöpfung am 17. November 1976 am Bauplatz. bei: Ausstellung 40 Jahre 'Schlacht um Grohnde' 1977–2017, pdf

Eine erste Besetzung des Bauplatzes fand am 19. Februar 1977 statt. Einem Aufruf zu einer gewaltfreien Demonstration unter dem Motto „Blumen für die Polizei – Drahtscheren für den Zaun“ waren etwa 800, anderen Quellen zufolge 1500 Menschen aus Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Hessen gefolgt.Symbolische Bauplatzbesetzung in Grohnde am 19. Februar 1979. bei: Ausstellung 40 Jahre 'Schlacht um Grohnde' 1977–2017, pdf Nach dem Zerschneiden des Maschendrahtzauns drangen etwa 500 Personen auf das Baugelände vor. Als die Polizei mit der Räumung begonnen hatte, zogen die Personen freiwillig wieder ab. Anschließend kündigte der Sprecher einer spontanen Kundgebung in Grohnde für die Zukunft „größere Härte“ gegen das Bauvorhaben an.

Vorbereitungen mini|Kernkraftwerk Grohnde, 2010

Bauliche Vorbereitungen Anfang 1977 befand sich das Kernkraftwerk Grohnde im Baubeginn. Auf dem Baugelände war Erdaushub für Gebäude erfolgt, es waren Baukräne aufgestellt und erste Fundamente gegossen. Unmittelbar nach der ersten Besetzungsaktion von Kernenergiegegnern am 19. Februar 1977 versah die Betreibergesellschaft des Kernkraftwerkes, in Übereinstimmung mit der niedersächsischen Landesregierung, das Baugelände für 1,8 Millionen DM mit einem doppelten Metallgitterzaun, bekrönt von NATO-Draht. Begründet wurde die Errichtung des massiven Zauns mit einer befürchteten weiteren Besetzung. Gewalttätige Besetzungsversuche hatte es bereits kurz zuvor am 19. Februar 1977 bei Protestaktionen der Anti-Atomkraft-Bewegung gegen den Bau des Kernkraftwerkes Brokdorf gegeben.

Vorbereitungen der Demonstranten Am 28. Februar 1977 rief die Bürgerinitiative Weserbergland öffentlich zu einer Großkundgebung am Bauplatz des KKW Grohnde auf, die auf den 19. März 1977 terminiert wurde. Der Aufruf erfolgte wenige Tage nachdem der niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht am 22. Februar 1977 Gorleben als vorläufigen Standort für ein nukleares Entsorgungszentrum benannt hatte.Gorleben: Eine Chronik der Ereignisse bei ndr.de vom 17. Februar 2017 Zur Vorbereitung der Kundgebung trafen sich am 5. März 1977 in Kirchohsen Vertreter von rund 40 Bürgerinitiativen aus dem norddeutschen Raum, unter anderem aus den Städten Bielefeld, Bremen, Göttingen, Hamburg, Hannover, Kassel und Münster. Zwischen den auswärtigen Gruppen und der regionalen Bürgerinitiative kam es bei dem Treffen zu Meinungsverschiedenheiten bezüglich der Gewaltfrage und des Veranstaltungsortes. Während die regionale Bürgerinitiative auf Gewaltlosigkeit bestand, wollten sich die auswärtigen Gruppen nicht darauf festlegen lassen.vergleiche Literatur: Michael Stricker: Einsatzvorbereitung. S. 13–21

Nach dem Vorbereitungstreffen am 5. März 1977 in Kirchohsen gab es zunehmend Hinweise auf eine Beteiligung von gewaltorientierten Gruppen an der geplanten Versammlung am 19. März 1977, so dass die Bürgerinitiative Weserbergland ihre anfangs geplante Versammlung am Baugelände des KKW Grohnde absagte und eine Kundgebung in Kirchohsen anmeldete. In den Reihen von K-Gruppen, wie dem KBW, dem KB und der KPD/ML, sowie durch anarchistische Gruppen gab es umfangreiche Planungen für eine Demonstration, die eine Besetzung des Baugeländes zum Ziel hatte.

Vorbereitungen der Polizei Für den Polizeieinsatz wurden rund 4000 Polizeikräfte zusammengezogenvergleiche Literatur: Michael Stricker: Sicherung des KKW-Objektes und Tageseinsatzstärke der Polizei. S. 78–81, bei dem die niedersächsische Polizei durch die Länderpolizeien Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein und Bremen sowie vom Bundesgrenzschutz unterstützt wurde.vergleiche Literatur: Michael Stricker: Einsatzkräfte, Einsatzkonzeption und Einsatzmittel. S. 23–36 Nur ein Viertel der Polizeikräfte war auf dem Baugelände postiert, während der Großteil außerhalb in Reserve lag.

Im Vorfeld ging die Polizei bei der Demonstration am 19. März 1977 aufgrund der Erfahrungen einen Monat zuvor bei den Protesten gegen das Kernkraftwerk Brokdorf in Grohnde von etwa 10.000 bis 12.000 Teilnehmern aus. Dabei rechnete sie mit etwa 5000 bis 6000 friedfertigen Personen und 1500 bis 2000 gewalttätigen Personen. Bei den restlichen 4000 bis 5000 Teilnehmern nahm die Polizei an, dass sie sich mit gewalttätigen Personen solidarisch verhalten würden.vergleiche Literatur: Michael Stricker: Einsatzkräfte, Einsatzkonzeption und Einsatzmittel. 2.2.4 Störerlage. S. 39

Der niedersächsischen Polizei waren durch vertrauliche Informationen Planungen zu einer gewaltsamen Besetzung bekannt geworden und dass dafür Gerätschaften herangeschafft werden sollten.vergleiche Literatur: Michael Stricker: Einsatzvortag. S. 68 Das Einsatzkonzept der Polizei sah vor, sich so lange wie möglich passiv zu verhalten und erst beim Durchbruch des besonders gesicherten Schutzzaunes der Baustelle aktiv zu werden. Dies war eine politische Vorgabe durch Ministerpräsident Ernst Albrecht und Innenminister Rötger Groß. Die Landesregierung befürchtete, ein sofortiges Einschreiten der Polizei könne Gewalt durch Demonstranten als gerechtfertigt erscheinen lassen. Gewalttätigen Demonstranten sollte in der öffentlichen Wahrnehmung die Täterrolle zukommen.vergleiche Literatur: Michael Stricker: Einsatzkräfte, Einsatzkonzeption und Einsatzmittel. 2.2 Einsatzkonzeption. S. 37–38

Ablauf

Das Baugelände des Kernkraftwerkes lag auf freiem Feld zwischen den Orten Kirchohsen und Grohnde. Am 19. März 1977 fand zunächst eine Kundgebung der Bürgerinitiative Weserbergland im Ort Kirchohsen etwa einen Kilometer nordwestlich des Baugeländes statt, die friedlich verlief und an der etwa 1000 Personen teilnahmen.vergleiche Literatur: Michael Stricker: Einsatzverlauf. 4.3 Die Versammlung in Kirchohsen und die zwei Demonstrationszüge. S. 82 Viele weitere Demonstranten passierten auf ihrem Weg zum Bauplatz den Ort und mischten sich in die Versammlung der Bürgerinitiative. Nachdem Demonstranten im Ort einen Bahnübergang friedlich besetzt hatten, verlor die Bürgerinitiative die Kontrolle über ihre Versammlung und erklärte sie für beendet.vergleiche Literatur: Michael Stricker: Einsatzverlauf. 4.3 Die Versammlung in Kirchohsen und die zwei Demonstrationszüge. S. 86Der 19. März 1977. Die Kundgebung in Kirchohsen und die Schienenbesetzung. bei: Ausstellung 40 Jahre 'Schlacht um Grohnde' 1977–2017, pdf

Schätzungen der Polizei zufolge waren am Bauplatz des KKW Grohnde etwa 12.000 bis 15.000 Demonstranten erschienen; laut Angaben aus den Reihen der Demonstranten waren es 20.000 Personen.vergleiche Literatur: Michael Stricker: Einsatznachbereitung. 6.2 Störer und Demonstranten., S. 223–226 Darunter befanden sich nach Schätzungen der Polizei etwa 2000 gewaltbereite Demonstranten, die mit Helmen, Schilden, Gasmasken sowie wetterfester Kleidung (Friesennerz) ausgerüstet waren und Eisenstangen, Ketten, Holzlatten sowie Steine mit sich führten. In Fahrzeugen wurden Gerätschaften wie Metallsägen, Schweißgeräte, Leitern und Seile herangeführt.vergleiche Literatur: Michael Stricker: Einsatzverlauf. 4.3 Die Versammlung in Kirchohsen und die zwei Demonstrationszüge. S. 87 Gewaltbereite Demonstranten waren vielfach in Trupps gegliedert, die durch Buchstabenkürzel ähnlich Kraftfahrzeugkennzeichen markiert waren.vergleiche Literatur: Michael Stricker: Einsatzvortag. S. 69 Aus diesen Reihen war es bereits beim Anmarsch an einer Straßensperre zu Angriffen auf die Polizei gekommen und Demonstranten zogen einen quergestellten Lkw der Polizei mit vereinten Kräften zur Seite.vergleiche Literatur: Michael Stricker: Einsatzverlauf. 4.4 Der Durchbruch der Störer von zwei Seiten in Richtung des KKW. S. 101Der 19. März 1977. Schauplatz Polizeisperre am Ortsausgang von Kirchohsen. bei: Ausstellung 40 Jahre 'Schlacht um Grohnde' 1977–2017, pdf Eine weitere Straßensperre gab die Polizei in Anbetracht der Übermacht der Demonstranten auf.vergleiche Literatur: Michael Stricker: Einsatzverlauf. 4.4 Der Durchbruch der Störer von zwei Seiten in Richtung des KKW. S. 104Atomkraftgegner. Böses Massaker in Der Spiegel vom 28. März 1977 mini|Demonstranten entfernen Stacheldraht am Bauzaun mini|Polizeireiter inmitten von Demonstranten