Ērān („Iran“)Genitiv Plural von mittelpersisch ēr, vgl. Gherardo Gnoli: Iran: Vorgeschichte und Entwicklung einer Idee. In: Wilfried Seipel (Hrsg.): 7000 Jahre persische Kunst. Meisterwerke aus dem Iranischen Nationalmuseum in Teheran: Eine Ausstellung des Kunsthistorischen Museums Wien und des Iranischen Nationalmuseums in Teheran. Kunsthistorisches Museum, Wien 2001, S. 16–21, hier: S. 17 und 19 f. ist ein im 3. Jahrhundert aufgekommener Begriff, der ethnische, religiöse und politische Bedeutung hat.Josef Wiesehöfer: Iran. In: Der Neue Pauly. Band 5. Stuttgart/Weimar 1998, Sp. 1101–1103, hier: Sp. 1101. Er diente als Bezeichnung für Gebiete, in denen Menschen leben, welche die iranische Sprache sprechen; es ist somit nicht deckungsgleich mit der Bezeichnung für den modernen Staat Iran. Ērān steht im Gegensatz zu Anērān,Ph. Gignoux: Anērān. In: Encyclopædia Iranica. dem Land der Nicht-Iranier. Es handelt sich gleichzeitig um religiös und politisch gebrauchte Begriffe, da Anērān in diesem Sinne mit dem Feind Irans und des Zoroastrismus gleichgesetzt wurde.

Im alten Persien tauchen die Begriffe Airya und Anairya bereits im Avesta auf, wo sie nach der einen wissenschaftlichen Ansicht vor allem als ethnische BezeichnungH. W. Bailey: Arya. In: Encyclopædia Iranica. oder nach der anderen als sprachliche und religiöse Abgrenzung gegenüber den Nicht-Ariern dienenGérard Fussmann: Entre fantasmes, science et politique. l’entrée des Ǎryas en Inde. In: Gérard Fussmann, Jean Kellens, Henri-Paul Francfort, Xavier Tremblay: Ǎryas, Aryens et Iraniens en Asie Centrale. Paris 2005. ISBN 2-86803-072-6, S. 218. (vgl. auch „Arier“). Ērān ud Anērān („Iran und Nicht-Iran“) wurden aber erst in der Spätantike von den Königen des Sassanidenreichs (3. bis 7. Jahrhundert) geprägt. Während Anērān erst in der Zeit von Schapur I. bezeugt ist, wurde Ērān bereits von dessen Vater Ardaschir I. in Inschriften und auf Münzen benutzt.Vgl. D. N. MacKenzie: Ērān, Ērānšahr. In: Encyclopædia Iranica. Die spätantiken Perserkönige nahmen für sich in Anspruch, die gesamte zivilisierte Welt unter ihrer Herrschaft in ihrem Reich Ērān-šahr („Reich der arya“)Von mittelpersisch ēr und altiranisch xšaθra („Macht, Reich“), vgl. Gherardo Gnoli: Iran: Vorgeschichte und Entwicklung einer Idee. In: Wilfried Seipel (Hrsg.): 7000 Jahre persische Kunst. Meisterwerke aus dem Iranischen Nationalmuseum in Teheran: Eine Ausstellung des Kunsthistorischen Museums Wien und des Iranischen Nationalmuseums in Teheran. Kunsthistorisches Museum, Wien 2001, S. 16–21, hier: S. 17–19. vereinigt zu haben. Der Begriff in seiner Bedeutung für einen geschlossenen Herrschaftsbereich entstand auch erst in sassanidischer Zeit.Vgl. Touraj Daryaee: Sasanian Iran 224–651 CE. Portrait of a Late Antique Empire. Costa Mesa (Calif.) 2008, S. XIX f. Der Begriff ist erstmals dokumentiert in der Großen Inschrift von Schapur I. auf Kaʿbe-ye Zartuscht, einem Bauwerk in der Nähe von Persepolis (heutige Provinz Fars im Süden Irans) aus dem 5. Jahrhundert vor Christus. Das bedeutete nicht, dass Anērān unterworfen werden musste, aber es sollte die Oberhoheit von Ērān anerkennen. Diese politische Ideologie diente nicht zuletzt der Unterfütterung des Herrschaftsanspruches der Sassanidenkönige.Vgl. allgemein auch Matthew P. Canepa: The Two Eyes of the Earth. Art and Ritual of Kingship between Rome and Sasanian Iran. Berkeley 2009, S. 53 ff. Šāhān šāh ērān ud anērān („König der Könige von Ērān und Anērān“, d. h. von „Iran und Nichtiran“) blieb auch in der Folgezeit Titulatur der Sassanidenkönige, die damit bewusst eine politische Botschaft vermittelten.Zur Bedeutung vgl. Gherardo Gnoli: The Idea of Iran. An Essay on Its Origin. Rom 1989, S. 129 ff. Ein Beiname einiger sassanidischer Herrscher war zudem ēr mazdēsn, übersetzbarGherardo Gnoli: Iran: Vorgeschichte und Entwicklung einer Idee. In: Wilfried Seipel (Hrsg.): 7000 Jahre persische Kunst. Meisterwerke aus dem Iranischen Nationalmuseum in Teheran: Eine Ausstellung des Kunsthistorischen Museums Wien und des Iranischen Nationalmuseums in Teheran. Kunsthistorisches Museum, Wien 2001, S. 16–21, hier: S. 19. mit „arisch“ (im Sinne von „iranisch“) und „mazdaistisch“ (bzw. „Mazdaverehrer“).Gherardo Gnoli: ĒR, ĒR MAZDĒSN. In: Encyclopædia Iranica.

Da das persische Herrschaftsgebiet auch andere ethnische bzw. religiöse Minderheiten umfasste, betrieben die Perserkönige realpolitisch durchaus eine diese Aspekte berücksichtigende Politik, solange sich diese Gruppen loyal verhielten.Josef Wiesehöfer: Iran. In: Der Neue Pauly. Band 5. Stuttgart/Weimar 1998, Sp. 1101–1103, hier: Sp. 1102. Nach dem Untergang des Sassanidenreichs im Verlauf der islamischen Expansion im 7. Jahrhundert wurde Ērān weiterhin von islamischen Gelehrten benutzt, aber nicht mehr als politischer Begriff. In dieser Form wurde er erst wieder in der Zeit der Ilchane und vor allem im 20. Jahrhundert von der Pahlavi-Dynastie verwendet.Josef Wiesehöfer: Iran. In: Der Neue Pauly. Band 5. Stuttgart/Weimar 1998, Sp. 1101–1103, hier: Sp. 1101.

Zusätzlich zu dieser stark herrschaftsideologischen Unterscheidung existierten in der Spätantike reell neben Ērān im Westen Hrōm/Rūm (Römisches Reich) und im Nordosten in Transoxanien Tūrān,Vgl. dazu Richard Payne: The Making of Turan. The Fall and Transformation of the Iranian East in Late Antiquity. In: Journal of Late Antiquity 9, 2016, S. 4–41. das Land feindlich gesinnter Nomaden (Iranische Hunnen und seit Mitte des 6. Jahrhunderts die Göktürken), die die Perserkönige bekämpfen mussten.Zur Geschichte Ostirans in der Sassanidenzeit und den diesbezüglichen nomadischen Invasoren siehe Khodadad Rezakhani: ReOrienting the Sasanians. East Iran in Late Antiquity. Edinburgh 2017. In diesem Zusammenhang bestand für die spätantiken Perserkönige unter anderem die Aufgabe, die zivilisierte Welt von Ērānšahr gegen die äußere Welt zu verteidigen. Aus achämenidischer Zeit ist der ummauerte Garten ein bekanntes Symbol (altpersisch paridaida, verstanden im Sinne eines irdischen Paradieses),Mehrdad Fakour: Garden I. Achaemenid Period. In: Encyclopaedia Iranica. das verbunden war mit einer gewissen sakralen Komponente. Touraj Daryaee hat diesbezüglich die These aufgestellt, dass das Motiv eines geschützten Gartens von den Sassaniden als ein Symbol für die Absicherung des Reiches nach außen benutzt wurde, wobei die Sassaniden auch real eine aktive Grenzsicherung betrieben.Touraj Daryaee: If these Walls Could Speak. The Barrier of Alexander, Wall of Darband and Other Defensive Moats. In Stefano Pellò (Hrsg.): Itineraries on the Edges of Iran. Venedig 2016, S. 79–88, speziell S. 82–86.

Der Begriff Ērān kommt auch in anderen Ausdrücken vor, etwa den Amtstiteln Ērān-spāhbed (Marschall des Reiches),Rika Gyselen: Spāhbed. In: Encyclopaedia Iranica. Ērān-Āmārgar, Ērān-drustbed (oberster Hofarzt)Aḥmad Tafażżolī: Drustbed. In: Encyclopaedia Iranica. und Ērān-hambāragbed (Oberaufseher der Vorratsmagazine) sowie den Ortsbezeichnungen Ērān-šahr-Šābuhr und Ērān-winard-Kavād.Gherardo Gnoli: Iran: Vorgeschichte und Entwicklung einer Idee. In: Wilfried Seipel (Hrsg.): 7000 Jahre persische Kunst. Meisterwerke aus dem Iranischen Nationalmuseum in Teheran: Eine Ausstellung des Kunsthistorischen Museums Wien und des Iranischen Nationalmuseums in Teheran. Kunsthistorisches Museum, Wien 2001, S. 16–21, hier: S. 20.

Literatur Matthew P. Canepa: The Two Eyes of the Earth. Art and Ritual of Kingship between Rome and Sasanian Iran. University of California Press, Berkeley 2009. Gherardo Gnoli: Iran: Vorgeschichte und Entwicklung einer Idee. In: Wilfried Seipel (Hrsg.): 7000 Jahre persische Kunst. Meisterwerke aus dem Iranischen Nationalmuseum in Teheran: Eine Ausstellung des Kunsthistorischen Museums Wien und des Iranischen Nationalmuseums in Teheran. Kunsthistorisches Museum, Wien 2001, ISBN 3-85497-018-8, S. 16–21. Gherardo Gnoli: The Idea of Iran. An Essay on Its Origin. Instituto Italiano per il Medio ed Estermo Oriente (IsMEO). Rom 1989 (= IsMEO – Serie Ortientale Roma. Band 62). Gherardo Gnoli: Iran als religiöser Begriff im Mazdaismus (= Rheinisch-Westfälische Akademie der Wissenschaften, Vorträge G. 320). Opladen 1993. D. N. MacKenzie: Ērān, Ērānšahr. In: Encyclopædia Iranica Josef Wiesehöfer: Iran. In: Der Neue Pauly. Band 5. Stuttgart/Weimar 1998, Spalten 1101–1103.

Anmerkungen

Kategorie:Sassanidenreich Kategorie:Iranische Mythologie Kategorie:Zoroastrismus Kategorie:Region in Asien