Der Hotzenwald ist eine Landschaft und Region im Südschwarzwald im Landkreis Waldshut. Die Geschichte des Hotzenwalds beginnt nach römischen Anfängen an seinen Rändern mit der Besiedlung vom 7.–14. Jahrhundert. Die Geschichte ist geprägt durch die Randposition in der mehr als 550-jährigen Zugehörigkeit zu Österreich, durch große Armut, hohe Abgabenlast an das Kloster St. Blasien und im Verlauf von Jahrhunderten wiederholt ausbrechende Auseinandersetzungen wegen alter Rechte der Einwohner gegenüber dem Kloster St. Blasien. Kriege der Habsburger unter Nutzung von Hotzenwälder Soldaten gegen die Eidgenossen und Franzosen bestimmten über mehrere Jahrhunderte das Schicksal der Region. Verkehrstechnisch war der Wald bis ins 19. Jahrhundert nur schlecht zugänglich und viele Ortschaften im Winter monatelang abgeschnitten. Der Hotzenwald blieb trotz Industrialisierung am Südrand und dörflicher Heimarbeit bis weit ins 20. Jahrhundert ein unterentwickeltes Gebiet in Baden und erfuhr erst nach dem letzten Krieg eine Entwicklung zum Erholungs- und Feriengebiet.
Römerzeit und alemannische Siedlung mini|Peutinger-Karte. Ausschnitt des Hochrheins. Rechts oben: Bodensee. Von rechts nach links: Hochrhein. Am oberen Bildrand quer: Südschwarzwaldausläufer (Silva Marciana). Oben links: Kaiseraugst (Augusta Ruracum). Mitte: Alpen. Das Bild zeigt einen Ausschnitt der Karte des römischen Straßennetzes in Europa. Sie ist aus karolingischer Zeit (12. Jahrhundert) und römischen Karten nachgezeichnet. Damit ist sie eine der ältesten Karten, die den Schwarzwald zeigt.
Der Hotzenwald war zu vorrömischer und römischer Zeit nicht dauerhaft erschlossen und besiedelt. Nur die Talausgänge von Schlücht und Steina sowie der Ostrand des Hotzenwalds geben Hinweise auf frühe Nutzung ackergünstiger Nutzungsflächen. Spuren der Kelten lasen sich ab ca. 600 v. Chr. nachweisen.
Der römische Befehlshaber Cornelius Clemens hatte sein Quartier bei Windisch nahe der Reuss-Mündung in die Aare. Er stieß von dort 73 n. Chr. bis zur Donau vor und gliederte in diesem Zusammenhang das eroberte Gebiet in Südwestdeutschland der Provinz Germania Superior an. Die Römer drangen von Süden gegen den Hochrhein vor, bauten Straßen beiderseits des Hochrheins und legten Gutshöfe nahe dem Rhein an, unter anderem bei Brennet, Wallbach, Obersäckingen, Laufenburg (Baden), Waldshut, Gurtweil und Ühlingen. Von diesen Landhäusern wurden die Militärlager versorgt.
Seit dem frühen 3. Jahrhundert sind alemannische Vorstöße in das von Kelten besiedelte, römisch verwaltete Gebiet bekannt. Um 260 überschritten die Alemannen erstmals den Hochrhein und überfielen Augusta Raurica, das heutige Kaiseraugst östlich von Basel. Sie konnten sich aber nicht dauerhaft festsetzen. Unter Kaiser Constantius II., Sohn Konstantin des Großen, wurden sie 354 wieder vertrieben. 390 war das rechte Hochrheinufer fest in alemannischer Hand. Auf der linken Rheinseite wurde vom Bodensee bis Basel eine römische Befestigungslinie errichtet. Die Römer gaben das Gebiet im 5. Jahrhundert auf. Ihre Gutshöfe zerfielen danach, jedoch blieben die von ihnen angelegten Straßen erhalten. Die Alemannen nutzen die Steingebäude der Römer nicht, legten aber Siedlungen in deren Umfeld an.
Die Alemannen, die ab 450 auch das linksrheinische Hochrheintal besiedelten, errichteten zunächst Höfe am Rhein und auf günstig gelegenen Flächen am südlichen Schwarzwaldhang sowie an den Talausgängen von Wehra, Schlücht und Steina. Der Hotzenwald selbst blieb weiter siedlungsfrei.Rudolf Metz: Geologische Landeskunde des Hotzenwalds. Moritz Schauenburg Verlag, Lahr/Schwarzwald 1980, S. 171–173
Ländliche Entwicklung in Mittelalter und Neuzeit Drei Erschließungsphasen Die mittelalterliche Besiedlung des Hotzenwalds geschah in drei getrennten Vorstößen bzw. Rodungsperioden: 7.–9. Jahrhundert: eine erste Ausbausiedlung im vorderen Hotzenwald; Träger dieser frühen Phase waren Grafen aus dem Alpgau. Zwischen 780 und 890 werden zehnmal solche Grafen genannt, deren Grafenamt aber nicht zwingend in der Region lag. 10.–12. Jh.: Erschließung der Hochflächen zwischen den nach Süden verlaufenden Tälern. Hier tauchen die Herren von Krenkingen und von Tiefenstein (nach Tiefenstein im unteren Albtal) erstmals auf, beides edelfrei Familien. Der Name des Alpgau verschwindet wieder. Die Rodungen der Tiefensteiner kann als charakteristisch für die zweite Erschließungsphase gelten. Sie füllen das Vakuum, das zwischen den Rodungen, die von Säckingen ausgingen, also vom Südwesten des Hotzenwalds und ersten Rodungen von St. Blasien, also von Norden. 13.–14. Jahrhundert: Späte Rodung und Anlage von Streusiedlungen und Einzelhöfen im hinteren Hotzenwald in 800–1000 Metern Höhe. Diese dritte Siedlungsperiode erfolgte im Gegensatz zu den ersten beiden von Norden nach Süden. St. Blasien erhielt keine Schenkungen von Adligen bis 1200. Es musste daher die Region rund um das Kloster nahezu ausschließlich durch Rodungen nutzbar machen.Rudolf Metz: Geologische Landeskunde des Hotzenwalds. Moritz Schauenburg Verlag, Lahr/Schwarzwald 1980, S. 173Günther Haselier. Geschichte des Hotzenwalds. Moritz Schauenburg Verlag Lahr/Schwarzwald 1973, S. 18f
Es kam auf dem Wald wegen der verkehrstechnisch ungünstigen Lage zu keiner Ausbildung von Städten. Alle Städte lagen am Rand des Hotzenwalds, wie etwa Säckingen, Laufenburg, Hauenstein und Waldshut. Ebenso wenig fehlte bis in die Neuzeit ein kulturelles Zentrum auf dem Hotzenwald, auch nicht an dem dörflichen Gerichtsplatz Görwihl.Rudolf Metz: Geologische Landeskunde des Hotzenwalds. Moritz Schauenburg Verlag, Lahr/Schwarzwald 1980, S. 179Günther Haselier. Geschichte des Hotzenwalds. Moritz Schauenburg Verlag Lahr/Schwarzwald 1973, S. 12
Alter und Herkunft von Ortsnamen Die Ortsnamen erlauben Hinweise auf den Gang der Besiedlung. Urkunden sind selten und gehen, wenn vorhanden, auf das Kloster St. Gallen zurück, das im Gegensatz zum Kloster Säckingen nicht durch Brände vernichtet wurde. Zwei Ortsnamen aus der frühen ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts werden in einer Urkunde von 814 genannt: Birkingen und Birndorf. Damit kann eine frühe Besiedlung des unteren Hotzenwalds mit Einzelhöfen zwischen 500 und 700 angenommen werden.
Weitere älteste Orte auf -ingen sind nach schriftlicher Überlieferung ihrer Erwähnung: Luttingen (Lutinga, 788), Tiengen (Tuoingen, vor 876), Säckingen (Seckinga, 878). Bei den Endungen auf -will oder -weil sind das: Gurtweil (Gurtwila, 873), Etzwihl (Eziwilare, 874), Hechwihl (Haihwilare, 874), Weilheim (Wihlheim, 929). In der dritten Phase angelegte Orte haben Endungen auf -ach, -au, -bach, -berg, -brand, -egg, -halden, -holz, -lehen, -moos, -ried, -stein, -wald und -wies. Auch die Ortsnamen mit Endung -schwand gehören in diese letzte Gruppe. Die Ortsnamen auf -brand und -schwand gehen auf die beiden früheren Rodungsformen „Brennen“ (Brandrodung) und „Schwenden“ (Schwendbau) zurück. Ortsnamen wie Aichen, Ahorndobel, Birken bei Oberalpfen und Wilfingen, Birkendorf, Buch, Buchholz (zwischen Niederwihl und Schachen), Eichhalde (bei Oberwihl), Ellmenegg (oberhalb des Murgtals; nach Ulmen) Erlenberg (über der Mettma bei Brenden), Eschholz und Eschberg, Immeneich, Lindau und zahlreiche andere zeugen vom umfangreichen ursprünglichen Misch- und Laubwald auf dem Hotzenwald.Rudolf Metz: Geologische Landeskunde des Hotzenwalds. Moritz Schauenburg Verlag, Lahr/Schwarzwald 1980, S. 175–177
Realteilung von Bauernhöfen Auf dem Hotzenwald entstanden zuerst Einzelhöfe, wie Ortsnamen Oberhof oder Niederhof dokumentieren. War auf dem Hochschwarzwald und mittleren Schwarzwald der wirtschaftliche Erhalt von Höfen durch das Anerbenrecht abgesichert, herrschte auf dem Hotzenwald ab dem 16. Jahrhundert die Realteilung vor. Diese Regelung sah vor, dass Gebäude, Äcker, Weideland und Wald im Erbfall geteilt wurden. Es kam vielfach gegen den Willen aber mit Billigung der Grundherren zu einer Auflösung geschlossener Hofgüter, der Besitz wurde zersplittert. Mehrere Familien lebten unter einem Dach. Mehrere Frauen mussten an einem Herd in einer rußigen Küche arbeiten. Das führte unter zudem klimatisch harten Bedingungen zum wirtschaftlichen Zerfall, zum Niedergang des Freibauerntums, zu Verarmung, sozialen Notständen und politischen Unruhen, zu Überbevölkerung und Auswanderung.Rudolf Metz: Geologische Landeskunde des Hotzenwalds. Moritz Schauenburg Verlag, Lahr/Schwarzwald 1980, S. 179, 182Günther Haselier. Geschichte des Hotzenwalds. Moritz Schauenburg Verlag Lahr/Schwarzwald 1973, S. 59
Dorfbrände mini|Zechenwihler Hotzenhaus, 1748 gebaut
In den zahlreichen Kriegen vom 16. bis 19. Jahrhundert wurden viele Höfe und Dörfer ganz oder teilweise, oft mehrfach niedergebrannt. Beispiele sind: Oberweschnegg 1560, Murg 1588 (13 Häuser), Nöggenschwiel 1865 (13 Häuser), Niederwihl Unterdorf 1873 (eingeäschert), Niederwihl Oberdorf 1874 (eingeäschert), Brenden 1808 (12 Höfe mit Kirche und Wirtshaus) und 1874, Görwihl 1852 (16 Häuser), 1905 (10 Häuser), Berau 1818, 1853 1867, 1879, 1883, Bonndorf 1827 (46 Häuser).Rudolf Metz: Geologische Landeskunde des Hotzenwalds. Moritz Schauenburg Verlag, Lahr/Schwarzwald 1980, S. 183
Der Hotzenblitz war eine vorsätzliche Brandstiftung, um auf Kosten der Gebäudeversicherung zu einem neuen Hof zu kommen. Dieses Vorgehen ist mitverantwortlich, dass auf dem Hotzenwald die typischen strohgedeckten, alten Hotzenhäuser früh verschwanden.Rudolf Metz: Geologische Landeskunde des Hotzenwalds. Moritz Schauenburg Verlag, Lahr/Schwarzwald 1980, S. 183
Frühe Christianisierung Christliche Gemeinden hatten sich schon in den spätrömischen Siedlungen links des Rheins gebildet. Tenedo (Bad Zurzach). Augusta Raurica (Kaiseraugst) und Vindonissa (Windisch) waren Bischofssitze. Zur Zeit der Völkerwanderung im 6. Jahrhundert drängten die Alemannen jedoch das Christentum wieder zurück. Die Franken zwangen die Alemannen beiderseits des Rheins, das Christentum anzunehmen. Neue Kirchen entstanden, die die Alemannen für ihre Bestattungen nutzten. Insgesamt dauerte der Christianisierungsprozess zwei Jahrhunderte. Noch lange gab es parallel heidnische Bestattungen mit Waffenbeigaben.
Bedeutung des Klosters Säckingen Zentrale Bedeutung für die Durchsetzung des Christentums und die Sicherung der fränkischen Königsgewalt war das Fridolinskloster Säckingen. Der iro-schottische Wandermönch Fridolin von Säckingen war der erste Apostel Alemanniens. Das Kloster Säckingen erwarb auf dem Hotzenwald bereits vor dem 9. Jahrhundert umfangreichen Besitz und legte Höfe an, die sich zu Dörfern entwickelten. Dazu gehörten Görwihl, Niederwihl, Oberhof, Rüßwihl und Zechenwihl. Zudem besaß das Kloster ausgedehnten Besitz linksrheinisch auf heute schweizerischem Gebiet. Besitztümer in der Gegend von Wehr sowie die wichtige Stadt Laufenburg gingen dem Kloster wieder verloren. Es hatte in den genannten Dörfern im Hotzenwald die Grundherrschaft und niedere Gerichtsbarkeit. Die hochgerichtliche Gewalt und Landeshoheit lag seit 1173 in Form der Schirmvogtei über das Kloster bei den Grafen von Habsburg. Seinen wirtschaftlichen Höhepunkt erlangte das Kloster Säckingen mit der Erhebung der Äbtissin in den Reichsfürstenstand im 13. und am Beginn des 14. Jahrhunderts gegenüber dem Kloster St. Blasien betrieb das Kloster Säckingen eine deutlich weniger straffe Erwerbs- und Steuereintreibungspolitik.Rudolf Metz: Geologische Landeskunde des Hotzenwalds. Moritz Schauenburg Verlag, Lahr/Schwarzwald 1980, S. 189–192
Bedeutung des Klosters St. Blasien