mini| Der Fall von Paris (russ. , Padenije Parischa) ist ein Roman, den der sowjet-russische Schriftsteller Ilja Ehrenburg vom August 1940 bis zum Januar 1942 schrieb und der im Märzheft 1941 sowie in den Heften März und April 1942 der Moskauer Literaturzeitschrift Snamjaruss. Знамя, Das Banner erschien.
Volk und Welt hielt die Rechte an der Übersetzung ins Deutsche seit 1977;siehe verwendete Ausgabe von 1953, S. 4, unten erste Übersetzungen ins Deutsche erschienen jedoch bereits 1945 in Zürich und 1947 (bei zwei Verlagen) in BerlinIn der Übersetzung durch Hans Ruoff im Aufbau-Verlag und in der Übersetzung durch E. Sabel im SWA-Verlag. Der Roman wurde aus dem Russischen in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt, darunter ins Lettische (Parīzes krišana, 1941), Englische (Fall of Paris, 1942), Französische (Chute de Paris, 1944), Polnische (Upadek Paryża, 1946), Chinesische (巴黎的陷落, 1947), Slowakische (Pád Paríža, 1949), Türkische (Paris düşerken, 1975) und Vietnamesische (Pari sụp đỏ̂ : tiẻ̂u thuyé̂t, 1979).
Hintergrund Ilja Ehrenburg kennt Paris inwendig. 1908 bis 1917 – vor der Ochrana geflohen – musste er im Pariser Exil zubringen. Zur Handlungszeit des Romans wirkte er als Korrespondent der Iswestija in der Seine-Metropole. In diesem Prosawerk Ilja Ehrenburgs lebt die Zeit vor dem Westfeldzug wieder auf. Genauer, der Leser erhält Einblick in das Paris von 1935 bis zum 14. Juli 1940. Dort spielt der radikale Sozialist Édouard Daladier im Roman eine Rolle. Daneben ist Paul Tessat als eine Romangestalt mit Zügen desselben Politikers gezeichnet. Jenen Kunstgriff wendet Ilja Ehrenburg noch für eine zweite Figurenpaarung an. Gemeint ist der sozialistische französische Premierminister Léon Blum und der fiktive französische Politiker Auguste Viard.Schröder im Nachwort der verwendeten Ausgabe, S. 569, 13. Z.v.u. sowie S. 574, 6. Z.v.o.
Überblick Wenn Ilja Ehrenburg im letzten der drei Romanteile seine Figur Lucien fragen lässt „Was habt ihr im Jahr sechsunddreißig gemacht?“Verwendete Ausgabe, S. 396, 6. Z.v.u. und damit auf die verfehlte Politik der Volksfrontregierung sowie den darauf folgenden verhängnisvollen Appeasement-Kurs ebendieser République française weist, erscheint der Roman streckenweise als platte kommunistische Propaganda. Werden allerdings Passagen, die sämtliche im Roman agierenden französischen Kommunisten jener Vorkriegsjahre durchweg als Tugendbolde hinstellen, überlesen, kann vom Leser, der vom Sockel des 21. Jahrhunderts herabschaut, verstanden werden, weswegen die Wehrmacht 1940 in die Offene Stadt Paris hineinspazieren konnte: Der Franzose wollte nicht, wie im Ersten Weltkrieg, kämpfen. Er wollte überhaupt nie wieder kämpfen. Natürlich haben auch etliche Franzosen den Deutschen tapfer widerstanden. Mögliche Antwort, weshalb dieser Kampf im Zeitraum bis 1940 erfolglos blieb, kann die Romanlektüre geben.
Handlung Bis November 1936 Der 32-jährige Maler André Corneau, Sohn eines Bauern aus der Normandie, hat sein Atelier in der Rue du Cherche-Midi. Er trifft sich in dieser alten Pariser Straße im Cafe „Zum rauchenden Hund“ mit seinen Schulkameraden Pierre Dubois, Lucien Tessat und der 30-jährigen Schauspielerin Jeanette Lambert. Der 32-jährige Romancier Lucien – Verfasser von „Unter vier Augen“ – hatte zuvor auf einer Versammlung in der Maison de la Culture von der Kriegsgefahr, die von Hitler ausgeht, gesprochen und war durch einen Zwischenrufer gestoppt worden: Herr Paul Tessat, der Vater des Redners, habe „von dem Betrüger Stavisky achtzigtausend bekommen“Verwendete Ausgabe, S. 10, 3. Z.v.u. André hat kein Ohr für das Gerede der Freunde, sondern verliebt sich in Jeanette; bewundert ihre Augen.
Der Ingenieur Pierre Dubois baut im Seine-Werk Motoren für Bomber und erzählt seinem Freund Lucien von dem dort als Mechaniker beschäftigten 29-jährigen Kommunisten Michaud. Für den scharfzüngigen Fanatiker und guten Arbeiter Michaud, der bei der Marine gedient hat, ist der Werksbesitzer – das ist der mächtige Finanzier Jules Dessère – ein am Krieg verdienender Kapitalist. Michauds Steckenpferd ist die Architektur. Der Arbeiter besucht einschlägige Vorlesungen des Professors Mâle.
Der um die 50-jährige ledige, kinderlose Ingenieur Dessère, Sohn eines Angerser Caféhausbesitzers, hatte eine Technische Hochschule absolviert und agiert hinter den Kulissen; ernennt und stürzt Minister. Bei dem Oligarchen bittet der bescheidene Pierre Dubois, einer der besten Ingenieure der Seine-Werke, um eine Gefälligkeit. Dubois’ Braut, die Lehrerin Agnès Legendre, wurde wegen „antipatriotischer Erziehung“ aus dem Schuldienst entlassen. Eigentlich ist Dessère ein Gemütsmensch. Ein Anruf bei seinem Freund, dem 58-jährigen Abgeordneten der Volksfront Paul Dessat, genügt. Die Lehrerin kann weiter unterrichten.
Der geschäftstüchtige Abgeordnete Paul Dessat bekommt nach dem Vortrag seines Sohnes Lucien gegen den Militarismus Ärger mit der Presse. Dem nicht genug. Lucien, der längst nicht mehr Romane schreibt, sondern zum „talentierten Pamphletisten, dem die Kommunisten applaudieren“, abgesunken ist, bittet den Vater immer einmal um Geld. Diesmal sind es fünftausend Franc. Der Vater zahlt. Lucien benötigt das Geld für eine Abtreibung. Seine Freundin Jeanette Lambert ist schwanger. Die Schauspielerin hatte sich Lucien, der ihr seine Liebe gestanden hatte, nicht aus Gegenliebe, doch in seelischer Hochstimmung hingegeben. Als Trost bleibt dem leidgeprüften Abgeordneten Paul Dessat die einzige Tochter Denise, ein fleißiges Mädchen, das Romanische Architektur studiert. Denise lernt nach einer Vorlesung bei Mâle über Bauwerke in Poitiers Michaud kennen.
Beide – Denise und Michaud – besuchen eine Wahlkundgebung. Für die Volksfront spricht der 65-jährige Auguste Viard aus Châlons. Dann tritt der Kommunist Legreux auf.
Paul Tessat, ein Feind Viards, wird – mit Hilfe einer kräftigen Finanzspritze Dessères – wiedergewählt. Agnès nennt Paul Tessat, der ihr doch ins verlorengegangene Amt geholfen hat, einen Schuft.
Als im Seine-Werk gestreikt wird, behält der Vorsitzende des Verwaltungsrates Dessère bei der Auseinandersetzung mit Streikführer Michaud die Oberhand, macht aber Zugeständnisse. Pierre Dubois streikt als Ingenieur in den Reihen der achtzehntausend Arbeiter. Noch lacht Dessère darüber.
Jeanette, die sich von dem Eingriff noch nicht erholt hat, tritt vor den Streikenden im Werk auf. Die Schauspielerin gesteht Pierre, sie habe sich von Lucien getrennt.
Geld, das Lucien ständig vom Vater verlangt, ist nach der Wahl nicht mehr vorhanden. Aber Paul Tessat bringt den Sohn als Diplomat im Dienste des hilflosen Blum und des laschen ViardVerwendete Ausgabe, S. 111, 13. Z.v.u. in Spanien unter. Lucien, in Spanien aller Geldsorgen ledig, langweilt sich als Vizekonsul in Salamanca.
Als Gegner der französischen Kommunisten hatte sich bei der Wahl der ebenfalls von Dessère unterstützte Breteuil profiliert. Der aus ärmlichen katholischen Verhältnissen stammende Lothringer wird in den Pariser Salons für einen humorlosen Deutschen gehalten. Seinen fünfjährigen Sohn liebt er einerseits über alles. Andererseits muss der Junge mit kaltem Wasser abgehärtet werden. Kurz darauf stirbt der Kleine an einer Lungenentzündung. Breteuil hilft als Haupt der „Getreuen“ – das ist eine faschistische Gruppierung – Dessère aus dem Hinterhalt bei der Bekämpfung der Streikenden im Seine-Werk. Bei den Auseinandersetzungen erschießen die „Getreuen“ einen jungen Burschen. Streikführer Michaud lässt sich nicht provozieren. Die Angreifer werden mit Wasserstrahlen aus Feuerwehrspritzen verdrängt.
Auf einer Demonstration am 14. Juli 1936 drückt Viard dem Mitglied der sozialistischen Partei Pierre Dubois für die Teilnahme am Streik anerkennend die Hand. Pierres Frau Agnès ist anderer Meinung. Die Lehrerin hält den Kampf ihres Mannes für Donquichotterie.
Als Hitler den spanischen Putschisten Flugzeuge schickt, fordert Michaud auf einer Kundgebung die Volksfrontregierung auf: „Gebt Spanien Flugzeuge!“Verwendete Ausgabe, S. 145, 6. Z.v.u. Nach der Versammlung bittet er Pierre als Flugzeug-Spezialisten um Mithilfe. Als Pierre elf Bomber A68 nach Barcelona schicken will, schaltet Viard, der für Nichteinmischung plädiert, den Chef der Geheimpolizei ein. Der Transfer wird verhindert.
Lucien Tessat stuft seine Hinwendung zu den Kommunisten als Dummheit ein und wird Verbindungsmann zwischen den Falangisten und Breteuil. Für seinen Vater ist Lucien auf einmal nicht mehr der verlorene Sohn. Aber Breteuil gewinnt Lucien als Spitzel. Der Sohn kundschaftet die vertraulichen Papiere auf dem Schreibtisch seines Vaters aus.
Denise verlässt das verhasste Vaterhaus, wohnt möbliert allein und nimmt ein schlecht bezahlte Arbeit als Packerin in den Gnomewerken an. Michaud geht nach Spanien und kämpft als Leutnant des Bataillons „Pariser Kommune“ nahe bei Madrid gegen General Franco. Mitte November 1936 stagniert der Vormarsch des Generals auf die Hauptstadt.
Viard besitzt eine Sammlung erlesener Gemälde. Als 1940 die deutschen Invasoren anrücken (siehe unten „September 1939 bis Juli 1940“), wird die erste Sorge des Politikers dem Schicksal seiner Bilder gelten. In dem Zusammenhang ist ein Besuch Viards im Atelier des Malers André Corneau erwähnenswert. Das Bild, auf das der Sammler reflektiert, gibt der Maler nicht her. Viard zieht beleidigt von dannen.
1938 bis September 1939 Den Einmarsch der Wehrmacht im März 1938 in Österreich nehmen die Pariser „gleichmütig und verstört“ zur Kenntnis. Breteuil, der mittlerweile von dem Großindustriellen Montigny finanziert wird, verschweigt seine „Zusammenarbeit mit Deutschland“. Den Internationalismus von Blum und Viard empfindet er als widerlich. Breteuil zieht Proudhon einem Marx vor. Lucien, der – nach Paris heimgekehrt – im Hause Montigny verkehrt, nennt seinen Vater einen Waschlappen. Joséphine Montigny interessiert sich sehr für den Diplomaten wider Willen. Von Lucien wird solches Interesse der jungen Dame nicht entgegengebracht. Er verliebt sich stattdessen in Mouche. Das ist Madame Marie Grandel. Grandel ist ein Vertrauter Breteuils. Der Kreis um Breteuil fordert, Paul Tessat müsse mit den Kommunisten brechen, Laval müsse zu Mussolini geschickt werden und die Regierung müsse General Franco anerkennen.
Paul Tessat erfährt vom Direktor der Geheimpolizei, seine Tochter Denise friste ein kärgliches Dasein und sei in einem kommunistischen Komitee aktiv. Der bekümmerte Vater bekommt mit, der Sohn Lucien hat ihm ein Schreiben brisanten Inhalts an Monsieur Grandel von Schreibtisch gestohlen. Grandel, so verlautet aus Breteuils Kreisen, sei ein deutscher Spion und kommuniziere mit einem gewissen Kielmann.
Viards oben erwähnter Verrat hat den Ingenieur Pierre Dubois gebrochen, aber er hält weiter zu den Arbeiter der Seine-Werke. Auf seine Frau Agnès, die den einjährigen gemeinsamen Sohn Doudou behütet, hört er nicht. Der einsame Maler André beneidet seinen Freund Pierre, weil der Frau und Kind hat.
Im August 1938 wird in Paris von einem Sudetendeutschen namens Henlein gesprochen. Im September ist von Chamberlain die Rede. Benesch, so heißt es, bestehe auf der Unantastbarkeit der Tschechoslowakei. Breteuil möchte Paul Tessat einreden, die Tschechoslowakei sei ein Flugzeugträger Moskaus. Benesch ist für Breteuil ein Bolschewik. Tessat speist mit Dessère zu Mittag. Letzterer nennt Chamberlain einen Tattergreis und sieht Breteuil schon als Gauleiter von Paris und Umgebung. Denn für Breteuil stehe die „Verteidigung unserer westlichen Zivilisation gegen die Bolschewisten“Verwendete Ausgabe, S. 247, 7. Z.v.o. im Vordergrund.