Der Hillman Avenger (werksintern: Rootes B-Car) ist ein auf den Rootes-Konzern zurückgehendes Fahrzeug der unteren Mittelklasse, das in Großbritannien von 1970 bis 1981 produziert wurde. Hersteller war Chrysler United Kingdom. Der Avenger war als Weltauto konzipiert. Dementsprechend erschien es im Laufe der Jahre unter zahlreichen Marken. Neben der ursprünglich auf den britischen Inseln genutzten Marke Hillman stand es ab 1976 als Chrysler Avenger und ab 1979 als Talbot Avenger im Programm. Auf einigen kontinentaleuropäischen Märkten wurde das Auto zeitweise als Sunbeam Avenger vertrieben, während eine Exportversion für Nordamerika Plymouth Cricket hieß. Chrysler-Niederlassungen in Argentinien und Brasilien und deren Nachfolger produzierten den Avenger jahrelang in Lizenz; dort stand er noch lange über die Produktionseinstellung in Europa hinaus unter den Marken Dodge und Volkswagen im Programm. Auf der verkürzten Plattform des Avenger entstand schließlich auch die zweitürige Kompaktlimousine Chrysler Sunbeam mit gläserner Heckklappe.
Modellgeschichte Die Entwicklung des Avenger wurde im Herbst 1965 von dem seinerzeit noch unabhängigen Rootes-Konzern eingeleitet. Das unter dem werksinternen Code B-Car entwickelte Auto sollte zum Ende des Jahrzehnts die Mittelklassereihe Audax (z. B. Hillman Minx) ersetzen und zwischen der Apex-Familie (Hillman Imp) und der kommenden Arrow-Reihe (Hillman Hunter und andere) positioniert sein.Graham Robson: Cars of the Rootes Group, Motor Racing Publications, Croydon 2007, ISBN 978-1-903088-29-6, S. 154. Der Avenger sollte auf dem heimischen Markt gegen die erfolgreichen Mittelklassemodelle von Ford (Cortina), BMC (Austin Maxi, Morris Marina) und General Motors (Vauxhall Viva) antreten und darüber hinaus im Sinne eines Weltautos geeignet sein, auch auf außereuropäischen Märkten verkauft zu werden.
Der Avenger kam im Februar 1970 auf den britischen Inseln und in einigen Exportländern auf den Markt. Anders als bei fast allen anderen Rootes-Modellen der Nachkriegszeit verzichtete der Konzern beim Avenger auf Badge Engineering: Das Auto war in Großbritannien und Irland ausschließlich unter der Marke Hillman erhältlich; Pendants bei Singer, Humber oder Sunbeam gab es hier nicht.Allerdings wurde der Avenger auf einigen Exportmärkten als Sunbeam verkauft. Dahinter stand die Überlegung, dass die Marke Sunbeam wegen einiger Erfolge im Motorsport international bekannter war als Hillman. Die englische Motorpresse gab dem Avenger gute Kritiken für sein Fahrverhalten, das vor allem das des zeitgleich vorgestellten Morris Marina in den Schatten stellte.
Chrysler bemühte sich ab 1970, die zu dieser Zeit sehr eigenständigen und nicht miteinander kompatiblen Modellpaletten seiner europäischen Niederlassungen in Frankreich und Großbritannien zusammenzuführen. Der bedeutendste Schritt auf diesem Weg war der von Chrysler France entwickelte C6, der ab 1975 in Kontinentaleuropa als Simca 1307/1308/1309 und auf den britischen Inseln als Chrysler Alpine verkauft wurde. Der C6 bediente genau das Marktsegment des Hillman Avenger, war aber mit Frontantrieb und Schrägheck wesentlich moderner. Mit dem Erscheinen des C6 war der Avenger im Grunde obsolet. Ungeachtet dessen setzte Chrysler die Produktion des Avenger nach der Einführung des Alpine fort. Das alte Auto erhielt ein Facelift und stand ab 1976 als Chrysler Avenger im Programm. Der einzige Grund für den Weiterbau des Autos war Chryslers Produktionsstätte im schottischen Linwood, zu deren Auslastung sich Chrysler als Gegenleistung für eine von der britischen Regierung gewährte Unterstützung in Höhe von 162 Mio £ verpflichtet hatte.
1978 hatte sich Chryslers wirtschaftliche Krise in den USA so weit verschärft, dass der Konzern, um weitere Geldquellen zu erschließen, alle Tochtergesellschaften außerhalb Nordamerikas verkaufte. Die europäischen Chrysler-Filialen in Frankreich, Großbritannien und Spanien übernahm die französische Groupe PSA, die für die Anfangszeit auch die Produktion der bisherigen Chrysler-Modelle fortsetzte, sie aber ab 1979 unter der Marke Talbot verkaufte. Das betraf auch den Avenger, der zwei Jahre lang Talbot Avenger hieß. 1981 folgte die endgültige Produktionseinstellung in Europa.
Modellbeschreibung Der Avenger wurde vollständig neu entwickelt; das Auto erhielt keine technischen Komponenten von den anderen Konzernmodellen. Die Entwicklungsverantwortung lag ausschließlich bei Rootes in Großbritannien. Auch nachdem Rootes 1967 von Chrysler übernommen worden war, beschränkten sich die Einflüsse Detroiter Ingenieure auf kleine Details. Rootes verwendete für die Gestaltung und für die Konstruktion in größerem Umfang Computer.
Karosserie Der Hillman Avenger hat eine selbsttragende Karosserie aus gepresstem Stahlblech. Bei Modelleinführung war der Avenger als viertürige Limousine erhältlich, ab 1972 außerdem als Kombi mit großer Heckklappe und ab März 1973 schließlich auch als zweitürige Limousine.
Das Karosserieform wurde in Rootes’ Designstudio unter der Leitung von Roy Axe entwickelt. Anders als bei den Modellen der Arrow-Familie, deren Form betont nüchtern ausfiel,Graham Robson: Cars of the Rootes Group, Motor Racing Publications, Croydon 2007, ISBN 978-1-903088-29-6, S. 144. orientierte sich das Designteam am amerikanischen Geschmack. Kennzeichnendes Merkmal des Profils ist sowgl bei der Limousine als auch beim Kombi die Coke-Bottle-Linie, also eine Wölbung über den Hinterrädern, die in die Kofferraumlinie übergeht. Die Limousine hat darüber hinaus eine stark geneigte C-Säule, die andeutungsweise ein Fließheck abbildet. Die Coke-Bottle-Linie und das Semi-Fließheck finden sich auch bei dem größeren Chrysler 160/180/2 Litre, der kurz nach dem Avenger auf den Markt kam. An der Heckpartie der Limousine sind anders als bei älteren Rootes-Modellen, die insoweit vielfach standardisierte Zubehörkomponenten von Lucas verwendeten, individuell gestaltete Rückleuchten eingebaut, die die Form eines J oder eines L haben. Im angloamerikanischen Sprachbereich werden sie wegen ihrer Ähnlichkeit mit der Form eines Hockeyschlägers auch Hockey Stick Taillights genannt. Es gab zwei verschiedene Frontpartiegestaltungen: Die einfachen Versionen DL, Super und GL sowie der GT ab 1973 haben rechteckige Einzelscheinwerfer, während die höherwertigen Versionen GT (bis 1972), GTS und Tiger runde Doppelscheinwerfer tragen.
Motorisierung und Kraftübertragung mini|1,5-Liter-Reihenvierzylindermotor in einem Avenger von 1971 Die Motoren für den Avenger wurden neu konstruiert. Das Serienmodell war in Großbritannien mit zwei unterschiedlich großen Reihenvierzylindermotoren erhältlich, bei denen es jeweils zwei Leistungsstufen gab. Eine besondere Variante war der vorübergehend angebotene Avenger Tiger, der wesentlich stärker motorisiert war. Der Motor ist vorne längs eingebaut, er treibt die Hinterräder an. Als Kraftübertragung dient serienmäßig ein handgeschaltetes Vierganggetriebe; gegen Aufpreis war ein Automatikgetriebe von BorgWarner erhältlich, das in den ersten Jahren drei und später vier Vorwärtsgänge hatte.
Anfänglich waren die Avenger wahlweise mit einem 1248 cm³ oder einem 1498 cm³ großen Reihenvierzylindermotor erhältlich. Die Leistung des kleineren Motors lag bei 53 bhp (39 kW), die des größeren je nach Kundenwunsch entweder bei 63 bhp (46 kW) oder bei 75 bhp (55 kW). Zum Modelljahr 1973 wurden die Motoren überarbeitet. Der Hubraum des kleineren Motors stieg dabei auf 1295 cm³, der des größeren auf 1598 cm³. Neben der Hubraumvergrößerung gab es für beide Motoren einen neu konstruierten Zylinderkopf. Beide Motoren waren in jeweils zwei Leistungsstufen erhältlich, wobei die stärkere Variante des kleinen Motors mit 69 bhp (50,7 kW) die gleiche Höchstleistung hatte wie die schwächere Ausführung des großen Motors; der wesentliche Unterschied lag hier im Drehmoment, das beim größeren Motor höher war. Insgesamt reichte das Leistungsband der neuen Avenger-Motoren von 57 bhp (42 kW) bis 81 bhp (60 kW). Diese Motoren blieben bis zur Ablösung des Hillman Avenger durch den Chrysler Avenger unverändert im Programm; einige von ihnen fanden sich ab 1976 auch noch im Chrysler.
Modelle und Motorisierungen Bauzeitraum Bezeichnung Hubraum Motorleistung Höchstgeschwindigkeit Bauformen 1970–1973Avenger DL / Super / GL1248 cm³53 bhp (39 kW)130 km/h Limousine / KombiAvenger GL 1498 cm³63 bhp (46 kW)146 km/hAvenger GT 75 bhp (55 kW)154 km/h 1972–1973Avenger GLS159 km/hAvenger Tiger92,5 bhp (68 kW)173 km/hLimousine 1973–1976 Avenger 1300 1295 cm³57 bhp (42 kW)Limousine / Kombi69 bhp (50,7 kW)Limousine Avenger 1600 1598 cm³69 bhp (50,7 kW) 147 km/h Limousine / Kombi81 bhp (60 kW)
Fahrwerk Die Vorderräder sind einzeln mit MacPherson-Federbeinen aufgehängt, hinten wird eine Starrachse an vier Lenkern (zwei längs, zwei diagonal) mit Schraubenfedern verwendet.Graham Robson: Cars of the Rootes Group, Motor Racing Publications, Croydon 2007, ISBN 978-1-903088-29-6, S. 155. Vorn und hinten gibt es Teleskopstoßdämpfer.Angaben in einem Verkaufsprospekt von 1970 (abgerufen am 17. Januar 2025).
Ausstattungslinien Der Avenger war auf dem britischen Markt für Privatkunden zunächst in drei, später in vier Ausstattungslinien erhältlich: mini|Einfach ausgestattete Basisversion: Hillman Avenger DL (Deluxe) Die Basislinie war der Avenger DL (alternativ: Deluxe). Als einfachstes Modell war er innen mit Gummifußmatten und einem sehr einfachen Armaturenbrett mit Breitbandtacho ausgestattet; er konnte wahlweise mit dem 1250- oder 1500-cm³-Motor bestellt werden. Die mittlere Linie hieß Avenger Super. Er hatte Teppiche, Armlehnen, eine Zweiklangfanfare und Rückfahrleuchten, aber das einfache Armaturenbrett des DL. Über dem Super war der Avenger GL positioniert. Der GL war äußerlich an Doppelscheinwerfern zu erkennen. Zur Serienausstattung gehörten ein Hebel zum Öffnen der Kofferraumklappe vom Fahrgastraum aus, Scheibenwischer mit zwei Geschwindigkeiten, gebürsteter Nylonbezug für die Sitze und ein Armaturenbrett mit Rundinstrumenten. Der GL war serienmäßig mit dem 1500-cm³-Motor ausgestattet. Im Oktober 1970 wurde zusätzlich der Avenger GT eingeführt. Er hatte einen 1500-cm³-Motor mit Doppelvergaser und ein manuell zu schaltendes Vierganggetriebe oder auf Wunsch ein dreistufiges Borg-Warner 35 Automatikgetriebe. Der GT hatte runde Doppelscheinwerfer vorn, Seitenstreifen an den Türen und Radabdeckungen aus Kunststoff. Im Oktober 1972 ersetzte der Avenger GLS den bisherigen GT. Der GLS war äußerlich am Vinyldach und an den Rostyle-Sporträdern zu erkennen. Im März 1973 kam die GT-Linie als besondere Ausstattungsvariante des zweitürigen Avenger zurück ins Programm. Der neue GT war ausschließlich mit dem großen Motor erhältlich und hatte einen Vinylüberzug über dem vorderen Teil des Dachs. Anders als die frühere GT-Reihe hatte die neue Auflage rechteckige Frontscheinwerfer.
Von Februar 1972 bis Oktober 1973 gab es den Avenger für kommerzielle Abnehmer schließlich auch als Flottenfahrzeug mit beiden Motorvarianten, aber einfacher Ausstattung. Die Modellbezeichnung dieser Variante lautete Hillman Avenger ohne weiteren Zusatz. Später gab es auch dieses Fahrzeug auf Wunsch mit Automatik.
Baureihen
Erste Serie: 1970 bis 1973 Die ursprüngliche Version des Avenger wurde von 1970 bis 1973 gebaut. In dieser Zeit gab es nahezu keine technischen und stilistischen Änderungen an dem Auto; lediglich die Ausstattungspakete wurden in Einzelheiten neu zusammengestellt.
Zweite Serie: 1973 bis 1975 Im Oktober 1973 wurden beide Motoren überarbeitet. Die Hubräume wurden vergrößert: 1,3 statt 1,25 l und 1,6 statt 1,5 l. Die einfach ausgestatteten Flottenmodelle fielen weg. Die Modelle hießen nun „Avenger 1300“ bzw. „Avenger 1600“, und alle Ausstattungsvarianten (DL, Super und GLS) waren mit beiden Motorvarianten zu kombinieren.
Avenger Tiger mini|Hilman Avenger Tiger Mark I mini|Avenger Tiger Mark II