Klangkunst (auch Audiokunst oder, aus dem Englischen entlehnt, sound art) bezeichnet die intermedialen Kunstformen, in denen Klänge mit anderen Künsten und Medien zu einem Kunstwerk verschmelzen. Der Klangkunst können aufgrund des unterschiedlichen Zusammenspiels von Klang, Raum, Zeit, Bewegung und Form künstlerische Arbeiten wie Klangskulpturen, Klanginstallationen, Musikperformances sowie medienkünstlerische Arbeiten mit Hörspiel, Feature, Video oder Computernetzen zugeordnet werden.

Während mit dem deutschen Begriff Klang im Allgemeinen das Ergebnis musikalischer Komposition verbunden wird (siehe Klangkomposition), schließt der englische Begriff Sound auch das (Alltags-)Geräusch mit ein, welchem in der Klangkunst eine besondere Bedeutung zukommt. (Alltags-)Geräusche finden dort eine ebenso häufige Verwendung wie instrumental erzeugte Klänge oder Töne.Bernd Schulz: Einleitung. In: Bernd Schulz (Hrsg.): Resonanzen. Aspekte der Klangkunst. Stiftung Saarl. Kulturbesitz, Saarbrücken 2003, S. 3.

Entstehung der Klangkunst Die von Lessing im 18. Jahrhundert formulierte materialbezogene Trennung der Kunstarten nach Raum und Zeit wurde von Musikern wie Künstlern gleichermaßen angezweifelt und führte zur sogenannten Musikalisierung der Künste. Im 19. Jahrhundert diente die Symphonie aufgrund ihrer immateriellen Form als Vorbild für alle Kunstarten. Aufgrund der direkten Beziehung zwischen Harmonien und Zahlenproportionen wurden der Musik allgemeingültige und übertragbare Kompositionsgesetze zugesprochen. Die Strukturbildung von Musik übertrug sich in Form der abstrakten Malerei auf die Bildende Kunst. Der russische Konstruktivist Wassily Kandinsky stellte die 5. Symphonie Beethovens in Linien und Punkten dar. Die für gewöhnlich statische und visuelle Bildende Kunst wird durch die Verwendung von Klängen um eine zeitliche und bisweilen dynamische Komponente ergänzt. Umgekehrt wurden in der Musik räumliche und visuelle Aspekte aufgegriffen, die sich an Ideen einer multisensorischen Kunst orientierten, wie sie auch Richard Wagner verfolgte.Helga De La Motte-Haber: Klangkunst – eine neue Gattung. In: Akademie der Künste (Hrsg.): Klangkunst. Prestel, München, New York 1996, S. 12–17.

Bereits 1907 hatte Ferruccio Busoni seine Schrift Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst mit Überlegungen zu neuen Tonskalen, Sechsteltonsystemen und ersten Ahnungen von den Möglichkeiten elektrisch erzeugter Klänge publiziert. Der futuristische Maler Luigi Russolo veröffentlichte 1913 das Manifest L’arte dei rumori (Die Kunst der Geräusche), in dem er auf den Krach von Maschinen und Motoren in den Großstädten einging. Dabei dienten Klänge für ihn nicht nur zur Komposition von Musik, sondern auch als eigenständiges Material und Ausdrucksmittel, um die Technologisierung der Welt fühlbar zu machen.Helga De La Motte-Haber: Klangkunst – eine neue Gattung. In: Akademie der Künste (Hrsg.): Klangkunst. Prestel, München, New York 1996, S. 14–15. Außerdem entwickelte er diverse Instrumente zur Geräuscherzeugung, die intonarumori (Geräuscherzeuger), als eine Zusammenstellung verschiedener Kästen mit Schalltrichtern, die speziell behandelte Membranen zur Erzeugung verschiedener Geräusche beinhalteten. Edgar Varèse forderte schon 1916 im New Yorker Morning Telegraph die Emanzipation des Schalls nicht als Herabsetzung der Musik zu verstehen, sondern als Sehnsucht, „unser musikalisches Alphabet zu erweitern“. Das Geräusch emanzipierte sich und wurde neben dem Klang, dem Ton und der Stille zu einem gleichberechtigten Kompositionsmaterial.Peter Weibel auf . Website des ZKM, abgerufen am 17. Oktober 2015.

Zeitgleich nahmen die Dadaisten nachhaltigen Einfluss auf die Musik und die spätere Entstehung der Klangkunst. Der Dadaismus, der sich als Antikunst verstand, lehnte die konventionellen formgebundenen Kunstvorstellungen ab und orientierte sich an der Idee des Gesamtkunstwerks. Es wurde mit unterschiedlichen künstlerischen Medien ungeachtet ihrer Gattungsgrenzen und in direkter Verbindung mit dem Alltagsleben experimentiert. Neben Improvisation spielte der Zufall bei den meisten Künstlern eine große Rolle, wie beispielsweise in der Komposition Erratum Musical von Marcel Duchamp.René Block: Die Summe aller Klänge ist grau. In: Akademie der Künste (Hrsg.): Für Augen und Ohren. Von der Spieluhr zum akustischen Environment. Akademie der Künste, Berlin 1980, S. 131.

1948 prägte Pierre Schaeffer, Mitbegründer der Musique concrète, den Begriff „Klangobjekt“. Hiermit benannte er (Alltags-)Geräusche aus den französischen Rundfunkarchiven, die er sammelte, bearbeitete und unabhängig von ihrer Entstehungsquelle in Soundcollagen neu zusammensetzte. Neben der durch Aufzeichnungs- und Übertragungstechnik möglichen Trennung des Klangs von seiner Ursache zeigte Schaeffer, dass der ursprünglich nur der Zeit unterworfene Klang auch statische und materialspezifische Eigenschaften wie Dichte, Tiefe oder Länge aufweist und ähnlich wie andere Materialien manipuliert werden kann.Robin Minard: Musique concrète und ihre Bedeutung für die bildenden Künste. In: Bernd Schulz (Hrsg.): Resonanzen. Aspekte der Klangkunst. Stiftung Saarl. Kulturbesitz, Saarbrücken 2003, S. 38–43.

Die Möglichkeiten der Audiotechnik veränderten den Umgang mit Klängen und führten dazu, dass der Interpret durch Übertragungs- oder Abspieltechnik ersetzt werden konnte. Diese Entwicklungen beeinflussten die zeitgenössische Musik ab 1960. Insbesondere die Ideen des amerikanischen Komponisten John Cage, der Zufall, Stille und Geräusch in seine Kompositionen integrierte, lieferten wesentliche Grundlagen für die Entstehung der Klangkunst. Auch Vertreter der Minimal Music wie La Monte Young mit seinem Konzept des Dream House prägten die neu entstehende Kunstgattung, die sich zwischen dem gängigen Kunst- und Musikbegriff etablierte.Sabine Sanio: Ästhetische Erfahrungen als Wahrnehmungsübung. In: Ulrich Tadday (Hrsg.): Klangkunst. Musik-Konzepte Sonderband. edition text + kritik, München 2008, S. 47–66.

Formen der Klangkunst Klangkunst ist als eine eigenständige Kunstform innerhalb der bildenden Kunst anerkannt. Um der Befreiung des Klanges und der Emanzipation des Geräusches ihre wahre Bedeutung zu verleihen, muss man der These von Jacques Attali folgen, dass „die Welt nicht lesend, sondern hörend verstanden wird“, wie er sie in seinem Essay Bruits, einer politischen Ökonomie der Musik, aus dem Jahre 1977 vertritt.Peter Weibel: Sound Art. Klang als Medium der Kunst.

Klangskulpturen Als Schnittmenge zweier Begriffe, von denen der eine aus der Akustik und der andere aus dem Visuellen kommt, wird die Bezeichnung Klangskulptur (engl. sound sculpture) nicht immer in demselben Sinn verwendet. Vieldeutig ist sie vor allem dort, wo „Klangkünstler“ wie Bill Fontana und Michael Brewster unter Verwendung des Begriffs sound sculpture Gestaltungsweisen der Bildenden Kunst auf den Klang übertragen haben und umgekehrt. In erster Linie sind mit dem Begriff Klangskulptur jedoch künstlerisch hergestellte Gegenstände unterschiedlicher Größe gemeint, deren Funktion darin besteht, dass sie sowohl als visuelle Kunstwerke ausgestellt und betrachtet als auch, dass sie wie Musikinstrumente zum Klingen gebracht werden können oder, auf mechanische bzw. elektrisch/elektronische Weise in Bewegung versetzt, Töne oder Geräusche hörbar werden lassen. In Abgrenzung zu früheren Experimenten (z. B. den sog. Intonarumori von Luigi Russolo) bezeichnet der Begriff nach 1945 entstandene Arbeiten wie z. B. die Structures sonores der Gebrüder Bernard und François Baschet (Paris ab 1952), die für eine noise music gedachten automatisierten Klangerzeuger von Joe Jones (New York ab 1963) oder die von ihrem Erfinder als Sculptures musicales bezeichneten Objekte des Griechen Takis (Paris ab 1965). Jean Tinguely, der 1955 zwei Reliefs méta-mécaniques sonores geschaffen und auch bei späteren Arbeiten Interesse an den akustischen Ereignissen seiner beweglichen Arbeiten gezeigt hatte, distanzierte sich von der Vereinnahmung seiner Maschinen als Musikinstrument: „Meine Apparate machen keine Musik“.Zit. nach Frank Gertich: Klangskulpturen; in: Helga De La Motte-Haber: Klangkunst – eine neue Gattung. In: Akademie der Künste (Hrsg.): Klangkunst. Prestel, München, New York 1996, S. 146.

Seitdem wurde die Bandbreite möglicher Klangerzeuger durch die Erfindungsgabe von experimentierfreudigen Musikern und Bildenden Künstlern immer mehr erweitert. Unter den Klangskulpturen nehmen bei allen Unterschieden hinsichtlich ihrer Form die von Steinbildhauern entwickelten Klangsteine auf Grund des Materials eine Sonderstellung ein. Aus Steinen unterschiedlicher Herkunft mit jeweils mineralogischer Eigenart herausgearbeitet, sind sie einander prinzipiell ähnlich und können insofern als geschlossene Gruppe betrachtet werden. Groß hingegen ist die Bandbreite möglicher gestalterischer Ansätze und Ideen in allen anderen Materialien. So ist beispielsweise der 1967 von Stephan von Huene entworfene Tapdancer eine Klangskulptur, die einem Musikautomaten ähnelt, jedoch ohne äußere Bedienung Klänge erzeugt. Die Skulptur besteht aus zwei gekürzten Beinen, die sich durch einen pneumatischen Antrieb bewegen und die Fußspitzen auftippen lassen. Die Geräusche kommen von Holzklötzen im Inneren des Kastens.René Block: Die Summe aller Klänge ist grau. In: Akademie der Künste (Hrsg.): Für Augen und Ohren. Von der Spieluhr zum akustischen Environment. Akademie der Künste, Berlin 1980. Elektroakustische Mittel setzte von Huene ein bei der Entwicklung der sog. Totem-Tones (1969/70) und Text Tones (1982/83). Vergleichbar damit sind auch die Arbeiten von Martin Riches.

Etwa zur gleichen Zeit begann Hugh Seymour Davies damit, gefundene Alltagsgegenstände mit Hilfe von Kontaktmikrofonen zu musikalischen Klangquellen werden zu lassen. 1979 entdeckte der Bildhauer Elmar Daucher gewissermaßen als Nebenprodukt das musikalische Innenleben seiner von tiefen Sägeschnitten durchzogenen Steinskulpturen und entwickelte daraus eine ganze Serie von Klangsteinen. Dauchers Prototypen wurden weiterentwickelt von Michael Scholl und Arthur Schneiter. Die Klangsteine von Hannes Fessmann folgen ähnlichen Prinzipien, zeigen jedoch eine größere Vielfalt der Handhabung und der Klänge. Elementares Musikerleben vermitteln die archaischen Klangskulpturen von Alois Lindner und Thomas Rother. Ludwig Gris vereinigte 300 kleine Geräuschobjekte aus Metall zu einem vielfarbigen Klang-„Orchester“ in der Klangstele Medusa (1984). Die unbegrenzten Möglichkeiten elektronischer Klanggewinnung verfeinerte in seinen interaktiven Klangskulpturen hingegen Thomas Vogel; dabei ging es ihm insbesondere um die Thematisierung von Rückkopplungsprozessen in der Wahrnehmung des Rezipienten mit dem Kunstwerk.Alexis Ruccius: Klangkunst als Embodiment. Primatverlag, Frankfurt am Main 2019, S. 300. Auch Stephan von Huenes Klangskulpturen befassen sich mit der Wahrnehmung des Rezipienten, insbesondere im Sinne einer verkörperten Wahrnehmung als Embodiment.Alexis Ruccius: Klangkunst als Embodiment. Primatverlag, Frankfurt am Main 2019, S. 301–306.