mini|Eingang zum Jugendhilfezentrum Gertrud Feiertag in Caputh, früher Jüdisches Landschulheim Caputh

Das Jüdische Kinder- und Landschulheim Caputh geht zurück auf eine 1931 von der Sozialpädagogin Gertrud Feiertag gegründete reformpädagogische Einrichtung in Caputh (heute Teil der Gemeinde Schwielowsee) in Brandenburg, die von der Gründerin „sofort nach der Machtergreifung auf die generelle Aufnahme von jüdischen Kindern und Jugendlichen“ umgestellt wurde.Walk: Jüdische Schule und Erziehung im Dritten Reich, S. 164–165. Es war neben dem Jüdischen Landschulheim Herrlingen und dem Jüdischen Landschulheim Coburg eins der drei in den 1930er Jahren in Deutschland existierenden Jüdischen Landschulheime.Hildegard Feidel-Mertz: Jüdische Landschulheime im nationalsozialistischen Deutschland.

Gründungsgeschichte Die Geschichte des Landschulheims ist eng verbunden mit der jüdischen Erzieherin Gertrud Feiertag, die zuvor viele Jahre das Kinder-Erholungsheim der Zion-Loge U.O.B.B. auf Norderney geleitet hatte. In einem Bericht über ihre Arbeit dort hatte sie bereits 1926 den Wunsch geäußert, „die geleistete ‚Kurz- und Freizeitpädagogik‘ über die Sommersaison hinaus einmal in einer dauerhaften Einrichtung kontinuierlich fortsetzen zu können“.Hildegard Feidel-Mertz: „Mit dem Blick fürs Ganze“, S. 22. Diesen Wunsch erfüllte sie sich fünf Jahre später in Caputh.

Mit finanzieller Unterstützung ihres Bruders und dank einer kleinen Erbschaft hatte sie in der Potsdamer Straße 18 in Caputh () von einem Berliner Schokoladenfabrikanten dessen ehemaliges Wochenendhaus nebst Grundstück erwerben können. Haus und Grundstück boten beste Voraussetzungen für Gartenarbeit und Sport, zumal im Sommer auch der direkt gegenüberliegende Templiner See zum Baden einlud.

Der Potsdamer Regierung zeigte sie am 21. April 1931 die für Anfang Mai geplante Eröffnung eines Kinder-Landheimes zur Erziehung, Pflege und Erholung an und beantragte zugleich die Erlaubnis zur Durchführung des Schulunterrichts für die ins Heim aufzunehmenden Kinder.Hildegard Feidel-Mertz, Andreas Paetz: Ein verlorenes Paradies, S. 34–37. Zielgruppe waren damals Kinder mit gesundheitlichen oder erzieherischen Problemen, denen durch einen längeren Heimaufenthalt geholfen werden sollte. Der Pädagoge Joseph Walk spricht von einem Heim, das für Kinder aus zerrütteten Familien gegründet worden sei. Doch von Anfang an war diese Zielgruppe offensichtlich im jüdischen Milieu verortet, denn in dem schon erwähnten Schreiben vom 21. April 1931 schrieb Gertrud Feiertag: „Ohne damit eine konfessionelle Abgrenzung vornehmen zu wollen, soll das Kinderheim in erster Reihe zur Aufnahme jüdischer Kinder bestimmt sein, da hierfür in beteiligten Kreisen ein besonderes Bedürfnis besteht“. Zugleich hatte sie sich für ihr Vorhaben der Unterstützung durch die Jüdische Gemeinde Potsdam und die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland versichert.

Gertrud Feiertag eröffnete am 1. Mai 1931 ihr Landschul- und Kinderheim Caputh ohne formelle Genehmigung. Diese folgte erst am 8. September 1931 und enthielt nicht die Genehmigung für den Betrieb einer privaten Volksschule, da dafür eine andere Behörde zuständig war. Dass dieser Schulbetrieb in einer rechtlichen Grauzone dennoch aufgenommen und über die Jahre fortgeführt wurde, „sollte sich dann später, nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten, als es um die dringend notwendig gewordene Unterbringung und Vorbereitung auf das Exil für Kinder jüdischer Herkunft aus ganz Deutschland ging, als sehr verhängnisvoll und für das Weiterbestehen des Heimes gefährdend herausstellen“.

Zum Zeitpunkt der Eröffnung lagen 12 Anmeldungen vor; bis zum Winter 1932 stieg die Zahl der Heimkinder auf etwa 40. Dies entsprach in etwa der von Feiertag angestrebten Obergrenze. Einige der Kinder besuchten auch weiterhin eine externe Schule. Als Leiter der Heimschule hatte Gertrud Feiertag den Pädagogen Fridolin Friedmann eingestellt. Der Heimbetrieb bot auch die Möglichkeit, Haushaltsschülerinnen auszubilden.

Pädagogische Konzeption Nach der Autorin Hildegard Feidel-Mertz war es das Neue und Andere an Gertrud Feiertags Konzeption, „dass sie als Sozialpädagogin 1931 von vornherein ihr Heim mit einer Schule verband. Es handelte sich zunächst um eine vierklassige Grundschule, die u. a. mit Montessorimaterial und im Geiste heutiger Unterrichtsmethoden arbeitete“.Hildegard Feidel-Mertz: „Mit dem Blick fürs Ganze“, S. 23. Gerade weil Feiertag aus der Sozialpädagogik kam, waren ihre Vorstellungen von einem Landerziehungsheim aber auch anders akzentuiert: Aus der nach Feidel-Mertz „klassischen Landerziehungsheim-Pädagogik“ kam dagegen Fridolin Friedmann, der schon an der Odenwaldschule und an der 1928 geschlossenen Samson-Schule gearbeitet hatte. Er war in Caputh für die schulische Arbeit verantwortlich und sah hier eine Chance, die ursprünglichen Ideen der Landerziehungsheime neu zu beleben – gerade auch nach der Machtergreifung. Nach seiner im November 1933 veröffentlichten Einschätzung „vollzieht sich gerade jetzt in den jüdischen Elternkreisen ein Anschauungswandel, der eine jüdische Bildungsstätte dieser Art wieder sehr viel näher an die ursprüngliche Zielsetzung der Landerziehungsheime heranrückt“.Dr. Fridolin Friedmann: Landschulheim Caputh, Jüdische Rundschau vom 10. November 1933, abgedruckt bei Hildegard Feidel-Mertz, Andreas Paetz: Ein verlorenes Paradies, S. 142–145. Sein darauf basierendes Programm fasst Joseph Walk wie folgt zusammen:

Friedmann ging es jedoch nicht darum, im Unterricht nur „die jüdische Materie zu berücksichtigen“. Ihm ging es vielmehr um einen modifizierten Lehrplan, in dem der Stoff der staatlichen Lehrpläne um „die speziellen jüdischen Erziehungsaufgaben“ erweitert und deutsche Kultur zur jüdischen in Beziehung gesetzt wird. Am Beispiel des Faches Geschichte hieß das für ihn, dass die Schüler erkennen sollen, „daß die jüdische Geschichte mit der Geschichte der Menschheit ein Ausdruck jüdischen Schicksals und ein Spiegelbild jüdischen Wesens ist“.

Ausgehend von der notwendig werdenden Berufsumschichtung betonte Friedmann aber auch den Wert der praktischen Erziehung durch Werken, Garten- oder Hausarbeit. Die praktische Erziehung war für ihn aber auch ein Weg zur Realitätserfahrung, zum sich auseinandersetzen mit der Welt außerhalb des Landschulheims. „Das Landschulheim hat einer gefahrvollen Isolierung schon durch die bewußte Wahl des Ortes in der Nähe Berlins entgegengewirkt. Die Kinder sollen in keiner romantischen Abgeschlossenheit mehr aufwachsen und sie sollen die Ausstrahlungen des politischen Geschehens, die Wandlungen in der sozialen Struktur der deutschen Judenheit, überhaupt die entscheidenden Veränderungen der Zeit unmittelbar beobachten und verspüren, da sie keinesfalls bei ihrer künftigen Lebensgestaltung diese mächtigen Faktoren werden ausschalten können.“ Diese äußere Realitätserfahrung soll bestärkt werden durch aktive Teilhabe am internen Gemeinschaftsleben und das dadurch ermöglichte Kennenlernen der „eigentümlichen Gesetzmäßigkeiten eines Gemeinwesens“. Diese wiederum „lassen in eine Gemeinschaft, die ihrem Wesen nach das, was sein soll, zu betonen hat, das notwendige Maß dessen, was ist, einströmen. Nur in solchem Gleichgewicht bildet sich eine Jugend, die sich jeden Fußbreit Boden ihrer künftigen geistigen und materiellen Existenz ›heilignüchtern‹ wird erkämpfen müssen“.

Pädagogische Grundsätze können im schulischen Alltag mitunter auf eine harte Probe gestellt werden, und zu den „äußeren Realitätserfahrungen“, die als das, „was ist“, in das Schulgeschehen einströmen, gehörten auch die Besuche der Schulaufsichtsbehörde. So heißt es denn in einem Bericht des Kreisschulrats vom 10. Dezember 1936 über den von ihm überprüften Geschichtsunterricht:

Die Jahre 1933 bis 1938 Nach der Machtergreifung ergab sich für die Schule eine völlig andere Situation. Nun versuchten immer mehr jüdische Eltern, für ihre Kinder einen Platz an einer jüdischen Einrichtung zu finden, und in Caputh stieg die Zahl der Kinder und Jugendlichen bald auf 80 bis 90 an. Die dafür erforderlichen Lehrkräfte rekrutierten Feiertag und Friedmann aus der Schar der Lehrer, die aufgrund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums ihre Anstellung im staatlichen Schulwesen verloren hatten. Wie innerhalb der Schülerschaft galt aber auch für die Lehrerschaft: Die Fluktuation war groß. Seltener war der Grund hierfür der Wechsel an eine andere Schule, häufig aber der Aufbruch in die Emigration.

mini|Einsteinhaus Caputh, Sommerhaus von Albert Einstein

Die Pflegegelder und das Schulgeld der Eltern bildeten die Basis der Finanzierung des Heims. Hinzu kamen Unterstützungen von jüdischen Wohlfahrts- und Pflegeämtern sowie Zuschüsse jüdischer Verbände. Häufig jedoch mussten auch die Kosten einzelner Kinder mitfinanziert werden, wenn deren Eltern nicht in der Lage waren, die erforderlichen Zahlungen zu leisten.Hildegard Feidel-Mertz, Andreas Paetz: Ein verlorenes Paradies, S. 37–47. Ein weiteres Problem war der steigende Platzbedarf. Im Laufe der Zeit wurden bis zu acht weitere Grundstücke und Gebäude dazugemietet, darunter zeitweilig auch ein Albert Einstein gehörendes Sommerhaus, das spätere Einsteinhaus Caputh.

1935 kam heraus, dass bislang keine Genehmigung für den Betrieb einer privaten Volksschule vorlag (siehe oben). Ein Antrag auf nachträgliche Genehmigung wurde vom zuständigen Kreisschulrat befürwortet, da dieser verhindern wollte, dass jüdische Kinder die evangelische Schule in Caputh besuchten. Der Landrat dagegen wollte das gesamte Heim weghaben. Die Angelegenheit blieb zunächst in der Schwebe, doch am 1. März 1936 drängten Feiertag und Friedmann auf eine Entscheidung, da sie für das an Ostern beginnende neue Schuljahr mit weiteren Kindern für ihre Einrichtung rechneten. Ausgerechnet die Verabschiedung der Nürnberger Gesetze führte zu einer positiven Klärung. Da durch diese auch festgeschrieben worden war, dass jüdische Kinder nur noch in besonderen Schulen unterrichtet werden sollen, gebot es die nationalsozialistische Logik, eine private Schule für jüdische Kinder zu genehmigen. Am 16. Juni 1936 erging der Bescheid zur nachträglichen Genehmigung der Schule, „in der nur nichtarische Kinder beschult werden dürfen“.

Unabhängig davon war das Landschulheim auch antijüdischen Anfeindungen ausgesetzt, die sich sowohl gegen die Kinder, als auch gegen die Gebäude richteten. Ein Überfall ereignete sich im Mai 1934, ein weiterer am 19. Februar 1936. In beiden Fällen kam es nur zu Sachbeschädigungen, und Gertrud Feiertag war so mutig, von den Behörden die Verfolgung der Täter einzufordern. Vergeblich, wie sich zeigte, denn die Taten wurden als Ausdruck des berechtigten Volkszorns gegen die in Caputh als „Judenheim“ diffamierte Einrichtung abgetan und nicht weiter verfolgt. Ebenfalls Anfang 1936 mussten sämtliche Bewohner im Laufe einer Stunde nach Berlin hinausgeschleust werden: „Die Leiterin war durch ihre wohlgesonnene arische Angestellte rechtzeitig vor einem geplanten Überfall der Hitlerjugend, die im benachbarten Potsdam ein Treffen hatte, benachrichtigt worden. Zum Glück blieb es bei der bloßen Drohung, so daß der Unterricht schon am nächsten Tag seinen ungestörten Fortgang nehmen konnte“.

Trotz der antisemitischen Übergriffe versuchten die Nationalsozialisten auch, das Landschulheim Caputh propagandistisch für ihre Zwecke zu nutzen. Anlässlich der Olympischen Sommerspiele 1936 wurde die Einrichtung „japanischen Besuchern von den Machthabern als ein Beispiel jüdisch-autonomer Erziehung im Dritten Reich vorgeführt“.