mini|Historischer Festzug vor dem Kölner Dom, rechts das Zelt des Kaiserpaares, Postkarte nach Adolf Wallraf, 1880 Der Historische Festzug von 1880 war ein Festzug aus Anlass der Vollendung des Kölner Domes. Er fand am 16. Oktober 1880, dem zweiten Tag des Dombaufestes, zu Ehren und in Anwesenheit Kaiser Wilhelms I. und zahlreicher weiterer Fürsten statt.

Der Kölner Dom und seine Baugeschichte stellten für den Festzug den thematischen Rahmen, wobei die erste Bauphase nur knapp dargestellt wurde. Die Abfolge der Gruppen und Festwagen führte von der Zeit des Hochmittelalters mit der Grundsteinlegung des Doms im Jahr 1248 über verschiedene Stationen der Kölner Stadtgeschichte bis zur Domvollendung und zur deutschen Einheit. Der Festzug endete mit einer Darstellung der Germania als patriotischem Symbol und dem Vorbeimarsch militärischer Einheiten Preußens und anderer deutscher Staaten in ihren Paradeuniformen.

Wie schon bei den Feiern zur Grundsteinlegung für den Weiterbau des Kölner Domes im Jahr 1842 wurde der Dom weniger als Kirchenbau denn als Denkmal der deutschen Einheit aufgefasst. Der Kulturkampf und die Flucht des Kölner Erzbischofs ins Ausland hatten zur Folge, dass die katholische Kirche bei den Feierlichkeiten zur Domvollendung weitgehend ausgeschlossen war. Für das Kölner Bürgertum bot der von ihm organisierte und finanzierte Festzug die Gelegenheit zur eindrucksvollen Darstellung seiner Bedeutung in Geschichte und Gegenwart.

Historische Festzüge im 19. Jahrhundert mini|Wiener Festzug von 1879, Blatt der Lithografien-Serie von Eduard Stadlin Ab dem frühen 19. Jahrhundert hat sich in Europa mit der Bildung der europäischen Nationalstaaten eine Kultur historischer Festzüge entwickelt. Ihr Ursprung liegt in den patriotischen Feiern und Umzügen der französischen Revolution, in kirchlichen Prozessionen, Festveranstaltungen der Höfe, Schützen- und Karnevalsumzügen. Ab den 1830er Jahren fanden zunächst in der Schweiz und in den Niederlanden „historische“ Festzüge statt, die das Streben nach nationaler Einheit und nach demokratischen Verfassungen fördern sollten. In Deutschland kamen historische Festzüge in den 1840er und 1850er Jahren auf, nach der deutschen Reichsgründung im Jahr 1871 wurden vermehrt derartige Festzüge veranstaltet und zwischen 1880 und 1890 wurde in Anzahl und Qualität der Veranstaltungen ein Höhepunkt erreicht.

Diese Veranstaltungen waren häufig in Feierlichkeiten aus Anlass historischer oder politischer Jubiläen eingebettet und wurden in den meisten Fällen vom Bürgertum organisiert. Die Veranstalter sahen darin eine Möglichkeit der repräsentativen Selbstdarstellung und der öffentlichen Identifizierung mit dem Nationalstaat, eine historische Tatsachen korrekt wiedergebende Darstellung wurde selten verwirklicht. Bedeutende historische Festzüge unmittelbar vor dem Kölner Festzug fanden im Juni 1877 in Ulm zum 500. Jahrestag der Grundsteinlegung des Ulmer Münsters und am 24. April 1879 in Wien anlässlich des 25-jährigen Hochzeitstags des Kaiserpaares Franz Joseph I. und Elisabeth statt. Der von Hans Makart gestaltete Wiener Festzug war mit 29 Festwagen der größte und bedeutendste historische Festzug des 19. Jahrhunderts.

Fest zur Domvollendung mini|Dombaufest von 1842, nach einer Zeichnung von Georg Osterwald Seit dem 4. September 1842, dem Tag der Grundsteinlegung für den Weiterbau des Kölner Domes, hatten in unregelmäßigen Abständen Dombaufeste mit Umzügen stattgefunden. Die Feiern nahmen mit der Fertigstellung des Innenraums im Jahr 1863 den Charakter kirchlicher Feste an. Das vorläufig letzte Dombaufest fand 1867 statt. 1880 sollte die Vollendung des Domes mit einem zweitägigen Festakt begangen werden, zu dem die Vertreter der Stadt Köln und des Zentral-Dombau-Vereins das Kaiserpaar und zahlreiche weitere Fürsten und andere Angehörige des Hochadels erwarteten.

Als Termin für die Feierlichkeiten war der 15. August 1880 vorgesehen, der Jahrestag der Grundsteinlegung im Jahr 1248. Kaiser Wilhelm I. ließ jedoch diesen Termin verstreichen und setzte dann den 15. Oktober als Datum für die Domvollendung fest. Das war der Geburtstag seines verstorbenen Bruders König Friedrich Wilhelm IV., dessen Begeisterung für die Vollendung des Kölner Domes den Weiterbau ermöglicht hatte. Auf eine Beteiligung kirchlicher Vertreter wurde vor dem Hintergrund des Kulturkampfs verzichtet, es erging an das Domkapitel lediglich die Aufforderung, im Dom zum Festakt ein Te Deum abzuhalten und die Domglocken zu läuten. Die offizielle und vom Kaiser zu genehmigende Festplanung sah vor, das Programm des 15. Oktobers dem Kaiser zu überlassen und erst am folgenden Tag nicht näher bezeichnete Veranstaltungen der Stadt Köln durchzuführen.

Vorbereitung mini|hochkant|Wilhelm Camphausen Bereits am 15. Mai 1879 hatte Eduard von Oppenheim während einer Sitzung des Zentral-Dombau-Vereins den Antrag gestellt, bereits zu diesem Zeitpunkt vorbereitende Schritte für die Durchführung eines historischen Festzuges nach den Vorbildern von Ulm und Wien zu unternehmen. Am 3. September 1880 trafen sich im Restaurant des Gürzenich einige Kölner Bürger. Die bei diesem Treffen aufgekommene Idee eines historischen Festzugs weckte Begeisterung, so dass täglich weitere Treffen folgten. Am 6. September 1880 wurde ein aus 24 Bürgern und jeweils sechs Delegierten des Kölner Stadtrats und des Zentral-Dombau-Vereins bestehendes Festzugkomitee gegründet, das am nächsten Tag den Rechtsanwalt und Stadtverordneten Johann Joseph Fischer zum Vorsitzenden, den Direktor der Colonia-Versicherung Jakob Gilbert zu dessen Stellvertreter und den Bankier Albert Freiherr von Oppenheim zum Kassierer bestimmte.

Da aufgrund der Kürze der Zeit bis zum Fest die Beteiligung mehrerer erfahrener Künstler erforderlich war, und in Köln keine Künstlerkolonie wie in Düsseldorf existierte, begab sich der Vorstand des Festzugkomitees am 8. September zur Düsseldorfer Kunstakademie und beriet sich mit Professor Wilhelm Camphausen. Camphausen hielt einen Festzug ungeachtet der kurzen Vorbereitungszeit für möglich und es gilt als sehr wahrscheinlich, dass er selbst und weitere Düsseldorfer Künstler bereits durch von Oppenheims Vorstoß des Vorjahres informiert waren und Entwurfsarbeiten leisten konnten. Camphausen legte dem Festzugkomitee am 10. September ein Konzept vor, das Entwurfszeichnungen der Wagen und der Reitergruppen enthielt und eine Dreiteilung entsprechend der historischen Abschnitte von der Grundsteinlegung 1248 bis zur Chorweihe 1322, von 1322 bis zum Beginn des Weiterbaus 1842 und von 1842 bis zur Vollendung 1880 vorsah. Auf der Grundlage dieser Entwürfe wurde Camphausen mit der künstlerischen Gesamtleitung des Festzugs beauftragt.

Ab dem 8. September liefen unter den Kölner Bürgern Listen zur Zeichnung freiwilliger Beiträge um. Am 12. September veröffentlichte das Festzugkomitee einen Spendenaufruf, der deutlich auf den Dombau als Symbol der deutschen Einheit Bezug nahm: Wie könnten wir schöner zur Feier beitragen, als durch eine glänzende Darstellung der drei großen Perioden der Bauzeit des erhabenen Gotteshauses, dieses Wahrzeichens deutscher Einheit und Ausdauer? Ein historischer Festzug soll der Dank sein, den wir unserem Kaiser schulden, und eine Huldigung für alle, die den Dom in ihrem Herzen getragen und aus dem Sarkophag deutscher Ehre ein Mal deutscher Heiligkeit geschaffen (…). Nach wenigen Tagen, am 17. September, war die Finanzierung des Festzugs gesichert. Die Mittel stammten überwiegend aus dem Kölner Bürgertum, bestehend aus Kaufleuten, Beamten, Gelehrten und wenigen Künstlern, die mehrheitlich einer nationalliberalen Politik anhingen und in ihrem Selbstbild wie nach den tatsächlichen Verhältnissen staatstragend waren.

Die Vorbereitung des Festzuges wurde durch das Gerücht empfindlich gestört, die Requisiten des Zuges würden ausschließlich in Düsseldorf hergestellt. Die alte Rivalität zwischen Köln und Düsseldorf und die Sorge um ihnen möglicherweise entgehende Einnahmen veranlassten die Kölner Handwerker, ihre Teilnahme als Fußgruppen im Festzug abzusagen. Das Festzugkomitee sagte zu, dass es alle zu vergebenden Aufträge in Köln unterbringen werde. Dennoch erklärten die Bäcker, Fassbinder, Schneider und Schuster erst am 27. September, die Fleischer, Schlosser und Schreiner noch später ihre Bereitschaft zur Teilnahme am Umzug.

mini|hochkant|Hermann Otto Pflaume Die Kostümentwürfe wurden von den Düsseldorfer Künstlern Wilhelm Camphausen, Wilhelm Beckmann, Albert Baur, Ernst Roeber und Fritz Roeber erarbeitet. Sie wurden dabei von dem Kölner Karnevalisten und Mundartdichter Fritz Hönig unterstützt, der Entwürfe für Wappen, Pferdedecken und andere Elemente lieferte. An der Gestaltung der Festwagen waren auch der Kölner Architekt Hermann Otto Pflaume, Dombildhauer Christian Mohr und der Diözesan-Baumeister Heinrich Wiethase beteiligt. Die Künstler leisteten ihre Arbeit unentgeltlich. Zahlreiche Entwürfe für Kostüme und Festwagen sind im Kölnischen Stadtmuseum erhalten.

Die Kostümschneiderei und der Wagenbau für den Festzug befanden sich auf dem Firmengrundstück Klingelpütz 19a des Fabrikanten Friedrich August Herbertz. Für die Kostüme der Hauptfiguren, die von Mitgliedern des Großbürgertums dargestellt wurden, kamen hochwertige Materialien zum Einsatz, Pelz, Brokat und Messing. Die meisten Kostüme wurden jedoch aus preiswerten Stoffen gefertigt, Waffen und Beschläge bestanden in den meisten Fällen aus gold- oder silberfarben angemaltem Holz. Für einige Kostüme, die von den begüterten Zugteilnehmern selbst bezahlt werden mussten, sind Preisangaben auf den Entwürfen überliefert. So kostete das Kostüm des Gewürzhändlers Gustav Rabich, der als Bannerträger der altkölnischen Geschlechter am Beginn der zweiten Abteilung mitritt, 77 Mark, hinzu kamen 120 Mark für die Ausstattung des Pferdes. Das entsprach in der Stadt Köln mehreren durchschnittlichen Monatseinkommen. Preiswertere Kostüme trugen die Statisten in den Fußgruppen, sie kosteten etwa 25 Mark und mussten wahrscheinlich nicht von den Teilnehmern bezahlt werden. Zahlreiche Kostüme wurden nicht eigens für den Kölner Festzug angefertigt, sondern in Belgien eingekauft, wo historische Festzüge ebenfalls beliebt waren. Nach der Kölner Veranstaltung wurden wiederum Kostüme und Staffagen an das Theater in Köln und nach Belgien verkauft.

mini|Der Kölner Erzbischof Heinrich II. von Virneburg zu Pferd in weltlicher Kleidung, Bischofsstab und weitere Insignien des kirchlichen Amtes tragen die berittenen Pagen, Tony Avenarius 1880, Tafel XVII Von vornherein wurde der Festzug als eine Veranstaltung des selbstbewussten Kölner Bürgertums für seinen Kaiser geplant. Kirchliche Elemente wurden gemieden und die Bedeutung der katholischen Kirche für Köln verleugnet. Dies ging sogar so weit, dass kirchliche Würdenträger wie die Kölner Erzbischöfe Konrad von Hochstaden und Heinrich II. von Virneburg, die in der Geschichte des Dombaus eine große Bedeutung hatten, als Reichsfürsten in weltlicher Kleidung dargestellt wurden. Im besonders umfangreichen mittleren Teil des Zuges wurde das Kölner Patriziat dargestellt, ohne zwischen überlieferten Legenden und historischen Tatsachen zu unterscheiden. Die Darsteller jener als bedeutendste Zeit der Kölner Stadtgeschichte empfundenen Zeit entstammten vorrangig dem Großbürgertum, wie der Bankiersfamilie von Oppenheim. Um die Rolle Preußens in der Kölner Stadtgeschichte zu überhöhen, wurde das 16. und 17. Jahrhundert als „brandenburgische Zeit“ bezeichnet, und den Preußen wurde bereits für die Zeit seit der Übernahme des Herzogtums Kleve und der Grafschaft Mark im 17. Jahrhundert die Rolle der „Wacht am Rhein“ zugeschrieben. Die Darsteller der Hauptfiguren jener Epoche waren überwiegend Aufsteiger und neureiche Industrielle.