mini|hochkant|Marie, Gräfin von Ponthieu

Marie de Ponthieu (* vor 17. April 1199; † 21. September 1250 in Abbeville) ist unter dem Namen „Ponthieu“, der gleichnamigen Grafschaft im Besitz ihrer Familie bekannt, während ihr eigentlicher Familienname de Montgommery lautete. Als Letzte ihrer Linie und einziges Kind ihres Vaters war sie als dessen Erbin von 1221 bis 1250 in eigenem Recht Gräfin von Ponthieu und Gräfin von Montreuil-sur-Mer. Durch ihre Mutter Alix von Frankreich, Gräfin von Vexin (* 1160, † 1221) war Marie eine Enkelin von König Ludwig VII. von Frankreich. Maries Leben – über das nur wenige Daten bekannt sind – wurde durch ihre Familienbeziehungen, durch die Spannungen zwischen Frankreich und England, durch die Kreuzzüge als „Familienangelegenheit“ und nicht zuletzt durch die schwankende Königstreue ihres ersten Ehemannes Simon von Dammartin geprägt. Sie ist zugleich eine europäische Stammmutter, da sie u. a. zu den Vorfahren der späteren Könige von England aus dem Haus Plantagenet zählt.

Herkunft mini|hochkant|Montgommery

Marie de Ponthieu stammte aus dem normannischen Haus Montgommery, das sich nach ihrem Besitz Montgommery (heute Saint-Germain-de-Montgommery) im Département Calvados in der Normandie nannte. Bedeutend war Roger II. de Montgommery († 27. Juli 1094), der Wilhelm I. den Eroberer 1066 bei dessen Militärexpedition nach England begleitete und daraufhin 1074 zum Earl of Shrewsbury und zum Earl of Arundel (in Sussex) erhoben wurde. Durch seine Ehe mit Mabile de Bellême wurde Roger II. zusätzlich Graf von Alençon und von Ponthieu, sowie Herr von Bellême. Aufgrund des weitgestreuten Besitzes bestand eine dreifache Lehensabhängigkeit: vom Herzog der Normandie — damals der König von England, vom Grafen von Maine und vom König von Frankreich. Die Spannungen zwischen diesen Lehensherren stellten die Loyalität der Grafen von Ponthieu regelmäßig auf die Probe. mini|hochkant|Der Turm, der 1126 in Abbeville zur Erinnerung an den Tod von Maries Großvater Graf Johann I. von Ponthieu beim Kreuzzug errichtet wurde.

Maries Großvater war Johann I. von Montgommery, Graf von Ponthieu und Montreuil, der am Dritten Kreuzzug teilnahm und 1191 bei der Belagerung von Akkon fiel. Er war in dritter Ehe mit Beatrix von Saint-Pol, einer Tochter von Anselm „Candavene“ Graf von Saint-Pol, verheiratet gewesen. mini|Karte der Besitzungen der Grafen von Ponthieu

Ihr Vater war Wilhelm V. von Ponthieu, genannt Talvas (* nach 1178, † 6. Oktober 1221), der von 1191 bis 1221 Graf von Ponthieu und Montreuil war und laut Ehevertrag vom 20. August 1195 in Yvelines Alix von Frankreich, Gräfin von Vexin (* 1160, † 1221) heiratete. Diese war eine Tochter von Ludwig VII., dem König von Frankreich (1137–1180), und dessen zweiter Gemahlin Konstanze, Infantin von Kastilien, die 1160 bei der Geburt ihrer Tochter Alix verstorben war.Charles Cawley: Medieval Lands. https://fmg.ac/Projects/MedLands/CAPET.htm#_Toc495733105 Die Chronik des Alberic de Trois-Fontaines nennt Margarete und Alix als Kinder von König Ludwig VII. und seiner zweiten Gemahlin und hält fest, dass Alix den Grafen Wilhelm von Ponthieu heiratete.Chronica Albrici Monachi Trium Fontium 1164, MGH SS XXIII, S. 848.Ulrike Kessler: Richard Löwenherz; König, Kreuzritter, Abenteurer. Styria Verlag 1995, ISBN 3-222-12299-7, S. 61. Nach anderen Darstellungen wurde Alix von Frankreich erst um 1170 als Tochter der dritte Ehefrau von König Ludwig VII., Alix von Blois-Champagne (* 1140, † 1206), geboren.Detlev Schwennicke: Europäische Stammtafeln. Neue Folge, Band II, Tafel 11, Verlag J. A. Stargardt, 1984.John W. Baldwin: Aristocratic Life in Medieval France. Johns Hopkins University Press, 2002, S. 58.

Leben Jugend mini|Türme in der Zitadelle die Maries Onkel, König Philipp II. August, in Montreuil-sur-Mer errichten ließ.

Marie de Ponthieu wurde vor dem 17. April 1199 als Tochter von Wilhelm II. „Talvas“ geboren, der als Graf von Ponthieu und Montreuil zu den bedeutendsten Lehensträgern der französischen Krone zählte. Durch ihre Mutter, die Prinzessin Alix von Frankreich, zählte Marie de Ponthieu zur engsten Verwandtschaft der französischen Königsfamilie. Zur Enttäuschung ihrer Eltern blieb Marie das einzige überlebende Kind und wurde daher zur letzten Vertreterin ihrer Familie und zur Erbin der ausgedehnten Besitzungen ihrer Eltern.

Marie tritt mehrfach in Urkunden auf, die von ihrem Vater ausgestellt wurden, in denen jeweils ihre Zustimmung zu verschiedenen Rechtsgeschäften festgehalten wird, so etwa 1205 bei einer Schenkung an die Kirche von Saint Giosse oder in den Jahren 1207 und 1208, als einem Vasallen ihres Vaters Rechte übertragen wurden. Im September desselben Jahres bestätigt ihr (künftiger) Schwager Rainald I. von Dammartin in einer Urkunde den Ehevertrag zwischen Marie und seinem Bruder Simon von Dammartin.Charles Cawley: Medieval Lands. Comtes de Ponthieu (BELLÊME-MONTGOMMERY) fmg.ac Während diese urkundlichen Erwähnungen keinerlei Auskunft über die Maries Lebensumstände geben, lassen sich diese aus den familiären Zusammenhängen und aus der Zeitgeschichte erschließen.

Französische Heiratspolitik Heiratspläne für Maries Mutter Für Marie de Ponthieu war in ihrer Jugend zweifellos das Schicksal ihrer Mutter Alix von Frankreich († 1221) prägend, die Teil der dynastischen Heiratspolitik ihres Vaters, König Ludwig VII. von Frankreich, war. Es galt, das Haus Plantagenet, deren Repräsentanten Könige von England, zugleich aber auch die bedeutendsten Lehensträger und damit Rivalen und Partner auch bezüglich des Kreuzzuges waren, an Frankreich zu binden. Maries Großvater hatte daher bereits 1161 seine dreijährige Tochter Margarethe von Frankreich, die ältere Schwester von Maries Mutter Alix, mit dem englischen Thronfolger Heinrich dem Jungen Plantagenet (* 1155, † 1183) verheiratet, der bereits zu Lebzeiten seines Vaters 1170 als der „junge König“ gekrönt wurde und diesen Titel bis zu seinem Tod im Jahre 1183 trug, wodurch auch Maries Tante Margarete den Titel der jungen Königin von England trug.

Um die dynastische Bindung doppelt zu sichern, wurde Maries Mutter, Alix von Frankreich, 1169 im Frieden von Montmirail mit Heinrichs jüngerem Bruder, dem zwölfjährigen Richard Löwenherz, nunmehr Herzog von Aquitanien, verlobt.Ulrike Kessler: Richard Löwenherz; König, Kreuzritter, Abenteurer. Styria Verlag 1995, ISBN 3-222-12299-7, S. 31. Jedoch gab es dreizehn Jahre später immer noch keine Ehe, als 1183 vertraglich die Grafschaft Vexin als Mitgift vorgesehen, jedoch offen gelassen wurde, welchen der Söhne von König Heinrich II. Alix heiraten würde.Ulrike Kessler: Richard Löwenherz; König, Kreuzritter, Abenteurer. Styria Verlag 1995, ISBN 3-222-12299-7, S. 32. Alixiste daher um 1185 erwartungsvoll ihrer Hochzeit in England entgegen, wo sich jedoch Richard weigerte, sie zu heiraten. Um eine drohende Krise der bilateralen Beziehungen zu vermeiden, wurde 1189 im Vertrag vom Colomiers diese Verlobung durch König Heinrich II. von England und König Philipp II. August von Frankreich neuerlich bestätigt.

Dies blieb jedoch ohne Wirkung, da König Heinrich II. noch im selben Jahr verstarb und Richard I. Löwenherz, nunmehr als König von England, auf der Ablehnung der Ehe bestand, wobei er sich auf das kanonische Ehehindernis der „affinitas“ stützte,Ulrike Kessler: Richard Löwenherz; König, Kreuzritter, Abenteurer. Styria Verlag 1995, ISBN 3-222-12299-7, S. 72. da sein eigener Vater König Heinrich II. seiner Braut Alix zu nahe getreten wäre. Im März 1191 kam es in Messina zur offiziellen Auflösung der Verlobung durch König Richard.Ulrike Kessler: Richard Löwenherz; König, Kreuzritter, Abenteurer. Styria Verlag 1995, ISBN 3-222-12299-7, S. 60.

König Philipp August ließ sich dadurch nicht von seiner Strategie abbringen und bot Alix nunmehr dem jüngeren Bruder Richards, Johann Ohneland, als Braut an, obwohl dieser bereits verheiratet war.Ulrike Kessler: Richard Löwenherz; König, Kreuzritter, Abenteurer. Styria Verlag 1995, ISBN 3-222-12299-7, S. 74. Da auch dieser Versuch scheiterte, musste Alix die vorgesehene Rolle als Königin von England gegen die einer zurückgewiesenen Braut mit nicht ganz makellosem Ruf tauschen. Während des Dritten Kreuzzuges blieb sie unter englischer Kontrolle und wurde im Turm von Rouen festgehalten.Ulrike Kessler: Richard Löwenherz; König, Kreuzritter, Abenteurer. Styria Verlag 1995, ISBN 3-222-12299-7, S. 61. Erst nachdem König Richard 1195 nach dem Kreuzzug, der Gefangennahme bei Wien und der Haft in der Burg Trifels nach England zurückgekehrt war, konnte Alix nach Frankreich heimkehren, wo sie umgehend von ihrem Halbbruder König Philipp II. August am 20. August 1195 mit dem Grafen Wilhelm IV. von Ponthieu verheiratet wurde. Ihre ursprüngliche Mitgift – die Grafschaft Eu und die Stadt Arques in der Normandie, hatte König Richard inzwischen unter seine Kontrolle gebracht.Ulrike Kessler: Richard Löwenherz; König, Kreuzritter, Abenteurer. Styria Verlag 1995, ISBN 3-222-12299-7, S. 74.

Heiratspolitik mit Marie de Ponthieu mini|hochkant|Wappen von Ponthieu

Marie war als Nichte des französischen Königs und künftige Erbin der Grafschaften Ponthieu und Montreuil naturgemäß Gegenstand der königlichen Heiratspolitik. Hier ging es nicht um eine außenpolitische Allianz auf höchster Ebene, sondern darum, eine in ihrer Loyalität schwankende mächtige Adelsfamilie dauerhaft an die Krone Frankreichs zu binden. Marie wurde daher von ihrem Onkel König Philipp II. August im September 1208 mit Simon von Dammartin, Graf von Aumale (* 1180, † 21. September 1239), verheiratet.Charles Cawley: Medieval Lands. Comtes de Punthieu (BELLÊME-MONTGOMMERY) https://fmg.ac/Projects/MedLands/nfraamp.htm#MariePonthieudied1250 Diese Verbindung erschien dringend geboten, da Simon mit seinem Vater Aubry II. von Dammartin und seinem älteren Bruder Rainald I. von Dammartin einige Jahre zuvor von Frankreich abgefallen war, um sich dem englischen König Richard Löwenherz anzuschließen, was zur Einziehung ihrer französischen Lehen führte. Erst nach dem Tod von König Richard im Jahre 1199 und dem Tod ihres Vaters Aubry II. im Jahre 1200 wechselten die Brüder von Dammartin im Streit mit Richards Nachfolger König Johann Ohneland wieder die Seite und kehrten nach Frankreich zurück, um sich König Philipp August reumütig zu unterwerfen. In Frankreich zeichneten sich die Brüder nunmehr im Kampf gegen England aus, wodurch Rainald I. von Dammartin – Maries späterer Schwager – 1204 die Grafschaft Aumale zurückerhielt, die er jedoch 1206 mit seinem Bruder Simon gegen die Grafschaft Mortain vertauschte.

Simon von Dammartin Abfall von Frankreich Die Erwartung von König Philipp II. August und wohl auch von Marie de Ponthieu, dass diese Großzügigkeit und die Ehe mit einer Nichte des Königs die Loyalität des Hauses Dammartin für die französische Krone sichern würde, erfüllte sich jedoch nicht. Ein wesentlicher Grund dafür war der Versuch von König Philipp August, die Macht des Adels einzuschränken, was Maries Ehemann Simon von Dammartin und seinen älteren Bruder Rainald I. dazu veranlasste, 1211 neuerlich die Seiten zu wechseln, und sich dem Feind, König Johann Ohneland von England, anzuschließen. Für Marie war der Verrat ihres Ehemannes nicht nur persönlich ein Rückschlag, sondern auch deswegen, da ihr Vater Wilhelm IV. Graf von Ponthieu dem König treu ergeben war, wodurch Marie zwischen den beiden Konfliktparteien stand.