Das Aachener Rathaus ist neben dem Dom das markanteste Bauwerk im historischen Stadtkern der Aachener Altstadt. Es dient heute als Sitz des Oberbürgermeisters der Stadt Aachen wie auch des Stadtrates. Das im gotischen Stil erbaute Rathaus gilt als bedeutsames Denkmal der Aachener Stadtgeschichte wie auch der lokalen Profanarchitektur und ist unter anderen Veranstaltungsort des Karlspreises.
Architektur und Geschichte Die Geschichte und das wechselnde Bild des Rathauses sind in direkter Verbindung zueinander. Verschiedene Phasen, von der Errichtung, dem Umbau zum Zeitgeschmack des Barocks oder der Regotisierung im 19. Jahrhundert, haben das heutige Aussehen und die Differenz von Außen- zu Innenarchitektur gebildet.
Das originale gotische Rathaus von Aachen gilt zudem als architektonisches Vorbild zahlreicher Rathausbauten im flämischen Raum dieser Zeit. auf den Seiten der Route Charlemagne, abgerufen am 2. März 2015.
Stand vor Errichtung
Zum Ende des 13. Jahrhunderts entstand die Notwendigkeit einer geeigneten Räumlichkeit für die im Anschluss an die Krönungen stattfindenden Krönungsmähler. Die karolingische Königsaula (Aula regia), die noch 1273 von König Rudolf IV. für sein Krönungsmahl genutzt wurde, wies spätestens ab dem Jahr 1298, dem Jahr der Krönung von Albrecht I., erheblichen Verfall auf, so dass für das Festmahl auf die Propstei des Aachener Marienstifts ausgewichen werden musste. Das im Jahr 1267 am Fischmarkt errichtete Grashaus fiel als Ersatzräumlichkeit aufgrund zu geringer Fläche und Repräsentanz aus.
Trotz der baulichen Mängel und der ausgebliebenen Ursprungsnutzung als Ort der Krönungsmähler konnten noch im Jahr 1283 auf dem Söller der Aula regia Rechtsgeschäfte stattfinden. Dieser befand sich vorgelagert an der Südwand, zum obersten Geschoss hin.
Die Übertragung des Grundstücks und der Aula regia an die Stadt ist nicht mehr durch Quellenangaben belegbar, sodass der Erwerb (oder eine königliche Schenkung) heutzutage nicht mehr nachvollziehbar ist, jedoch war eine solche Besitzübertragung nur durch königliche Einwilligung möglich.
Vorbilder Als Vorbild für den Neubau dienten Elemente von Bauten aus Hessen und Frankreich, darunter auch der Grande Salle des französischen Königspalastes auf der îlle de la Cité in Paris wie auch der Fürstensaal des Saalbaus im Marburger Schloss.
Errichtung und Einbindung vorhandener Elemente mini|hochkant|Marktturm mit Marienportal Vereinbarungen und genaue Umstände lassen sich ebenfalls nicht durch Quellen belegen, doch bestand bereits vor Baubeginn die Idee einer geteilten Nutzung des Neubaus: Während das Untergeschoss der reichsstädtischen Verwaltung Aachens dienen sollte, blieb das Obergeschoss als Reichssaal für die Krönungsfeierlichkeiten vorbehalten.
Auch wenn im Volksmund und der zeitgenössischen Forschung bis ins 19. Jahrhundert die Schirmherrschaft der Errichtung dem Bürgermeister und Ritter Gerhard Chorus (1285–1367) zugeschrieben wurde, kann die Quellenlage dies nicht eindeutig bestätigen, jedoch fiel der Zeitraum der Erbauung in einige seiner Amtszeiten. Die Bürgermeister wurden in Aachen am 25. Mai für jeweils ein Jahr gewählt, so dass Chorus 1324, 1327, 1338 und 1346 für jeweils ein Jahr regierte. Ebenfalls fiel die Erbauung auch in die Amtszeiten des Bürgermeisters Walter von Punt 1327, 1334, 1338, 1343. Beiden Bürgermeistern kann also eine bedeutsame Rolle während der Errichtungsphase zugesprochen werden, eben so dem Rat der Reichsstadt.
Der genaue Zeitpunkt des Baubeginns und die Hintergründe sind nicht durch Quellen belegt, aber die erhaltene Stadtrechnung des Jahres 1334/1335 weist den fortgeschrittenen Bau im Bereich der karolingischen Königsaula aus. Hier wurden die Kosten für Blei, Eisenwerk, Zinn, sieben Türen, Holz, Kalk, Tünche und Bretter aufgelistet, welche für den Baufortschritt notwendig waren.
Ebenfalls erwähnt wird der Durchbruch durch die alte Apsis, den sogenannten langen Gang, 1334, welcher die fortgeschrittenen Bautätigkeiten bezeugte.
Für den Bau verwendete man bereits bestehende Elemente der Aula regia fort: Für den Keller und Sockelbereich nutze man die Fundamente und Reste der karolingischen Aula, ebenfalls wurde die Außenwand der Südseite und Teile der beiden flankierenden Türme genutzt. Der westliche/obere Pfalzturm (turris aule superiosis) wurde 1334 bis auf eine Höhe von 12 Metern abgebrochen und auf seinem Unterbau die halbrunde Uhrglocke, der heutige Marktturm, errichtet. Der Erhalt der Südseite mit seinem karolingischen Mauerwerk und die somit ausgebliebene Umgestaltung begründeten sich auch in den dort angebauten Privathäusern. Der Granusturm (bis ins 13. Jahrhundert noch als Königsturm turris regia bezeichnet) wurde auf einer Basis von 20 Metern Höhe um zwei weitere Geschosse aufgestockt, in Summe also um 14 Meter erhöht.
Baumeister Eine Nennung der (oder des) Baumeisters ist nicht überliefert, jedoch lassen sich in den erhaltenen Stadtrechnungen Namen von zwei, nur mit Vornamen vermerkten, Steinmetzen in fester Anstellung finden: Einmal Meister Wilhelm und einmal Meister Johann. Ersterer wird in der Rechnungen von 1334/1335 erwähnt, Letzterer in den Rechnungen von 1338/1339 und 1349/1350.
Während der mittelalterlichen Zeit war es nicht ungewöhnlich, dass Steinmetze die architektonische Ausarbeitung von Bauten durchführten.
Zeitlich genau belegbar ist hingegen die Beauftragung eines Peter von der Capellen, welcher, am 31. März 1370, auf Stadtkosten die Nordfassade mit Figuren ausstatten und die Bauaufsicht über das Rathaus übernehmen sollte. Das Material wurde ihm hierzu gestellt und ein Mitspracherecht bei der Auswahl der Steine zugestanden. Für seine Dienste wurde ihm vertraglich eine jährliche Zahlung auf Lebenszeit zugesprochen, die jeweils zur Hälfte immer am 17. Juli und 2. Februar ausgezahlt wurde. Ebenso gehörte die Versorgung mit Wein, Kleidung und anderen Zuwendungen zum Vertrag, wie auch ein lebenslanges Wohnrecht in einem Haus nahe des Augustinerklosters in der heutigen Kockerellstraße.
Er fertigte die 30 ursprünglichen Königsfiguren des Rathauses an, zuletzt die Figur des Königs Wenzel, welcher am 6. Juli 1376 in Aachen gekrönt wurde. Diese Statue stellte die letzte des ursprünglichen Figurenschmucks dar, welcher heutzutage als verloren gilt und dessen dargestellte Herrscher nicht überliefert wurden.
Bedeutungsverlust und Übergang zum Barock mini|hochkant|Ferdinand I. (HRR)
Die letzte Krönung – Ferdinand I.
Den Bestimmungen der goldenen Bulle von 1356 nach, ausgestellt durch Karl IV., wurde Aachen als Krönungsort festgeschrieben. Frankfurt am Main hingegen wurde in der Bulle zum Ort der Königswahl bestimmt.
Politische Umstände, nicht zuletzt durch die Wirren mit dem neuen Nachbarn der freien Reichsstadt, dem Haus Burgund, eine finanziell desolate Lage der städtischen Kasse und insbesondere die religiösen Zerwürfnisse durch die Kirchenspaltung der Reformation, welche die innenpolitische Lage des Heiligen Römischen Reiches erheblich belastete, führte zum Verlust der profanen und sakralen Bedeutsamkeit der Königskrönung in Aachen. Als Ferdinand I. am 11. Januar 1531 zum Mitkönig von Karl V., seinem Bruder, in Aachen gekrönt wurde, fiel die Feierlichkeit bereits weniger prunkvoll aus.
Diese Krönung stellte zugleich auch die letzte Krönung in Aachen dar: Als Maximilian II., Sohn von Ferdinand I., am 24. November 1562 gekrönt werden sollte, war der Sitz des Erzbischofs von Köln vakant, beziehungsweise der Nachfolger noch nicht zum Bischof geweiht worden. Dieser übernahm, gemäß der goldenen Bulle, die Krönung im Aachener Münster. Aus diesem Grunde musste eine andere Lösung gefunden werden. Vornehmlich die protestantischen Kurfürsten agierten hier gegen das katholisch geprägte Aachen, so dass Frankfurt am Main zum neuen Krönungsort auserkoren wurde.
Der Krönungssaal des Rathauses verlor somit seine ursprüngliche Funktion, Aachen an Bedeutsamkeit innerhalb des Reichs.
Umbauten und Instandhaltung im 16. Jahrhundert mini|Aachener Rathaus, Zeichnung von Albrecht Dürer, 1520 Der Verlust vieler Unterlagen lässt eine lückenlose Nachverfolgung aller Arbeiten auch in dieser Zeit nicht zu, erhalten sind hingegen Rechnungen, die größere Arbeiten im Jahr 1562 belegen. Ein Steinmetzmeister mit Namen Peter Roes wird benannt, wie auch ein Meister namens Klas Preis. Unter Leitung von Preis wurden 1152 Pfund Anker und Klammern für das Rathaus beschafft. Im Rahmen dieser Arbeiten wurde ebenfalls ein Schornstein erneuert und Ausbesserungen an der Ratskammer durchgeführt.
Auch wurden neue Räumlichkeiten durch die Einziehung von Zwischengeschossen geschaffen, welche der städtischen Verwaltung neuen Platz schaffen sollte: Eine Baurechnung aus dem Jahr 1580/1581 zeugt von der Schaffung einer Zwischendecke im hinteren Teil des Untergeschosses.
Die Rathausuhr wurde 1596 Reparaturen unterzogen, wodurch die Uhr für zwei Wochen von einem Meister Johann von Geulich stündlich per Hand, Tag wie Nacht, geschlagen werden musste.
Steter Verfall im 17. Jahrhundert Die zu diesem Zeitpunkt weiterhin veränderte Bedeutung des Gebäudes führte auch zur Umwidmung des Reichssaals, welcher, nach dem endgültigen Wegfall der Krönungsfeierlichkeiten, nun eine Nutzung als Frucht- und Kornspeicher fand. Über den damaligen Zustand des Gebäudes berichtete ein Reisender, welcher die starke Differenz zwischen der äußerlichen, immer noch ansehnlichen, Wirkung des Gebäudes im Vergleich zum Innenausbau in seinem Bericht vermerkte.
Eine der letzten belegbaren Tätigkeiten vor dem großen Brand wurde im Jahr 1626/1627 durchgeführt: Der Zinnenkranz „am oberen Tachwerck“ wurde erneuert, der, wie auch der Verkündigungsbalkon, mit Wappen auf Goldgrund verziert war.
Der Stadtbrand von 1656
Am 2. Mai 1656 brach im Haus eines Bäckers, im Bereich der oberen Jakobstraße, ein Feuer aus, welches die Aachener Bevölkerung vollkommen unvorbereitet traf und sich schnell ausbreitete. Hinzu kamen ungünstige Winde und die architektonische Beschaffenheit der damaligen Bebauung, welche größtenteils in Fachwerk ausgeführt war und den Flammen somit ausreichende Brandmasse bot.
Während des Feuers wurde ebenfalls das Rathaus schwer in Mitleidenschaft gezogen: Es brannten das Dach und die Türme nieder, zudem erreichte das Feuer ebenfalls das Erdgeschoss, wo die Kanzlei und das kleine Archiv schwer beschädigt oder zerstört wurden. Die Gewölbe des Rathauses hielten hingegen den Flammen stand.
Carl Rhoen, ein frühes Mitglied des Aachener Geschichtsvereins, berichtete 1883 hierzu:
Die im Granusturm gelagerten Dokumente und Urkunden waren zu diesem Zeitpunkt jedoch in Vergessenheit geraten, da sie bereits vor der Zeit des Stadtbrands im Turm eingemauert und hiernach ihr Aufbewahrungsort und ihre Existenz nicht mehr an nachfolgende Beamte weitergegeben wurde. So ging man von einem Totalverlust aus, welcher die Anfertigung von Kopien notwendig machte. Die Dokumente waren von besonderer Bedeutung, da sie die Privilegien der Reichsstadt Aachens bezeugten. Hierzu bat man bei Leopold I. um die Ausfertigungen und überbrachte ihm als Dank großformatige Portraits des Kaisers und seiner Gemahlin. Erst Jahre später konnten die vormals verloren geglaubten Archivalien wiederentdeckt werden.
Die Südfassade, welche bereits zuvor zu Zeiten von Rudolf II. mit Ankern und Klammern verstärkt werden musste und nach außen neigte, wurde durch den Brand zusätzlich noch weiter nach außen gedrückt, dass zwischen Gewölben und Außenmauer eine „handbreite Klaffung“ entstand.
Wiederaufbau Bereits neun Tage nach dem Brand wurde der Stadtzimmermann Gerardus Kraus angewiesen, „die Reparation des Ratshauses furderlich ahnzugreifen“. Kraus stand es hierbei frei, Arbeiter zu verpflichten. Zugleich wurde auch der Maurermeister Henri Liègeois beauftragt.