Die Schlacht bei Tannenberg war eine Schlacht des Ersten Weltkrieges und fand in der Gegend südlich von Allenstein in Ostpreußen vom 26. August bis zum 30. August 1914 zwischen deutschen und russischen Armeen statt. Die deutsche Seite stellte hierbei 153.000, die russische 191.000 Soldaten ins Feld. Sie endete mit einem Sieg der deutschen Truppen und der Zerschlagung der ins südliche Ostpreußen eingedrungenen russischen Kräfte.

Anfänglich in den deutschen Medien als „Schlacht bei Allenstein“ bezeichnet, wurde sie auf Wunsch Paul von Hindenburgs kurze Zeit danach zu Propagandazwecken in Schlacht bei Tannenberg umbenannt. Tatsächlich liegt nicht die Ortschaft Tannenberg (heute Stębark) unmittelbar im Hauptkampfgebiet, sondern Hohenstein. Mit der Namensgebung sollte die in der deutschen Geschichtsschreibung als Schlacht bei Tannenberg bezeichnete Niederlage der Ritter des Deutschen Ordens gegen die Polnisch-Litauische Union im Jahre 1410 überstrahlt werden.Frithjof Benjamin Schenk: Tannenberg/Grunwald. In: Etienne François, Hagen Schulze (Hrsg.): Deutsche Erinnerungsorte. Band 1, Beck, München 2001, ISBN 3-406-59141-8, S. 438–454. Jesko von Hoegen: Der Held von Tannenberg. Genese und Funktion des Hindenburg-Mythos (1914–1934). Böhlau, Köln/Wien 2007, ISBN 978-3-412-17006-6, S. 40f.

Strategische Voraussetzungen

Ostpreußen bildete durch seine geografische Lage als Gebietsvorsprung in russisches Territorium eine strategisch besonders verwundbare Position. Aufgrund der schlechteren Infrastruktur Russlands ging der Schlieffen-Plan bei einer simultanen Kriegserklärung Frankreichs und Russlands davon aus, dass Frankreich vier Wochen schneller mobilisieren könne. Daher sollte zunächst die gesamte Heeresmacht gegen Frankreich entsandt werden. Die deutsche Oberste Heeresleitung stationierte sieben Armeen an der Westfront, um einen schnellen Sieg gegen Frankreich herbeizuführen. Aufgrund der Julikrise, die Russland bereits zur Mobilisierung genutzt hatte, war die Situation jedoch genau umgekehrt. Die Provinz wurde nur durch die 8. Armee verteidigt und war somit auch der geringen Truppenstärke wegen besonders gefährdet. Diesen Umstand hatte das russische Große Hauptquartier schon in seiner Vorkriegsplanung berücksichtigt. Um seine westlichen Verbündeten zu entlasten, schickte das russische Oberkommando zwei Armeen gegen Ostpreußen. Die 1. Armee (Njemen-Armee) unter Paul von Rennenkampff stieß von Osten vor, die 2. Armee (Narew-Armee) unter Alexander Samsonow drang von Süden in Ostpreußen ein.Norman Stone: The Eastern Front 1914–1917, London 1998, S. 44–48.

Während der ersten Operationstage schien diese Strategie aufzugehen. Die russische 1. Armee rückte auf ostpreußisches Territorium vor und erzielte nach der Schlacht bei Gumbinnen am 19. August einen ersten Einbruch. Der russische Generalstab rechnete damit, dass sich die Deutschen, die in Ostpreußen nur eine Armee zur Verfügung hatten, über die Weichsel zurückziehen würden. Diese Einschätzung schien sich zunächst auch zu bewahrheiten: Der Oberbefehlshaber der 8. Armee, Generaloberst von Prittwitz, war verunsichert und signalisierte per Telefon der Obersten Heeresleitung in Koblenz den Rückzug der Armee hinter die Weichsel. Dies entsprach zwar der Handlungsdirektive, dennoch glaubte Generalstabschef von Moltke, Prittwitz sei der Situation nicht mehr gewachsen. Zwar war sein Stabschef und Stellvertreter, Generalmajor von Waldersee, ebenfalls seiner Meinung, jedoch protestierten die beiden wichtigsten Stabsoffiziere der 8. Armee, der Generalquartiermeister Paul Grünert und der Erste Generalstabsoffizier Max Hoffmann, vehement gegen den Rückzugsplan. Max Hoffmann, in seiner Funktion verantwortlich für Aufklärung, Planung, Organisation und Auswertung, argumentierte, dass ein solcher Rückzug erstens unnötig und zweitens in der vorgeschlagenen Weise – aufgrund der russischen Bewegungsrichtung – unmöglich sei. Doch Prittwitz befahl, auch gegen den energischen Protest des Generalleutnants Hermann von François, dessen I. Korps die Hauptlast der Kämpfe bei Gumbinnen trug, den Rückzug. mini|hochkant|Paul von Hindenburg

In der Nacht zum 22. August wurde Prittwitz plötzlich und für seinen gesamten Stab unerwartet zur Disposition gestellt. Ihm auf den Posten des Oberbefehlshabers folgen sollte der pensionierte General der Infanterie Paul von Hindenburg mit Generalmajor Erich Ludendorff als Chef des Stabes. Ludendorff, der sich bereits an der Westfront bei der Eroberung von Lüttich ausgezeichnet hatte, wurde sofort mit einem Kraftwagen aus der Gegend von Namur in das Große Hauptquartier nach Koblenz geholt, wo er gegen 18 Uhr eintraf. Ein Sonderzug, in den Hindenburg in Hannover zustieg, beförderte ihn darauf ostwärts. Am nächsten Mittag erreichten die Generale ihr Reiseziel Marienburg.Siegfried Schindelmeiser: Der Ausbruch des Weltkriegs, in: Corps Baltia, Bd. 2, S. 64. München 2010.

Für beide Generale kam eine „kampflose“ Räumung der urpreußischen Provinz nicht in Frage. Das russische Oberkommando, von diesem Wechsel in Unkenntnis geblieben, ging, nachdem die deutschen Truppen die Schlacht bei Gumbinnen abgebrochen hatten, nun bestärkt von der Annahme aus, dass Ostpreußen geräumt werde. Die 1. Armee wurde mit dem Ziel Königsberg in Marsch gesetzt, um die 8. Armee zu binden. Die 2. Armee sollte dem so gebundenen Gegner den Rückzug verlegen und in den „Rücken fallen“. Somit bewegten sich beide Großverbände räumlich getrennt voneinander und konnten einander kaum Unterstützung leisten.Norman Stone: The Eastern Front 1914–1917. London 1998, S. 59–61. Ein weiterer Grund für die räumliche Trennung der 1. Armee von der 2. Armee war, dass zwischen ihren Operationsgebieten die unwegsame Masurische Seenplatte lag.

Beidseitiger Aufmarsch mini|Lage am 20. August 1914 (Deutsche Armee: Rot, Russische Armee: Blau) Die russische 2. (Narew-)Armee war zu diesem Zeitpunkt bereits auf 60 Kilometer Breite bis auf die Linie Soldau – Neidenburg – Ortelsburg im südlichen Ostpreußen eingedrungen. Als östliche Flankensicherung rückte das VI. Armeekorps unter General der Infanterie Blagoweschtschenski (4. und 16. Division) mit der 4. Kavallerie-Division auf Ortelsburg vor, als westlicher Flankenschutz das I. Armeekorps mit Zuteilungen und zwei Kavallerie-Divisionen von Usdau bis Soldau. Die westliche mittlere Kampfgruppe, bestehend aus dem XV. Armeekorps unter Generalleutnant Klujew (6. und 8. Division) und einer zusätzlichen Division, kämpfte von Lippau bis Orlau und die östliche mittlere Kampfgruppe, bestehend aus dem XIII. Armeekorps unter Generalleutnant Klujew (1. und 36. Division), stand westlich von Jedwabno.Reichsarchiv Band II: Die Befreiung Ostpreußens, Mittler und Sohn, Berlin 1925 S. 114 f. General Ludendorff folgte dem bereits ausgearbeiteten Angriffsplan Max Hoffmanns, der vorsah, die beiden russischen Armeen zeitlich nacheinander zu bekämpfen. Dadurch sollte die zahlenmäßige Überlegenheit der Russen ausgeglichen werden. Der Plan Hoffmanns sah vor, zunächst die aus südlicher Richtung eindringende russische 2. Armee unter General Alexander Samsonow anzugreifen. Die Wahl, zuerst diese Armee anzugreifen und nicht die russische 1. Armee, lag in der Absicht begründet, im Falle der eigenen Niederlage der deutschen 8. Armee die Möglichkeit zu erhalten, den Rückzug – nach Westen – über die Weichsel anzutreten. Dies war nur dann gewährleistet, wenn das Kampfgebiet nicht zu weit östlich lag.

Schon vor der Befehlsübernahme Hindenburgs war das I. Armee-Korps unter General Hermann von François von Gumbinnen per Eisenbahn nach Süden westlich der Vormarschachse der russischen 2. Armee verschoben worden. Nachdem er durch Luftaufklärung und das Abhören unverschlüsselter russischer Funksprüche über die Positionen wie auch Befehle des Gegners informiert war, setzte General Ludendorff auch eine generelle Absetzbewegung der restlichen Armee in Gang. Die russische 1. Armee sollte im Raum Insterburg bis Lötzen durch einen kleinen „Vorhang“ mehrerer Landwehr-Brigaden und der 1. Kavallerie-Division beobachtet und an der Weiterführung ihrer Operationen gehindert werden. Das XVII. Armee-Korps unter August von Mackensen und das I. Reserve-Korps unter Otto von Below begannen sich aus ihrem Abschnitt zu lösen und marschierten gegen die rechte Flanke der in Richtung auf Allenstein operierenden russischen 2. Armee.

Das deutsche Vorhaben wurde durch eine Fehleinschätzung der russischen Befehlshaber erleichtert. General Rennenkampff reagierte erst drei Tage nach Beginn der am 23. August eingeleiteten deutschen Umgruppierungen mit der Wiederaufnahme eigener Angriffsoperationen, die in Richtung auf Königsberg wiesen. Der Frontbefehlshaber der übergeordneten russischen Nordwestfront, General Jakow Schilinski, interpretierte das deutsche Verhalten zu diesem Zeitpunkt ebenfalls völlig falsch: Im sicheren Glauben, dass sich die deutschen Einheiten vor dem Druck der 1. Armee auf Königsberg zurückzögen, ließ er keine Vorsicht walten. Dass sich die deutschen Truppen gegen die südliche 2. russische Armee wenden könnten, zog er nicht in Betracht.Norman Stone: The Eastern Front 1914–1917. London 1998, S. 61–67. mini|hochkant|Alexander Wassiljewitsch Samsonow

Während dieser Ereignisse hatte die Armee Samsonow schon ihren zehnten Marschtag hinter sich, da auf Befehl des Frontstabes aus Sicherheitsgründen die Truppen bereits tief im eigenen Hinterland aus den Eisenbahnwaggons ausgeladen worden waren und den Rest des Weges zu Fuß marschieren mussten. Allerdings bewegten sich nur die zentralen Teile (XIII., XV. und XXIII. Korps) und der rechte Flügel (VI. Korps) der Armee auf deutschem Gebiet. Am linken Flügel wurde das I. Korps auf Befehl Schilinskis an der Grenze zurückgehalten, um die Flanke zu decken. Weiterhin drängte der Oberkommandierende auf einen schnellen Vorstoß der 2. Armee, was das Zentrum und ihre westliche Flanke vollkommen trennte. Somit wurde hier aus der geplanten Flankensicherung die Isolierung eines Viertels der russischen Streitkräfte.

Seit 22. August zog sich der rechte Flügel der deutschen 8. Armee, das XX. Armee-Korps unter General der Artillerie von Scholtz, vor der Übermacht des russischen XIII. und XV. Korps über die Linie Usdau-Neidenburg nach Nordwesten zurück. Am Abend des 23. August kam dabei die 37. Division zwischen Lahna und Orlau in erste Kämpfe mit der russischen Vorhut. Am linken Flügel war dem XX. Korps zur Verstärkung die 3. Reserve-Division des Generals von Morgen zugeführt worden, die von Allenstein her über Hohenstein heranrückte.Reichsarchiv Band II. Die Befreiung Ostpreußens, Mittler und Sohn, Berlin 1925, S. 126 f. Scholtz bekam am folgenden Tag die Anweisung, seine neue Stellung zwischen Gilgenburg und Tannenberg defensiv zu halten, bis der Anmarsch des I. Reserve-Korps und des XVII. Armee-Korps im Rücken des Gegners wirksam werde. Am rechten Flügel der deutschen 8. Armee positionierte sich zuletzt nach dem langen Bahntransport über Deutsch-Eylau das I. Armee-Korps des Generals François, ohne dass die Aufklärung des gegenüber stehenden russischen I. Korps dies bemerkte.

Verlauf der Schlacht mini|Lage am 26. August 1914 (Deutsche Armee: Rot, Russische Armee: Blau)