Ghoema, auch ghomma, goema, ist eine einfellige Röhrentrommel in Südafrika, die vermutlich von versklavten Kapmalaien eingeführt wurde und heute vor allem durch ihren Einsatz beim Cape Town Minstrel Carnival (auch Coon Carnival) bekannt ist, einer Minstrel Show, die jedes Jahr am 2. Januar in Kapstadt zur Erinnerung an die offizielle Abschaffung der Sklaverei am 1. Dezember 1834 veranstaltet wird. Dabei paradieren Gruppen von kostümierten Musikern und Tänzern (Kaapse Klopse) durch die Straßen, seit den 1970er Jahren hauptsächlich mit Blechblasinstrumenten und Marschtrommeln. Sie spielen denselben ghoema-Rhythmus wie die älteren Ensembles, die Saiteninstrumente und mit Händen geschlagene ghoemas einsetzen. Der typische ghoema-Rhythmus begleitet ferner das moppies genannte Genre satirischer Lieder, das ebenfalls zu den Feierlichkeiten gehört. Das musikalische Repertoire stammt von den ghoemaliedjies, wie auf Afrikaans die von Trommeln begleiteten kapmalaiischen Volkslieder genannt werden.

Die an der Unterseite offenen ghoemas gehören zur Musik der während der niederländischen Kolonialzeit im 18. und 19. Jahrhundert von den Malaiischen Inseln geholten Sklaven. Wesentlich länger sind im südlichen Afrika einheimische Trommeln mit geschlossenem Boden (Gefäßtrommeln) bekannt. Einfache ghoemas können aus prinzipiell jedem röhrenförmigen Material angefertigt werden. Der in Kapstadt ansässige Instrumentenbauer Achmat Sabera stellt seit 1974 für den Minstrel Carnival hochwertige, fassförmige Holztrommeln her, die er mit Ziegenfell bespannt.

Alle Bedeutungen von ghoema – eine Trommel, ein bestimmter Rhythmus, eine Liedgattung und ein Musikstil – stehen mit der Geschichte der Sklaverei, der kolonialen Unterdrückung und der Zeit der Apartheid in Kapstadt in Verbindung. Die Stilrichtung Ghoema ist die Verschmelzung der von den verschiedenen versklavten Ethnien überlieferten Traditionen und lässt sich musikalisch nicht genau festlegen.

Herkunft mini|Kapmalaiien imitieren bei ihren sonntäglichen Zusammenkünften europäische Tänze und Musik. Die Musikgruppe spielt eine ghoema, ausnahmsweise nach Art europäischer Marschtrommeln mit zwei Schlägeln, ein gebogenes „Horn“, das aus dem Stängel einer Seetangart (Ecklonia buccinalis) besteht und die Zupflaute ramkie. Aquarell von Charles Davidson Bell, um 1840. Von den als Jäger und Sammler herumziehenden San (früher „Buschmänner“ genannt) stammen die frühesten Belege für die Verwendung von Musikinstrumenten im südlichen Afrika, zu denen noch keine Trommeln gehörten. Um die Zeitenwende drängten die aus dem Norden kommenden Khoikhoi (früher „Hottentotten“), halbsesshafte Viehzüchter, die San in trockenere Gegenden ab. Die Khoikhoi übernahmen im Lauf der Zeit von den San den Musikbogen und brachten ihnen vermutlich die Trommel.Percival R. Kirby, 1965, S. 12; Daniël G. Geldenhuys: Südafrika (Republik). II. Traditionelle Musik. 2. Khoi-Khoi. In: MGG Online. November 2016 (Musik in Geschichte und Gegenwart, 1998) Ein archaischer Trommeltyp der San, den der britische Naturforscher William John Burchell 1824 beschreibt, war ein mit etwas Wasser gefüllter und einseitig mit Tierhaut bespannter Bambusrohrabschnitt. Sobald das Trommelfell auszutrocknen begann, drehte man das Rohr um, damit das Fell wieder nass und elastisch wurde.William John Burchell: Travels in the Interior of Southern Africa. Band 2. Longman, Hurst, Rees, Orme, Brown, and Green, London 1824, S. 65. Diese Trommel verweist auf ihre Herkunft von den Khoikhoi, die in solchen Bambusröhren Milch aufbewahrten, während die San, die keine Viehzucht betrieben, keine Milchgefäße benötigten. Eine ebenso wenig eigene Tradition stellt eine 1878 bei den San beobachtete Trommel aus einem Tontopf dar. Dessen Membran wurde in feuchtem Zustand übergezogen und mit der Sehne eines Springbocks festgebunden. Eine Frau schlug laut dieser typischen Schilderung die Trommel, während eine weitere Frau in die Hände klatschte und die San-Männer tanzten.W. H. I. Bleek, L. C. Lloyd: Specimens of Bushman Folklore. George Allen, London 1911, S. 351.

Die älteste Erwähnung eines Musikinstruments der Khoikhoi stammt von Vasco da Gama, der bei seiner Landung in der Nähe des Kaps der Guten Hoffnung eine Gruppe von vier oder fünf Rohrflötenspielern hörte; die älteste Beschreibung eines namentlich nicht bekannten europäischen Reisenden über eine Khoikhoi-Trommel überliefert der niederländische Arzt und Schriftsteller Olfert Dapper 1668.Olfert Dapper: Naukeurige Beschrijvingen der Afrikaensche gewesten. Jacob van Meurs, Amsterdam 1668, S. 653b Er bezeichnet die mit den Händen geschlagene Trommel als „rommel-potten“ und vergleicht damit ihre Bauform mit dem niederländischen Rommelpot, bei dem ein großer Topf mit einer Tierhaut bespannt ist, der aber eine Reibtrommel ist und völlig anders gespielt wird. Eine solche Reibtrommel ist die ingungu der Zulu. Johannes Schreyer, ein Arzt, der sich von 1669 bis 1677 in der Kapkolonie aufhielt, beschreibt die von Frauen mit den Händen geschlagenen Topftrommeln: „...sie nehmen einen Topff, binden solchen mit einem Fell fest zu, auf diesen Topff klopffen die Weiber mit Händen und Fingern, das sind ihre Trummeln und Paucken.“Johann Schreyer: Reisen nach dem Kaplande und Beschreibung der Hottentotten 1669–1677 neu herausgegeben nach der zu Leipzig im Verlag von Johann Christian Wohlfart (1681) gedruckten zweiten Ausgabe des im Jahre 1679 zum ersten Mal erschienenen Textes. Martinus Nijhoff, Den Haag 1931, S. 38. Die Frauen saßen mit verschränkten Beinen auf dem Boden und sangen fast unverändert dieselben Lieder, während sie sich mit den Trommeln begleiteten, teilt Johannes Gulielmus de Grevenbroek mit, der ab 1684 Sekretär des Politischen Rates unter dem niederländischen Gouverneur Simon van der Stel war. Die Tontopftrommel wird in mehreren Berichten aus dem 18. Jahrhundert erwähnt. Eine ausführliche Beschreibung gibt der Afrikaforscher Peter Kolben (1719):

Mit „Gomgom“ ist der angeblasene Mundbogen gora gemeint und „sie“ bezieht sich auf die am Kap lebenden Khoikhoi. Die Beschreibung ist bis in die Details korrekt, nur wurde der offenbar von Olfert Dapper fälschlich übernommene Vergleich mit dem Rommelpot auch von späteren Autoren aufgegriffen und gelangte sogar mit der geänderten Bedeutung „Schlagtrommel“ in den Wortschatz des Afrikaans. Der schwedische Naturforscher Carl Peter Thunberg (1796)Carl Peter Thunberg: Voyages De C. P. Thunberg, Au Japon, Par le Cap de Bonne-Espérance, Les îles de la Sonde &c. Traduits, rédigés ... Par L. Langles,... Et revus, quant à la partie d’Histoire Naturelle, par J.B. Lamarck ... Paris 1796. nennt die Trommel der Khoikhoi seckoa und erklärt ebenfalls, dass der Trommelkorpus mit einem feuchten Schaffell bespannt wurde. Die Spielerin schlug sie Thunberg zufolge mit vier Fingern der linken Hand außen, mit dem linken Daumen in der Mitte und mit zwei Fingern der rechten Hand außen auf das Fell.Percival R. Kirby, 1965, S. 15f.

Percival Kirby fand 1932 eine entsprechende Trommel bei einer Koranna-Frau in Bloemhof. Die /khais genannte Trommel bestand aus einem Weichholzgefäß (der Weidenart Salix mucronata), welches die Koranna zur Aufbewahrung von Milch verwendeten. Eine nasse Ziegenhaut wurde über die Öffnung gespannt und mit einem Riemen festgebunden. Nach dem Trocknen der Haut diente die mit der rechten flachen Hand geschlagene Trommel zur rhythmischen Begleitung von Liedern. Ob die Koranna-Frauen die Trommel auf eine bestimmte Tonhöhe stimmten, ist unklar.Percival R. Kirby, 1965, S. 18. Die /khais der Koranna entspricht jedenfalls dem von den Niederländern als rommelpot bezeichneten Trommeltyp.Laurie Levine: The Drumcafé's Traditional Music of South Africa. Jacana Media, Johannesburg 2005, S. 229. In mehreren Berichten aus dem 19. Jahrhundert wird diese von Frauen zur Begleitung von Gesängen und Tänzen gespielte Trommel erwähnt, etwa unter dem Namen /arub eine hölzerne Kesseltrommel der Damara. Von den vielfach erwähnten und seit langer Zeit im südlichen Afrika bekannten Kesseltrommeln unterscheidet sich die ghoema durch Befestigung der Membran, die nicht aufgebunden, sondern angenagelt wird.

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts begann die niederländische Kolonialzeit am Kap. Im Auftrag der Niederländischen Ostindien-Kompanie wurden Siedlungen errichtet. Für die Kapkolonie holte die Kompanie aus ihren Besitzungen Niederländisch-Indien auf den Malaiischen Inseln überwiegend malaiische, muslimische Sklaven, deren Nachfahren heute als Kapmalaien bekannt sind. Sie unterscheiden sich durch ihre Religion von den anderen, überwiegend christlichen Gruppen der Coloureds, denen sie als eigenständige ethnische Gemeinschaft zugerechnet werden. Außer von den Malaiischen Inseln wurden Sklaven aus Indien und Madagaskar und gegen Ende des 18. Jahrhunderts hauptsächlich aus Mosambik eingeführt.John Iliffe: Geschichte Afrikas. 2. Auflage. C.H. Beck, München 1997, S. 168. Die niederländische Kolonie in Südafrika wurde 1806 von Großbritannien annektiert.

Soweit bekannt erwähnt die ghoema als erster ein anonymer Verfasser, der seine 1820 gemachten Alltagsbeobachtungen im folgenden Jahr veröffentlichte. Der Autor beschreibt in einem Abschnitt über die Musik der „ungebildeten Leute“ die einfachen Musikinstrumente der Sklaven, die sich an ihren freien Sonntagen an einem Platz außerhalb der Städte trafen, um in der Abgeschiedenheit gemeinsam zu musizieren, zu tanzen und satirische Lieder (moppies) zu singen. Männer und Frauen jeden Alters tanzten gemeinsam. Nach Meinung des Autors standen die Lieder der Sklaven beim „Sonntagstanz“, deren Tonumfang lediglich drei bis vier Noten betrug, die mit einer klagenden Stimme ständig wiederholt wurden, qualitativ weit hinter denen der Khoikhoi. Zwischen dem Gesang hätten die Sklaven laute Schreie ausgestoßen, wie er abfällig kommentiert. Ohne die Instrumente beim Namen zu nennen, beschreibt er eine zweisaitige Zupflaute ramkie und eine aus einem Holzstamm gefertigte Zylindertrommel, die einseitig mit Schafsfell bespannt war.Anonym: Notes on the Cape of Good Hope made during an Excursion in that Colony in the Year 1820. John Murray, London 1821, S. 106f.

Die als /khais bezeichneten Trommeln aus Weichholz oder die einfelligen Bambustrommeln waren wie die ghoema röhrenförmig, aber – weil sie als Gefäße dienten – an der Unterseite geschlossen. Percival Kirby bietet zum Vergleich mit der Form der ghoema Zylindertrommeln aus den asiatischen Ursprungsregionen der Sklaven an, die jedoch keine näheren Gemeinsamkeiten besitzen. Dennoch meint er zusammenfassend, die ghoema müsse von Indien über die Malaiischen Inseln nach Südafrika gekommen sein.Percival R. Kirby, 1939, S. 480. Eine im Zusammenhang mit den asiatischen Sklaven stehende Herkunft gilt als wahrscheinlich. Kirbys Ableitung des Namens ghomma vom weit verbreiteten bantusprachigen Wort ngoma für „Trommel“ mit dem Argument, dass mit ngoma Trommeln und Tänze muslimischer Gruppen an der afrikanischen Ostküste benannt werden, erscheint jedoch fragwürdig.James May: Ghomma. In: Laurence Libin (Hrsg.), 2014, S. 425.

Ursprünglich diente als Korpus der ghoema ein kleines Holzfass, das bunt bemalt und auf einer Seite mit einer aufgenagelten Tierhaut bespannt wurde. Heute kann jedes geeignete Gefäß verwendet werden. Seit 1974 fertigt Achmat Sabera, genannt Boeta Achmat, der bekannteste Trommelhersteller in Kapstadt, für den Minstrel Carnival qualitativ hochwertige ghoemas in verschiedenen Größen mit einem geschliffenen und lackierten Holzkorpus an. Außerdem stellt Sabera in handwerklicher Arbeit mit dem Fell von Springböcken bespannte Rahmentrommeln her.Lisa Baxter, 1996, S. 1.

Geschichte des Minstrel Carnival mini|Prozession zum Jahrestag der Sklavenbefreiung 1834. Gemälde von George Duff, 1860er Jahre.