Die Hochschularbeitsgemeinschaften für Raumforschung (HAG) wurden im nationalsozialistischen Deutschen Reich in den Monaten nach der Gründung der Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung (im Dezember 1935) an vielen Hochschulen aufgebaut. Die der Reichsarbeitsgemeinschaft zugeordneten Hochschularbeitsgemeinschaften dienten der Kopplung von Wissenschaft und Politik; sie widmeten sich in multidisziplinär zusammengesetzten Gruppen und Arbeitskreisen der Raumforschung. Die HAGs unterstützten die Ziele nationalsozialistischer Agrar- und Siedlungspolitik.

Gründungsphase In einem Erlass vom Februar 1936 verpflichtete sich Wissenschaftsminister Bernhard Rust entsprechende Arbeitsgemeinschaften an den Hochschulen zu gründen. Diese AGs setzten sich durch Professoren und Dozenten verschiedener Fachdisziplinen zusammen (Geographie, Agrarwissenschaften, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Bevölkerungswissenschaften, Verkehrswissenschaft, Forstwissenschaften, Wasserbau und andere):„Umgehend wollte Rust von den Hochschulrektoren einen Überblick über die bisherigen Arbeiten zu ‚Raumforschung und Planung‘ sowie Vorschläge über geeignete Leiter für die Arbeitsgemeinschaften sehen. Die Leitung der Arbeitsgemeinschaft liegt in der Hand eines geeigneten Dozenten, der auf Vorschlag des Rektors (Direktors) von dem von mir bestellten kommissarischen Obmann der Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung, Professor Dr. Konrad Meyer, ernannt wird.“Damit war dem Multifunktionär Konrad Meyer auch bei der Ernennung der Leiter der Hochschularbeitsgemeinschaften eine Schlüsselposition zugekommen.

Zielsetzungen Die Hochschularbeitsgemeinschaften dienten der gemeinsamen Umsetzung ns-spezifischer Raumplanungsziele. Die Hochschularbeitsgemeinschaften galten als Vertretung der Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung (RAG) an den einzelnen Hochschulen. Beteiligte NS-Funktionäre definierten die politische Funktion der Arbeitsgemeinschaften in sehr allgemein gehaltener Form:„Der Grundgedanke der Hochschularbeitsgemeinschaft ist es, die wissenschaftlichen Kräfte in der Mannigfaltigkeit der Disziplinen zur Aufgabe der Gestaltung des zugeordneten Raumes zusammenzufassen. Damit arbeitet die Hochschule zugleich an der unmittelbaren Lebensbewältigung des Raumes mit.“Paul Ritterbusch, zitiert in: Fi.: Aus den Hochschularbeitsgemeinschaften. Bericht über die Sitzung der Hochschularbeitsgemeinschaft für Raumforschung an der Universität Greifswald am 4. Juni 1943. In: Raumforschung und Raumordnung, Jg. 7 (1943), S. 168.Die Zahl der Hochschularbeitsgemeinschaften stieg von etwa vierzig im Jahr 1936 auf einundfünfzig im Jahr 1941: „Damit besaß die RAG eine flächendeckende Struktur von Hochschularbeitsgemeinschaften, die das gesamte Reichsgebiet bearbeiteten, Material und Daten erfaßten und es z. T. in Karten darstellten. Kerngegenstand der Arbeit in den Hochschulen war besonders die eigene Region.“Zusätzlich wurden 7 Landesarbeitsgemeinschaften für Raumforschung durch die RAG gebildet: Gruppe Niedersachsen, Gruppe Nord, Gruppe Ost, Gruppe Südost, Gruppe Südwest, Gruppe West, Gruppe Mitteldeutschland.Chronik Bau und Raum, hrsg. vom Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung. Tübingen, Berlin 2007, S. 301.

Eine Hochschularbeitsgemeinschaft konnte dutzende Professoren und Mitarbeiter umfassen.So führt Ulrich Heß für die HAG an der vergleichsweise kleinen Leipziger Universität über 30 Personen auf (vgl. Ulrich Heß: Landes- und Raumforschung in der Zeit des Nationalsozialismus. In: Comparativ 5 Jg. (1995), Heft 4, S. 68).

Die Eröffnung einer bedeutenden Hochschularbeitsgemeinschaft wurde bisweilen bewusst als Großereignis inszeniert. So hieß es in einem universitären Rundschreiben zur Eröffnungsfeier der Mecklenburgischen Arbeitsgemeinschaft für Raumforschung (15. Juni 1936), dass „alle Spitzen der Behörden, die Führer von Partei und Staat sowie der Wehrmacht eingeladen [seien].“ Tatsächlich war Gauleiter Hildebrandt bei der Eröffnungsfeier anwesend. Zugleich wurde in Rostock an diesem Tag ein dies academicus ausgerufen.Universitätsarchiv Rostock, R4A16/3, Einladung zur Eröffnungsfeier der Mecklenburgischen Arbeitsgemeinschaft für Raumforschung, 11.06.1936. Zitiert in: Hannes Pingel: Das Rektorat unter Professor Ernst-Heinrich Brill 1936/37. In: Gisela Boeck, Hans-Uwe Lammel (Hrsg.): Die Universität Rostock in den Jahren 1933–1945. Referate der interdisziplinären Ringvorlesung des Arbeitskreises „Rostocker Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte“ im Sommersemester 2011. Universität Rostock 2012, S. 91–105 (hier S. 96) (= Rostocker Studien zur Universitätsgeschichte. Band 21).

Die RAG vergab Fördergelder für Forschungsprojekte, die die Hochschularbeitsgemeinschaften initiierten. Formal reklamierte die RAG: „Der Leiter der Hochschularbeitsgemeinschaft ist für die RAG die erste und wichtigste Gutachterinstanz.“Siehe Richtlinien über die Verwendung der Forschungsmittel der Reichsarbeitsgemeinschaft vom 1. April 1939, I. Forschungsmittel 2, S. 2, in Bundesarchiv R153/1191 (zitiert nach Gutberger 2017, S. 94). Dem Obmann der RAG kam aber immer auch eine entscheidende Rolle zu. In den Jahren 1936 bis 1939 gab die RfR über die RAG rund 1,43 Millionen Reichsmark für Raumforschung aus.

Die Hochschularbeitsgemeinschaften waren mit den 23 regionalen Landesplanungsgemeinschaften organisatorisch verbunden, die wiederum der Reichsstelle für Raumordnung verantwortlich waren.

Die Hochschularbeitsgemeinschaften wurden nach dem nationalsozialistischen Führerprinzip aufgebaut, auch ihre grundsätzlich regionale Ausrichtung wurde auf zentralistische Zwecke des NS-Führerstaats gelenkt:„Die Raumforschung stellt die Hochschulen wieder bewußt in die konkrete Landesforschung hinein, wobei naturgemäß immer im Auge behalten werden muß, daß die einzelnen Hochschulen niemals nur Landes- oder Gauanstalten sind, weil die Wissenschaft der politischen Führung nur unmittelbar zugeordnet sein kann.“Paul Ritterbusch, zitiert in: Fi.: Aus den Hochschularbeitsgemeinschaften. Bericht über die Sitzung der Hochschularbeitsgemeinschaft für Raumforschung an der Universität Greifswald am 4. Juni 1943. In: Raumforschung und Raumordnung, Jg. 7 (1943), S. 168.Frühzeitig wurden die Hochschularbeitsgemeinschaften aufgefordert, in- und ausländische Literatur zur Raumordnung/-planung wahrzunehmen (ab Mai 1936), um den Aufbau einer Zentralbibliographie zu fördern. In der RAG-Zeitschrift Raumforschung und Raumordnung wurden thematische Schwerpunkte der Planungsliteratur und Auslandsforschung aus England, USA und Frankreich registriert.Michael Venhoff: Die Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung (RAG) und die reichsdeutsche Raumplanung seit ihrer Entstehung bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges 1945. ARL, Hannover 2000 (=Arbeitsmaterial / Akademie für Raumforschung und Landesplanung. 258), S. 56.

Der „wissenschaftliche Hauptsachbearbeiter“ der RAG hatte den Kontakt zwischen der RAG-Spitze und den Hochschularbeitsgemeinschaften zu halten. Bei den wissenschaftlichen Hauptsachbearbeitern handelte es sich in chronologischer Reihenfolge um: Heinrich Hensen, Martin Kornrumpf und Friedrich Bülow.

Hochschularbeitsgemeinschaften und ihre Leiter Ein Überblick über sämtliche Besetzungen der Leitungspositionen der Arbeitsgemeinschaften liegt für die Jahre 1942 und 1943 vor. Die RAG-Zeitschrift Raumforschung und Raumordnung (RuR) berichtete über die Hochschularbeitsgemeinschaften in eigenen Rubriken („Aus der Forschung“ und „Aus den Hochschularbeitsgemeinschaften“).

Von den 51 Leitern waren zu den Zeitpunkten der Erhebungen der RuR nur acht wegen Wehrdienst nicht an den Hochschulen (betraf Jeserich, Kritzler, Flörke, Lemmel, Egner, Hoffmann, Saure und zeitweise Bebermeyer). Unter den 51 Leitern und ihren Stellvertretern finden sich auch einige Rektoren und Prorektoren (aus der Zeit vor, während und nach dem Nationalsozialismus):

Hochschularbeitsgemeinschaften und ihre Leiter in den Jahren 1942/43 HochschuleLeiter der HochschularbeitsgemeinschaftStellvertreter1. TH Hochschule Aachen Hermann Roloff (ab 1943)Im Jahr 1936: Otto Gruber. 1938: Walter Geisler (Werner 2022:247). Zur HAG Aachen auch: Marc Engels: Die „Wirtschaftsgemeinschaft des Westlandes“. Bruno Kuske und die wirtschaftswissenschaftliche Westforschung zwischen Kaiserreich und Bundesrepublik. Shaker Verlag, Diss. RWTH Aachen 2007 (= Aachener Studien zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Bd. 4); Moritz Wild: Architekturlehre und Städtebau der zwanziger bis fünfziger Jahre im Regierungsbezirk Aachen. René von Schöfer (1883–1954). Diss., RWTH Aachen 2017. Robert Hans Wentzel2. Universität Berlin Kurt G.A. JeserichIm Jahr 1936: Oskar von Niedermayer. Viel Material zur Berliner HAG und zu Niedermayer, allerdings in fragwürdiger Interpretation, in: Martin Burkert: Die Ostwissenschaften im Dritten Reich. Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2000, ISBN 3-447-04304-0. Ab Oktober 1937 übernahm Jeserich bereits die Geschäftsführung der HAG, von Niedermayer blieb aber zunächst noch Leiter der HAG. Hans WeigmannHans Weigmann amtierte als stellv. Leiter ab August 1941, leistete aber 1942 Kriegsdienst. Bevor Weigmann die stellv. HAG-Leitung übernommen hatte amtierten: Harry Goetz (Kommunalwissenschaftliches Institut) bzw. Leo Hilberath (ebenfalls Kommunalwiss. Institut, dann RfR). In: Archiv der Humboldt-Universität R/S 239, Bl. 90–95.3. TH Berlin Gerhard JobstZur Person Jobst siehe: https://cp.tu-berlin.de/person/1908. Von 1936 bis 1941 führte Gottfried Feder die HAG. Ab 1942 führte Jobst die HAG (vgl. https://tu-dresden.de/bu/bauingenieurwesen/imb/ressourcen/dateien/forschung/publikationen/monographien/Tagungsband-WillyGehler_screen-version_100dpi.pdf?lang=de). Der Wirtschaftswissenschaftler Alfred Striemer war zwischen 1939 und 1941 Mitglied der HAG an der TH Berlin (vgl. Wolfgang Blöß: Siedlungsplanung in Brandenburg 1945–1950. Berliner Wissenschafts-Verlag, Berlin 2021, S. 565 (=Veröffentlichungen des Brandenburgischen Landeshauptarchivs. 77)).4. Wirtschaftshochschule Berlin Horst JechtIm Jahr 1936: Hellmut Wollenweber. 1937 folgte Horst Jecht. (bis 1942) Walter WeddigenAb Mai 1944 Leiter der HAG an der Wirtschaftshochschule.5. Universität Bonn Karl RauchIm Jahr 1936: Arthur Spiethoff. 1938: Karl Friedrich Rößle (Werner 2022:248). (bis 1942)

ab 1943: Heinrich Freiherr von Stackelberg Mathias Ernst Kamp6. TH Braunschweig Gottfried KritzlerBereits 1936 in Leitungsfunktion. Ludwig Leichtweiß7. Universität Breslau Hans-Jürgen SeraphimIm Jahr 1936: Günter Schmölders. In Verbindung zur HAG Breslau stehend: Egon Freiherr von Eickstedt und Ilse Schwidetzky.8. TH Breslau Louis Jänecke Walter Hartleb1936 in Leitungsfunktion. Siehe auch: Kai Kranich: Die „Bollwerk-Ingenieure“. Technikwissenschaft in Breslau 1900–1945. Ferdinand Schöningh, Paderborn 2018, ISBN 978-3-657-78870-5.9. TH Brünn Camillo Worliczek10. Berg-Akademie Clausthal-Zellerfeld Friedrich BuschendorfSiehe zur Biographie: https://publikationsserver.tu-braunschweig.de/receive/dbbs_mods_00052314. In der „RuR“ wird als sein Vorgänger (bis Mai 1937) Dipl. Ing. Francke erwähnt.11. TH Danzig Friedrich Flörke Karl August Hoepfner12. TH Darmstadt Max MussIm Jahr 1936: Joseph Tiedemann. Max Muss amtierte seit Mai 1937.13. TH Dresden Adolf MuesmannBereits 1936 in Leitungsfunktion. Zu den Mitarbeitern der HAG Dresden zählte der Ingenieur Wilhelm Geißler (1875–1937). Heinrich Heiser14. Forstliche Hochschule Eberswalde Hans LemmelBereits 1936 in Leitungsfunktion. Friedrich Bülow15. Universität Erlangen Rudolf StuckenIm Jahr 1936: Friedrich Maurer, darauf folgt ab Mai 1937 der Historiker Ludwig Zimmermann. Zur HAG Erlangen: vgl. Istel 1993, S. 309–311. Horst Wagenführ16. Universität Frankfurt am Main Erich Egner1936 bis Februar 1937: Walter Platzhoff. Heinz Sauermann17. Bergakademie Freiberg Walter Hoffmann