mini|Emblem der Pionierorganisation Ernst Thälmann mini|Wimpel der Jungen Pioniere

Die Pionierorganisation „Ernst Thälmann“, benannt nach dem ehemaligen Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) Ernst Thälmann, war in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) die politische Massenorganisation für Kinder. Ihr gehörten seit den 1960er/1970er Jahren fast alle Schüler vom ersten bis zum siebten Schuljahr als Jung- oder Thälmannpioniere an. Die Pionierorganisation, die der Freien Deutschen Jugend (FDJ) angegliedert war, wurde am 13. Dezember 1948 gegründet und im August 1990 aufgelöst. Vom Gründungstag abgeleitet, wurde der 13. Dezember deshalb in der DDR als Pioniergeburtstag begangen. Die Pionierorganisation der DDR war vollständig nach dem sowjetischen Vorbild der Pionierorganisation Wladimir Iljitsch Lenin (Teil des Komsomol) aufgebaut und organisiert. Diese wiederum wurde wesentlich durch die Ideen der Pfadfinderbewegung und das Buch Scouting for Boys von Robert Baden-Powell angeregt.Sebastian Waack: Lenins Kinder: Zur Genealogie der Pfadfinder und Pioniere in Russland 1908-1924. wvb Wissenschaftlicher Verlag Berlin, 2008. ISBN 978-3-86573-356-6

Bedeutung innerhalb der DDR mini|Am 20. März 1949 fand im alten Berliner Friedrichstadt-Palast die Gründungsfeier des Verbandes der „Jungen Pioniere“ statt

Die Pionierorganisation war als politische Kinderorganisation und Teil des einheitlichen sozialistischen Schulsystems in der DDR fest in die Schulen integriert. Sie bildete die Vorstufe zur Mitgliedschaft in der FDJ.

Die Organisation stellte stets das Kollektiv in den Mittelpunkt, Individualismus war wenig erwünscht. Das Tragen des Halstuches war in den Schulen an den Tagen mit Fahnenappell und an solchen, an denen sich die Pioniergruppe nach der Schule regelmäßig traf (den Pioniernachmittagen), sowie einigen sozialistischen Feiertagen, wie dem Pioniergeburtstag, vorgeschrieben.

Die Pionierorganisation hatte in der DDR für die heranwachsende Generation auch eine Bedeutung bezüglich der (staatlich geförderten) Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung in einem Pionierhaus und der Unterstützung der späteren individuell zu treffenden Berufswahl, letzteres u. a. auf den Pionierschiffen. Diese dienten außer der Freizeitgestaltung auch dazu, Interesse für maritime Berufe zu wecken, was für den Aufbau der DDR-Handelsflotte notwendig war.

Außerdem wurden die Pioniere motivierend dazu erzogen, staatlich vorgegebene Projekte zu unterstützen, z. B. durch Altstoffsammlungen, deren Erlös „Solidaritätsaktionen“ zugutekam.

Gründung

Im Juni 1946 wurde auf dem I. Parlament der FDJ beschlossen, Gruppen für Kinder zu gründen. Eine Gründung des Verbandes der Jungen Pioniere erfolgte dann am 13. Dezember 1948, mithin vor Gründung der DDR, auf Grundlage der Beschlüsse der SED. Vorsitzende des Verbandes wurde ab 1949 Margot Feist, die 1953 Erich Honecker heiratete. Vorbild war die sowjetische Pionierorganisation Wladimir Iljitsch Lenin. Während der Weimarer Republik hatte die Kommunistische Partei Deutschlands eine Kinderorganisation namens Jung-Spartakus-Bund.Heinrich August Winkler: Der Schein der Normalität. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik 1924 bis 1930. J.H.W. Dietz Nachf., Berlin, Bonn 1985, ISBN 3-8012-0094-9, S. 448f.

Untergliederung

Jungpioniere mini|Mitgliedskarte für Jungpioniere der DDR, Innenseite, 1988

Die Pioniere der 1. bis 3. Schulklasse (von sechs bis neun Jahren) zählten zu den Jungpionieren und trugen zu besonderen Anlässen blaue Halstücher.

Die Gebote der Jungpioniere, die auch auf der Pionierausweis genannten Mitgliedskarte standen, lauteten zunächst:

„Wir Jungpioniere lieben unsere Deutsche Demokratische Republik.“ „Wir Jungpioniere achten (bzw. lieben) unsere Eltern.“ „Wir Jungpioniere lieben den Frieden.“ „Wir Jungpioniere halten Freundschaft mit den Kindern der Sowjetunion und aller Länder.“ „Wir Jungpioniere lernen fleißig, sind ordentlich und diszipliniert.“ „Wir Jungpioniere achten alle arbeitenden Menschen und helfen überall tüchtig mit.“ „Wir Jungpioniere sind gute Freunde und helfen einander.“ „Wir Jungpioniere singen und tanzen, spielen und basteln gern.“ „Wir Jungpioniere treiben Sport und halten unseren Körper sauber und gesund.“ „Wir Jungpioniere tragen mit Stolz unser blaues Halstuch.“

Später wurde das zehnte Gebot um einen Satz ergänzt: „Wir bereiten uns darauf vor, gute Thälmannpioniere zu werden.“

Thälmann-Pioniere mini|Gesetze der Thälmann-Pioniere aus den 1960er Jahren mini|Funktionen, Belobigungen und Auszeichnungen eines Thälmann-Pioniers

Die Pioniere der 4.–7./8. Klasse (9/10 bis 13/14 Jahre) wurden nach dem KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann Thälmann-Pioniere genannt und trugen zu feierlichen Anlässen bis zum 10. Dezember 1973 ebenfalls ein blaues, ab da schrittweise ein rotes Halstuch. Für sie galten, abgeleitet von den Geboten der Jungpioniere, nun die Gesetze der Thälmann-Pioniere.

Sie legten in den 1960er Jahren das folgende Gelöbnis ab:

Am Ende der 7. Klasse oder am Anfang der 8. Klasse erfolgte meist die Aufnahme in die Freie Deutsche Jugend (FDJ), damit endete die Mitgliedschaft in der Pionierorganisation.

Mitgliedschaft

Die Mitgliedschaft bei den Jungen Pionieren sowie den Thälmann-Pionieren war formal freiwillig. Andererseits wurde sie seitens des Staates und damit der Schule sowie von vielen Eltern als selbstverständlich angesehen. In der Praxis ging die Initiative für die Aufnahme aller Schüler einer Klasse von der Schule aus. Wie die Mitgliederquote von bis zu 98 Prozent der Schüler (in den späteren Jahren der DDR) zeigt, mussten die Sechs- bzw. Zehnjährigen (oder deren Eltern) von sich aus aktiv werden, um nicht Mitglied zu werden. Dennoch gab es auch Kinder, die nicht Mitglied wurden. Selten wurden auch Schüler wegen schlechter schulischer Leistungen oder schlechten Benehmens „zur Strafe“ nicht aufgenommen oder von der weiteren Mitgliedschaft ausgeschlossen.

Aufnahmetermin

Aufnahmetermin war jeweils der 13. Dezember, an dem 1948 die Pionierorganisation gegründet worden war. Dabei wurden Schüler üblicherweise in der ersten Klasse Jungpionier und in der vierten Klasse Thälmann-Pionier. Die Aufnahme war auch in späteren Schuljahren immer noch möglich, jedoch mussten künftige Thälmann-Pioniere ein Jahr Jungpionier gewesen sein.

Sommer 1949: 714.258 Pioniere (circa 30 Prozent aller schulpflichtigen Kinder in der sowjetischen Besatzungszone) etwa 1959: mehr als 50 Prozent der Schulkinder sind Mitglied der Pionierorganisation 1989: fast zwei Millionen Schüler, also circa 98 Prozent der Schulkinder, waren Mitglied der Pionierorganisation

Organisation

Die Pionierorganisation war nach dem Prinzip des demokratischen Zentralismus organisiert. Die Organisationsstruktur war bis auf die unterste Ebene jeder einzelnen Schulklasse festgelegt.

Gruppenrat

Die Pioniere einer Schulklasse bildeten eine Pioniergruppe und wählten einen Gruppenrat. Der Gruppenratsvorsitzende, vergleichbar mit einem Klassensprecher, arbeitete mit den Lehrern und dem Gruppenpionierleiter (ehrenamtliche Funktion, häufig war dies der Lehrer, es konnte aber auch ein FDJler aus den oberen Klassen der Schule sein) zusammen. Weiterhin gab es einen stellvertretenden Gruppenratsvorsitzenden, einen Schriftführer, einen Kassierer, einen Agitator und möglicherweise weitere Mitglieder mit bestimmten Funktionen, wie Wandzeitungsredakteur oder zur Vorbereitung von Sportfesten oder Feiern.

Freundschaftsrat

Alle Jung- und Thälmannpioniere jeder polytechnischen Oberschule bildeten eine „Pionierfreundschaft“ und wählten einen Freundschaftsrat, vergleichbar mit einer Schülervertretung. Dieser bildete das formale Leitungsgremium und bestand aus einigen Pionieren, die bei einer jährlichen Wahl aus jeder Klasse entsandt wurden. Der Freundschaftsrat wählte einen Freundschaftsratsvorsitzenden. An den Sitzungen des Freundschaftsrats nahm der Freundschaftspionierleiter mit Stimmrecht teil. Dieser war ein hauptamtlicher FDJ-Funktionär, der für das Pionierleben an der Schule organisatorisch und politisch verantwortlich war. Zur Ausbildung der Pionierleiter (an den Instituten für Lehrerbildung oder dem Zentralinstitut der Pionierorganisation „Ernst Thälmann“ in Droyßig) gehörte auch eine pädagogische Ausbildung, sie unterrichteten daher neben ihrer Pionierleitertätigkeit manchmal auch in geringem Umfang oder wurden als Vertretung eingesetzt.

Vorsitzende der Pionierorganisation

Dezember 1948 bis Juni 1949: Fridl Lewin Juni 1949 bis Dezember 1949: Kurt Morgenstern Dezember 1949 bis August 1955: Margot Feist (ab 1953 Margot Honecker) August 1955 bis Dezember 1957: Heinz Plöger Dezember 1957 bis September 1964: Robert Lehmann September 1964 bis 8. Februar 1971: Werner Engst 8. Februar 1971 bis 9. Januar 1974: Egon Krenz 9. Januar 1974 bis Dezember 1985: Helga Labs Dezember 1985 bis November 1989: Wilfried Poßner November 1989 bis zur Auflösung: Birgit Gappa

Kleidung

Die Pionierkleidung bestand aus weißen Blusen und Hemden, die in Sportartikelgeschäften erworben werden konnten. Auf dem linken Ärmel befand sich ein Aufnäher mit dem gestickten Emblem der Pionierorganisation und gegebenenfalls ein Rangabzeichen mit Streifen in der Farbe des Halstuchs. Diese Rangabzeichen waren drei Streifen für Freundschaftsratsvorsitzende, zwei Streifen für Gruppenratsvorsitzende und Freundschaftsratsmitglieder, ein Streifen für alle weiteren Gruppenratsmitglieder. Teilweise wurden auch Symbole für besondere Funktionen an dieser Stelle aufgenäht, zum Beispiel ein rotes Kreuz für einen Jungen Sanitäter. Dazu wurden dunkelblaue Hosen oder Röcke getragen und als Kopfbedeckung diente ein dunkelblaues Käppi mit dem Pionier-Emblem als Kokarde. Anfang der 1970er Jahre kamen noch eine Windjacke/Blouson und eine dunkelrote Freizeitbluse hinzu.

Vollständig wurde die Pionierkleidung allerdings höchstens zu besonderen Anlässen getragen, beispielsweise bei den Fahnenappellen, zu Gedenktagen oder festlichen Schulveranstaltungen, vorgeschrieben war sie jedoch meist nicht.

Ab den 1960er Jahren wurde vielerorts auf die Vorschrift von Hose/Rock verzichtet, auch bezüglich des Käppis lockerte sich die Kleiderordnung. Zu Pioniernachmittagen oder anderen Aktivitäten wurde häufig auch nur das dreieckige Halstuch getragen. Im Unterschied zur Sowjetunion und anderen Ostblockländern war in der DDR ein blaues Halstuch üblich. Erst ab 1973, zum 25-jährigen Bestehen der Organisation, wurde für die Thälmannpioniere das rote Halstuch eingeführt, während die Jungpioniere beim blauen Halstuch blieben. Der Wechsel der Farbe des Halstuches wurde in der Pionierorganisation feierlich gestaltet.

Ab 1988 gab es ein erweitertes Kleidungssortiment, das aus einem Nicki in den Farben Weiß, Hellgelb, Türkis oder Rosa (mit einem Aufdruck des Symbols der Pionierorganisation), einer langen und kurzen Hose mit einem Schnappgürtel sowie für die kälteren Monate einer gefütterten Windjacke in rot für Mädchen und grau für Jungen bestand.

Geeignete Pioniere wurden als Sanitäter ausgebildet; diese trugen nach ihrer Ausbildung das Ansteck-Abzeichen „Junger Sanitäter“.

Losung und Gruß mini|hochkant|Thälmannpioniere beim Gruß vor dem Fritz-Weineck-Denkmal in Halle (Saale), 1958