Der Begriff Heimat verweist zumeist auf eine Beziehung zwischen Mensch und Raum (Territorium). Im allgemeinen Sprachgebrauch wird er auf den Ort angewendet, in den ein Mensch hineingeboren wird und in dem die frühesten Sozialisationserlebnisse stattfinden, die zunächst Identität, Charakter, Mentalität, Einstellungen und Weltauffassungen prägen. Er steht auch in einer speziellen Beziehung zum Begriff der „Siedlung“; dieser bezieht sich, im Gegensatz zum Wohnplatz, in der Regel auf eine sesshafte Lebensform, d. h. auf ein dauerhaftes bzw. langfristiges Sich-Niederlassen und Wohnen an einem Ort bzw. in einer Region. Der Begriff findet aber auch in einem übertragenen, metaphorischen Sinne, etwa in der Bedeutung „geistige Heimat“, Verwendung. Der Heimatbegriff befindet sich in ständiger Diskussion. Jens Jäger: Heimat. Version 1. In: Docupedia-Zeitgeschichte. 9. November 2017, doi:10.14765/zzf.dok.2.1113.v1, und Oesterhelt, 2021, S. 560–575.

Definitionen mini|Das Wort Heimat in 2 m hohen Buchstaben am Rand eines Neubaugebietes in Wetzgau

Eine einheitliche Definition existiert nicht. So ist für Hermann Bausinger Heimat eine räumlich-soziale Einheit mittlerer Reichweite, in welcher der Mensch Sicherheit und Verlässlichkeit seines Daseins erfahren kann, sowie ein Ort tieferen Vertrauens: „Heimat als Nahwelt, die verständlich und durchschaubar ist, als Rahmen, in dem sich Verhaltenserwartungen stabilisieren, in dem sinnvolles, abschätzbares Handeln möglich ist – Heimat also als Gegensatz zu Fremdheit und Entfremdung, als Bereich der Aneignung, der aktiven Durchdringung, der Verlässlichkeit“.Hermann Bausinger: Heimat und Identität. In: Konrad Köstlin, Hermann Bausinger (Hrsg.): Heimat und Identität. Probleme Regionaler Kultur. Wachholtz, Neumünster 1980, S. 9–24, hier S. 20. Zitiert nach: Cosima Peißker-Meyer: Heimat auf Zeit. Europäische Frauen in der arabischen Welt. Dissertation Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Mainz 2001. Transcript, Bielefeld 2002, S. 18. Bei Greverus (1979) nahm der Identitätsbegriff eine besondere Stellung ein. Heimat sei „heile Welt“ und nur in der Dreiheit von Gemeinschaft, Raum und Tradition zu finden; denn nur hier werden die menschlichen Bedürfnisse nach Identität, Sicherheit und aktiver Lebensgestaltung in einem kulturell gegliederten Territorium befriedigt.Ina-Maria Greverus: Auf der Suche nach Heimat. C.H. Beck, München 1979 (= Beck’sche schwarze Reihe. Band 189). Zitiert nach: Cosima Peißker-Meyer: Heimat auf Zeit. Europäische Frauen in der arabischen Welt. Dissertation Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Mainz 2001. Transcript, Bielefeld 2002, S. 18. Auf jeden Fall stellt Heimat, oder besser: die Auseinandersetzung mit Heimat, eines neben anderen Identifikationsfeldern dar, die Ich-Identität bilden.Jürgen Hasse: Welchen Sinn hat Heimat? In: Geographie und Didaktik, Bd. 13, 1985, S. 7–15 und S. 75–85. Zitiert nach: Cosima Peißker-Meyer: Heimat auf Zeit. Europäische Frauen in der arabischen Welt. Dissertation Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Mainz 2001. Transcript, Bielefeld 2002, S. 18.

In ethologischer und anthropologischer Hinsicht reflektiert Heimat das Bedürfnis nach Raumorientierung sowie dem ersten „Territorium“, das für die eigene Existenz Identität, Stimulierung und Sicherheit bieten könne (Paul Leyhausen). In existenzphilosophischer Hinsicht stelle Heimat in Wechselbeziehung zum Begriff der Fremde eine räumliche und zeitbezogene Orientierung zur Selbstgewinnung des Menschen bereit (Otto Friedrich Bollnow). In soziologischer Hinsicht zählt Heimat in Komplementarität zur Fremde zu den Konstitutionsbedingungen von Gruppenidentität (Georg Simmel). In den beiden letzten Betrachtungsweisen würde dem Begriff Heimat neben der inneren auch eine eigene historische Dimension zuerkannt.Heimat. In: Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, Bd. 9. 19., völlig neu bearbeitete Auflage. Brockhaus, Mannheim 1989, S. 617–619.

Heimat könne „neu gewonnen […] werden“,Rainer Piepmeier: Philosophische Aspekte des Heimatbegriffs. In: Will Cremer, Ansgar Klein (Hrsg.): Heimat. 1: Analysen, Themen, Perspektiven, Bd. 249-I. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1990, S. 91–108, hier S. 106. Zitiert nach: Cosima Peißker-Meyer: Heimat auf Zeit. Europäische Frauen in der arabischen Welt. Dissertation Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Mainz 2001. Transcript, Bielefeld 2002, S. 18. da der Heimatbegriff die Möglichkeit auf Beheimatung einschließe – also auf Aneignung einer vertrauten Lebenswelt und Ausbildung sozialer Zugehörigkeiten.Beate Mitzscherlich: „Heimat ist etwas, was ich mache …“ Eine psychologische Untersuchung zum individuellen Prozeß der Beheimatung. Centaurus Verlags-Gesellschaft, Pfaffenweiler 1997. Zitiert nach: Cosima Peißker-Meyer: Heimat auf Zeit. Europäische Frauen in der arabischen Welt. Dissertation Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Mainz 2001. Transcript, Bielefeld 2002, S. 18. Die Heimatfindung könne demnach gleichsam in beweglichen Modellen von Raumdefinitionen und persönlichen Zuordnungen erfolgen. Die Heimat als sozialer Raum eröffne sich somehr in lebens- und alltagsweltlichen Interaktionen im Rahmen von Bekanntschaften, Freundschaften und NachbarschaftenWill Cremer, Ansgar Klein: Heimat in der Moderne. In: Will Cremer, Ansgar Klein (Hrsg.): Heimat. 1: Analysen, Themen, Perspektiven, Bd. 249-I. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1990, S. 33–55. Zitiert nach: Cosima Peißker-Meyer: Heimat auf Zeit. Europäische Frauen in der arabischen Welt. Dissertation Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Mainz 2001. Transcript, Bielefeld 2002, S. 19. und erschließe sich in der Auseinandersetzung mit der lebensweltlich-kulturellen Umwelt – mit dem Ziel, individuelle Handlungsgewissheiten zu erlangen. So verstanden, wäre Heimat Lebensmöglichkeit und nicht Herkunftsnachweis. Heimat würde „nicht länger als Kulisse verstanden, sondern als Lebenszusammenhang, als Element aktiver Auseinandersetzung“.Hermann Bausinger: Heimat und Identität. In: Konrad Köstlin, Hermann Bausinger (Hrsg.): Heimat und Identität. Probleme Regionaler Kultur. Wachholtz, Neumünster 1980, S. 9–24, S. 21. Zitiert nach: Cosima Peißker-Meyer: Heimat auf Zeit. Europäische Frauen in der arabischen Welt. Dissertation Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Mainz 2001. Transcript, Bielefeld 2002, S. 19. Heimat sei somit der Lebensort, an dem man zu Hause sei und sich zu Hause fühle, „wo ich im vollen Sinne lebe als einer, der eingewöhnt ist und nicht nur eingeboren“,Bernhard Waldenfels: Heimat in der Fremde. In: Will Cremer, Ansgar Klein (Hrsg.): Heimat. 1: Analysen, Themen, Perspektiven, Bd. 249-I. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1990, S. 109–121, S. 113. Zitiert nach: Cosima Peißker-Meyer: Heimat auf Zeit. Europäische Frauen in der arabischen Welt. Dissertation Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Mainz 2001. Transcript, Bielefeld 2002, S. 19. und den man sich in einem schöpferischen Prozess aktiv aneignen kann.Ina-Maria Greverus: Auf der Suche nach Heimat. C.H. Beck, München 1979 (= Beck’sche schwarze Reihe. Band 189). Zitiert nach: Cosima Peißker-Meyer: Heimat auf Zeit. Europäische Frauen in der arabischen Welt. Dissertation Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Mainz 2001. Transcript, Bielefeld 2002, S. 19. Dabei hat Heimat, wie Cosima Peißker-Meyer zusammenfassend feststellt, „immer einen räumlichen Kristallisationskern.“Cosima Peißker-Meyer: Heimat auf Zeit. Europäische Frauen in der arabischen Welt. Dissertation Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Mainz 2001. Transcript, Bielefeld 2002, S. 19. Zugrunde zu legen sei demnach ein dynamisches Konzept, nach dem der Mensch als Kulturwesen von Natur aus eines sozialen Raumes bedarf: der Heimat – weshalb er sie in seinem Bewusstsein und durch sein Verhalten immer wieder neu schafft.Wilhelm Brephol: Industrievolk im Wandel von der agraren zur industriellen Daseinsform, dargestellt am Ruhrgebiet. Mohr (Siebeck), Tübingen 1957, S. 348f., zit. n. Peter Dürrmann: Heimat und Identität. Der moderne Mensch auf der Suche nach Geborgenheit, Tübingen, S. 91. Zitiert nach: Cosima Peißker-Meyer: Heimat auf Zeit. Europäische Frauen in der arabischen Welt. Dissertation Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Mainz 2001. Transcript, Bielefeld 2002, S. 19.Siehe auch in Zusammenfassung von Cosima Peißker-Meyer: Heimat auf Zeit. Europäische Frauen in der arabischen Welt. Dissertation Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Mainz 2001. Transcript, Bielefeld 2002: Was ist Heimat? – Definitionen. Bundeszentrale für politische Bildung, abgerufen am 12. April 2018.

Neurobiologie Heimat ist im Gehirn jedes Menschen präsent. Heimat besteht aus einer Unmenge von Engrammen. Je länger er an einem Ort verweilt, desto stärker sind die Engramme synaptisch bei ihm verfestigt, sofern sie emotional positiv korrelieren. Heimatgefühle manifestieren sich durch wiederholte Prägung.

Diesen Gedankengang hat bereits der römische Philosoph Cicero entwickelt.Klaus Giel: klaus-giel.de, S. 8.

Wenn emotional bejaht, können mehrere Orte für ein bestimmtes Individuum Heimat werden. Auf ähnliche Weise entstehen nicht-ortgebundene Heimatgefühle (wie das Sich-Heimisch-Fühlen in einer Sprache).

Umgekehrt ergibt sich aus einer Auflösung neuronaler Strukturen im Zuge einer Demenzerkrankung oft ein Gefühl der Heimatlosigkeit, und zwar auch dann, wenn sich in der Umgebung des Erkrankten objektiv nichts Wesentliches verändert hat: Diakonie Deutschland, 9. Januar 2013. Wenn sich Engramme auflösen, verschwindet das Heimatgefühl.

Wortgeschichte mini|Video: Der Begriff Heimat im Wandel der Zeit (1:47 min) Das Substantiv Heimat war ursprünglich ein Neutrum. Der Wortteil Heim stammt über althochdeutsch heima (f.), urgermanisch *haimaz (m.), vom indogermanischen *k̂ei̯-mo- mit der Wurzel *k̂ei̯- „liegen“ (verwandt sind englisch home; griechisch koimáo: „bringe zu Bett“). Die Endung -at stammt über urgermanisch *-ōđu von indogermanisch *-eh₂-tú- und bildet Abstrakta zu starken Substantiven (vgl. Armut, Kleinod und Zierrat). Ähnlich in Bedeutung und Aussprache sind althochdeutsch heimuodil „heimatlicher Besitz, Heim, Haus“, gotisch haimōþli; diese leiten sich jedoch von urgermanisch *ōþalą „Erbbesitz“ ab. Das Wort Heimat ist ungefähr seit dem Jahr 1000, damals in seiner althochdeutschen Form heimôti (gesprochen: heymöti []), belegt und bezeichnete zunächst neben Heimat und Heimatland auch einen Stammsitz oder ein Wohnrecht mit Schlafstelle im Haus.Gundolf Keil: Heimat – heimisch – unheimlich. Frühe Beobachtungen zur urheimischen Bedingtheit von Gesundheit. In: Fachprosaforschungen – Grenzüberschreitungen. Band 10, 2014, S. 165–178, hier: S. 172. Das Wort war bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts ein nüchternes Wort, welches im juristischen und geographischen Sinne gebraucht wurde. Der Begriff wurde vornehmlich in Amtsstuben wie Polizei und Bürgermeisteramt von Hoheitsdienern und Notaren verwendet, wenn es um den Geburtsort, den Wohnort oder das Herkunftsland ging, hier besonders im Erbrecht. Im Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm wurde Heimat 1877 erstens definiert als „das land oder auch nur der landstrich, in dem man geboren ist oder bleibenden aufenthalt hat“, zweitens als „der geburtsort oder ständige wohnort“; an dritter Stelle wurde hinzugefügt:

Daraus wird ersichtlich, dass der Begriff zur Bezeichnung eines Aufenthalts- oder Bleiberechts benutzt wurde. Geburt an sich verlieh noch kein Aufenthaltsrecht; wer kein Heimatrecht besaß, war nicht nur heimatlos, sondern auch weniger privilegiert. „Heimat“ zu haben, bedeutete vor allen Dingen auch, einen Anspruch auf eine zumindest notdürftige Versorgung durch öffentliche Kassen zu besitzen. Daher bekamen auch Leute ohne Besitz keinen „Heimatschein“, weil man befürchtete, sie würden im Alter oder im Krankheitsfall nur den öffentlichen Kassen zur Last fallen. Heimatrecht gewinnt der Fremde, Arme oder Kranke in einer Einrichtung der Fürsorge, dem Hospital (Alters- oder Armenheim) oder Asyl (Fremdenheim).