mini|Jim Inhofe 2015 bei einer Senatsrede, bei der er mit einem Schneeball gegen die Existenz der menschengemachten globalen Erwärmung polemisierte
Wissenschaftsleugnung (englisch science denial oder science denialism) bezeichnet das gesellschaftliche Phänomen, dass wissenschaftlich unstrittiges Wissen durch bestimmte Personengruppen oder Organisationen abgelehnt oder rundheraus geleugnet wird. Im deutschsprachigen Raum hat sich bisher noch kein allgemein etablierter Begriff durchgesetzt; neben dem aus dem englischen Sprachraum stammenden eingedeutschten Begriff „Denialismus“ und dem Begriff „Wissenschaftsleugnung“ wird hier teilweise auch von Wissenschaftsverweigerung, DenialismusÜber den Denialismus. Informationsethik. Abgerufen am 19. Januar 2018. oder LeugnismusGlaube an Scheibenwelt. Flachwitz. In: Spiegel Online, 13. August 2017. Abgerufen am 22. September 2017.Die besten neuen Wörter 2017. In: Aargauer Zeitung, 27. Dezember 2017, abgerufen am 19. Januar 2018. gesprochen. Die entsprechenden Personen werden im Deutschen u. a. als WissenschaftsleugnerNeue Strategie gegen Desinformation zum Klimawandel: ein logisches Seziermesser ansetzen. In: Klimafakten, 3. Juli 2018. Abgerufen am 3. Juli 2018. bezeichnet.
Ursprünglich wurde der Begriff „denialism“ mit der Bedeutung der „systematischen und ideologisch motivierten Negierung von Realität und Wahrheit“ zunächst vor allem für die Holocaust-Leugnung, also eine Leugnung gesicherter Erkenntnisse der Geschichtswissenschaften, verwendet. Heute wird er jedoch deutlich breiter genutzt, unter anderem für die Klimawandelleugnung, das Bestreiten der Mondlandung oder die AIDS-Leugnung.Vgl. Emanuela Fronza: Memory and Punishment. Historical Denialism, Free Speech and the Limits of Criminal Law. Den Haag 2018, S. 6. Ebenfalls zum Denialismus gezählt werden unter anderem die Ablehnung der Evolutionslehre durch Anhänger des Kreationismus oder seiner Unterform Intelligent Design, das Abstreiten der Relativitätstheorie (also die Leugnung gesicherter Erkenntnisse der Physik), das Vorgehen von Impfgegnern, das Leugnen der gesundheitsschädlichen Folgen des Tabakkonsums und das Abstreiten der gesundheitsschädlichen Auswirkungen der Luftverschmutzung. 2020 kam es im Zuge und Kontext der COVID-19-Pandemie zu einem starken Anstieg der Wissenschaftsleugnung samt Verschwörungstheorien zum Thema.
Unterschieden werden kann grob zwischen einer persönlichen Ablehnung wissenschaftlicher Erkenntnisse durch Privatpersonen und einem öffentlichen Leugnen durch Organisationen und Personen mit dem konkreten Ziel, die Öffentlichkeit bezüglich wissenschaftlicher Erkenntnisse hinters Licht zu führen. Die Leugnung selbst kann aktiv oder passiv sein (abhängig davon, ob der Leugner im Streit mit wissenschaftlichen Erkenntnissen liegt oder nicht), nach innen oder nach außen gerichtet (d. h. auf Selbsttäuschung ausgelegt sein oder auf Täuschung anderer, wie beispielsweise bei Desinformationskampagnen durch Industriegruppierungen), und sie kann viele unterschiedliche Gründe haben. Hierzu zählen unter anderem die Belohnung mit materiellen Vergütungen oder immateriellen Gütern wie beispielsweise die Anerkennung durch oder die Zugehörigkeit zu bestimmten sozialen Gruppen. Manche Formen der Wissenschaftsleugnung können vergleichsweise harmlos sein, viele aber sind ausgesprochen gefährlich und können sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene tödliche Folgen haben. Gefährdet sein kann dabei sowohl das Leben von Leugnern selbst als auch das von Unbeteiligten.Sara Prot, Craig A. Anderson: Science denial: Psychological processes underlying denial of science-based medical practices. In: A. Lavorgna, A. DiRonco (Hrsg.): Medical Misinformation and Social Harm in Non-science-based Health Practices. New York 2020, S. 24–37, hier: S. 24f. Beispielsweise hatten und haben insbesondere die Klimawandelleugnung, das Bestreiten des Zusammenhangs zwischen Rauchen und Lungenkrebs, die Impfskepsis und die Aidsleugnung verheerende Auswirkungen. Allein die AIDS-Leugnung der südafrikanischen Regierung Thabo Mbekis führte zu geschätzt mehr als 330.000 vermeidbaren Todesfällen. An den Folgen des Rauchens starben mit ca. 100 Millionen sogar mehr Menschen als in beiden Weltkriegen zusammen (Stand 2023).
Die Leugnung wissenschaftlicher Erkenntnisse tritt vor allem dort auf, wo (Interessen-)Gruppierungen aus persönlichen Motiven ein starkes Interesse daran haben, einen wissenschaftlichen Konsens in einem Gebiet zu bestreiten. Häufig werden dabei Gefahren oder negative Auswirkungen heruntergespielt oder kleingeredet. Ursachen des Denialismus sind sowohl grundsätzliche Verständnisprobleme der wissenschaftlichen Methode als auch bewusste Desinformationskampagnen durch Industrieunternehmen und Lobbyverbände, wie sie z. B. von der Tabakindustrie, der DDT-Industrie oder der Bleiindustrie betrieben wurden. Ziel solcher Kampagnen ist es hierbei, wissenschaftlich anerkannte Lehrmeinungen (Theoreme) zu verwerfen, über die in der Forschung ein breiter Konsens existiert. Zwischen diesen einzelnen Formen der von Interessengruppen vorangetriebenen organisierten Leugnung wissenschaftlicher Erkenntnisse existieren personelle, organisatorische und finanzielle Verbindungen.; vgl. auch Naomi Oreskes, Erik M. Conway: Die Machiavellis der Wissenschaft. Weinheim 2014. So gingen einige der Personen, die zunächst für die Tabakindustrie die Gesundheitsgefahren des Tabakkonsums bestritten hatten, später dazu über, die Umweltwissenschaften zu attackieren und die Gefahren des Ozonlochs oder des Klimawandels zu leugnen.Naomi Oreskes, Erik M. Conway: Die Machiavellis der Wissenschaft. Weinheim 2014, u. a. S. 27f. 2020 begannen wiederum Akteure der US-Klimawandelleugnerbewegung ihre mediale Reichweite zu nutzen, um die COVID-19-Pandemie infrage zu stellen.
Als die mit großem Abstand am besten koordinierte und mit den größten finanziellen Ressourcen ausgestattete Form des Denialismus gilt die organisierte Leugnung des menschengemachten Klimawandels, die darüber hinaus auch das Rückgrat des generellen Kampfes gegen Umweltforschung und Umweltschutz darstellt. Diese organisierten Kampagnen zur Leugnung des menschengemachten Klimawandels sowie seiner Auswirkungen begannen praktisch in dem Moment, als der Klimawandel Ende der 1980er Jahre öffentliches Interesse erregte.
Da Wissenschaftsleugnung auf dem Nicht-Wahrhaben-Wollen wissenschaftlicher Erkenntnisse basiert, wird davon abgeraten, hierfür den Begriff „Skeptizismus“ zu nutzen, da dies eine offensichtliche Falschbezeichnung sei. Kritik, „Skeptizismus“ und die Falsifikation von Hypothesen sind Kern wissenschaftlichen Arbeitens. Wissenschaftsleugnung zielt hingegen auf die Ignoranz des wissenschaftlichen Diskurses und nicht auf eine kritische Auseinandersetzung mit dem Stand der Wissenschaft. Leugnerbewegungen versuchen dabei, die Wissenschaft an sich zu untergraben, um das öffentliche Verständnis der wissenschaftlichen Methoden zu entstellen und Misstrauen gegenüber wissenschaftlichen Institutionen hervorzurufen. Begleitet wird Wissenschaftsleugnung oft von Wut und Aggressionen gegenüber Wissenschaftlern, beispielsweise in Form von verbalen Attacken, Bedrohungen, Einschüchterungsversuchen, (Online-)Mobbing, öffentlichen Beschimpfungen oder beleidigenden E-Mails. Solche Attacken können impulsiv begangen werden, beispielsweise als Reaktion auf unliebsame Forschungsergebnisse, werden teils aber auch strategisch durch Interessengruppen wie die Tabakindustrie eingesetzt.
Definition mini|Die zentralen fünf Charakteristiken der Leugnung wissenschaftlicher Erkenntnisse samt Untergliederung; im Deutschen oft als PLURV zusammengefasst, im Englischen als FLICC
Die Wissenschaftsleugnung wird üblicherweise definiert als „systematische Zurückweisung empirischer Belege, um unerwünschte Tatsachen oder Schlussfolgerungen zu umgehen.“Dennis W. C. Liu: Science Denial and the Science Classroom. In: American Society for Cell Biology (Hrsg.): CBE—Life Sciences Education. Band 11, doi:10.1187/cbe.12-03-0029, Nr. 2, S. 129. Stephan Lewandowsky et al. verstehen unter der Ablehnung wissenschaftlicher Erkenntnisse „das Zurückweisen von gut begründeten wissenschaftlichen Erkenntnissen aus Gründen, die nicht wissenschaftlich motiviert sind“. McLintic beschreibt Wissenschaftsleugnung als „die außerhalb des Peer-Reviews und ohne relevante Expertise [stattfindende] Ablehnung eines wissenschaftlichen Konsenses, bei dem die wissenschaftlichen Erkenntnisse typischerweise als Bedrohung wahrgenommen werden“.
Die Gebrüder Hoofnagle definieren Wissenschaftsleugnung als „Anwendung rhetorischer Argumente, um den Anschein einer legitimen Debatte zu erwecken, wo es keine gibt“.Zit. nach: Nach Pascal Diethelm und Martin McKee, deren Publikation wiederum auf den Vorarbeiten der Gebrüder Hoofnagle aufbaut, ist die gezielte Leugnung des wissenschaftlichen Konsenses in einem bestimmten Feld : Das Nutzen falscher Experten, die eine quer zum Stand der Forschung liegende Meinung vertreten Der Rückgriff auf Falschdarstellungen und logische Fehlschlüsse Das Stellen unerfüllbarer Anforderungen an wissenschaftliche Forschung Selektivität bzw. Rosinenpicken bei der Datenauswahl Das Vertreten von Verschwörungstheorien
Daraus wurde schließlich die englischsprachige Abkürzung FLICC entwickelt, die für fake experts, logical fallacies, impossible expectations, cherry picking und conspiracy theories steht. Im Deutschen wird FLICC für gewöhnlich als PLURV übersetzt (Pseudo-Experten, logische Trugschlüsse, unerfüllbare Erwartungen, Rosinenpickerei und Verschwörungstheorien).
Im Englischen werden neben denial bzw. denialism auch die Begriffe skepticism, contrarianism, antiscience, doubt und dismissal genutzt, wobei sich die genauen Bedeutungen teilweise etwas unterscheiden können. Viele Forscher finden es wichtig herauszustellen, dass Wissenschaftsleugnung nicht mit Skeptizismus verwechselt werden darf oder dass es problematisch ist, Wissenschaftsleugner als Skeptiker zu bezeichnen.Haydn Washington, John Cook: Climate Change Denial. Heads in the Sand. Earthscan, 2011, S. 1 f.James Lawrence Powell: The Inquisition of Climate Science. New York 2012, S. 4.Michael E. Mann, Tom Toles: Der Tollhauseffekt. Wie die Leugnung des Klimawandels unseren Planeten bedroht, unsere Politik zerstört und uns in den Wahnsinn treibt. Erlangen 2018, S. 1f; Ebd. XIX f. So sei Skepsis gegenüber wissenschaftlichen Thesen ein Kernelement der Wissenschaft, das als treibende Kraft wissenschaftlicher Debatten diene und über Mechanismen wie das Peer-Review und Replikation experimenteller Forschung die Qualität neuer Aussagen erhöhe. Grundlage dieses „funktionellen Skeptizismus“ sei das wissenschaftliche Ethos, dass Forscher ihre Überzeugungen ohne Rücksicht auf das Ergebnis anhand von Daten aktualisierten. Im Unterschied zu diesem funktionellen Skeptizismus würden Wissenschaftsleugner Belege nur dann akzeptieren, wenn diese ihre vorher vorhandenen Überzeugungen bestätigten, die üblicherweise dem wissenschaftlichen Konsens widersprächen. Damit sei dies ein dysfunktionaler Skeptizismus, der weniger von Belegen, sondern vielmehr von dem Wunsch des Leugners angetrieben sei, wie er die Dinge gerne hätte. Damit sei Wissenschaftsleugnung eine Form der motivierten Zurückweisung von Wissenschaft.
Formen Es existieren viele verschiedene Formen der Wissenschaftsleugnung. Wichtige Beispiele sind die Klimawandelleugnung, die Holocaustleugnung, das Bestreiten der Relativitätstheorie, die AIDS-Leugnung, die Impfleugnung, die Leugnung der gesundheitsschädlichen Auswirkungen des Tabakkonsums und die Ablehnung der Evolutionslehre durch Anhänger des Kreationismus oder seiner Unterform Intelligent Design. Weitere Formen sind der Glaube an eine Flache Erde, das Abstreiten der gesundheitsschädlichen Auswirkungen der Luftverschmutzung oder das Abstreiten der negativen Auswirkungen der Verbreitung invasiver Spezies.