Phalaphala ist ein seitlich angeblasenes Naturhorn im südlichen Afrika, das aus dem Horn einer Antilopenart, bevorzugt einer Rappenantilope oder eines Großen Kudu, besteht. Die Antilopenhörner waren früher Insignien eines Herrschers, sie wurden bei Zeremonien und als Signalinstrumente für den Ruf zu Versammlungen, bei Gefahr oder im Krieg verwendet. Die Venda und Pedi in Südafrika nennen die Rappenantilope und ihre Hörner phalaphala, die Setswana in Südafrika und Botswana lepapata, die Swazi und Zulu impalampala oder mpalampala und die Tsonga mhalamhala. Ein anderer Name für das Rappenantilopenhorn auf Xitsonga ist shipalapala. Der bantusprachige Wortbestandteil phala bezeichnet allgemein Blasinstrumente, die zur Signalübertragung oder rituell eingesetzt werden.

Verbreitung mini|hochkant|Traditioneller Heiler der Shona in Simbabwe mit einem Kuduhorn. Afrikanische Hörner oder Naturtrompeten werden in weit überwiegender Zahl seitlich angeblasen. Im südlichen Afrika sind oder waren quer geblasene Hörner wie das Kuduhorn unter den Bantu weit verbreitet, nicht jedoch unter den Khoisan. Unter den sehr alten Blasinstrumenten der nomadischen finden sich lediglich Signalpfeifen aus Tierhorn, Knochen oder einem Straußenfederkiel und eine Gefäßflöte aus einer kleinen Fruchtschale.Daniël G. Geldenhuys: Südafrika (Republik). II. Traditionelle Musik. 1. San. In: MGG Online, November 2016 (Musik in Geschichte und Gegenwart, 1998) Eine ungewöhnliche Ausnahme ist ein von den ebenfalls früher als Nomaden lebenden, zu den Bantusprechern gehörenden Himba im Norden von Namibia längs geblasenes Horn eines Spießbocks (Oryx gazella). Die onjembo erose genannte Trompete besteht aus einem 45 bis 70 Zentimeter langen, geraden Horn mit einem aus Bienenwachs (erose) modellierten kugelförmigen Schallbecher. Himba-Männer blasen das Horn während sie Rinder hüten, außerdem singen sie Preislieder auf ihr Vieh und spielen zur eigenen Unterhaltung einen Mundbogen.Gordon D. Gibson: The Himba Trumpet. In: Man, Band 62, November 1962, S. 161–163. Längs geblasene Trompeten im südlichen Afrika sind derart selten, dass Percival Kirby (1934), der die bis heute umfangreichste Gesamtdarstellung traditioneller südafrikanischer Musikinstrumente verfasste, einer Bambustrompete der Zulu eine europäische Herkunft attestierte. Eine 60 bis 120 Zentimeter lange, dünne Bambusröhre trägt am Ende ein gebogenes Rinderhorn als Schallbecher. Mit dem Namen icilongo für diese Trompete, deren Form an einen römischen Lituus erinnert und mit der sich mehrere Obertöne produzieren lassen, bezeichnen die Zulu auch jedes europäische Blechblasinstrument.Percival R. Kirby, 1965, S. 81

In vielen Regionen gelten afrikanische Trompeten oder Hörner als Symbol von Männlichkeit, außerdem als Todesboten, und sie gehören zu den Kulten der Rinderzüchter.Sibyl Marcuse: A Survey of Musical Instruments. Harper & Row Inc., New York 1975, S. 818 In Ost- und Zentralafrika gibt es einige längs geblasene Hörner und Trompeten, die sämtlich keine Grifflöcher besitzen. Sie dienen entweder nach sehr alter Tradition dazu, die Stimme bei Initiationsritualen zu verzerren (um einen Geist sprechen zu lassen) oder gehören zu den Insignien des Herrschers, an dessen Hof sie in der Repräsentationsmusik verwendet werden. Im ersten Fall handelt es sich instrumentenkundlich nicht um Trompeten, weil die Lippen nicht nach dem Prinzip der Polsterpfeife die Luft in Schwingung versetzen, sondern um wie Trompeten aussehende Gefäße, in die der Spieler hineinsingt, summt oder spricht und sich dabei der Eigenresonanz des Gefäßes bedient.Klaus P. Wachsmann: Die primitivem Musikinstrumente. In: Anthony Baines (Hrsg.): Musikinstrumente. Die Geschichte ihrer Entwicklung und ihrer Formen. Prestel, München 1982, S. 46 Entsprechend funktionieren Kalebassen-Mirlitone, die wie Blasinstrumente zu Ensembles zusammengestellt werden.Alfons Michael Dauer: Tradition afrikanischer Blasorchester und Entstehung des Jazz. (Beiträge zur Jazzforschung, Band 7) Akademische Druck- und Verlagsanstalt, Graz 1985, S. 56

Zur Repräsentationsmusik gehören bis heute die sieben königlichen ntahera-Ensembles bestehend aus jeweils sieben quer geblasenen Elfenbeintrompeten der Aschanti in Ghana.Vgl. Joseph S. Kaminski: Asante Ntahera Trumpets in Ghana. Routledge, New York 2012; Ders.: Asante Ivory Trumpets in Time, Place, and Context: An Analysis of a Field Study. In: Historic Brass Society Journal, Band 15, 2003, S. 259–289 Zeremoniell geblasene Längstrompeten im nördlichen Afrika wie die langen Metalltrompeten kakaki im islamisierten Norden Nigerias unterliegen einem arabischen Kultureinfluss. Bei den Ensembles mit längs geblasenen Kalebassentrompeten waza im sudanesisch-äthiopischen Grenzbereich trägt jedes Instrument wie die Pfeife einer Panflöte einen Ton zur Melodielinie bei. Musikalische Parallelerscheinungen – etwa das amakondere-Zweiton-Hornensemble und die enzamba-Querhörner in UgandaPaul Van Thiel: Amakondere und enzamba. music.africamuseum.be (Königliches Museum für Zentral-Afrika in Tervuren) – gehörten zur Hofmusik der ehemaligen Reiche im Zwischenseengebiet, wohin sie wahrscheinlich im 16. Jahrhundert mit aus dem Sudan stammenden Niloten gelangten,Gerhard Kubik: Ostafrika. Musikgeschichte in Bildern. Band 1: Musikethnologie, Lieferung 10. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1982, S. 84 und finden sich bei den Ensembles mit mehreren Einton-Rohrflöten (nanga) bei den Venda in Südafrika.

mini|Antilopenhorn mit aufgeklebtem hölzernem Schallbecher und seitlichem Anblasloch der Bambara in Mali. mini|links|Kurze Form der Quertrompeten amakondera in Ruanda mini|Quer geblasene Elfenbeintrompeten (odu-enyi oder odu-okike) im Osten Nigerias. Ein Ensemble mit Elfenbeintrompeten gehört unter anderem bei den Igbo zur Amtseinführung eines traditionellen Würdenträgers (Nze).Sam Kenneth Iheanyi Chukwu: Taxonomy of Igbo Musical Instruments: An Organological Case Study of Ihitte-Uboma Instrumental Resources. (PDF; 2,5 MB) Masterarbeit, University of Nigeria, Nsukka, September 1999, S. 57 In Uganda bezeichnet eggwara sowohl ein längsgeblasenes Instrument aus zwei ineinander gesteckten, konischen Flaschenkürbissen bei den Baganda als auch bei den Busoga eine quer geblasene Trompete. Beide Instrumente sind mit einer Tierhaut überzogen. Die eggwara der Buganda war ein nur von männlichen Hofmusikern gespieltes Ritualinstrument.Timkehet Teffera: Aerophone im Instrumentarium der Völker Ostafrikas. (Habilitationsschrift) Trafo Wissenschaftsverlag, Berlin 2009, S. 285f Solche quer geblasenen Hörner aus Holz, Flaschenkürbissen oder Tierhörnern waren unter den Namen amakondere (Uganda), amakondera (Ruanda) oder makondere in Ostafrika verbreitet. Die Querhorn-Ensembles von Buganda bestanden aus mehreren Instrumenten zwischen 80 und 150 Zentimetern Länge. Allen gemeinsam war eine dekorative Umwicklung mit Tierhaut.Timkehet Teffera, 2009, S. 311

Zu Zeiten der Swahili-Herrscher wurde an den afro-arabischen Höfen der kenianischen und tansanischen Küste das riesige Querhorn siwa geblasen, das zu den Herrscherinsignien und Ritualinstrumenten gehörte. Siwa wurden kunstvoll aus Elfenbein, Bronze oder Holz gefertigt.Timkehet Teffera, 2009, S. 346 Ein um 1690 datiertes Exemplar aus Elfenbein, das von der Insel Pate stammt, erreicht eine Länge von 2,15 Metern.Gerhard Kubik: Ostafrika. II. Musikkulturen. 5. Region 5: Ostafrikanische Küste. In: MGG Online, November 2016 (Musik in Geschichte und Gegenwart, 1997) Ein kleineres, leichter tragbares Horn, das von den Swahili an der ostafrikanischen Küste verwendet wurde, war das mbiu, ein quer geblasenes Büffel- oder Rinderhorn.Mbiu. Grinnell College, Musical Instrument Collection Es wurde bei weniger offiziellen Anlässen eingesetzt, um die Ankunft einer Persönlichkeit zu melden.

Eine der südafrikanischen icilongo entsprechende, bis zu drei Meter lange Trompete aus einem schlanken Bambusrohr mit einem Tierhornschallbecher, die in diesem Fall quer geblasen wird, ist im Süden Äthiopiens als dinke bekannt. Das Blasloch befindet sich im unteren Viertel des beim Spiel senkrecht nach oben gehaltenen Instruments. Die ebenfalls in Südäthiopien vorkommende Quertrompete hura aus einem Holzrohr hält der Spieler seitwärts.Timkehet Teffera, 2009, S. 321, 327 Beispiele für quer geblasene Antilopenhörner in Ostafrika sind iholere bei den Bashi im Ostkongo,Alan P. Merriam: Musical Instruments and Techniques of Performance among the Bashi. (1955) In: Ders.: African Music in Perspective. Garland Publishing, New York 1982, S. 172 nsembu nsia bei den Babembe im Ostkongo (das auch aus Holz gefertigt sein konnte),Bertil Söderberg: Musical Instruments Used by the Babembe. In: The African Music Society Newsletter, Band 1, Nr. 6, September 1953, S. 46–56, hier S. 54 das bei Besessenheitsritualen der Baganda in Uganda verwendete ngombe, das gees–oogoodir der Somali sowie angari und bulu bei den Berta in Äthiopien und im Sudan. Aus mehrfach geschwungenen Kuduhörnern bestehen unter anderem die Querhörner baragumu in Kenia und Tansania, emouo bei den Massai in Kenia, olukia in Westkenia und tori in Norduganda.Timkehet Teffera, 2009, S. 275, 333, 336, 341, 343, 345

Wesentlich seltener als Antilopenhörner werden Rinder- oder Ziegenhörner verwendet. Die quer geblasenen Naturhörner unterscheiden sich hauptsächlich durch die Form des Horns. Sie besitzen fast alle ein Anblasloch wenig entfernt vom spitzen Ende. Als Hauptunterschied sind manche Hörner am spitzen Ende geschlossen, sodass der Ton (ohne Überblasen) nur verändert werden kann, indem der Spieler die Hand in die untere Öffnung einführt; bei anderen Hörner ist das spitze Ende abgeschnitten und der Spieler kann diese Öffnung mit einem Finger oder dem Daumen abdecken. Bei geöffnetem Endloch ergibt sich ein um etwa eine Sekunde oder Terz höherer Ton. Abhängig von der Tierart sind die Querhörner üblicherweise zwischen 20 und 90 Zentimeter lang.Bernhard Ankermann: Die afrikanischen Musikinstrumente. (Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der philosophischen Facultät der Universität Leipzig) Haack, Berlin 1901, S. 41 f. ()

Abgesehen von der mutmaßlichen Herkunft mancher Naturtrompeten und Kesseltrommeln der Palastmusik aus der arabischen Tradition ist über das Alter der rituell verwendeten afrikanischen Blasinstrumente wenig bekannt. Der älteste Bericht über afrikanische Blasinstrumente – über Musikinstrumente im südlichen Afrika überhaupt – stammt von Vasco da Gama, der bei seiner ersten Schiffsreise nach Indien am 2. Dezember 1497 in Mossel Bay östlich des Kaps der Guten Hoffnung von etwa 200 Afrikanern empfangen wurde. Vier oder fünf spielten unterschiedlich lange Blasinstrumente und andere tanzten. Die Versammelten waren vermutlich Khoikhoi, die Rohrflöten bliesen. Als die portugiesischen Seefahrer auf ihrer Weiterfahrt die ostafrikanische Küste erreicht hatten, wurden sie am 15. April 1498 beim heutigen Malindi vom König empfangen. Dabei ertönten mehrere Blasinstrumente, darunter zwei mannshohe, seitlich angeblasene Elfenbeintrompeten.Simha Arom: African Polyphony and Polyrhythm: Musical Structure and Methodology. Cambridge University Press, Cambridge 1985, S. 46f Der portugiesischen Missionar Frei João dos Santos († 1622) berichtet von seiner Reise in das Reich Kiteve im heutigen Mosambik im Jahr 1586 in dem Werk Etiópia Oriental e Vária História de Cousas Notáveis do Oriente über Xylophone (ambira), die für ihn angenehm klangen, und über große, parapandas genannte Tierhörner, deren Klang er als schrecklich und furchteinflößend empfand.George McCall Theal: Records of South-Eastern Africa. Collected in Various Libraries and Archive Departments in Europe. Band 7. Government of the Cape Colony, 1901, S. 202 f. (englische Übersetzung des portugiesischen Textes von Frei João dos Santos) Parapandas ist eine andere Schreibweise der heute üblichen Namen phalaphala und mpalampala.

Bauform und Spielweise