mini|Blick auf den Ararat von einem tatarischen Dorf bei Eriwan, 1838 mini|Tataren in Alexandropol, russische Postkarte Die Aserbaidschaner in Armenien ( oder , „West-Aserbaidschaner“) waren Staatsbürger der Sowjetunion mit aserbaidschanischer Herkunft und aserbaidschanischer Muttersprache, die in der Armenischen Sozialistischen Sowjetrepublik lebten und traditionell meist Schiiten waren. 1979 erklärten sich über 160.000 Menschen in der Armenischen SSR – gut 5 % der Bevölkerung – als Aserbaidschaner, womit sie die größte Minderheit in Armenien bildeten. Zwischen 1988 und 1991, zu Beginn des Bergkarabachkonflikts, verließen fast alle von ihnen Armenien in Richtung Aserbaidschan – ähnlich, wie dies in umgekehrter Richtung die Armenier in Aserbaidschan taten. Laut UNHCR belief sich im Jahre 2004 die Zahl der Aseris in der heutigen Republik Armenien auf etwa 30 bis wenige hundert Menschen, die meisten davon in Mischehen oder im hohen Alter. Fast alle haben ihren Namen geändert, um nicht als Aseris erkennbar zu sein.. Received on 24 November 2004. United Nations High Commissioner for Refugees. Geneva, September 2003.Country Reports on Human Rights Practices - 2003: Armenia U.S. Department of State. Released 25 February 2004
Geschichte mini|Nördlich des Arax: Chirvan mit Baku und Iranisch Armenien mit Erivan; südlich des Arax: Aderbeitzan mit Tauris (Täbris), H. Moll Geographer, London 1736. mini|Ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung in den russischen Provinzen Transkaukasiens nach der Volkszählung 1897 mini|Ethnische Mehrheitsverhältnisse in Nachitschewan um 1897 Transkaukasien hatte über Jahrhunderte sowohl im Gebiet des heutigen Armeniens als auch Aserbaidschans eine ethnisch gemischte Bevölkerung. Während es eine armenische – seit dem 4. Jahrhundert christianisierte – Bevölkerung in der Region seit dem Altertum gab,Robert Hewsen: Armenia: A Historical Atlas. Chicago University Press, Chicago 2001. geht die turksprachige Bevölkerung auf die Landnahme der Seldschuken im 11. Jahrhundert zurück, in deren Folge das zuvor hier wahrscheinlich vorherrschende iranische Altaserbaidschanische durch die heute als Aserbaidschanisch bezeichnete Turksprache verdrängt wurde und sich der schiitische Islam gegen den zuvor hier praktizierten Zoroastrismus durchsetzte.E. Yarshater: The Iranian Language of Azerbaijan. Encyclopædia Iranica, 18. August 2011.C. E. Bosworth: Arran. Encyclopædia Iranica, 12. August 2011.Olivier Roy: The new Central Asia. I.B. Tauris, London 2007. ISBN 978-1-84511-552-4, S. 6. Bis Mitte des 14. Jahrhunderts überwogen die christlichen Armenier in der Region, doch spätestens mit Timurs Eroberungszügen wurden Muslime zur Mehrheitsbevölkerung.George A. Bournoutian: The Population of Persian Armenia Prior to and Immediately Following its Annexation to the Russian Empire: 1826–1832. The Wilson Center, Kennan Institute for Advanced Russian Studies, Washington 1980. S. 11–14. Eine starke und kontinuierliche armenische Präsenz gab es aber mit den bis ins 18. Jahrhundert bestehenden christlichen Fürstentümern der armenischen Meliks in Bergkarabach.Robert H. Hewsen: The Kingdom of Arc'ax, in: Thomas J. Samuelian und Michael E. Stone (Hrsg.): Medieval Armenian Culture. University of Pennsylvania Armenian Texts and Studies, Scholars Press, Chico (California) 1984. S. 52–53. ISBN 0-89130-642-0Robert H. Hewsen: The Meliks of Eastern Armenia: A Preliminary Study. Revue des Études Arméniennes 9 (1972). S. 299–301.
Um 1800 lebten im damaligen Iranisch-Armenien, das neben Eriwan auch Nachivan, Gangia (später Jelisawetpol) und das ganze heutige Aserbaidschan zwischen Kura und Arax umfasste (also ohne den Osten um Baku am Kaspischen Meer, das damalige Schirwan), nach Schätzungen etwa 20 % armenische Christen und 80 % schiitische Muslime. Die persischen Erhebungen berücksichtigten nur die Religion und nicht die Sprache, so dass durch die Mitgliederzahl der Armenischen Apostolischen Kirche die Zahl der Armenier erfassbar war, während die Muslime nicht nach Turksprachigen, Persischsprachigen oder Talischen unterschieden wurden.
Durch die Verträge von Gulistan 1813 und Turkmentschai 1828 verlor Persien die Gebiete nördlich des Arax – Chirvan mit Baku und Iranisch-Armenien – wie auch das am Kaspischen Meer, südlich von Arax und Kura gelegene Talisch (vormaliges Nordost-Aderbeitzan) an Russland, so dass erstmals die dortige turksprachige Bevölkerung teils unter nunmehr russischer, teils weiterhin unter persischer Herrschaft lebte. In der Folge wanderten viele Armenier aus den noch persischen Gebieten, aber auch aus Türkisch-Armenien nach Russisch-Armenien aus, während Muslime den umgekehrten Weg einschlugen. Infolgedessen waren in der Armenischen Oblast, die größere Teile des heutigen Armeniens mit Jerewan sowie Nachitschewan und Igdir umfasste und 1840 zur Gubernija Eriwan umorganisiert wurde, die Armenier bald wieder in der Mehrheit. Bei den russischen Zählungen wurde auch die Sprache erhoben. Im Russischen Kaiserreich wurden die turksprachigen Schiiten der Kaukasusregion als Tataren (татары) bezeichnet, während nach der Oktoberrevolution 1917 die Bezeichnung Aserbaidschaner (азербайджанцы, azərbaycanlılar) oder Aseris (azərilər) eingeführt wurde.Thomas de Waal: Black Garden - Armenia and Azerbaijan Through Peace and War. New York University Press, 2003. S. 81. Die Armenier bezeichneten dagegen die Aseris meist als „Türken“ oder „Osttürken“.„Wir werden euch ausrotten.“ Pogrome in Sumgait und Baku. Der Spiegel, 23. März 1992. Transkaukasien hatte eine hinsichtlich Religion und Sprache gemischte Bevölkerung, wobei laut Volkszählung 1897 in der Gubernija Eriwan die Armenier, in der Gubernija Jelisawetpol und der Gubernija Baku dagegen die Tataren (nach heutigem Verständnis die Aseris) die Mehrheit bildeten.Первая Всеобщая перепись населения Российской Империи 1897 г. Под ред. Н.А.Тройницкого. т.II. Общий свод по Империи результатов разработки данных Первой Всеобщей переписи населения, произведенной 28 января 1897 года. С.-Петербург, 1905. Таблица XIII. Распределение населения по родному языку, в: Первая всеобщая перепись населения Российской Империи 1897 г. Распределение населения по родному языку, губерниям и областям. В расположенном ниже списке выберите регион. Эриванская губерния. Демоскоп (Demoscope.ru), 2017. Um die Jahrhundertwende lebten in der Gubernija Eriwan etwa 300.000 Tataren, womit sie 37,5 % der Bevölkerung ausmachten.Брокгауз-Ефрон и Большая Советская Энциклопедия, объединенный словник: Эриванская губерния. Брокгауз-Ефрон, Санкт-Петербург, 1890–1907. Während es aber beispielsweise in Schuscha in Bergkarabach in der Gubernija Jelisawetpol mit seinen 25.656 Einwohnern laut der russischen Enzyklopädie Brockhaus-Efron zur Jahrhundertwende eine armenische Mehrheit von 56,5 % gegenüber 43,2 % Muslimen gab,Брокгауз-Ефрон и Большая Советская Энциклопедия, объединенный словник: Шуша. Брокгауз-Ефрон, Санкт-Петербург, 1890–1907. lebten in der armenischen Hauptstadt Eriwan etwa 29.000 Einwohner, davon 36 % Tataren, 52 % Armenier, 6 % Kurden, 4 % Perser und 2 % Russen. Neben 2 orthodoxen und 6 armenisch-apostolischen Kirchen gab es in der Stadt 7 schiitische Moscheen, aber keine sunnitische.Брокгауз-Ефрон и Большая Советская Энциклопедия, объединенный словник: Эривань. Брокгауз-Ефрон, Санкт-Петербург, 1890–1907.
Dem Kaukasusforscher Thomas de Waal zufolge war das 20. Jahrhundert eine Periode der Marginalisierung, Diskriminierung, Massen- und oft auch Zwangsmigration für Aserbaidschaner in Armenien. Die meisten Tataren lebten in ländlichen Gebieten von der Landwirtschaft oder von der Teppichweberei. Fast alle waren Schiiten, doch gab es vor allem um Talin, aber auch in Schirak und am Wedi Sunniten.А. А. Цуциев: Атлас этнополитической истории Кавказа. Издательство «Европа», Москва 2007. Luigi Villari berichtete 1905, dass in Eriwan die Tataren generell wohlhabender waren als die Armenier und nahezu sämtliches Land besaßen.Luigi Villari: Fire and Sword in the Caucasus. T. F. Unwin, London 1906. S. 267.
Die Beziehungen zwischen christlichen Armeniern und muslimischen Tartaren waren weithin gespannt und mündeten im Laufe der Russische Revolution 1905 in die bis 1907 andauernden armenisch-tatarischen Massaker, bei denen 128 armenische und 158 tatarische Dörfer zerstört oder geplündert wurden und etwa 3000 bis 10.000 Menschen starben, wobei die Zahl der Opfer auf Seiten der schlecht organisierten Tataren höher war.Svante Cornell: Small Nations and Great Powers: A Study of Ethnopolitical Conflict in the Caucasus, Taylor & Francis, London 2000. S. 69.Tadeusz Swietochowski: Russia and Azerbaijan: A Borderland in Transition. Columbia University Press, New York City 1995. ISBN 0-231-07068-3, ISBN 978-0-231-07068-3
Demokratische Republik Armenien Die Demokratische Republik Aserbaidschan und die Demokratische Republik Armenien führten von 1918 bis 1921 gegeneinander Krieg um die Regionen Nachitschewan, Sangesur (Sjunik), und das Gebiet um Gasach, die alle eine gemischte Bevölkerung aus Armeniern, Aserbaidschanern und Qizilbash Türken aufwiesen. 1920 eroberte die 11. Rote Armee das Gebiet. In den Verträgen von Moskau (16. März 1921) und Kars (23. Oktober 1921) zwischen der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik und der Türkei wurde die Zugehörigkeit des Ujesd Nachitschewan und des benachbarten Basch-Noraschen zu Aserbaidschan festgelegt. Auch Karabach wurde Aserbaidschan zugeschlagen, während Sangesur (Sjunik), das von Februar bis Juli 1921 von armenischen Aufständischen als Republik Bergarmenien gehalten wurde, an Sowjetarmenien kam.Tobias Debiel, Axel Klein: Fragile Peace: State Failure, Violence and Development in Crisis Regions. Zed Books, London 2002, S. 94.
Infolge des Völkermords an den Armeniern im Osmanischen Reich und des Vormarschs der türkischen Armee 1918 strömten zehntausend armenische Flüchtlinge in die Demokratische Republik Armenien.Modern Hatreds: The Symbolic Politics of Ethnic War by Stuart J. Kaufman. Cornell University Press, 2001. S. 58. ISBN 0-8014-8736-6.Turkish-Armenian War: Sep.24 – Dec.2, 1920 by Andrew Andersen Andere Armenier flohen vor Pogromen in Aserbaidschan, so 1918 in Baku und 1920 in Schuscha. Ein großer Teil der Aserbaidschaner in Armenien floh nach Aserbaidschan. Die armenischen Strategen Andranik Ozanian und Rouben Ter Minassian waren damit betraut, armenische Flüchtlinge aus Westarmenien in Ostarmenien anzusiedeln.Donald Bloxham: The Great Game of Genocide: Imperialism, Nationalism, and the Destruction. Oxford University Press, Oxford 2005, S. 103–105. Bekannt war Andranik ab Mitte 1918 u. a. für die Zerstörung muslimischer Siedlungen während der Säuberungsaktionen in der armenisch-aserbaidschanischen Grenzregion Sangesur. Aseris wurden unter anderem aus 20 Dörfern aus Sjunik vertrieben.Thomas de Waal: Great Catastrophe: Armenians and Turks in the Shadow of Genocide. Oxford University Press, Oxford 2014. S. 122. Ter Minassian bediente sich der französischen Historikerin Anahide Ter Minassian (seine Schwiegertochter) zufolge der Verhandlungs- und Einschüchterungstaktik, in erster Linie jedoch dem Prinzip „Feuer und Stahl“ und gewalttätigen Methoden, um Muslime dazu zu „ermuntern“, Armenien zu verlassen. In seinem Bericht vom Juni 1919 warnte noch Anastas Mikojan, dass „die organisierte Vernichtung der muslimischen Bevölkerung in Armenien jede Zeit in einen Krieg mit Aserbaidschan münden könnte“.
Von den 80 Abgeordneten des armenischen Parlaments waren 3 Aserbaidschaner. Angesichts des Krieges gegen Aserbaidschan wurden sie mit größtem Misstrauen betrachtet.
Armenische SSR mini|Aserbaidschanisches Theaterensemble in Jerewan, 1937