mini|Stift Neustift von Norden mini|Kloster Neustift von Osten Das Kloster Neustift (auch Stift Neustift) ist ein Stift der Kongregation der österreichischen Augustiner-Chorherren in Neustift (Gemeinde Vahrn bei Brixen in Südtirol, Italien).
Geschichte Die Gründung mini|Gesamtansicht des Stifts Neustift von Süden mini|Stiftshof mit Brunnenhaus und Kirche mini|Brunnen der Wunder im Stiftshof Die Vorgeschichte der Gründung von Neustift beginnt im Jahr 1140. In diesem Jahr wurde Hartmann, der Propst des Klosters Klosterneuburg bei Wien, vom Salzburger Erzbischof Konrad I. als Nachfolger von Bischof Reginbert zum Bischof von Brixen bestimmt. Zunächst dürfte die Tatsache, dass Hartmann sein bisheriges Leben zu einem großen Teil in regulierten Gemeinschaften verbracht hatte, stark zu seinem Wunsch zur Gründung eines Männerklosters oder -stifts in der Umgebung Brixens beigetragen haben, in das er sich zurückziehen konnte, „um Exerzitien zu machen“.Sparber, Chorherrenstift Neustift, S. 1 In Brixen selbst wurde Hartmann vom Widerstand der Domherren daran gehindert, bei ihnen die Augustinusregel mit der Vita communis einzuführen. Möglicherweise als Ausgleich dazu gründete er 1142 – mit Unterstützung des Brixner Ministerialen und bischöflichen Burggrafen Reginbert von Säben, der die Gründungsausstattung mit seinem Besitz absicherte – das Neustifter Chorherrenstift, besetzte es mit Regularkanonikern und Konversen aus seinem Herkunftsstift Klosterneuburg und ordnete es damit in die bischöflich-kanonikale Reformpolitik der Kirchenmetropole Salzburg ein.Hannes Obermair, Martin Bitschnau: Die Traditionsnotizen des Augustinerchorherrenstiftes St. Michael a. d. Etsch (San Michele all’Adige). In: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, Band 105 (1997), S. 263–329, hier S. 265–266 (). In Tirol gab es zu dieser Zeit kein einziges Stift der Augustiner-Chorherren, was Hartmann durchaus als großer Mangel erscheinen musste.Peintner, Neustift, S. 196
Zudem war der Zustand der Diözese Brixen prekär, als sie von Hartmann übernommen wurde. Die Vorgänger Hartmanns waren immer wieder in die Streitigkeiten zwischen Papst und Kaiser verwickelt, und somit befand sich die Diözese oft ohne geistliche Leitung. Die Ausbildung des Klerus ließ sehr zu wünschen übrig. Auch die Seelsorge war stark heruntergekommen. Somit war die Gründung des Augustiner-Chorherrenstiftes Neustift sicher vor allem in einer Verbesserung von Ausbildung und Seelsorge im Speziellen und einer Aufwertung des kirchlichen Lebens in der Diözese im Allgemeinen begründet. Schon Hartmanns Vorgänger auf dem Brixner Bischofsstuhl, Reginbert, hatte versucht, die Reformen durch Klostergründungen zu fördern. So hatte dieser das Prämonstratenserstift Wilten bei Innsbruck und das Benediktinerstift St. Georgenberg bei Schwaz gegründet.Gelmi, Brixner Bischöfe, S. 52
Erbaut wurde das Kloster 3 km nördlich von Brixen, unweit der Straße, die ins Pustertal führt, an einem damals noch unsicheren und rauen Ort, „in wilder Einsamkeit“ gelegen.Sparber, Seliger Hartmann, S. 37 Die Lage des Klosters am Nordende des Brixener Talkessels, „wo die Unwirtlichkeit des sich beliebig sein Bett schaffenden Eisackflusses alles andere als einladend schien“,Peintner, Neustift, S. 197 am Schnittpunkt der wichtigen Nord-Süd-Verbindung über die Alpen und der Ost-West-Verkehrswege aus dem Pustertal, wurde nicht ohne Grund gewählt. Zum einen war das Stift weit genug von störenden Siedlungen entfernt, andererseits konnte an dieser Stelle die Hospitalitas Augustiniana, die Gastfreundschaft der Augustiner Chorherren, gut praktiziert werden. Neben dem Kloster wurde nämlich auch ein Hospital gegründet. Hier wurden Reisende, Pilger, Kranke und Arme betreut. Dieses wurde allerdings irgendwann zwischen 1463 und 1557 wieder aufgelassen. „In der Zeit um 1500 war die große mittelalterliche Pilgerbewegung bereits verklungen. So hatten auch das Hospiz und seine Kapelle in der Engelsburg den ersten Dienst erfüllt.“ Danach dienten die massiven Zellen im Untergeschoss als Kerkerzellen.Peintner, Neustift, S. 199
Ursprünglich war Neustift ein Doppelkloster. In den Quellen findet man öfters Hinweise auf Frauen im Kloster, allerdings nur bis ca. 1300.Innerhofer, S. 60
Stifter und Stiftungen mini|rechts|Liber Donationum: Besitzübertragungen an das Stift zwischen 1300 und 1350, Pergamenthandschrift Der Hauptstifter Neustifts waren ReginbertIn der Literatur findet man den Vornamen auch als Reimbert von Säben und seine Frau Christina. Reginbert war Ministeriale des Hochstiftes Brixen und Säbener Burggraf. Möglicherweise war er mit den Herren von Rodank verwandt. Einerseits liegt nämlich der Bauplatz Neustifts auf Gebiet des Gerichts Rodeneck. Andererseits waren die Herren von Rodeneck-Schöneck großzügige Unterstützer des Stiftes.
Reginbert stiftete neben dem Bauplatz und dessen Umgebung auch Güter in der Nähe des Stiftes, in Pockhorn unter Heiligenblut im Mölltal, in Elvas, Schrambach, Lajen, Schalders, Welschnofen, Sieghardshofen (bei Augsburg?), Patsch bei Innsbruck, Vahrn, Bozen, Villanders, Tulfes bei Sterzing, Kolfuschg, Neunhäusern bei Olang, Trens, Tiers, Oberhofen bei Telfs im Oberinntal, Wörgl, Voragin, Dorfen und Mattenhofen. Die genaue Lage der drei letztgenannten Güter ist nicht bekannt. Sie liegen vermutlich in Bayern. Außerdem stiftete Reginbert noch Güter bei Baumburg in Bayern und auf dem Ritten sowie im Sarntal.
Im Traditionsbuch Neustifts, das die Stifter und Stiftungen aufführt, findet man auch einige Güter, die von Hartmann geschenkt wurden.Hans Wagner (Bearb.): Das Traditionsbuch des Augustiner-Chorrenstiftes Neustift bei Brixen. Österreichische Akademie der Wissenschaften, Wien 1954 (= Fontes rerum Austriacarum. Abt. II, Band 76); Max Schrott (Bearb.): Liber testamentorum Conventus Neocellensis. Bozen 1967 (= Geschichtsquellen des Etschlandes. Band 1). Dieser war also nicht nur der Initiator des Stifts, sondern er trug auch selber zu dessen Ausstattung bei. Weitere Stifter waren unter anderem die Grafen von Görz und Tirol und die Herren von Rodank, in deren Herrschaftsbereich das Stift lag.
Im Jahre 1500 besaß das Stift eine beachtliche Menge an Gütern. Insgesamt waren es allein 542 Höfe. Zusätzlich zählten noch 49 Häuser, mindestens 25 Hofstätten, fünf Mühlen, mindestens 82 Weingärten, mindestens 58 Wiesen und 76 Äcker, mindestens 26 (Obst-)Gärten und 70 Zehnte zum Besitz des Stiftes.Innerhofer, S. 62
Rechtliche Stellung Bischof Hartmann war von Anfang an darauf bedacht, die Bestätigung des Stiftes durch Papst und Kaiser zu erreichen. Am 9. April 1143 erlangte Neustift unter Propst Heinrich (I.) mit all seinen Besitzungen die kirchenrechtliche Bestätigung und Anerkennung durch Papst Innozenz II. und wurde als exemt erklärt. Neustift erhielt das Recht zur Bestattung von Außenstehenden und das Recht der freien Wahl von Propst und Vogt. Dass die freie Propstwahl nicht so einfach durchzusetzen war, zeigte sich schon 1164. Der Nachfolger Hartmanns auf dem Bischofsstuhl, Otto von Andechs, setzte sich gegen den Wunsch des verstorbenen Propstes Heinrich trotz freier Propstwahl durch. 1177 erhielt Neustift einen zweiten päpstlichen Schutz- und Bestätigungsbrief von Papst Alexander III. Darin findet sich eine Befreiung von öffentlichen Abgaben und eine gewisse rechtliche Immunität.Pfeifhofer, S. 4 Tatsächlich war Neustift zunächst noch der Gerichtsbarkeit des Vogtes unterstellt. Erst allmählich gelang es dem Kloster zumindest die Hofgerichtsbarkeit für die geschlossene Grundherrschaft in der Umgebung durchzusetzen.Pfeifhofer, S. 19
Auch von kaiserlicher Seite wurde Neustift bestätigt. Kaiser Friedrich Barbarossa erließ auf Bitte Hartmanns auf dem Reichstag zu Bamberg 1157 eine Schutzurkunde für das Kloster. Auch Hartmann selbst bestätigte in einer Urkunde aus demselben Jahr Rechte und Besitz und übergab dem Stift zusätzlich die Pfarre Natz.Peintner, Neustift, S. 196–197 Im Jahr 1177 wurden der kaiserliche Schutzbrief erneuert und die alten Rechte bestätigt, besonders der Besitz der Silberbergwerke von Villanders.
Im Jahre 1190 ereignete sich der erste große Stiftsbrand. Damals schon zeigte sich, dass das Stift rechtlich bereits einigermaßen gefestigt sein musste, denn Propst Konrad II. konnte schon bald den großzügigen Wiederaufbau veranlassen.
Die Rechte der Bischöfe von Brixen blieben bis zur Gründung der Kongregation der Österreichischen Chorherrenstifte im Jahr 1907 aufrecht. Ihnen stand das Recht zu, Visitationen abzuhalten, die Propstwahl zu leiten und den Vorsteher zu weihen. Bei der Propstwahl waren die Bischöfe und auch der Landesherr recht einflussreich. Tatsächlich wurden einige Pröpste auf Grund des bischöflichen Einflusses gewählt. Andererseits waren es auch die Brixener Bischöfe, die immer wieder durch Schenkungen die Stellung des Stiftes verbesserten und Neustifter Chorherren mit wichtigen Ämtern betrauten.Pfeifhofer, S. 6
Als Vögte wählte Neustift, es war ja seit der Bestätigungsurkunde von 1143 zur freien Propstwahl berechtigt, die Grafen von Morit-Greifenstein, die auch Vögte des Hochstifts Brixen waren. Nach dem Aussterben des Geschlechts übernahmen die Andechser diese Funktion. Mit der Ächtung des Andechser Markgrafen Heinrich wurde Albert III. von Tirol Vogt des Hochstifts Brixen und damit auch jener von Neustift. Die Vogtei mit dem landesfürstlichen Schutz brachte auch eine gewisse Abhängigkeit. Die Landesfürsten waren Neustift aber durchwegs positiv gestimmt, was die zahlreichen Schenkungen bezeugen.Pfeifhofer, S. 15
Durch die Auseinandersetzung zwischen Landesfürst und den Bischöfen von Brixen und Trient war auch Neustift in Mitleidenschaft gezogen worden. Als positive Folge brachte der Friedensschluss von 1271 Neustift die gerichtliche Freiung, die 1434 durch Kaiser Sigismund bestätigt wurde.Pfeifhofer, S. 16–18
Weitere Entwicklung Mit der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen 1453, und insbesondere als die Türken 1474 vor Klagenfurt standen und 1476 erneut in Kärnten einfielen, nahmen die Befürchtungen in Neustift zu. Der Bericht des Stiftschronisten schreibt über die Türken:
… und nicht nur, dass sie alles Erreichbare verwüsteten und mit sich führten, sie verschleppten auch viele Christenmenschen aus diesen Ländern in die Sklaverei. Sie waren schon so nahe, dass die nächste Umgebung ihnen offenstand und auch unser Kloster bereits in höchster Gefahr war. Da trachtete unser fürsorglicher Propst nur mehr danach, ihrem plötzlichen Einfall ein Bollwerk entgegenzusetzen, um ihnen unsere Leute und deren Gut wenigstens nicht gleich überlassen zu müssen.aus: Peintner, Neustift, S. 198
Baumaterial für die Türkenmauer war genug vorhanden, denn man war gerade mit dem Abbruch des gotischen Kirchenbaus beschäftigt. Ab 1483 ließ der neue Propst Lukas Härber aus Schwaben die Befestigung des Stiftes weiter ausbauen. In dieser Zeit erlangte auch die Engelsburg ihr jetziges Aussehen, als sie zur Wehrburg ausgebaut wurde. Die Türkengefahr war nicht die einzige Bedrohung für das Stift. Anfang des 16. Jahrhunderts brach eine Viehseuche aus, 1520 gab es eine große Missernte, der Eisack verwüstete die Brücke und Teile des Wirtshauses und ein Brand vernichtete Teile der Wirtschaftsgebäude.Peintner, Chorherrenstift Neustift, S. 23