Hieroskopie (Opferschau, aus „Heiliges“, „Opfer“ und „betrachten“), auch Hieromantie (Wahrsagen aus Opfermaterial, von und „Wahrsagen“), bezeichnet eine Reihe divinatorischer Verfahren, welche mittels Opfermaterial die Zukunft vorauszusagen versuchen. Meist wird damit das anscheinend bedeutendste Verfahren dieser Art, die Zeichendeutung aus Opfertieren, besonders aus ihrer Leber (Leberschau), gemeint (siehe auch Haruspex), es konnten jedoch auch andere Materialien, wie etwa Mehl, Wein, Rauch (Kapnomantie), Vogelflüge (Ornithomantie), Blitze (Fulguration), Feuer (Pyromantie) und Ähnliches zum Einsatz kommen.
Die Grundannahme dieser divinatorischen Technik in der Wahrsagerei bestand darin, dass (bestimmte) Menschen in zufälligen Ereignissen sinnvolle Muster zu erkennen in der Lage waren. Götter und transzendente Wesen (Geistwesen, Supranaturalismus) benutzten sie als Mittel, um jenen die dazu befähigt waren die Zeichen zu verstehen und zu interpretieren, ihre Absichten kundzutun.
Hieroskopie ist für viele antike und einige moderne Kulturen belegt. Das reichhaltigste Quellenmaterial stammt aus dem Alten Orient, wo entsprechende Handbücher, Protokolle und Anfragen in Keilschrift auf Tontafeln geschrieben wurden, die uns erhalten blieben. Für die Völker der klassischen Antike, die Etrusker, Römer und Griechen, ist die Hieroskopie ebenfalls belegt, jedoch sind hier kaum schriftliche Aufzeichnungen vorhanden. Man geht davon aus, dass der Ursprungsort dieser Verfahren im altorientalischen Raum zu suchen ist, wo es auch zur größten Bedeutung gelangte.Stefan Maul: Omina und Orakel A. In: RLA Bd. 10. De Gruyter, Berlin 2005, S. 47.
Die Bezeichnung für jemanden, der Hieromantie praktiziert, lautet entsprechend Hieromant.
Bedeutung Aus dem 2. und 1. Jahrtausend v. Chr. nimmt das divinatorische Schrifttum des Alten Orients einen enormen Umfang an. Omina und Orakel wurden vor allem als Warnungen verstanden. Sie sollten die Möglichkeit bieten, frühzeitig Gegenmaßnahmen zu ergreifen.Stefan Maul: Omina und Orakel A. In: RLA Bd. 10. De Gruyter, Berlin 2005, S. 49. Im zutiefst religiös verwurzelten Alten Orient wurde zu erwartendes Unheil aber nicht primär als Schuld des Menschen, sondern besonders als göttlicher Wille begriffen, was von den Machthabern dann auch politisch instrumentalisiert wurde.Stefan Maul: Omina und Orakel A. In: RLA Bd. 10. De Gruyter, Berlin 2005, S. 49. Dieser hohe Stellenwert des Orakelwesens wird auch durch belegte Vereidigungen von Zeichendeuternvgl. SAA X, Nr. 7. oder den Befehl zum Raub divinatorischer Fachliteratur bezeugt.
In der klassischen Antike bezeichnete der Begriff Chaldäer, synonym auch für Babylonier verwendet, die in Rom und Griechenland tätigen Astrologen, Zeichendeuter, Beschwörer und Gelehrte. Dies muss als Reflexion einer empfundenen engen Verbindung der Zeichendeutungswissenschaft mit Mesopotamien gewertet werden.Stefan Maul: Omina und Orakel A. In: RLA Bd. 10. De Gruyter, Berlin 2005, S. 49.
Verhältnis zu anderen Divinationsverfahren Neben der Hieroskopie wurden im Altertum auch andere divinatorische Verfahren angewandt, welchen je spezifische Aufgaben zukamen. Gerade im 1. Jahrtausend v. Chr. gewann besonders die Astrologie erheblich an Bedeutung, von der man glaubte, dass sie permanent Auskunft über das Verhältnis der Könige zu den Göttern gebe.Stefan Maul: Omina und Orakel A. In: RLA Bd. 10. De Gruyter, Berlin 2005, S. 49. Im Gegensatz dazu wurde die Interpretation irdischer Omina vor auf die Menschen bezogen, in deren Lebensbereich sie sich ereignet hatten; eine Ausnahme hiervon bildete das Auftreten von Missgeburten. Diesen Verfahren ist jedoch gemeinsam, dass sie sich auf sich zufällig ereignende „Zeichen“ beziehen und daher keine permanente Auskunftmöglichkeit boten. Demgegenüber konnte das Orakelverfahren der Hieromantie jederzeit durchgeführt und somit provozierte Zeichen hervorgerufen werden.Stefan Maul: Omina und Orakel A. In: RLA Bd. 10. De Gruyter, Berlin 2005, S. 50. Diesen Verfahren wurde ein großes Vertrauen entgegengebracht, dennoch zog man bisweilen die Kompetenz des Zeichendeuters in Frage, so dass diese nicht in allen Lebensbereichen wirken konnten.
Eingeweideschau Die Eingeweideschau oder Extiszipin (Eingeweideschau, von lateinisch gleichbedeutend extispicium) ist das wichtigste und am besten bezeugte Divinationsverfahren im Altertum, welches deshalb oft pars pro toto als Hieroskopie im engeren Sinne bezeichnet wird. Sie war mit Ausnahme Ägyptens im gesamten antiken Mittelmeerraum sowie im Vorderen Orient verbreitet.Stefan Maul: Omina und Orakel A. In: RLA Bd. 10. De Gruyter, Berlin 2005, S. 69. Einsichten in Zukünftiges wurden dabei durch die Beobachtung eines Opfertieres, in der Regel eines Lammes, vor und beim Schlachten sowie durch die Inspektion seines Knochengerüstes und seiner Innereien gewonnen. Als letzte Legitimationsinstanz für allerlei politische Entscheidungen kam diesem Verfahren die höchste Bedeutung zu.Stefan Maul: Omina und Orakel A. In: RLA Bd. 10. De Gruyter, Berlin 2005, S. 69 f. Es besaß seinen sakramentalen Charakter, sodass es in einem rituellen Rahmen eingebettet von einem professionellen Opferschauer durchgeführt werden musste.
Dabei war die Leberschau (griech Hepatoskopie) eine der zentralen und meistverbreiteten Praktiken der Opferschau im antiken Orakelwesen und der Omenkunde. Auf das Ergebnis einer Wahrsagung hin verstanden, wird sie auch als Hepatomantie, einem Wahrsagen aus der Leber und stellvertretend für die übrigen Eingeweide bezeichnet. Sie spielt auch heute noch gelegentlich in einigen traditionellen asiatischen Kulturen eine Rolle.
Quellenlage Die altorientalische Tradition führt die Eingeweideschau auf Enmenduranki zurück, dem ersten vorsintflutlichen König von Sippar, dem das Verfahren durch die Götter Adad und Šamaš offenbart worden sei, damit er es die Menschen lehre. In der Tat ist die Eingeweideschau ein sehr altes Verfahren, wie etwa eine Inschrift Ur-Nanšes von Lagaš zeigt, die die Berufung eines hohen Priesters durch Eingeweideschau bezeugt; entsprechende Belege finden sich dann auch aus der Zeit der 3. Dynastie von Ur, sowie der Isin-Larsa-Zeit. Hinzu kommt die Erwähnung des Berufs des Opferschauers in lexikalischen Listen aus Fāra, Abū ṢalābĪḫ und EblaStefan Maul: Omina und Orakel A. In: RLA Bd. 10. De Gruyter, Berlin 2005, S. 70 f. Reichhaltiger sind die Quellen dann vor allem ab altbabylonischer Zeit, wo zahlreiche Omensammlungen Einblicke in die Praxis der Eingeweideschau bieten. Durch historische Bezüge bezeugen sie die wichtige Rolle, die der Eingeweideschau schon zur Zeit des Reiches von Akkade zugekommen war.Stefan Maul: Omina und Orakel A. In: RLA Bd. 10. De Gruyter, Berlin 2005, S. 71. Gerade ab der späteren altbabylonischen Zeit wird die Eingeweideschau in unterschiedlichen Textgattungen dokumentiert.
Die erste Gruppe bilden schriftlich fixierte Opferschau-Omina, die im Laufe der Zeit zu ganzen Omensammlungen zusammengefasst wurden. Sie treten schlagartig ab dem 18. Jahrhundert v. Chr. auf, als die bis dato vermutlich mündliche Auslegungstradition erstmals schriftlich fixiert wurde.Stefan Maul: Omina und Orakel A. In: RLA Bd. 10. De Gruyter, Berlin 2005, S. 71. Dies ist wohl vor allem vor dem Hintergrund der Entstehung des altbabylonischen Reiches zu sehen, wo Erfahrungen und Lehren unterschiedlicher Herkunft zusammengetragen unc in ein normiertes Curriculum eingearbeitet wurden.Stefan Maul: Omina und Orakel A. In: RLA Bd. 10. De Gruyter, Berlin 2005, S. 71 f. Als Quellen dieser Traditionen können anhand orthographischer Konventionen zwei wesentliche Textgruppen ausgemacht werden, welche einerseits aus dem Raum des antiken Sumer und andererseits aus der Region um Sippar stammen. Im Verlauf des 2. Jahrtausends v. Chr. wurden diese Texttraditionen fortgeführt und zu umfangreichen Omen-Serien zusammengefügt. Wie später im 1. Jahrtausend v. Chr. üblich übernahmen die Texte schon damals komplexe orthographische Konventionen, die vor allem auf der Verwendung von Logogrammen beruhten. Am Ende des 2. Jahrtausends erlebte das Schrifttum zur Opferschau eine massive Kanonisierung und Serienbildung, die das 100 Tafeln umfassende Werk iškar bānûti zum Endprodukt hatte.Ulla Koch-Westenholz: Babylonian liver omens. the chapters Manzāzu, Padānu and Pān tākalti of the Babylonian extispicy series mainly from Aššurbanipal's Library. Carsten Niebuhr Institute of Near Eastern Studies, Copenhagen 2000. (CNI-publikations ; 25), ISBN 87-7289-620-5, S. 27–31. welches in der Bibliothek des Assurbanipal erstmals fassbar ist und bis in seleukidisch-parthische Zeit überliefert wurde. Seine 10 Unterserien behandeln einzelne Teile des Vorgehens des Opferschauers.Stefan Maul: Omina und Orakel A. In: RLA Bd. 10. De Gruyter, Berlin 2005, S. 72 f. Die Apodosen der darin gesammelten Omina behandeln fast ausschließlich Belange des Königs oder des Staates.
Neben den Omensammlungen bilden die Omenkommentare eine weitere wichtige Quellengruppe. Dabei handelt es sich um zu Serien zusammengefassten Nachschlagewerke, welche zu jeder Serie der Omensammlung Kommentare von teilweise mehreren Tafeln Länge zusammenfasste. Das umfangreichste Werk dieses Typus trug den Namen mukallimtu und ist erstmals in der Bibliothek des Assurbanipal bezeugt.Ulla Koch-Westenholz: Babylonian liver omens. the chapters Manzāzu, Padānu and Pān tākalti of the Babylonian extispicy series mainly from Aššurbanipal's Library. Carsten Niebuhr Institute of Near Eastern Studies, Copenhagen 2000. (CNI-publikations ; 25), ISBN 87-7289-620-5, S. 31–35. Dieses Werk stellte insbesondere die in den Omensammlungen verwendeten, redundanten Terminologien zusammen und erläuterte entsprechende Begriffe. Teilweise enthielten sie auch Fragen für die Opferschauer-Examina. In diese Gattung gehört auch die 10. Unterserie von iškar bānûti namens multābiltu, die ihrerseits wiederum aus siebzehn Tafeln bestand.Stefan Maul: Omina und Orakel A. In: RLA Bd. 10. De Gruyter, Berlin 2005, S. 73. Sie benennt die für die Interpretation eines Befundes wichtigen Assoziationen, ist insgesamt aber noch wenig erschlossen. Eine Sondergruppe innerhalb dieser Textgruppe bilden die Orientierungstafeln, die die Topographie der Teile von Opfertierinnereien benennt und sie bestimmten Bereichen zuordnet. Sie sind auf Tontafeln sowie auf Lebermodellen überliefert.
Neben Schriftquellen sind auch archäologische Quellen zur Eingeweideschau überliefert. Hierunter nehmen Modelle und Zeichnungen von Opferschaubefunden eine besondere Stellung ein. So existieren etwa Modelle von Tierlebern, Tierlungen, Tierdärmen und ein Exemplar eines Modells einer Schafsmilz.Stefan Maul: Omina und Orakel A. In: RLA Bd. 10. De Gruyter, Berlin 2005, S. 74. Auf diesen Modellen konnten dann Markierungen verschiedene Opferschaubefunde verdeutlichen.
Ebenfalls aus alt- und besonders auch aus mittelbabylonischer Zeit ist eine Reihe von Opferschauprotokollen und -anfragen erhalten geblieben. Sie enthalten knappe Beschreibungen durchgeführter Opferschauen und deren abschließende Bewertung. Zumeist stammen solche Tafeln den Archiven reicher Privathaushalte oder, im Falle von Mari, aus dem Königspalast. Entsprechende Beschreibungen finden sich auch auf den Opferschauanfragen der neuassyrischen Könige, die zudem ein Gebet an den Sonnengott und die eigentliche Orakelanfrage preisgeben. Bei diesen Texten bleibt jedoch die abschließende Bewertung des Befundes aus.Stefan Maul: Omina und Orakel A. In: RLA Bd. 10. De Gruyter, Berlin 2005, S. 74.
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