mini|Heinrich Thiel Heinrich Ludwig Thiel (* 8. Juli 1855 in Hamburg; † 5. Oktober 1925 in Lübeck) war ein deutscher Kaufmann, Fabrikant und Mitglied der Lübecker Bürgerschaft im Deutschen Kaiserreich und der Weimarer Republik.
Leben Herkunft Heinrich war der Sohn einer Hamburger Kaufmannsfamilie. Sein Vater, der Kaufmann und Fabrikant Wilhelm Carl Ludwig Thiel, stammte aus Lübeck und war in Pinneberg in einem vergleichbaren Werk tätig. Zusammen mit Heinrichs Großvater beteiligte er sich finanziell an der Knochenmühle des Kaufmanns Heinrich Christian Julius Koch in Trems.
rahmenlos|rechts|Tremser Eisenwerk Sein Vater, der über das technische Wissen zur Leitung eines Unternehmens verfügte, und Koch gründeten in den Gebäuden der traditionsreichen Metallwarenfabrik das „Tremser Eisenwerk“. Aus der Führung des Werkes in den Lübecker Adressbüchern schon 1870 als Firma „Tremser Eisenwerk Carl Thiel & Co.“ zu Trems, lassen sich Rückschlüsse auf die finanzielle Gewichtung innerhalb des Unternehmens ziehen. Emaillefabriken 1869–1914 in Rüdiger Segenbusch: Lübecker Industriekultur, Zeitenwende – Fabriken in Lübeck, Lübeck 1993, Verlag Schmidt-Römhild, ISBN 3-7950-0114-5, S. 93–94.
Auf der Wiener Weltausstellung 1873 erhielt die Firma mit ihren Produkten die erste Fortschrittsmedaille verliehen. Local- und vermischte Notizen. In: Lübeckische Blätter, 15. Jahrgang, Nr. 54, Ausgabe vom 9. Juli 1873, S. 300. Im Folgejahr erhielt das Werk, inzwischen als „Carl Thiel & Co.“, auf der Landwirtschaftlichen Ausstellung in Bremen für seine Meiereigeräte die silberne Medaille. Landwirthschaftliche Ausstellung in Bremen In: Lübeckische Blätter, 16. Jahrgang, Nr. 52, Ausgabe vom 1. Juli 1874, S. 307. Als dem Tremser Werk auf der Molkereiausstellung in Amsterdam 1884 die goldene Medaille verliehen wurde, besaß die Fabrik längst einen Weltruf. Local- und vermischte Notizen. In: Lübeckische Blätter, 26. Jahrgang, Nr. 71, Ausgabe vom 3. September 1884, S. 436.
Als Carl am 22. März 1892 in Schwartau verstarb hatte er das Werk in seine Blüte geführt. Carl Thiel †. In: Lübeckische Blätter, 34. Jahrgang, Nr. 25, Ausgabe vom 27. März 1892, S. 147.
Laufbahn Seine Schulerziehung erhielt Heinrich zuerst auf dem Hamburger Gymnasium und später in Pinneberg durch Hauslehrer. Nach Abschuss dessen studierte er Bau- und Hüttenkunde in Berlin und Braunschweig. Als er seine einjährige Dienstpflicht abgeleistet hatte, und praktische Erfahrungen in verschiedenen größeren Werken sammelte, trat er 1879 als Teilhaber in das damalige Fabrikunternehmen „Tremser Eisenwerk Carl Thiel & Co.“ ein.
Der Kundenkreis erstreckte sich auf Lübeck, Hamburg, Mecklenburg und Holstein. Aber auch in das übrige Deutschland und das Ausland konnte teilweise geliefert werden. Das Werk beschäftigte ständige Handelsvertreter in Städten wie Hamburg, Kopenhagen, Amsterdam, Paris, Madrid, Sevilla, Barcelona, Odessa, Texas, Sydney und einen sogar in Indien. Die Besitzverhältnisse des Tremser Eisenwerkes sollten sich 1912 wieder ändern. Nachdem Reuter, ein saarländischer Fabrikant, sein Emaillierwerk in Königsbrück durch einen Brand verloren hatte, kaufte er das traditionsreiche Unternehmen auf, um dort aushilfsweise die saarländische Produktion zu übernehmen. Als der Export zu Beginn des Ersten Weltkriegs wegfiel, sollte Lübecks erste Emailliefabrik in der Bedeutungslosigkeit versinken. Lübecks erste Zigarettenfabrik Lubeca im Kapitel: Emaillefabriken 869-1914 in Rüdiger Segenbusch: Lübecker Industriekultur, Zeitenwende – Fabriken in Lübeck, Lübeck 1993, Verlag Schmidt-Römhild, ISBN 3-7950-0114-5, S. 92–110.
mini|hochkant|Wohnung bis 1917 mini|Ehemaliger Gleisanschluss Zum 1. Oktober 1887 gründete sein Vater mit Rudolf und ihm offiziell das spätere Stanz- und Emaillierwerk an der Schwartauer Allee unter der Firma „Carl Thiel & Söhne“ auf einem von der Kaufmannschaft erworbenen Grundstück von 20.000 m². Als Heinrich 1888 nach Lübeck zurückkehrte, übernahm er deren kaufmännische Leitung.
1922 war die Firma auf eine Fläche von 50.000 m², von denen 30.000 m² überdacht waren, angewachsen. Das Firmengelände war dicht am Hafen gelegen und verfügte über einen eigenen Gleisanschluss.
Die Thielsche Produktpalette umfasste zunächst verzinntes und emailliertes Blechgeschirr und Molkereigeräte und unterschied sich nicht von dem des Eisenwerkes. Die Firma war jedoch moderner strukturiert und blieb ständig darum bemüht auf der Höhe der Zeit zu bleiben. Eine der wichtigsten Grundlagen des Erfolgs der Firma waren deren technische Innovationen. Ihre Verzinkerei galt als eine der modernsten im Kaiserreich. J. Fahl: Lübecks Wirtschaftsleben in der Gegenwart. Eine wirtschaftsstatistische Untersuchung zur Geschichte einer Handels- und Industriestadt. Verlag Schmidt-Römhild, Lübeck 1935, S. 124.
Der Einzug in dessen neues Fabrikgebäude erfolgte 1888. Die Familiengründung wurde am 28. Oktober 1899 in eine Aktiengesellschaft unter der Firma „Stanz- und Emaillierwerk vormals Carl Thiel & Söhne Aktiengesellschaft“ mit Rudolf und Heinrich Thiel als Vorstand umgewandelt und ihr für besondere Handelszwecke die Firma „R. & H. Thiel“ hinzugefügt.
Zusammen mit Heinrich Dräger wurde 1895, die Firma Dräger produzierte zu dieser Zeit noch hauptsächlich Bierdruckapparate, die „Deutsche Bierfaß-Automat Gesellschaft“ gegründet.
Die Produktpalette der Firma gliederte sich 1910 in drei Hauptbereiche:
Emaillierte Hau und Küchengeräte Verzinnte Molkereigeräte, insbesondere Milchkannen die Herstellung von Biertransport- und Past/eurisierungsfässern
rahmenlos|rechts|Stanz- und Emaillierwerk Der Weltkrieg führte für die Absatzbeziehungen wegen des Wegfalls des Exportes eine grundlegende Änderung herbei. Entsprechend der vorhandenen Fabrikantionseinrichtungen wurde das Unternehmen in den Dienst der Heeresverwaltung gestellt. Nach dem Krieg gelang es schnell auf wieder die Vorkriegsproduktion umzustellen und die früheren Absatzgebiete größtenteils, auch in bisher feindlichen Ländern, zurückzugewinnen. Wichtige Gebiete, wie Russland, gehörten jedoch nicht dazu. Es wurde eine Interessengemeinschaft mit einem der leistungsfähigsten Blechwalzwerken Deutschlands, der Bismarckhütte im oberschlesischen Bismarckhütte, eingegangen. Das lübeckische Werk wurde in den Stand gesetzt, seine Leistungsfähigkeit so weit zu erhöhen, dass es über den eigenen Bedarf hinaus produzierte und auch andere Emaillierwerke mit erforderlichen Rohwaren versorgte.
Mit ihm verstarb einer der besten Industrie-Kapitäne Lübecks.
Seinem Ansehen entsprechend, stellte die Straßenbahn am 9. Oktober 1925 einen um 10 Uhr den Markt zu der 45 Minuten später vorgesehenen Einäscherung im Krematorium auf dem Vorwerker Friedhof verlassenden Extra-Straßenbahnwagen zur Verfügung.
Öffentliches Leben Die Gründungsversammlung der Hanseatischen Versicherungsanstalt für Invaliditäts- und Altersversicherung wurde am 20. Oktober 1890 abgehalten. In deren Vorstand wurden Gossmann und Sartori als Vertreter der Arbeitgeber und Thiel, Burmeister, Evers und Brehmer als deren Ersatzmänner gewählt. Local- und vermischte Notizen. In: Lübeckische Blätter, 32. Jahrgang, Nr. 85, Ausgabe vom 22. Oktober 1890, S. 508.
Auf der Versammlung der Kaufmannschaft am 16. Juli 1897 brachte Pape den Antrag auf Einsetzung einer Kommission zur Vorberatung einer Umgestaltung der Kaufmanns- sowie der Geschäftsordnung ein. Sie sollte aus je sechs Mitgliedern der HandelskammerDie lübeckische Handelskammer wurde als Vorstand der Kaufmannschaft mit den Aufgaben einer Wirtschaftsbehörde betraut. und der Kaufmannschaft bestehen. Der Antrag wurde angenommen und Suckau, Possehl, Thiel, Pape, Stiller und Mangels als Kaufmannschaftsmitglieder in die Kommission gewählt. Local- und vermischte Notizen. In: Lübeckische Blätter, 39. Jahrgang, Nr. 29, Ausgabe vom 18. Juli 1897, S. 358.
Thiel war Vorsitzender und Mitbegründer des Bundes für Arbeitgeber in Lübeck und Umgegend, zudem ist er Mitglied im Aufsichtsrat der Lübecker Privatbank, der Maschinenfabrik Beth und anderen größeren Unternehmen an.
Die Lübeckischen Anzeigen wurden von Thiel gefördert. Fabrikant Heinrich Thiel †. In: Lübeckische Anzeigen, 175. Jahrgang, Nr. 235, Ausgabe vom 6. Oktober 1925.
Gewerbekammer Auf der Versammlung der lübeckischen Gewerbekammer wurden am 23. September 1890 Thiel, Meeths, Schwartzkopf sowie Konsulent Brehmer zu deren Vertretern erwählt. Gewerbekammer. In: Lübeckische Blätter, 32. Jahrgang, Nr. 85, Ausgabe vom 22. Oktober 1890, S. 506–507. Auf der Versammlung am 15. Februar 1892 wurde auf der Ergänzungswahl für die turnusmäßig aus dem Vorstand scheidenden Schwartzkopf, Wriedt, Schwartz und Stooss auch Thiel vorgeschlagen. Der Letztgenannte wurde jedoch noch nicht erwählt. Versammlung der Gewerbegesellschaft. In: Lübeckische Blätter, 34. Jahrgang, Nr. 30, Ausgabe vom 13. April 1892, S. 173. Das Protokoll über die am 30. Mai 1892 stattgefundenen Ergänzungswahlen für die Gewerbekammer wurde am 11. Juli vorgelegt. Von den 71 teilnehmenden Gewerbetreibenden erhielt er 2 Stimmen. Man wählte ihn zusammen mit Schorer, Schacht, Stave und Schwartz in den Ausschuss für Gewerbe-Gesetzgebung sowie zusammen mit Wangenroth, Hübner und Schacht in den für Fabrikwesen. Gewerbekammer. In: Lübeckische Blätter, 34. Jahrgang, Nr. 78, Ausgabe vom 28. September 1892, S. 454–455. Bei der Ergänzungswahl am 31. Mai 1894 wählte man ihn in den Vorstand der Kammer und abermals in den Ausschuss für Fabrikwesen. Gewerbekammer. In: Lübeckische Blätter, 36. Jahrgang, Nr. 68, Ausgabe vom 26. August 1894, S. 472–474. Bei der Neuorganisation der Gewerbekammer im Jahre 1909 hatte Thiel einen großen Einfluss darauf. Im August 1925 ernannte auf dem Handwerks- und Gewerbekammertag die Kammer ihren oftmaligen stellvertretenden als auch direkten Präses nach fast 30-jähriger Mitgliedschaft zum Ehrenpräses der Gewerbekammer.
Politik An Stelle des ausscheidenden Wegrowitz erwählte der Senat Thiele am 13. Dezember 1890 in die Schätzungskommission zur Ermittlung des Nutzwertes der Grundstücke und Gebäude in der Stadt Lübeck für die Vorstadt St. Lorenz. Local- und vermischte Notizen. In: Lübeckische Blätter, 32. Jahrgang, Nr. 101, Ausgabe vom 17. Dezember 1890, S. 600. An Stelle des ausscheidenden Fromm Rudolf Friedrich Wilhelm Fromm war Inhaber der Colonial- und Materialwarenhandlung Rud. Fromm. erwählte der Senat am 12. Dezember 1896 Thiele zum Bürgerlichen Deputierten bei der Steuerschätzungkomission für die Vorstadt St. Lorenz. Local- und vermischte Notizen. In: Lübeckische Blätter, 38. Jahrgang, Nr. 63, Ausgabe vom 20. Dezember 1896, S. 563.
Der Antrag auf die Beleuchtung eines Teils der Schwartauer Allee, der dem Bürgerausschuss im Auftrag Thiels übergeben worden ist, lehnte der Ausschuss am 8. April 1891 ab. Die Firma „Carl Thiel & Söhne“ stand also weiterhin im Dunkeln. Versammlung des Bürgerausschusses am 8. April. In: Lübeckische Blätter, 33. Jahrgang, Nr. 28, Ausgabe vom 8. April 1891, S. 169.
Unter dem Vorsitz des stellvertretenden Vorsitzenden Gaedecke wurden am 15. April 1891 für die bevorstehende Bürgerschaftswahl als Vertrauensmänner für das Marien Quartier Böttges, Brehmer, Heickendorf, Meeths, Mühsam und Thiel gewählt. Vaterstädtischer Verein. In: Lübeckische Blätter, 33. Jahrgang, Nr. 31, Ausgabe vom 19. April 1891, S. 188. Für die anstehenden Bürgerschaftswahlen wurden durch Wahlen Vorstände der einzelnen Wahlbezirke gebildet. Für den III. Wahlbezirk wurde Blunck zum Vorsitzenden und Brecht als sein Stellvertreter gewählt. Als Beisitzer wählte man Behn, Blanck, Brünning, Hartung, Jappe und Thiel sowie Ewers, Fromm, Genzken, Mielentz, Konsul Rehder und Stehen als deren Vertreter. Bürgerausschuss. In: Lübeckische Blätter, 35. Jahrgang, Nr. 32, Ausgabe vom 19. April 1893, S. 186–187.
mini|Bürgerschaftssitzung (1909)