hochkant=2|mini|Neuengland-, Mittelatlantik- und südliche Kolonien. Abgesoftete Färbung: Fläche der heutigen US-Bundesstaaten. Die Geschichte der Dreizehn Kolonien umfasst den Zeitraum von der ersten Gründung britischer Kolonien an der nordamerikanischen Ostküste im Jahr 1607 bis zum Ende des Amerikanischen Unabhängigkeitskriegs und dem Frieden von Paris 1783. Thematisch handelt es sich bei ihr um die kolonialzeitliche Vorgeschichte der Vereinigten Staaten. Im größeren Rahmen ist sie Teil der neuzeitlichen Entdeckungs- und Eroberungsgeschichte auf dem amerikanischen Kontinent. Grob unterteilen lässt sie sich in vier Phasen: die frühe Periode der Koloniegründungen, eine von Wachstum und Konsolidierung geprägte Anschlussphase, eine stark von territorialen Auseinandersetzungen zwischen Großbritannien und dem kolonialen Hauptkonkurrenten Frankreich geprägte Periode in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts und schließlich eine vierte vom Ende des Siebenjährigen Kriegs bis zum Abschluss des Unabhängigkeitskriegs.
Vor 1600: Nordamerika im Zeitalter der Entdeckungen mini|links|Henry Hudsons Entdeckungsfahrten mini|hochkant|Walter Raleigh (1588) In den ersten Jahrzehnten nach der Entdeckung Amerikas 1492 richteten die europäischen Großmächte ihr Interesse vorrangig auf die Karibik sowie Mittel- und Südamerika. Dominierende Macht war Spanien, dessen Neuspanisches Kolonialreich bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts den überwiegenden Teil des heutigen Lateinamerika umfasste. Der nördliche Teil des Kontinents hingegen galt bis weit ins 16. Jahrhundert hinein als terra incognita. Der erste Entdecker, welcher das nordamerikanische Festland erreichte, war John Cabot (1497). Ebenso wie Cabot suchte auch Giovanni da Verrazzano nach der legendären Nordwestpassage (1524). Erste Erkundungsfahrten ins Landesinnere des heutigen Kanada tätigte der Entdecker und Seefahrer Jacques Cartier: Im Auftrag Frankreichs unternahm er zwischen 1534 und 1541 drei Fahrten den Sankt-Lorenz-Strom hinauf. Als erste feste Niederlassung auf nordamerikanischem Gebiet gilt die spanische Ansiedlung St. Augustine im Norden des damaligen Spanisch-Florida (1565).Hans R. Guggisberg, Hermann Wellenreuther: Geschichte der USA. Kohlhammer, Stuttgart 1974/2002, 4. Auflage, ISBN 978-3-17-017045-2, S. 10–11. Möglicherweise noch früher – nämlich 1559 – wurde das im äußersten Westen des heutigen Florida gelegene Pensacola gegründet.Michael Iwanowski: Florida. Tipps für individuelle Entdecker. Iwanowski’s Reisebuchverlag, Dormagen 2010, ISBN 978-3-933041-89-0. Auszugsweise Online bei Google Books.
Die erste europäische Großmacht, die zielstrebigere Interessen in Nordamerika zeigte, war Frankreich. Bereits in den 1540er-Jahren hatten Jacques Cartier und Jean-François de Roberval erste Ansiedlungsversuche in der Region des heutigen Québec unternommen. Im Verlauf des 16. Jahrhunderts nahmen bretonische und baskische Fischer Handelsbeziehungen auf mit Indianerstämmen wie den Micmac und Abenaki, die an der Mündung des Sankt-Lorenz-Stroms lebten. Mit Tadoussac entstand 1600 dort der erste feste Handelsposten. Kurz darauf begann die geografische Erkundung des östlich von der Sankt-Lorenz-Strom-Mündung gelegenen Akadien durch Samuel de Champlain. Bedeutsamste Siedlungsgründung in der Frühzeit der französischen Kolonisierung war Québec (1608). Als wichtig für die Ausbreitung des Pelzhandels sowie die Erschließung des heutigen Kanada erwiesen sich die Entdeckungsfahrten des britischen Seefahrers Henry Hudson. Zwar gelang es auch Hudson nicht, die zum Pazifik führende Nordwestpassage zu finden. Stattdessen entdeckte er die weit im Norden gelegene Hudson Bay und erschloss diese für den Pelzhandel. Bis zum Ende des 17. Jahrhunderts jedoch fiel die europäische Ansiedlung im heutigen Kanada wenig ins Gewicht. 1627 etwa lebten dort etwas mehr als 100 französische Siedler.Wolfgang Reinhard: Die Unterwerfung der Welt. Globalgeschichte der Europäischen Expansion 1415–2015. C. H. Beck, München 2016, ISBN 978-3-406-68718-1, S. 487/488.
Verglichen mit Spanien, Portugal und Frankreich begann Großbritannien vergleichsweise spät mit kolonialen Aktivitäten in Nordamerika. Aufgrund der Konkurrenzsituation mit Spanien forcierte Elisabeth I. zielstrebiger als ihre Vorgänger Aktivitäten in der Neuen Welt. Elisabeths Günstling Walter Raleigh versuchte ab 1585 einen ersten Ansiedlungsversuch auf Roanoke Island vor der Küste des heutigen North Carolina. Die Kolonie von Roanoke stand allerdings unter einem schlechten Stern: Die erste Ansiedlung wurde bereits im Folgejahr wegen Versorgungsschwierigkeiten aufgegeben. 1587 erfolgte ein zweiter Versuch. Aufgrund des Kriegszustands mit der spanischen Armada erfolgte 1588 keine Anfahrt. 1590 war die Kolonie verschwunden.Reinhard: Die Unterwerfung der Welt. S. 503/504. Die teils ungeklärte Geschichte der „Lost Colony“ gehört bis heute zum amerikanischen Legendenschatz. Sicher ist, dass 1587 dort das erste namentlich bekannte englische Kind in Nordamerika geboren wurde – Virginia Dare.Raeithel: Geschichte der nordamerikanischen Kultur. Band 1, S. 8/9.
1600–1650: die frühe Kolonisierungsphase mini|links|Virginia-Kolonie mit umliegendem Gebiet der Powhatan mini|hochkant|Pocahontas (Zeichnung von Mary Cowden, 1883)
Südliche Kolonien Die erste dauerhafte britische Ansiedlung im Gebiet der späteren 13 Kolonien war das 1607 gegründete Jamestown in Virginia. Die Anzahl der Erstsiedler betrug 105; ein hoher Prozentsatz davon starb allerdings bereits in den ersten Jahren – durch Krankheit, Hunger oder infolge von Auseinandersetzungen mit den dort lebenden Indianern.Raeithel: Geschichte der nordamerikanischen Kultur. Band 1, S. 9. Die Gründung der an der Chesapeake Bay gelegenen Kolonie Virginia erfolgte durch die Virginia Company – eine Handelsgesellschaft, die für die Erschließung des Gebiets eine königliche Charter erwirkt hatte und kurzfristig auch im Gebiet des heutigen US-Bundesstaats Maine Siedlungsabsichten verfolgte. Anführer des Unternehmens vor Ort war der Kapitän John Smith. Bis in die 1610er-Jahre hinein stand der Erfolg des Unternehmens auf der Kippe. Thomas Dale, einer der ersten Gouverneure, errichtete zur Aufrechterhaltung der inneren Ordnung ein drakonisches Regime.Guggisberg, Wellenreuther: Geschichte der USA. S. 14/15. Neusiedler waren vor allem Sträflinge und Schuldhäftlinge – sogenannte Indentured Servants, die zur Ableistung ihrer Schulden mehrere Jahre Zwangsarbeit leisten mussten.Gerd Raeithel: Geschichte der nordamerikanischen Kultur. Band 1: Vom Puritanismus bis zum Bürgerkrieg 1600–1860. 4. Auflage. Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2002, ISBN 3-88679-166-1, S. 9.
Die Situation besserte sich erst, als der Pflanzer John Rolfe eine neue Methode für den Tabakanbau erfand. Das Verhältnis zu den umliegenden Indianerstämmen – vor allem den in der Region vorherrschenden Powhatan – war wechselhaft. Besonders in der Anfangszeit war die Siedlung stark von indianischer Unterstützung abhängig – speziell, was den Anbau der Nutzpflanzen Mais und Tabak anbelangte. Für eine friedliche Koexistenz setzte sich vor allem die Häuptlingstochter Pocahontas ein. Um das friedliche Zusammenleben weiter zu forcieren, heiratete sie 1614 den Virginier John Rolfe.Jürgen Heideking, Christof Mauch: Geschichte der USA. UTB, Stuttgart 1996/2006, 4. Auflage, ISBN 978-3-7720-8183-5, S. 3–5. Trotzdem entluden sich die unterschwelligen Konflikte schließlich in zwei Indianerkriegen. Der erste Powhatan-Krieg 1622, ein allgemeiner Indianeraufstand in der Region, kostete 347 Siedler sowie eine unbekannte Anzahl von Indianern das Leben und brachte die Kolonie an den Rand der Zerstörung.Bernd Stöver: United States of America. Geschichte und Kultur. C. H. Beck, München 2012, ISBN 978-3-406-63967-8, S. 63. Der zweite Powhatan-Krieg 1644 wurde von einer bereits konsolidierten, lebensfähigen Kolonie geführt. Vom Ergebnis her markierte dieser das Ende der Indianer als eigenständiger Kraft im Gebiet der Chesapeake Bay.Ben Kiernan: Erde und Blut. Völkermord und Vernichtung von der Antike bis heute. DVA, München 2009, ISBN 978-3-421-05876-8, S. 290–297.
Die Einwandererzahlen im Gebiet der Virginia-Kolonie stiegen zuerst nur langsam an. 1620 lebten weniger als 1000 Einwohner in der Kolonie.Reinhard: Die Unterwerfung der Welt. S. 508. Da die Chartergesellschaft zwischenzeitlich in Konkurs gegangen war, wurde sie 1624 von der Krone übernommen. Obwohl englisch-anglikanische Kolonisten den Hauptanteil stellten, war Virginia keine homogene Kolonie. Südlich des James River sowie im späteren Norfolk Country entstanden etwa Ansiedlungen von Anhängern der staatskirchenkritischen puritanischen Glaubensrichtung. 1619 waren 90 heiratsfähige jungen Frauen eingetroffen, ebenso die ersten afrikanischen Sklaven. Bis 1630 konnte sich die Kolonie konsolidieren; 1640 erreichte die Einwohnerzahl den Stand von 10.000.Reinhard: Die Unterwerfung der Welt., S. 515.
Im Jahr 1632 wurde im Gebiet der späteren US-Südstaaten eine zweite Kolonie gegründet – Maryland. Anders als Virginia war dies eine Eigentümerkolonie. Eigentümer war der – von Karl I. mit einer königlichen Charter ausgestattete – katholische Adlige Cecil Calvert Lord Baltimore. In der Anfangsphase versuchte Lord Baltimore, einen auf Lehensbesitz basierenden Feudalstaat zu etablieren. Die ersten Einwanderer waren katholische Adlige; Protestanten waren jedoch als Dienstleister, Pächter oder Handwerker zugelassen. Aufgrund der Einwandererzusammensetzung war die politische Orientierung innerhalb der Kolonie zwar stark loyalistisch geprägt. Mit der Zeit entstand in Maryland jedoch eine durchwachsenere Struktur, die katholische Ausrichtung trat in den Hintergrund. 1649 erfolgte ein offizielles religiöses Toleranzedikt. Die Einwohnerzahl der Kolonie wuchs mit der Zeit ebenfalls und betrug um 1650 rund 8.000 Einwohner.Guggisberg, Wellenreuther: Geschichte der USA. S. 20/21.
mini|links|Kolonien im Gebiet von Neuengland mini|Pilgerväter vor der Abreise nach Amerika
Neuengland-Kolonien Anders als die staatskirchentreuen Kolonisten im Süden waren die Besiedler der Neuengland-Kolonien in der Nordostecke der späteren US-Nordstaaten staatskirchenkritische Puritaner. Hauptursache für die Auswanderung in die neuenglischen Kolonien war der Konformitätsdruck, dem die Anhänger des Calvinismus in England unterlagen. Bei den Ansiedlern der ersten Kolonie in Plymouth handelte es sich um radikale Separatisten. Anders als der Mainstream im Puritanismus hielten die Pilgerväter eine Reform der Anglikanischen Kirche nicht mehr für möglich. Motiv der – 1608 von England in die holländische Stadt Leiden emigrierten – „Saints“ war das Abschütteln des Jochs der antichristlichen Knechtschaft und die Gründung einer „City upon a Hill“ in der Neuen Welt.Guggisberg, Wellenreuther: Geschichte der USA. S. 16. Am 11. November 1620 landete die Mayflower bei Cape Cod. Die Gruppe – bestehend aus 104 Auswanderern, darunter 41 „Saints“ (Separatisten) und 63 „Strangers“ (Nicht-Separatisten) plus 43 Mitglieder der Schiffsbesatzung – benannte im Mayflower-Vertrag ausdrücklich christliche Motive als Beweggrund für ihre Koloniebegründung.Hermann Wellenreuther: Niedergang und Aufstieg. Geschichte Nordamerikas vom Beginn der Besiedlung bis zum Ausgang des 17. Jahrhunderts. Lit, Münster u. a. 2000, ISBN 3-8258-4447-1, S. 301