mini|Emblem der MILF mini|Flagge der MILF Die Moro Islamic Liberation Front („Islamische Befreiungsfront der Moros, Moro Islamische Befreiungsfront“), abgekürzt MILF (), ist eine islamische Organisation auf den südlichen Philippinen, die ursprünglich für die Unabhängigkeit der Moros gekämpft hat. Sie hat sich 1977 als Fraktion innerhalb der säkularistisch orientierten Moro National Liberation Front (MNLF) gebildet und 1984 endgültig von ihr abgespalten. Während die MILF in den 1980er und 1990er ihr Ziel mit bewaffneten Mitteln zu erreichen versuchte, mit dschihadistischen Organisationen zusammenarbeitete und in den von ihr beanspruchten Gebieten parallelstaatliche Strukturen aufbaute, kam in den 2000er Jahren ein Friedensprozess mit der philippinischen Regierung in Gang, der in 2012 in ein Rahmenkommen über eine zu gründende autonome Bangsamoro-Region mündete. Die MILF wird als die größte muslimische Bewegung in den Philippinen betrachtet, mit einer Anhängerschaft von 15.000 bis 40.000 Mitgliedern, die hauptsächlich den Maguindanaon und den Maranao auf Mindanao angehören.Angeles: Moro Islamic Liberation Front. 2009, Bd. 4, S. 56b. Auf dem Sulu-Archipel, in Tawi-Tawi und auf der Zamboanga-Halbinsel, dem Kernland der MNLF, hat die MILF dagegen nur wenig Rückhalt.Abuza: Forging Peace in Southeast Asia. 2016, S. 88.

Entstehung Mutterorganisation der MILF ist die Moro National Liberation Front (MNLF), die Ende der 1960er Jahre infolge des Jabidah-Massakers entstand. Die Gruppe forderte die Errichtung eines unabhängigen Staates Moro und führte Terroraktionen und Morde aus, um ihren Ideen Nachdruck zu verschaffen. Die Zentralregierung wies diese Forderung zurück und entsandte zur Unterdrückung der Unruhen Truppen nach Moroland. In der Situation der Unterdrückung und des Widerstands gegen die als „anti-muslimisch“ wahrgenommene philippinische Staatsmacht suchte die MNLF politische und militärische Unterstützung bei muslimischen Regierungen, anfangs vor allem Libyen unter Muammar al-Gaddafi, sowie internationalen politischen Organisationen der islamischen Welt, allen voran der Organisation der Islamischen Konferenz (OIC).Klitzsch: Muslimische Rebellen in den Philippinen. 2006, S. 51.

Infolge eines strategischen Patts zwischen MNLF und den philippinischen Streitkräften wurden 1976 unter Vermittlung der OIC Friedensverhandlungen aufgenommen. Ihr Ergebnis war der am 23. Dezember 1976 unterzeichnete Vertrag von Tripoli, in dem den Moros ein umfassender Autonomiestatus zugesichert wurde, der 13 Provinzen und neun Städte umfassen sollte. Allerdings fand der Vertrag in dieser Form keine Umsetzung, weil Ferdinand Marcos eine vom Vereinbarten stark abweichende Version des Vertrags verkündete, die von der MNLF abgelehnt wurde.Klitzsch: Muslimische Rebellen in den Philippinen. 2006, S. 53.

Schon 1974 waren in der MNLF ideologische Differenzen zwischen dem MNLF-Vorsitzenden Nur Misuari und seinem Vize Hashim Salamat (gest. 2003) zu Tage getreten. Während Misuari die Ansicht vertrat, dass politische Führerschaft bei den Moros auf den Prinzipien einer säkularen Demokratie fußen sollte und es die Hauptaufgabe der MNLF sei, soziale Gerechtigkeit herzustellen, bestand Salamat, der international sehr gut vernetzt war, auf einer islamisch-religiösen Grundlage der MNLF.Klitzsch: Muslimische Rebellen in den Philippinen. 2006, S. 53. Salamat hatte an der ägyptischen Azhar-Universität Islamische Philosophie studiert und war während seines Studiums von den Ideen Hasan al-Bannās, Sayyid Qutbs und Abū l-Aʿlā Maudūdīs beeinflusst worden.Angeles: Moro Islamic Liberation Front. 2009, Bd. 4, S. 56a.

Am 21. September 1977, unmittelbar nach dem Scheitern der Verhandlungen zwischen MNLF und philippinischer Regierung, unterzeichneten 57 führende MNLF-Offiziere eine an die OIC und die Islamische Weltliga gerichtete Position, in der sie die Entmachtung Nur Misuaris und Einsetzung Hashim Salamats an seiner Stelle forderten.Jubair: Bangsamoro. A Nation under Endless Tyranny. 1999, S. 154. Sie begründeten dies mit der Entfremdung der MNLF vom Islam zugunsten einer marxistisch-maoistischen Orientierung. Unter den Unterzeichnenden war auch Khalipha Nando, der später zum ersten Wālī von Bangsamoro ernannt wurde.Klitzsch: Muslimische Rebellen in den Philippinen. 2006, S. 54. Der von Hashim geleitete islamisch argumentierende Flügel der Organisation präsentierte sich als New MNLF.Klitzsch: Muslimische Rebellen in den Philippinen. 2006, S. 55. Vertreter vn OIC und Islamischer Weltliga versuchten vergeblich, die Führungskrise der MNLF zu lösen.Jubair: Bangsamoro. A Nation under Endless Tyranny. 1999, S. 155. Nachdem die MNLF Ende der 1970er dramatisch an Schlagkraft verloren hatte, erklärte das Zentralkomitee der New-MNLF-Führung im März 1984 die endgültige und offizielle Abspaltung von der MNLF unter dem neuen Namen Moro Islamic Liberation Front. Der wichtigste Grund war dabei der Wunsch, die islamische Ausrichtung der Gruppe im Gegensatz zu der säkularistisch-nationalistischen Linie der MNLF zu betonen.Jubair: Bangsamoro. A Nation under Endless Tyranny. 1999, S. 156.

Ideologie Primäres Ziel der MILF ist die Selbstbestimmung der Moros und die Verteidigung der Jahrhunderte alten kollektiven muslimischen Identität als Bangsamoro.Klitzsch: Muslimische Rebellen in den Philippinen. 2006, S. 67. Anders als die MNLF, die Christen, Lumad und Siedler, die Mindanao als ihre Heimat betrachten, in die Moro-Nation einschließt, betrachtet die MILF nur die Muslime der Region als Moros. Der Moro-Befreiungskampf wird hierbei zur Umma als „weltweiter Nation“ der Muslime in Beziehung gesetzt.Klitzsch: Muslimische Rebellen in den Philippinen. 2006, S. 62f. Offizielle MILF-Vertreter bestreiten, dass sie Filipinos sind oder waren.Abuza: Forging Peace in Southeast Asia. 2016, S. 66.

Die MILF betonte von Anfang an die existentielle Rolle des Islams für ihren Kampf, der nun als Dschihad Fī sabīli Llāh deklariert wurde, und grenzte sich durch ihre Vision von einem „islamischen System“ von der MNLF ab.Klitzsch: Muslimische Rebellen in den Philippinen. 2006, S. 60f. Da für eine islamische Lebensweise nach Ansicht der MILF die Scharia notwendig ist, kann die Selbstbestimmung der Moros für sie nur innerhalb eines Islamischen Staates verwirklicht werden, der die Scharia durchsetzt. Im Jahre 2000 äußerte Salama in einem Interview, dass die islamische Gesellschaft, der seine Organisation nacheifere, diejenige sei, die der zweite Kalif ʿUmar ibn al-Chattāb errichtet habe.

Was sie unter Dschihad verstand, bekundete die MILF, indem sie sich explizit auf Sayyid Qutb berief. Er habe gelehrt, Dschihad bestehe darin, jedem Menschen auf der ganzen Welt völlige Freiheit zu sichern, indem er ihn aus der Knechtschaft anderer Menschen befreie, damit er seinem Gott dienen könne.Klitzsch: Muslimische Rebellen in den Philippinen. 2006, S. 62. Nach Salamat sollte es für die MILF, die einen Kampf gegen Kolonialherrschaft und Falschheit (baatil) führt, nur zwei Alternativen kennen: Sieg oder Märtyrertum.Klitzsch: Muslimische Rebellen in den Philippinen. 2006, S. 66. Trotz der Rechtfertigung von Gewalt sah Salamat aber auch die Notwendigkeit der Friedfertigkeit, um mit der philippinischen Regierung Verhandlungen führen zu können.Klitzsch: Muslimische Rebellen in den Philippinen. 2006, S. 67.

Organisationsstruktur Die zentrale Führungsstruktur Entsprechend einem schon 1974 von Salamat geforderten Modell wurde ein übergeordnetes oberstes Exekutivorgan geschaffen, das siebenköpfige Zentralkomitee (Central Committee, CC), in dem die Führungsspitze versammelt ist und dem drei Abteilungen, eine militärische, eine politische und eine für innere Angelegenheiten, untergeordnet sind. Neben dem CC war der Dschihad-Exekutivrat (Jihad Executive Council) das höchste Organ. Um dem Anspruch auf islamisch-religiöse Legitimität gerecht zu werden, wurde dem Dschihad-Exekutivrat und dem Zentralkomitee ein Rat ausgewählter Ulama vorgeschaltet, dessen Aufgabe darin besteht, die Politik der Exekutive in Einklang mit dem Islam zu bringen. Der Ulama-Rat hat zwar keine Exekutivfunktion, doch werden seine Beschlüsse als „maßgebliche Empfehlungen“ an den das CC und die Öffentlichkeit weitergegeben. Alle drei Gremien wurden bis 2003 von Hashim Salamat als Amirul Mujahideen und Imam geleitet.Klitzsch: Muslimische Rebellen in den Philippinen. 2006, S. 59f.

mini|hochkant|Murad Ebrahim, der die MILF seit 2003 leitet. Nach dem Tod Salamats im Juli 2003 setzte die Führungsspitze der MILF nicht den von Salamat persönlich als Nachfolger ausererkorenen Islam-Gelehrten Abdulaziz Mimbantas in dieses Amt ein, sondern entschied sich für den bisherigen Stellvertretenden Vorsitzenden für militärische Angelegenheiten Murad Ebrahim,Abuza: Forging Peace in Southeast Asia. 2016, S. 81. der keine religiöse Autorität besitzt. Verantwortlich waren dafür nach Nicole Klitzsch ethnische Loyalitäten sowie die Tatsache, dass Mimbantas einer im Vergleich zur übrigen MILF-Führung radikaleren Islam-Interpretation anhing. Mimbantas, der selbst aus dem Nahen Osten stammte, genoss zwar die Unterstützung der Maranaos unter den Ulama und Feld-Kommandeuren, doch konnte sich der Maguindanaon Murad auf die weniger religiösen Feldkommandeure und viele Fußsoldaten stützen, die sich mit ihm aufgrund seiner Zugehörigkeit zu den Maguindanaos solidarisierten. Mimbantas wurde stattdessen mit dem Posten des Vize-Vorsitzenden der MILF für militärische Angelegenheiten abgefunden.Klitzsch: Muslimische Rebellen in den Philippinen. 2006, S. 83–85f.

Aufbau parallelstaatlicher Strukturen in den 1990er Jahren Um den islamischen Charakter ihres Projekts herauszustellen, rief die MILF 1991 eine „Konsultativversammlung“ (majlis al-Shura) ins Leben, eine am Prinzip der Schura ausgerichtete Organisation mit legislativer Funktion, die 1992 ihre Arbeit aufnahm und in der alle Sektoren der Moro-Gesellschaft, auch Nicht-Muslime, vertreten sein sollen. Ihre 80 Mitglieder untergliedern sich in a) ständige Mitglieder, b) reguläre Mitglieder und c) sektorale Repräsentanten. Ständige Mitglieder sind die regulären Mitglieder des Zentralkomitees, reguläre Mitglieder Entsandte der Regionalkomitees und sektorale Repräsentanten, die auf Empfehlung der Beratenden Versammlung ernannt werden. Am 31. Juli 1996 beschloss die MILF die volle Implementierung der Scharia als das geltende Recht auf MILF-Gebiet und richtete einen Höchsten Islamischen Gerichtshofs ein. Er besteht aus fünf islamischen Rechtsgelehrten und wird durch regionale und lokale Gerichte in ganz Mindanao, die Straf-, Zivil-, Personen- und Eigentumsrecht sprechen, unterstützt.Klitzsch: Muslimische Rebellen in den Philippinen. 2006, S. 76.

mini|links|MILF-Kämpfer Der militärische Zweig der MILF sind die Bangsamoro Islamic Armed Forces (BIAF).Klitzsch: Muslimische Rebellen in den Philippinen. 2006, S. 74. Sie wurden in den 1990er Jahren zu einer regulären Streitkraft mit sechs Divisionen ausgebaut, die auf 13 größere und 33 kleinere Militärcamps auf Mindanao, Sulu, Palawan, Tawi-Tawi und Basilen verteilt wurden. Die beiden größten Lager, Abu Bakar as-Sidique im Bergland zwischen den Provinzen Magindanao und Lanao del Sur und Busrah Somiroang, umfassten mehrere Ortschaften und hatten Modellcharakter für den zu gründenden Islamstaat.Klitzsch: Muslimische Rebellen in den Philippinen. 2006, S. 82f. 1999/2000 standen bereits weite Landstriche in Zentral-Mindanao unter der Kontrolle der MILF.Abuza: Forging Peace in Southeast Asia. 2016, S. 74. Die MILF entwickelte sich gleichzeitig zur größten Streitmacht in der Region. Nach der Unterzeichnung des „Endgültigen Friedensvertrags“ von 1996 konnte sie die Anzahl ihrer Mitglieder verdoppeln. Ende 1999 gehörten der MILF nach eigenen Angaben 15.699 Männer mit 11.280 Feuerwaffen an.Abuza: Forging Peace in Southeast Asia. 2016, S. 73.