miniatur|Agfa Box; Box 600, auch Synchro-Box genannt (1949 bis 1957)
Die Agfa Box ist eine Serie von Boxkameras, meist im Negativformat 6×9 cm. Sie wurde zwischen 1930 und 1957 (bzw. 1965, wenn man die Clack dazuzählt) vom Agfa Camerawerk München in verschiedenen Varianten produziert.
Vorkriegszeit Die erste Agfa-Box Im September 1930 kam folgende Ankündigung heraus: „Die Agfa I. G. Farbenindustrie A. G., bringt neuerdings eine Kleinkamera im Kastenformat für das Format 6 × 9 in den Handel, die zum niedrigen Preise von 13 RM angeboten wird …“ Im weiteren Verlauf war von einem lichtstarken Objektiv (dabei handelte es sich allerdings um eine Übertreibung), einem widerstandsfähigen Aluminium-Gehäuse und gefederter Filmandruckplatte die Rede. Von dieser Box gab es sogar eine Spezialausführung, die man am silberfarbenen Zierrahmen auf der Frontplatte erkennen konnte und für nicht einmal 2 RM Aufpreis eine erheblich bessere Ausstattung bot: Musste sich das Standardmodell mit einem einfachen Rotationsverschluss ohne Auslöserrückstellung und Mattscheibensucher begnügen, gab es beim Luxusmodell einen Zweilamellenverschluss und Brillantsucher, zudem ein lichtstärkeres Objektiv und eine Entfernungseinstellung. Letztere bestand aus einem dreistufigen Hebel mit den Positionen Fern (ab 5 m), Gruppe (2,5 m bis 5 m) und Porträt (1,5 m bis 2,5 m), auf diesen Aufwand verzichteten alle Nachfolger. Schon im Weihnachtsgeschäft verkaufte sich der neue Apparat ausgezeichnet, beide Modelle brachten es noch 1930 auf eine Stückzahl von 44.000. (Technische Einzelheiten zu Verschluss und Sucher siehe Box-Kamera)
England-Box Werbeaktion Der ersten in Deutschland vorgestellten Agfa-Box ging ein groß angelegter Test auf dem englischen Markt voraus. Dort verteilte die Zeitung Daily Herald eine große Menge von Kameras, dem weitere Tageszeitungen und auch Zigarettenfabrikanten folgten. Die Fotohändler gaben sich über die Aktion zunächst verärgert, erfreuten sich aber kurz darauf am gigantischen Filmverkauf: die passenden Rollfilme waren sehr schnell vergriffen.
Modelle Bei den verschenkten Apparaten handelte es sich um die ältesten Agfa-Boxen. Vertragsfirmen stellten sie in England her. Für ein Werbegeschenk kam kein teures Aluminium infrage, die Gehäuse bestanden vielmehr aus Stahlblech. Weitere Merkmale waren die beiden recht kleinen Sucher, sie lagen beide an derselben Gehäusekante, und das fehlende Stativgewinde – Sparmaßnahmen, die später die deutschen Aktionen übernahmen. Es kamen drei Ausführungen in Umlauf: Die England-Box 1 hatte schwarzen Schrumpflack und als Version 1a Mattscheibensucher, als Version 1b bereits Brillantsucher. Die Box 2, ebenfalls mit Brillantsucher ausgestattet, trug genarbtes Kunstleder.
Schulprämie Vorgeschichte Agfa beschäftigte mit dem Studienrat Richard Lange schon seit Mitte der 1920er Jahre einen „Kulturbeauftragten für die Schularbeit“ und hatte dadurch exzellente Verbindungen zum preußischen Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung. Lange verfasste Artikel und hielt zahlreiche Vorträge über die pädagogischen Aspekte der Fotografie. U. a. diese Aktivitäten trugen dazu bei, dass das Ministerium 1928 einen Erlass über die Einrichtung von „Lichtbilder-Arbeitsgemeinschaften für Schüler und Schülerinnen“ veröffentlichte.„Lichtbilder-Arbeitsgemeinschaften für Schüler und Schülerinnen“ – Erlaß des Preußischen Ministers für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung vom 9. Juli 1928, in: Zentralblatt für die gesamte Unterrichts-Verwaltung in Preußen, hrsg. im Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung, H. 1/1928, S. 244 f. Es handelte sich um eine Empfehlung für Lehrer an höheren Schulen, die Fotografie im Rahmen von Arbeitsgemeinschaften in den Unterricht einzubeziehen. Die Kulturabteilung von AGFA veröffentlichte begleitend zu diesem Erlass 1929 einen „Leitfaden für den photographischen Unterricht in Schulen.Die Lichtbild-Arbeitsgemeinschaft. Ein Leitfaden für den photographischen Unterricht in Schulen, hrsg. Von der Kulturabteilung der I.G. Farbenindustrie Aktiengesellschaft AGFA, Berlin 1929 Neben einleitenden pädagogischen Überlegungen und einem ausführlichen fototechnischen Teil enthält die Broschüre einen „Stoffplan für die photographische Unterweisung“. Der Erlass über die Einrichtung von Lichtbilder-Arbeitsgemeinschaften“ wurde im Mai 1930 durch einen „Heimatphotographie-Erlass“ ergänzt. Dieser Erlass mit dem Titel „Praktische Betätigung der Schüler und Schülerinnen auf dem Gebiete der Photographie“ geht davon aus, dass es sich „zunächst darum handeln [wird], das wertvolle Heimatgut, das die Natur darbietet, in Form von technisch einwandfreien und ästhetisch befriedigenden Aufnahmen zu bergen.“„Praktische Betätigung der Schüler und Schülerinnen auf dem Gebiet der Photographie“ – Erlaß des Preußischen Ministers für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung vom 22. Mai 1930, in: Zentralblatt für die gesamte Unterrichts-Verwaltung in Preußen, hrsg. im Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung, H. 11/1930, S. 178 goobiweb.bbf.dipf.de Die Aufnahmen sollten der Allgemeinheit zugänglich gemacht werden, u. a. im Rahmen einer für 1931 in Berlin geplanten Naturschutzausstellung. Zur Verbreitung der Fotografie in Schulen bzw. unter Schülern und Schülerinnen finden sich in der erwähnten Broschüre der AGFA Kulturabteilung folgenden Angaben. Danach gab es im Herbst 1928 an 592 deutschen Berufsschulen 19073 photographierende Schüler und Schülerinnen. Nach Umfragen unter rund 1600 höheren Lehranstalten bestanden im selben Zeitraum an 350 dieser Schulen Lichtbildarbeitsgemeinschaften.Die Lichtbild-Arbeitsgemeinschaft. Ein Leitfaden für den photographischen Unterricht in Schulen, hrsg. von der Kulturabteilung der I.G. Farbenindustrie Aktiengesellschaft AGFA, Berlin 1929, S. 2
Aktion Im Januar kündigte Agfa an, Apparate zu verschenken: „Die Kamera wird zweckmäßig solchen Schülern und Schülerinnen zu überreichen sein, die sich auf irgendeinem Gebiet hervorgetan haben.“ Gemeinsam mit dem preußischen Kulturministerium beschloss man, je eine Kamera abzugeben an die 10- bis 14-jährigen Klassenbesten, die zwei besten der letzten Jahrgänge der Mittelschule und den letzten Jahrgang der Volksschule. Da sich die meisten anderen deutschen Länder der Aktion anschlossen, kam eine Zahl von rund 50.000 Kameras zustande. Sie gelangten im Februar 1932 mit den Zeugnissen in die Schülerhände. Die Aktion stieß auf Begeisterung, das Fachmagazin Photo-Woche schrieb darüber: „Es wird ein Lobgesang auf die Kulturfreudigkeit der Agfa angestimmt werden.“ Und es stellte sich heraus, dass den Schülern ausgezeichnete Aufnahmen gelangen.
Kamera Bei der Schulprämie handelte sich um eine besonders einfach gehaltene Box, an der zahlreiche Sparmaßnahmen die Herstellungskosten senkten. Insbesondere besaß sie kein Blech-, sondern nur ein Pappgehäuse, wie man es bereits von Kodak kannte. Des Weiteren waren nur diese Pappteile (blau) beledert, Front- und Rückwand hingegen bildeten dunkelblau lackierte Bleche. Als Verschluss kam natürlich nur die einfache Variante ohne Auslöserrückstellung infrage, ein Stativgewinde gab es nicht und die kleinen Sucher lagen an einer Kante, also jener für das Hochformat. Im Handgriff war der Schriftzug „Schulprämie“ eingeprägt.
Preisbox miniatur|hochkant|Rotationsverschluss der Box 44
Vorgeschichte Die Werbeaktionen in England gerieten zwar zu einem großen Erfolg, konnten aber dennoch nicht für den deutschen Markt übernommen werden. Hier achtete jeder Händler darauf, dass branchenfremde Geschäfte seine Produkte nicht anboten. Als beispielsweise die Fotohändler Bildbände und Fotoliteratur in ihr Sortiment aufnahmen, veranstaltete der Reichsverband der Buchhändler einen gewaltigen Aufschrei. Der Agfa-Direktor Bruno Uhl setzte unter diesen Umständen eine vollkommen neue Kampagne gegen alle Widerstände durch. Hierzu führte er autorisierte Händler ein, die eine Agfa-Strahlkrone über ihrem Eingang mit der Aufschrift „autorisierter Agfa-Verkauf“ anbringen durften.
Aktion Ab dem 9. Juni 1932 lief jeweils um die Mittagszeit eine Radiowerbung mit der Frage: Kennen Sie die deutschen Markstücke? Brachte man Markstücke mit den Prägungen A – G – F – A zum autorisierten Agfa-Händler, so gab es dafür die Box des Typs 44. Bei den Buchstaben handelt es sich um einen Code für die Prägestelle, A steht für Berlin, G für Karlsruhe und F für Stuttgart. Zu dieser Zeit kostete die billigste Kamera, die Balda Poka 0, immerhin 10 RM, so dass 4 RM ausgesprochen günstig erschien; der Händlergewinn lag bei 40 Pfennig. Agfa bevorratete seine Händler mit 100.000 Kameras, die Aktion geriet aber zu einem derart gigantischen Erfolg, dass die Kameras bereits nach zwei Tagen ausverkauft waren. Agfa konnte schließlich nur noch zusichern, allen Kunden irgendwann eine Kamera abzugeben, die bis zum 15. September die Markstücke bei ihrem Händler abgegeben hatten. Mitte Oktober gingen dann die letzten Kameras über die Ladentheke, insgesamt waren es rund 900.000.
Balda konnte bei der Aktion nicht tatenlos zusehen und kopierte die Agfa-Kampagne. Allerdings konnte man nicht den Prägestellen-Code verwenden, es stand weder ein B, noch ein L zur Verfügung, so dass man einfach vier Markstücke aus dem Prägejahrgang 1932 verlangte. Dafür gab es eine kaum veränderte Poka 0, also ein Apparat mit Blechgehäuse, der gegenüber der Preisbox als besserer Kauf erschien. Die Balda-Aktivitäten überraschten sehr, stellte dieses Unternehmen doch keine Filme her, die das Kameraprogramm subventionieren konnten. Die Balda ging insbesondere bei nichtautorisierten Agfa-Händlern über den Ladentisch, dabei handelte es sich typischerweise um Optiker und Drogisten, die nebenher Fotogeräte verkauften.
Balda setzte seine Werbeaktion im Oktober 1932 in Österreich fort, woraufhin sich Agfa gezwungen sah, im November mit der Preisbox nachzuziehen. Beide Unternehmen hatten damit aber keinen Erfolg – Boxkameras waren eben mehr etwas für das Sommerhalbjahr. Für die Agfa musste man einen 10-Schilling-Schein zum Händler bringen, dessen Kontrollnummer zwei Vieren enthielt, passend zur Fabrikbezeichnung Box 44.
Kamera Die Box 44 besaß entsprechend der Schulprämie ein Pappgehäuse, sie war aber gewöhnlich schwarz und wies belederte Blechdeckel auf. Ausführungen in blau oder schwarz mit lackierten Deckeln gab es ebenfalls, aber selten. Der Handgriff trug entsprechend der Schulprämie ebenfalls eine Prägung, die Agfa-Raute mit dem Schriftzug „Agfa“ seltener war die Prägung „Agfa-Box“. Darüber hinaus sind mindestens zwei Varianten bekannt: eine ohne Auslösersperre, offenbar das ältere Modell, auch erkennbar an der oberen Y-Metallclip-Schließe des hinteren Gehäusedeckels und die Version mit Auslösersperre, wobei der Clip für den hinteren Gehäusedeckel rechteckig ist.
Für die Preisbox erschien einiges Zubehör, sowohl von Agfa selbst, wie auch von Fremdfirmen – darunter auch Balda. Dazu gehörte Stativhalter (gab es doch kein Stativgewinde an der Box), Portraitlinse für den Bereich zwischen 1 m und 2 m, Gelbfilter und Selbstauslöser, letzterer war – gemessen an der Kamera – technisch recht aufwendig.
Weitere Werbeaktionen Die Fotohändler nahmen bis zum 3. Juni 1933 eine Preisbox zum vollen Kaufpreis zurück, wenn der Kunde die 26 RM teure Taschenklappkamera Billy Record kaufte. Die zumeist kaum benutzten Apparate verwendete Agfa für eine große Werbeaktion im Sommer 1934: An Nord- und Ostsee-Stränden warfen „Glücksflieger“ mit dem Agfa-Logo bedruckte Bälle ab. Wer einen besonders gekennzeichneten Ball fand, konnte diesen bis zum 31. August 1934 gegen eine Preisbox eintauschen.
An der Küste fuhr auch der „Isochrom-Dampfer“. Das Fahrgastschiff steuerte sehenswerte Ziele an, woraufhin Megaphon-Durchsagen den fotografierenden Gästen die geeignete Belichtungseinstellung mitteilten. Dabei kamen auch Box-Besitzer zu guten Bildergebnissen. Die Fahrscheine dazu gab Agfa kostenlos ab.
Isochrom-Box