mini|Hanni Lévy (2019) Hanni Lévy (geboren am 16. März 1924 in Berlin als Hanni Weissenberg;Sarah Wildman: Hanni’s Story. A chance meeting with a Holocaust survivor at a remarkable exhibition in Berlin. In: Slate, 27. Januar 2011, online gestorben am 22. Oktober 2019 in Paris)trauer.tagesspiegel.de abgerufen am 27. Oktober 2019. war eine Überlebende des Holocaust und Zeitzeugin. Sie war eine von ungefähr 1700 bis 2000 Juden,Vgl. Beate Kosmala: Überlebensstrategien jüdischer Frauen in Berlin. Flucht vor der Deportation (1941–1943). In: Andrea Löw, Doris L. Bergen, Anna Hájková (Hrsg.): Alltag im Holocaust. Jüdisches Leben im Großdeutschen Reich 1941–1945. Oldenbourg, München 2013, S. 29–47, hier: S. 46; Barbara Schieb: Nachwort. Stille Helden. In: Claus Räfle: Die Unsichtbaren. Untertauchen, um zu überleben. Sandmann, München 2017, S. 153–157, hier: S. 155. die versteckt oder getarnt während der Zeit des Nationalsozialismus in Berlin überlebten. Ihr Leben wurde in dem Film Die Unsichtbaren – Wir wollen leben von Claus Räfle geschildert.

Leben mini|Vorderhaus Nollendorfstraße 28 (Berlin-Schöneberg); im rechten Seitenflügel lebte Hanni Weissenberg bei Familie Kolzer von November 1943 bis zu ihrer Übersiedlung nach Paris im Dezember 1946. mini|Gedenktafel am Haus Nollendorfstraße 28 Hanni Weissenberg wuchs am Kaiserkorso in Berlin-Tempelhof (heute zum Kleineweg gehörig) und ab 1931 in Berlin-Kreuzberg in der Solmsstraße auf. Ihr Vater war Fotograf, die Mutter Hausfrau. Ihr Elternhaus war liberal. Für ihren Vater galt: „Wir sind Deutsche, Religion ist Privatsache.“Stefan Simons: Judenverfolgung in Nazideutschland: Leben als falsche „Arierin“. In: einestages, 27. Oktober 2017; abgerufen am 22. Januar 2018. Sie verlor früh beide Eltern. Der Vater Felix Weissenberg (1883–1940) wurde nach Kriegsbeginn 1939 zur Zwangsarbeit in der Landwirtschaft herangezogen und starb bald darauf an Entkräftung, die herzkranke Mutter Alice Weissenberg (1890–1942), geb. Oberländer, starb mangels ärztlicher Hilfe im April 1942.Lebensdaten der Eltern siehe Begleittext der Gedenktafel Jean und Viktoria Kolzer, Berlin, Nollendorfstraße 28. Online auf . Später bekannte Hanni Weissenberg, sie sei froh, dass ihre Eltern so früh starben. Dadurch sei ihnen vieles erspart geblieben.Sigrid Hoff: Hanni Lévy, die Unsichtbare – Wie eine Jüdin den Nationalsozialismus in Berlin überlebte. In: Jüdische Allgemeine, 24. Oktober 2017; abgerufen am 22. Januar 2018. Ihre Großmutter Cäcilie Oberländer (1863–1943) wurde im Herbst 1942 nach Theresienstadt deportiert und starb dort 1943; für sie wurde ein Stolperstein in der Else-Lasker-Schüler-Straße in Berlin-Schöneberg verlegt.

Hanni Weissenberg besuchte seit 1931 die Volksschule an der Gneisenaustraße. Als 1935 eine Anweisung des Erziehungsministers zur „Rassentrennung“ an öffentlichen Schulen erlassen wurde, meldeten sie ihre Eltern in der Joseph-Lehmann-Schule der Jüdischen Reformgemeinde in der Joachimsthaler Straße an.Hanni Lévy: Nichts wie raus und durch! S. 23. Lévy, Hanni (geb. Weißenberg) . Kurzbiografie auf der Seite der Ausstellungsinstallation im Rathaus Schöneberg, „Wir waren Nachbarn – Biografien jüdischer Zeitzeugen“, 2014; abgerufen am 22. Januar 2018. Im Frühling 1939 absolvierte sie den Volksschulabschluss und arbeitete dann etwa ein Jahr lang als Kindermädchen in einer jüdischen Familie. Anfang 1940 begann sie eine Ausbildung zur Putzmacherin, musste sie jedoch nach drei Monaten abbrechen,Hanni Lévy: Nichts wie raus und durch! S. 37 f. denn als Sechzehnjährige wurde sie zur Zwangsarbeit in der Spinnstofffabrik Zehlendorf verpflichtet, die Kunstseide herstellte, unter anderem für Fallschirme der Wehrmacht.Stefan Simons: Judenverfolgung in Nazideutschland: Leben als falsche „Arierin“. In: einestages, 27. Oktober 2017; abgerufen am 22. Januar 2018. Vgl. zur Spinnstofffabrik auch Alexander Korb: Berlin-Zehlendorf. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 3: Sachsenhausen, Buchenwald. C.H. Beck, München 2006, ISBN 3-406-52963-1, S. 130–132. Nach dem Tod der Eltern lebte sie zunächst bei jüdischen Bekannten in der Augsburger Straße, bis diese im Dezember 1942 deportiert wurden. Da sie nicht „auf der Liste stand“,Hanni Lévy: „Sie haben mir das Leben ein zweites Mal gegeben“. Rückblick an die Zeit im Untergrund in Berlin zwischen 1940 und 1945. In: Katharina Kaiser, Barbara Jakoby: Orte des Erinnerns. Beiträge zur Debatte um Denkmale und Erinnerung. Band 2: Jüdisches Alltagsleben im Bayerischen Viertel. Eine Dokumentation. Hentrich, Berlin 1995, S. 61–69, hier: S. 62. blieb sie zunächst verschont und stand nun allein. Im Februar 1943 konnte sie wegen einer schweren Verletzung am rechten Zeigefinger nicht arbeiten und entkam so der „Fabrikaktion“ der Gestapo.Zeitzeugengespräch mit Hanni Lévy geborene Weissenberg, Paris. museum-blindenwerkstatt.de, 13. Juni 2012; abgerufen am 22. Januar 2018 (von Beate Kosmala moderierter Abend an der Gedenkstätte Stille Helden). Sie war zu Hause, als die Bewohner des Hauses abgeholt wurden, wurde aber auf dem Weg zur Fabrik vermutet. Weissenberg entschied sich spontan, ihre Tür zu verriegeln, auf Klingeln nicht zu reagieren und dann über eine andere Wohnung und das Vorderhaus zu fliehen. Außer Mantel und Handtasche konnte sie nichts mitnehmen. „Ich bin ganz kaltblütig auf die Straße gegangen“, erinnerte sie sich, „ich hatte keinen Plan, aber ich wusste, ich darf nicht auffallen, das ist mein bester Schutz“.Sigrid Hoff: Hanni Lévy, die Unsichtbare – Wie eine Jüdin den Nationalsozialismus in Berlin überlebte. In: Jüdische Allgemeine, 24. Oktober 2017; abgerufen am 22. Januar 2018. Bekannte halfen ihr, einen Friseur zu finden, der in langwierigen Sitzungen ihr Haar bleichte. Sie nahm eine neue Identität an und es gelang ihr mit Hilfe einer anderen Bekannten, einen Arzt zu finden, der ihre Verletzung behandelte, ohne Identitätsnachweise zu verlangen. Etwas Geld konnte sie verdienen, indem sie einem Zeitungsausträger den Sonntagsdienst abnahm. Öfter musste sie die Unterkunft wechseln, bis die Familie Most in der Berliner Straße (heute Otto-Suhr-Allee) in Charlottenburg sie aufnahm. Bei ihnen wohnte sie bis November 1943.

Hanni Weissenberg ging gerne ins Kino, wo sie den Schutz der Dunkelheit genoss – und als sie erneut ohne Obdach war, weil nun auch den älteren Männern der Familie Most die Einziehung zum Militärdienst drohte, vertraute sie sich der Kartenverkäuferin an der Kino-Kasse an. Viktoria Kolzer (1902–1976) nahm die junge Frau mit nach Hause in die Nollendorfstraße 28, wo sie mit ihrem Mann Jean wohnte, und beherbergte sie dort. Weissenberg konnte bis zum Untergang des NS-Regimes bei dem Ehepaar bleiben; Viktoria Kolzer teilte mit ihr ihre Lebensmittelkarten. Die Kolzers retteten der jungen Frau das Leben. Deren Sohn war an der Front; Jean Kolzer erkrankte schwer und starb Anfang 1945 an Wundbrand. Hanni half bei der Pflege. „Wir sind zusammengewachsen wie Mutter und Tochter. Ich habe mich so an dieses neue Leben gewöhnt, dass ich fast vergessen habe, in welcher Gefahr ich mich eigentlich befand.“Sigrid Hoff: Hanni Lévy, die Unsichtbare – Wie eine Jüdin den Nationalsozialismus in Berlin überlebte. In: Jüdische Allgemeine, 24. Oktober 2017, abgerufen am 22. Januar 2018. Gemeinsam mit Viktoria Kolzer erlebte sie die Bombennächte und schließlich den Untergang des NS-Regimes. Auch der Kontakt zur Familie Most riss nicht ab.

Nach der Befreiung Berlins durch die Rote Armee musste Weissenberg Übergriffe durch die sowjetischen Soldaten befürchten. Sie erfuhr, dass die Mosts nunmehr in Berlin-Zehlendorf untergekommen waren, wo ihren Angaben zufolge die russische Militärpolizei die Soldaten strenger kontrollierte. Sie wanderte gemeinsam mit Kolzer zu Fuß dorthin. Später kehrten die beiden Frauen in die Nollendorfstraße zurück. Weissenberg fand Arbeit bei der US Army.Siehe ihren autobiografischen Bericht in Katharina Kaiser, Barbara Jakoby: Orte des Erinnerns. Beiträge zur Debatte um Denkmale und Erinnerung. Band 2: Jüdisches Alltagsleben im Bayerischen Viertel. Eine Dokumentation. Hentrich, Berlin 1995, S. 61–69; ebenso Sarah Wildman: Hanni’s Story. A chance meeting with a Holocaust survivor at a remarkable exhibition in Berlin. In: Slate, 27. Januar 2011, online. Ende 1946 holte ein Bruder ihrer Mutter, der nach Frankreich hatte emigrieren können, sie nach Paris; er hatte ihren Namen auf einer Liste des DRK-Suchdiensts entdeckt.Claus Räfle: Die Unsichtbaren. S. 143.

In Paris lernte sie ihren späteren Mann kennen, einen Deutschen aus einer jüdischen Familie. Sie bauten gemeinsam einen Malerbetrieb auf. Die Verbindung zu Berlin und ihren Rettern ließ Hanni Lévy nie abreißen. Anders als viele Holocaust-Überlebende sprach sie weiterhin deutsch: „Man kann Kinderlieder und Zärtlichkeiten nicht in einer fremden Sprache austauschen.“ Sie bekam zwei Kinder und hatte fünf Enkelkinder.

Hanni Lévy starb in der Nacht zum 23. Oktober 2019 im Alter von 95 Jahren in Paris.Trauer um Hanni Lévy. juedische-allgemeine.de, erschienen und abgerufen am 23. Oktober 2019.

Zeitzeugin Hanni Lévy beantragte am 6. August 1958 die Ehrung ihrer Helferin Viktoria Kolzer im Rahmen der Initiative Unbesungene Helden, einer für diese Zeit einzigartigen Aktion des Berliner Senats zur Ehrung und finanziellen Unterstützung von Helfern NS-Verfolgter. Im November 1960 wurde dieser Antrag angenommen und Viktoria Kolzer erhielt vom Senat eine kleine „Ehrenunterstützung“ in Höhe von 50 DM monatlich.Beate Kosmala: Hanni Lévy in Berlin und Paris. Nachwort. In: Hanni Lévy: Nichts wie raus und durch! Lebens- und Überlebensgeschichte einer jüdischen Berlinerin. Metropol, Berlin 2019, S. 161–177, hier: S. 166f. 1978 erreichte Lévy, dass Viktoria Kolzer und Elfriede und Grete Most in die Liste der Gerechten unter den Völkern bei Yad Vashem aufgenommen wurden.Sarah Wildman: Hanni’s Story. A chance meeting with a Holocaust survivor at a remarkable exhibition in Berlin. In: Slate, 27. Januar 2011; slate.com Lexikon der Gerechten unter den Völkern, Deutsche und Österreicher, S. 167–168. 1983 verfasste sie für ihre Familie einen 13-seitigen Bericht über ihr Überleben in französischer Sprache, der im Archiv der Gedenkstätte Deutscher Widerstand liegt.Siehe Beate Kosmala: Überlebensstrategien jüdischer Frauen in Berlin. Flucht vor der Deportation (1941–1943). In: Andrea Löw, Doris L. Bergen, Anna Hájková (Hrsg.): Alltag im Holocaust. Jüdisches Leben im Großdeutschen Reich 1941–1945. Oldenbourg, München 2013, S. 29–47, hier: S. 41. Sie übersetzte diesen Bericht für den Katalog der Ausstellung „Formen des Erinnerns – Jüdische und nicht-jüdische Stimmen zur Vertreibung und Ermordung der jüdischen Nachbarn im Bayerischen Viertel“ selbst ins Deutsche. Dort erschien er unter dem Titel „Sie haben mir das Leben ein zweites Mal gegeben“. Rückblick an die Zeit im Untergrund in Berlin zwischen 1940 und 1945 im Jahr 1995 im Druck.Katharina Kaiser, Barbara Jakoby: Orte des Erinnerns. Beiträge zur Debatte um Denkmale und Erinnerung. Band 2: Jüdisches Alltagsleben im Bayerischen Viertel. Eine Dokumentation. Hentrich, Berlin 1995, S. 61–69. Die Geschichte dieses Dokuments wird in der redaktionellen Vorbemerkung, S. 61, geschildert.