Die Geschichte Kenias umfasst die Geschichte des modernen Nationalstaates sowie des Protektorates und der Kolonie Kenia, aus dem der heutige Staat hervorging. Sie beinhaltet zudem die Geschichte dieses Territoriums vor der Kolonialisierung durch Großbritannien am Ende des 19. Jahrhunderts.
Damit umfasst sie Gruppen, die kulturell, sprachlich und religiös äußerst heterogen waren und sind. Bereits in vorkolonialer Zeit pflegten diese Gruppen Handels- und andere Kontakte untereinander. Im Staat Kenia sind sie zu einer Nation zusammengewachsen, die jedoch seit ihrem Bestehen auch stark durch ethnische Interessen, Konflikte und Identitäten geprägt ist.
mini|300px|Karte von Kenia
Geschichtsschreibung zu Kenia Wie der größte Teil des afrikanischen Kontinents südlich der Sahara galt auch Ostafrika für die westliche Geschichtsschreibung lange als gegenstandslos. Afrika sei „kein geschichtlicher Weltteil, er hat keine Bewegung und Entwicklung aufzuweisen“, fasste Hegel den Wissensstand des 18. Jahrhunderts über Afrika zusammen.G. F. W. Hegel: Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte. S. 163. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts änderte sich an dieser unter Historikern weit verbreiteten Ansicht wenig.
Eine Ausnahme bildete die Küstenregion Kenias. Die arabischen und islamischen Einflüsse, die in Architektur, Schrift, Kultur und Sprache der Swahili deutlich wurden, führten dazu, dass die Geschichte Ostafrikas in der Regel als Geschichte der ostafrikanischen Küste erzählt wurde. So entstanden um 1900 eine Reihe von ersten historischen Darstellungen Kenias, alle aus der Feder europäischer Historiker, die sich jedoch auf die historischen Geschehnisse an der Küste, auf ihre Beziehungen zu Anrainergesellschaften des Indischen Ozeans und die Herrschaft der Portugiesen und arabischen Sultane beschränkten.
Nach Beginn der Kolonialherrschaft entstanden zahlreiche Arbeiten über die Geschichte der Europäer in Kenia, die die europäische Eroberung als heroische Pioniertat und Kulturtat feierten. Zugleich arbeiteten jedoch auch erstmals Missionare, Ethnologen und koloniale Verwaltungsbeamte verschiedentlich daran, die Geschichte der Afrikaner in Kenia zu erforschen. Diese Forschung war stark von sozialdarwinistischen und evolutionistischen Anschauungen geprägt.Bethwell A. Ogot: Introduction. In: Kenya before 1900. S. vii-ix.
Die wesentliche Schwierigkeit für die Geschichtsschreibung des Binnenlandes im heutigen Kenia ergab sich aus der Schriftlosigkeit der Völker. Nach der Gründung des Nationalstaates Kenia entstand im Land eine rege wissenschaftliche Kultur, die sich um die Erforschung der vorkolonialen Geschichte Kenias verdient machte. Da man auf so gut wie keine schriftlichen Quellen zurückgreifen konnte, basiert diese Forschung auf Methoden der mündlichen Geschichte. In Interviews wurden Ahnenreihen und die überlieferte Geschichte von Familienverbänden gesammelt, Gründungs- und Migrationsmythen analysiert und ausgewertet. Auch archäologischen Funde sowie soziolinguistische Erkenntnisse ergänzten die historische Forschung.Bethwell A. Ogot: Introduction. In: Kenya before 1900. S. xvi-xix.
Vorgeschichte Fossile Funde auf dem Staatsgebiet des heutigen Kenia belegen, dass in diesem Gebiet schon vor mehr als vier Millionen Jahren Vormenschen wie etwa Australopithecus und Kenyanthropus lebten, ferner deren mögliche Vorfahren wie Orrorin. Funde von Homo habilis und Homo erectus (siehe z. B. Nariokotome-Junge) belegen, dass auch die frühen Arten der Gattung Homo in Kenia beheimatet waren.
Bedeutende archäologische und paläoanthropologische Fundstätten sind u. a. Kantis Fossil Site, Lomekwi, Olorgesailie und Panga ya Saidi.
Frühgeschichte bis Ankunft der Portugiesen um 1500 mini|Gede-Ruinen aus dem 13. Jahrhundert
Die frühe Geschichte Kenias ist umstritten. Nach derzeitiger Forschungslage war die Urbevölkerung Kenias Jäger und Sammler, eventuell gehörten ihr die Gumba, Okiek und Sirikwa an. Als erste wichtige Gruppe wanderten kuschitischsprachige Völker aus Nordafrika, vermutlich Äthiopien, ungefähr 2000 v. Chr. ins Gebiet des heutigen Kenias und führten die Viehwirtschaft, darunter die Rinderzucht, ein. Ab etwa Christi Geburt kamen nilotisch- und bantusprachige Völker in die Region und brachten neue Technologien, wie die Eisenverarbeitung, mit.
Gleichzeitig war die Küste Kenias eng in ein internationales Handelsnetz eingebunden. Arabische und römische Händler kamen regelmäßig hierher. Inwieweit auch das Innere Ostafrikas bereist wurde, ist bis heute umstritten. Aus antiken und mittelalterlichen Weltkarten wird deutlich, dass zumindest die Existenz der großen ostafrikanischen Seen und der schneebedeckten Berge bekannt war, auch wenn ihre Lage unterschiedlich angegeben wurde.
Am Ende des ersten Jahrtausends entstand an der Küste eine Kette von kleineren und größeren Handelsstädten, die eng mit der arabischen Welt verbunden waren. Auch der Islam breitete sich aus. Die Küstenbereiche wurden Teil der multikulturellen und multiethnischen Swahili-Gesellschaft. Mombasa und Lamu waren jeweils unabhängige Städte innerhalb der urbanen Küstengesellschaft, die um 1300 ihre volle Blüte erlebten. An vielen Orten wurden Moscheen und prächtige Häuser der örtlichen Eliten errichtet. Einige Städte hatten sogar eine eigene Münzprägung.
1500–1900 mini|Das frühneuzeitliche Mombasa in einer Abbildung von 1572
Durch den Einfluss der Portugiesen von 1593 bis 1698 wurde die Unabhängigkeit der Küste stark eingeschränkt. Die Migration aus vielen Anrainergebieten des Indischen Ozeans, aus Indien, Arabien sowie aus dem Inland dauerte aber unvermindert an. 1698 eroberte das arabische Oman das Gebiet. Ab 1730 ernannte die omanische Yarubi-Dynastie den einheimischen Mazrui-Clan zum Verwalter der Küste, was zu einer selbstständigeren Entwicklung führte. Als in Oman die Yarubi-Dynastie von der Busaidi-Dynastie gestürzt wurde, geriet auch die kenianische Küste wieder unter stärkere Kontrolle des Omans. Über die Gesellschaften und die Kultur im Inneren Kenias war weiterhin wenig bekannt. Die swahilischen Küstenhändler betrieben den Handel mit Elfenbein und Sklaven über Zwischenhändler, die den Landstreifen hinter der Küste bewohnten. Von ihnen hörten sie, dass die Bewohner des Inneren gefährliche und grausame Menschenfresser seien, vor denen sich Fremde in acht nehmen müssten. Schätzungen gehen von ca. 2,5 Millionen Menschen auf dem Gebiet Kenias um 1800 aus.William Robert Ochieng’: Kenya’s Internal and International Trade in the Nineteenth Century. In: William Robert Ochieng’, Robert M. Maxon: An Economic History of Kenya. Nairobi 1992, S. 35–49, S. 35.
Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als der Preis für Elfenbein auf dem Weltmarkt in die Höhe schoss, begannen die Küstenhändler, selbst ins Innere zu reisen. Aus dieser Zeit stammen die Berichte, die Auskunft über Kenia vor der Kolonialzeit geben. Besonders gefürchtet waren die Massai, die im 19. Jahrhundert große Teile Ostafrikas eroberten und sogar die Küstenstädte bedrohten. Die Händler versuchten daher, die Gebiete des Massai-Einflusses zu umgehen. Ihre Routen führten sie zu den großen Seen, dem Viktoria-See und dem Rudolf-See und bis nach Buganda. Sie kauften Elfenbein, Sklaven und Kautschuk, außerdem hatten die Karawanen, die zwischen 300 und mehr als 1000 Menschen umfassten, einen enormen Bedarf an Lebensmitteln für ihr Personal und an Trägern für ihre Waren. Durch den Handel intensivierten sich die Kontakte mit den Gesellschaften fern der Küste, wo Feuerwaffen, Messing- und Kupferdraht, Stoffe und Tücher und andere Güter, besonders aus Europa, sehr begehrt waren.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts begann das Vereinigte Königreich, seinen Einfluss zu verstärken.
Kolonialgeschichte mini|Von der IBEA herausgegebene Briefmarke
Die Geschichte Kenias als Kolonie begann 1885 mit einem deutschen Protektorat über die Besitzungen an der Festlandküste des Sultans von Sansibar und des Sultans von Witu. Die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft wollte in den Jahren 1885 und 1886 Gebiete an der kenianischen Küste „erwerben“ und noch 1889/90 versuchte der deutsche Kolonialist Carl Peters vergeblich, Rechte am Baringosee und Tana zu begründen. Deutschland gestand den Briten indes alle Gebiete nördlich der Linie Tanga–Victoriasee zu (zuletzt Witu im Jahr 1890).
1888 kam die Imperial British East Africa Company (IBEA) nach Kenia und verwaltete bis 1895 Britisch-Ostafrika. Die IBEA errichtete entlang der bestehenden Karawanenrouten einzelne Stationen mit sehr schwacher Besetzung. Solange die Eisenbahn zum Victoria-See im Bau war, war es in erster Linie Absicht, den Transportweg zum Protektorat Buganda zu sichern. Das führte dazu, dass jene Chiefs im Inneren, die bereits durch den Handel mit Elfenbein und Sklaven mit den swahilischen Kaufleuten von der Küste an Einfluss gewonnen hatten, enge Kontakte zu den ersten Europäern in Kenia pflegten. Unterstützung erhielten die Stationen vor allem von den Massai, die sich in großer Zahl als Hilfs-Militär verpflichteten.
Frühe Kolonialzeit Als 1895 die britische Krone die Verwaltung des Gebietes übernahm, änderte sich daran wenig. Der Einfluss der Europäer war auf die Regionen im Umkreis der wenigen Stationen beschränkt. Erst mit dem Bau der Uganda-Bahn von Mombasa zum Viktoria-See, der 1901 beendet war, und der verheerenden Hungerkatastrophe 1899 gelang es der kolonialen Administration, in den begehrten fruchtbaren Regionen die koloniale Herrschaft durchzusetzen.
Zwischen 1890 und 1914 wurde der Widerstand der Bevölkerung gegen die koloniale Übernahme mit zahlreichen sogenannten „Strafexpeditionen“ in allen Teilen des Landes gebrochen. Der Widerstand war vielfältig, da die Gesellschaften jedoch kleinteilig waren und ihre Waffen gegenüber denen der Europäer wenig Chancen hatten, stets schnell gebrochen. Dabei wurde der Bevölkerung das Vieh geraubt, ihre Ernten und die Dörfer verbrannt. Große Teile der fruchtbaren Gebiete wurden enteignet, zu White Highlands erklärt und an weiße Siedler verpachtet oder verkauft. Die afrikanischen Bewohner, so die Nandi, die Girima, die Massai und viele Kikuyu, wurden in für sie abgesteckte Reservate umgesiedelt, die sie ohne Erlaubnis nicht verlassen durften. Diese Regelung war allerdings schwer durchzusetzen, da die Administration auch weiterhin sehr dünn mit Europäern besetzt war und auf die Unterstützung der lokalen afrikanischen Chiefs und einer Hilfspolizei angewiesen war.
Die Fertigstellung der Eisenbahn begünstigte den Zuzug von weißen Siedlern aus Europa, aber auch anderen Ländern, etwa Südafrika und Australien, die sich auf dem billig zu erwerbenden Land niederließen. 1905 gab es etwa 600 weiße Siedler, 1907 bereits 2000. Ihre Zahl stieg stetig weiter an.
Anders als in Tanganyika, wo Swahili, die Sprache der Küstengesellschaft, sich bereits im 19. Jahrhundert durch den intensiven Karawanenhandel ausgebreitet hatte, sah man in Kenia diese Sprache als die Sprache der kolonialen Unterdrücker an, da die Kolonialbeamten und ihre afrikanischen Angestellten in dieser Sprache kommunizierten.
Der Erste Weltkrieg