mini|Die Reiche auf Timor um 1700

Das Reich von Luca (veraltet: Louka) war ein Herrschaftsgebiet an der Küste im Südosten des heutigen Osttimor. Nach einigen europäischen Quellen des 19. Jahrhunderts war Luca eines der Reiche, die den Osten Timors beherrschten. Heute ist Luca ein Suco Osttimors.

Hintergrund mini|Freycinets Karte von Hawaii und Timor mit „Louka“ (1820)

Das heutige Wissen über Luca beruht auf europäischen Aufzeichnungen aus der Kolonialzeit und mündlichen Überlieferungen der Timoresen, wobei Angaben aus West- und Osttimor sehr unterschiedlich sein können.Barnes, Hägerdal, Palmer S. 329. Zwischen 1994 und 1996 interviewte der Anthropologe Peter Spillett unter anderem den damals 80-jährigen Liurai von Luca und andere Mitglieder der Herrscherfamilie der Amaral.Barnes, Hägerdal, Palmer S. 331. Interviews von Clementino dos Reis Amaral im Jahre 2014, dem Repräsentanten der Liurai-Familie, bestätigten die Aufzeichnungen von Spillett.Barnes, Hägerdal, Palmer S. 332. Die meisten historischen Erbstücke und das Uma Lulik (, der Aufbewahrungsort der Reliquien) in Kampung Badari, sieben Kilometer vom Ort Luca entfernt, wurden im Bürgerkrieg 1975 zerstört. Portugiesische Unterlagen und Dokumente fielen der indonesischen Besatzung (1975–1999) zum Opfer.

Luca hatte sein Zentrum an der Küste im Südosten Timors. Die Region bildet den Osten des Siedlungsgebietes der Tetum. Deren Sprache ist heute Amtssprache Osttimors und war schon früher die Lingua franca im Zentrum und den meisten Gebieten im Osten Timors. Ein Umstand, der möglicherweise die weitreichenden historischen Vormachtsansprüche Lucas erklärt.Barnes, Hägerdal, Palmer S. 328.

Manuel Godinho de Erédia zeichnete 1613 eine der ersten detaillierten Karten Timors. Unter den verschiedenen aufgeführten Ortsnamen war Luca im Osten besonders hervorgehoben. Im Begleittext berichtet Erédia von zwei Herrschern, die von Dominikanern zum Christentum bekehrt worden seien: dem Kaiser von Mena und dem König von Luca. Da die Dominikaner aber die Reiche vernachlässigten, wären sie aber bald wieder „Mauren“ und „Götzendiener“ geworden.Barnes, Hägerdal, Palmer S. 335. In einer Veröffentlichung von Salomon Müller, der von 1828 bis 1829 Timor besuchte, liegt eine Karte vom niederländisch dominierten Westtimor mit zahlreichen Details bei. Der portugiesische Ostteil am Rand der Karte wird nur vereinfacht als „Land der Belunesen“ bezeichnet. An dessen Südküste findet sich aber groß der Name „Loeka“. Müller erklärt im Text, dass Luca den Osten Timors dominiere, aber nicht die absolute Kontrolle über die Region habe. Der niederländische Kommissar Emanuel Francis berichtete, dass Luca kein legitimer Herrscher des Ostens sei, sondern die Macht an sich gerissen habe. Louis de Freycinet nennt „Louka“ hingegen das älteste Herrscherhaus, welches von vielen „Königen“ Osttimors anerkannt werde. Dem gegenüber stehen portugiesische Dokumente, die von zahlreichen unabhängigen „Reinos“ () in Osttimor berichten, Luca aber keine vorherrschende Rolle zugestehen.Barnes, Hägerdal, Palmer S. 326–328. So zählt der ehemalige Gouverneur von Portugiesisch-Timor Afonso de Castro 1868 47 Reiche im Ostteil der Insel auf, darunter Luca.

Dass Luca aber andere Großmächte, wie zum Beispiel Motael, Maubara, Suai-Camenaça oder Manufahi vorstand oder Einfluss auf sie hatte, ist aus diesen Quellen nicht erkennbar. Auch François Étienne de Rosily-Mesros nennt in seinem Bericht von 1772 als die wichtigsten Reiche der Insel Oecussi Vemasse, Laleia und Samoro. Man muss berücksichtigen, dass die europäischen Berichte auf Angaben der Timoresen selbst beruhen, auch solchen aus Luca. Während Europäer allerdings bei Herrschaftsgebieten von starren Strukturen mit klaren Grenzen und einer eigenen Verwaltung ausgingen, war der Staat in Südostasien oft mehr ein Zentrum, dessen Macht und Einfluss, wie das Licht einer Lampe, mit zunehmender Entfernung immer schwächer wurde. Die Gebiete am Rande der Einflusssphären kopierten Institutionen und Rituale des Machtzentrums und bildeten so eigene Machtzentren. Zudem unterscheidet man auf Timor nach dem System des Lulik zwischen zwei Mächten: der inaktive, symbolische, „weibliche“ Herrscher und der aktive, „männliche“ Herrscher mit der politischen Macht.Josh Trindade: Lulik: The Core of Timorese Values, abgerufen am 6. November 2017. Zu den rituellen Herrschern gehörten zum Beispiel die Herrscher von Wewiku-Wehale im Westen des Siedlungsgebietes der Tetum. Das Reich hatte als rituelles-kulturelles Zentrum eine große Bedeutung auf ganz Timor, politisch war es aber nach 1641/42 relativ bedeutungslos.

Den von Spillett gesammelten Überlieferungen zufolge stand Luca vier anderen Reichen vor: Loro Ossu-Hosoroa (Ossorua), Loro Besuru (Vessoru), Loro Wemassin (Vemassin) und Loro Waibobo (Uaibobo). Außerdem standen Viqueque und Takanar unter der Kontrolle von Luca. Luca war wiederum dem Doppelreich von Wewiku-Wehale untergeordnet, da es seine Herkunft vom Maromak Oan (das Kind Gottes) Wehales ableitete. So stand das Reich im Westen in seiner rituellen Macht über Luca. Eine Königin von Luca soll einst Land in Uatumuni (zwischen Ossu und Viqueque) an Wewiku verschenkt haben. Viqueque, das in enger Beziehung zu Wehale stand, schenkte sie einen wertvollen, alten Armreif (keke).

Mythen und historische Begebenheiten

Entstehung und Hochzeit mini|Französische Karte Timors mit „Louka“ aus dem 18. Jahrhundert

Die mündlichen Überlieferungen lassen das kleine Reich von Luca weit größer erscheinen, als eines der wichtigsten Herrschaftsgebiete Timors und sogar ebenbürtig mit Wewiku-Wehale, auch durch die gelegentliche Nennung Likusans als Teil von Luca. Die Rolle Lucas während der historischen Ereignisse scheint zu bestätigen, dass die Rolle der Herrscher von Luca bedeutender war, als ihr kleines Territorium es erwarten lässt. Mündliche Überlieferungen berichten, dass Tetumsprecher vor 13 Generationen aus dem Kernland der Tetum in Wehale nach Viqueque einwanderten und sich durch Heirat mit den einheimischen Clans verbanden. Das ortsansässige Reich von Ai Sahe, das heutige Viqueque, wurde so ein Vasall Lucas. Spillett wurde erklärt, dass drei Datos aus Wewiku-Wehale kamen und den ersten Feigenbaum (Ai Hali) pflanzten. Dieser wuchs und dehnte sich aus, wie die Macht des Reiches von Luca.Barnes, Hägerdal, Palmer S. 345.

Die mündlichen Überlieferungen aus Luca beinhalten auch Sagen und mythische Elemente, so dass reale Ereignisse kaum davon klar abtrennbar sind. So berichtete man Spillett von der Begegnung von Lu′u Leki, dem Na′i Luka Likusan () und Bei Taek Aman, dem Herrscher von Wewiku in Kmodo Mahut Welaku. Beide verfügten den Überlieferungen zufolge über magische Kräfte. Lu′u Leki konnte demnach das Wasser von den Riffen zurückweichen lassen und selbst das Meer trockenlegen, während Bei Taek Aman über den Zeitpunkt von Sonnen- und Monduntergang entscheiden konnte. Möglicherweise waren die beiden Herrscher Brüder, die vereint über große Stärke und Autorität verfügten. Sie teilten unter sich das Land auf. Als Grenze zwischen den Herrschern wurde, laut Clementino Amaral, der Mota Masin festgelegt, der heutige Grenzfluss zwischen Indonesien und Osttimor. Clementino Amaral berichtete auch von den ersten Herrschern Lucas. Seine Aufzählung beginnt mit Afoan Sila und seiner Nachfolgerin Na’i Lou Baria Sak.Barnes, Hägerdal, Palmer S. 333.

Der Doppelname „Luka Likusan“ weist auf Liquiçá an der Nordwestküste Osttimors hin, bezieht gelegentlich aber auch Motael ein, dem alten Reich in der Umgebung von Osttimors heutiger Landeshauptstadt Dili. Teilweise wird sogar noch Suai-Camenaça an der westlichen Südküste Osttimors hinzugefügt. Letztlich beschreibt die Überlieferung eine Dreiteilung Timors in Sonba’i, dem Reich der Atoin Meto im Westen, Wewiku-Wehale im Zentrum und Luka Likusan im Osten. Diese Dreiteilung findet sich auch in einem portugiesischen Bericht aus dem Jahre 1734. Den drei Reichen wird zwar eine hohe Stellung in der Hierarchie zugestanden, politische Macht ergab sich daraus nicht automatisch. Sehr wohl konnte sie sich aber bei der Bildung von Bündnissen auswirken.Hans Hägerdal: Rebellions or factionalism? Timorese forms of resistance in an early colonial context, 1650–1769

Mit der Ankunft der Portugiesen im 16. Jahrhundert und der Ausdehnung ihres Einflusses auf Timor kam es zu starken Veränderungen im Machtgefüge auf Timor. In den 1660er Jahren kam es zum Dreikampf um die Macht auf der Insel zwischen Portugiesen, Makassaresen und Niederländern. In Bezug auf den Konflikt zwischen Niederländischer Ostindien-Kompanie (VOC) und den mit Portugal verbündeten Topasse schrieb ein Angestellter der VOC an das Hauptquartier in Batavia, die portugiesischen Ansprüche auf „Ade“ (Vemasse) und Manatuto seien nicht gerechtfertigt. Beide Regionen gehörten ursprünglich zu den von Luca abhängigen Reichen, hatten sich einige Jahre zuvor jedoch losgesagt, gewährten Händlern aus Makassar großen Einfluss und stellten sich später unter die niederländische Flagge. Eine Flotte der Topasse griff aber 1668 die beiden Reiche an und besetzte sie, womit sie offiziell wieder zum portugiesischen Hoheitsraum gehörten.

Laut Spilletts Informanten entstanden nach und nach neue Reiche und brachen von Luca ab. Clementino Amaral erzählte über die Christianisierung Lucas, dass die Herrscherin Na’i Lou Baria Sak im westtimoresischen Mena zum katholischen Glauben bekehrt und getauft worden sei. Sie wird mit der Missionierung des Reiches von Luca in Verbindung gebracht, auch weil Chroniken der Dominikaner von einer Königin Lucas berichten, die zusammen mit ihrem minderjährigen Sohn, Adligen und „unzähligen“ Untertanen vom Missionar António de São Domingos getauft worden sei, der von dem nun wieder portugiesisch dominierten Manatuto nach Luca kam. Laut den Berichten der Dominikaner muss dies um 1670 geschehen sein, womit es Erédias zufolge die zweite Katholisierung der Herrscherfamilie gewesen wäre. Zum einen könnte das brutale Vorgehen der Topasse Eindruck auf Luca gemacht haben, zum anderen expandierten die Portugiesen ab 1670 und schickten erstmals Einheiten um das östliche Ende Timors an die Südküste der Insel. Während von einzelnen Orten berichtet wird, dass sie von den Portugiesen verwüstet wurden, fehlt ein solcher Bericht von Luca. Es scheint sich freiwillig unterworfen zu haben. Zumindest bestätigen mündliche Überlieferungen, dass die Macht Lucas mit Ankunft der Portugiesen in der Region sank.Barnes, Hägerdal, Palmer S. 335 & 336.

Spillett wurde erzählt, dass der katholische Bischof von Malakka mit sieben Priestern versucht habe, Luca zum Christentum zu bekehren, aber gescheitert sei. Er und sein Gefolge sei ermordet und seine sterblichen Überreste an einem geheimen Ort begraben worden. Andere mündliche Quellen bestreiten, dass der Bischof ermordet worden sei. Laut portugiesischer Dokumente ließ sich tatsächlich der Dominikaner Manuel de Santo António um 1700 in Luca nieder und christianisierte erfolgreich Luca sowie die Reiche von Viqueque, Samoro, Fatuletiluli, Alas und Manatuto. 1701 wurde Manuel zum Bischof von Malakka ernannt. Seinen Sitz behielt er auf Timor und war somit der erste Bischof auf der Insel. Ermordet wurde er nicht und er starb auch nicht auf Timor.

Lucas Bedeutung in den Chroniken schwindet für den Großteil des 18. Jahrhunderts. Sein Vasall Viqueque war dagegen ein Schlüsselort für Bischof Manuels Ziel, Timor zu christianisieren.Barnes, Hägerdal, Palmer S. 336. 1722 verwies ihn der portugiesische Gouverneur Francisco de Melo e Castro von der Insel. 1759/60 starb Bischof Geraldo de São José unter mysteriösen Umständen auf Timor, allerdings in Lifau.

18. und 19. Jahrhundert mini|Spanische Karte Timors mit „Louka“ von 1888