Als Ostpreußische Operation von 1914 bezeichnet man russischerseits den großangelegten Versuch der Invasion Ostpreußens durch zwei Armeen der Kaiserlich Russischen Armee in der Frühphase des Ersten Weltkrieges vom 14. August bis zum 15. September 1914. Die Operation stieß auf energischen Widerstand der deutschen 8. Armee, der es gelang, die beiden getrennt operierenden russischen Armeen in den Schlachten bei Tannenberg und an den Masurischen Seen zu schlagen und die Lage im nördlichen Teil der deutschen Ostfront damit zu beruhigen.

Vorgeschichte Die seit 1894 bestehende Französisch-Russische Allianz war vor dem Ersten Weltkrieg mitbestimmend für das europäische Mächtegleichgewicht. Sie sah für den Fall eines Krieges mit Deutschland eine gemeinsam abgestimmte Kriegführung vor. Ein Kernpunkt dieses Bündnisses war die Gewährung erheblicher französischer Kredite zum Ausbau des russischen Heeres und seiner Nachschuborganisation in den russischen Westgebieten als Aufmarschgebiet gegen die Mittelmächte. Nach den Bedingungen dieses Bündnisses musste das Zarenreich Russland im Falle eines deutschen Angriffs gegen Frankreich innerhalb von 15 Tagen 800.000 Mann mobilisieren und den Angriff gegen das Deutsche Reich einleiten. Am 4. August 1914 rückten deutsche Truppen in das neutrale Belgien ein. Den Bündnisverpflichtungen nachkommend, fielen die Truppen der russischen Nordwest-Front (1. und 2. Armee) in Ostpreußen ein. Den Oberbefehl der Front führte General der Kavallerie Jakow Schilinski, der gleichzeitig als Generalgouverneur von Warschau fungierte.

Nach dem am 14. August vom russischen Generalstab abgesegneten Plan, wurden die Operationen der 1. Armee (General Paul von Rennenkampff) am 17. August mit Überschreitung der deutschen Grenze eingeleitet, das Gebiet der Masurischen Seen sollte im Norden umgangen werden und die deutsche Garnison von Königsberg abgeschnitten werden.die Direktive für Rennenkampf Die 2. Armee (General Alexander Samsonow) sollte am 16. August antreten, am 19. August die Grenze überqueren, Masuren von Westen umgehen und den Rückzug deutscher Landwehrtruppen zur Weichsel verhindern. Das Ziel der Operation war die Umfassung der deutschen 8. Armee von beiden Flanken her.die Direktive für Samsonow

Truppenstärke Die russische Nordwestfront konzentrierte Mitte August gegen Ostpreußen etwa 22 Infanterie- und 8½ Kavalleriedivisionen sowie 1428 Geschütze (darunter 24 schwere Kaliber) und 54 Flugzeuge, zusammen etwa 420.000 Soldaten.

Die deutsche 8. Armee (3 Armeekorps und 1 Reservekorps) unter Führung von Generaloberst von Prittwitz hatte zu Kriegsbeginn 9. Infanterie- 2 Landwehr- und 1 Kavallerie-Division, 1194 Geschütze (davon 156 schwere Kaliber), 56 Flugzeuge und 2 Luftschiffe. Zusammen mit den Landwehrbrigaden und Garnisonen rund 220.000 Mann.Reichsarchiv Band 2, Mittler und Sohn, Berlin 1925, S. 358 und 370 f. Anfang September wurde die 8. Armee mit zwei Korps und einer Kavalleriedivision (insgesamt etwa 80.000 Mann) verstärkt.Salesski K.A.: Поход русской армии в Восточную Пруссию в 1914 г., спасение Франции и перелом в ходе войны: новые подходы к истории Первой мировой войны. In: riss.ru. Seite 54–55. (PDF)

Der ursprüngliche Plan des Generals Prittwitz sah vor, die russischen Truppen getrennt zu schlagen – zuerst die 1. und dann die 2. Armee. Dies wurde durch den Umstand begünstigt, dass die deutsche 8. Armee stärker war als jeweils eine russische Armee und General Rennenkampf die Offensive noch vor dem Eingreifen von Samsonow begonnen hatte.

Verlauf der Operation

Die erste Phase: Gumbinnen Am 17. August überquerte Rennenkampfs 1. Armee die Grenze auf 70 km Breite. Am 19. August kam es zwischen Gumbinnen und Goldap zur Schlacht bei Gumbinnen zum Kampf mit dem deutschen I. , XVII (General von Mackensen) und Teilen des 1. Reservekorps (General von Below).

Truppenstärke in der Gumbinnen-Goldap-Schlacht 20. AugustWladimir Letjagin. S. 25

TeilnehmerInfanterieKavallerieArtillerieMaschinengewehre Russen 63.800 9.152 380 (ohne schwere Artillerie) 252 Deutsche 74.400 9.780 408 (davon 44 schwere Geschütze) 224

Am 20. August begann um 4 Uhr morgens der Gegenangriff des deutschen I. Armee-Korps (General von François) gegen die nördliche Flanke der russischen Truppen bei Gumbinnen und hatte zunächst Erfolg. Ein Gegenangriff des russischen 20. Armeekorps (General der Infanterie Smirnow) warf die Deutschen in der Mitte zurück, erst um 15 Uhr nachmittags gelang es dem Kommandierenden General, die Kontrolle beim zurückgeworfenen I. Armee-Korps wiederherzustellen.Ostpreußische Operation (1914) Das XVII. Armeekorps geriet unter schweres russisches Artillerie- und Maschinengewehrfeuer und musste sich ebenfalls zurückziehen. Der Kommandeur der russischen 2. Kavallerie-Division, General Hussain Khan Nachitschewanski, griff aus ungeklärten Gründen nicht in die Kämpfe ein. Bei dieser Schlacht verlor die deutsche 8. Armee 14.800 Mann und musste den linken Flügel auf das östliche Vorfeld von Königsberg zurückziehen. Die Verluste der Russen betrugen zwischen 10.500 bis 15.000 Mann.

Als Meldungen eintrafen, dass die russische 2. Armee (Samsonow) die Südgrenze westlich der Masurischen Seen überschritten hatte, befahl Prittwitz den Rückzug hinter die Weichsel. Der Misserfolg bei Gumbinnen zwang die deutsche Heeresleitung Ende August, starke Verbände von der Westfront nach Osten zu verlegen. Die 8. Armee wurde Anfang September mit dem Garde-Reservekorps (General von Gallwitz), dem XI. Armeekorps (General von Plüskow) sowie die 8. Kavalleriedivision verstärkt. Das V. Armeekorps wurde in Metz in Erwartung der weiteren Entwicklung in Ostpreußen zurückgehalten, verblieb dann aber an der Westfront.

mini|Umgruppierung der deutschen 8. Armee nach der Schlacht bei Gumbinnen

Am selben Tag, den 20. August nahm die russische 2. Armee den Vormarsch wieder auf. General von Prittwitz wollte sich einer Umfassung entziehen und befahl seinen Truppen, sich tiefer nach Ostpreußen zurückzuziehen. General Rennenkampf blieb zwei Tage untätig und rückte danach nicht der 2. Armee entgegen, sondern schob seinen linken Flügel nach Königsberg vor. Zur gleichen Zeit änderte General Samsonow die Vormarschrichtung seiner Armee von Nord nach Nordwest, da er glaubte, dass die deutschen Truppen nach Süden abziehen würden. Deswegen vergrößerte sich die Distanz zwischen den beiden russischen Armeen auf mehr als 120 Kilometer. In dieser Zeit ließen die russischen Kommandeure ihre Befehle unverschlüsselt übermitteln, wichtige Informationen konnten von den Deutschen mitgehört werden. Am 23. August warf das russische 15. Korps die deutsche 37. Division bei Orlau zurück und besetzte Orlau und Frankenau.

Umgruppierung der deutschen Truppen Am 21. August beruhigte sich die Lage bei der deutschen 8. Armee, die erwartete Verfolgung von Seiten der russischen 1. Armee erfolgte nicht. General Prittwitz arbeitete einen neuen Plan aus, indem er alle Truppen gegen die 2. Armee zum Angriff ansetzen wollte. Nach diesem Plan musste das XX. Armeekorps die russische 2. Armee frontal binden, während das I. Armeekorps gegen die rechte Flanke und das I. Reservekorps samt dem XVII. Armeekorps gegen die linke Flanke des Gegners herangeführt wurden. Die Hauptschläge sollten gegen beide feindliche Flanken angesetzt werden. Bei dieser Operation wurden gegenüber der nicht weiter vorgehenden russischen 1. Armee nur 2,5 Divisionen belassen. Es war ein sehr gewagter Plan, der nur gelingen konnte, wenn die Truppen von Rennenkampf die Verfolgung von I. und XVII. Korps nicht wieder aufnehmen würden. General Ludendorff schrieb: „Wenn Rennenkampf den bei Gumbinnen errungenen Erfolg nutzen kann und schnell voranschreiten wird, dann wird dieses Manöver undenkbar.“ Die russische 2. Armee war zahlenmäßig überlegen, nachdem die Deutschen schon bei Gumbinnen empfindliche Verluste erlitten hatte, konnte Prittwitz nur auf Überraschung und vorteilhafte Lage seiner Truppen setzen. Indessen wurde Prittwitz am Abend des 22. August samt seinem Stabschef von Waldersee entlassen und durch Generaloberst Paul von Hindenburg und General Erich von Ludendorff ersetzt, die den bereits ausgearbeiteten Plan zum Gegenangriff ohne große Änderung umsetzen sollten.

Mit Hilfe der Eisenbahn konnte die deutsche Heeresleitung die benötigten Truppen in kürzester Zeit schnell umgruppieren. Infolgedessen wurden gegen die russische 2. Armee (9,5 Infanterie- und 3 Kavalleriedivisionen sowie 612 Geschütze) 11,5 deutsche Divisionen und mehr als 700 Geschütze konzentriert.

Die zweite Phase: Tannenberg mini|Vormarsch der 2.(Narew-)Armee am 26. August

Am 26. August begann die entscheidende Schlacht bei Tannenberg. Das russische 6. Korps auf der rechten Flanke der 2. Armee war gezwungen, sich unter dem Druck des deutschen XVII. Armeekorps zurückzuziehen. Das russische 1. Korps warf derweil am linken Flügel die deutsche 2. Division bei Usdau zurück, das I. Armeekorps wurde dabei in Verteidigung gedrängt. Am nächsten Tag wurde der Kommandeur des russischen 1. Korps durch falsche deutsche Funknachrichten verwirrt, welche einen Angriff gegen die eigene Flanke befürchten ließen.Malkow, Schkundin. Kriege des 20. Jahrhunderts. Band 1. S. 144 Dieser Sachverhalt führte dazu, dass das russische 1. Korps den Vormarsch anhielt, während das 13. und 15. Korps in der Mitte weiter vorgingen und dem Gegner plötzlich „offene Flanken“ darboten. Nach der Besetzung von Usdau nahm auch das deutsche I. Armeekorps den Vormarsch auf Neidenburg auf und gelangte dadurch in den Rücken des russischen 15. Korps.

Samsonow erfuhr erst am 27. August, dass das russische 1. Korps den Vormarsch eingestellt hatte. Er entließ General Artamonow als Kommandierenden des 1. Korps, unternahm aber sonst keine Gegenmaßnahmen. Ein schneller Rückzug hätte die Bedrohung durch eine Einkesselung noch abgewendet. Außerdem gab es die Möglichkeit durch einen starken Gegenangriff das deutsche I. Korps zurückzuwerfen. Jedoch wagte es Samsonow nicht, Schilinskis Befehl zu verletzen. Er setzte die Offensive nicht nur fort, sondern verließ sein Hauptquartier am 27. August, um sich in das Hauptquartier des 15. Korps zu begeben. Als Schilinski die gefahrvolle Situation erkannte und er Samsonow am 28. August den Rückzugsbefehl erteilte, war dieser nicht mehr erreichbar. Zu spät erhielt Rennenkampf Anweisung, die Truppen seines linken Flügels über Bartenstein und Bischoffsburg vorzuschieben, um Samsonow zu unterstützen. Aber die Entfernung zur 2. Armee war zu groß und am 1. September befanden sich Truppen der 1. Armee noch 50 km entfernt von Tannenberg.

mini|Kesselbildung um die russische 2. Armee am 28. August 1914