Konzertarien sind weltliche Gesangsstücke für den Konzertsaal beziehungsweise für festliche Anlässe, vorrangig aus dem späten 18. und frühen 19. Jahrhundert, die von einem Orchester begleitet werden. Die meisten der heute noch aufgeführten Konzertarien stammen von Wolfgang Amadeus Mozart.
Definition Im Gegensatz zu Opernarien sind sie nicht Teil eines abendfüllenden Werkes, sondern dienen zur Auflockerung von Konzertprogrammen oder zur Darstellung der Bravour einer Sängerin, eines Sängers. Während das Kunstlied im Regelfall die Vertonung eines Gedichtes mit Cembalo- oder Klavier-Begleitung darstellt, eine lyrische Form, beinhaltet die Konzertarie durchaus theatralische Aspekte und schildert einen emotionalen Zwiespalt oder einen Gefühlsausbruch, eine dramatische Form. Daraus ergibt sich auch der Gegensatz zur Kirchenkantate, die als Deklaration der Frömmigkeit stets in Relation zu Gott steht und daher auf exaltierte Ausbrüche weitgehend verzichtet (aber nicht unbedingt auf Virtuosität). Gattungsgeschichtlich steht die Konzertarie zwischen italienischer Kantate und opera seria.Karl Heinrich Wörner: Geschichte der Musik: ein Studien- und Nachschlagebuch, Vandenhoeck & Ruprecht, 1993, S. 318
Im Regelfall bestehen Konzertarien aus einem accompagnato-Rezitativ und der eigentlichen Arie. Ihre Länge entspricht in etwa den ausgedehntesten und am meisten ausgearbeiteten Arien oder Szenen für Primadonna oder primo uomo in der zeitgenössischen Opera seria (d. h. ca. 8-12 Minuten bei Mozart, im 19. Jahrhundert etwas länger). Es gibt jedoch auch kürzere Konzertarien ohne Accompagnato, wie z. B. Mozarts Nehmt meinen Dank, ihr holden Gönner (KV 383), eine Abschiedsarie, die sich direkt und dankend ans Publikum wendet; manche haben auch einen humorvollen buffo-Charakter, wie Mozarts Ich möchte wohl der Kaiser sein (KV 539). Meistens wurden Konzertarien für eine bestimmte Sängerpersönlichkeit und deren stimmliche Möglichkeiten komponiert, ähnlich wie in der Oper. Ein gewisses Abgrenzungsproblem besteht zur sogenannten Einlagearie, die als Ersatz für eine bereits bestehende Arie einer Oper geschrieben wurde.Konrad Küster: Zur Bedeutung früher Sekundarüberlieferung im Werk Mozarts, Beobachtungen an den Konzert- und Einlagearien, in: Jürgen Heidrich, Hans Joachim Marx, Ulrich Konrad: Musikalische Quellen, Quellen zur Musikgeschichte, Festschrift für Martin Staehelin zum 65. Geburtstag, Vandenhoeck & Ruprecht, 2002, S. 315–328
Geschichte Im 17. Jahrhundert entwickelte sich die weltliche Solokantate zumeist über Dichtungen zu mythologischen Themen, zunächst in Italien (z. B. von Carissimi, Stradella, Alessandro Scarlatti, Caldara u. a.), später auch in Deutschland – mit Beispielen von Reinhard Keiser, Händel, Hasse u. a. Manche dieser Kantaten hatten eine Orchesterbegleitung und können damit als direkte Vorläufer der Konzertarie gelten, wie z. B. Hasses La scusa über einen Text von Metastasio. Derartige orchesterbegleitete Kantaten wurden noch bis ins 19. Jahrhundert komponiert, ein bekanntes Beispiel, das auch manchmal als Konzertarie angesehen wird, ist Haydns Scena di Berenice (1795), Hob. XXIVa:10, die er für Brigida Banti als Einlage in einem Konzert in London schrieb, wo u. a. auch Sinfonien von ihm und konzertante Instrumentalwerke erklangen.Der Untertitel lautet: "Cantata composta per la Signora Banti in Antigono di Pietro Metastasio". H.C. Robbins Landon und Christopher Hogwood: Texte zur CD: Joseph Haydn - Arias & Cantatas, mit Arleen Auger, Handel and Haydn Society, Christopher Hogwood, 1990 / 2005, S. 3 & 9-10. Siehe auch: H.C. Robbins Landon: Joseph Haydn - Sein Leben in Bildern und Dokumenten. Verlag Fritz Molden, Wien et al., 1981, S. 144–145 & 216. In derartigen (oft sehr langen) Konzerten wurden nicht nur Konzertarien, sondern auch ‚echte‘ Opernarien aufgeführt.
Auf der anderen Seite gab es schon vor der Klassik Arien, die als Einzelstücke konzipiert waren, und nicht für den größeren Rahmen von Oper, Oratorium oder Kantate, ein Beispiel dafür sind Händels Deutsche Arien (HWV 202-210), die jedoch für eine kammermusikalische Besetzung gedacht sind.
Seit dem Barock war es eine gängige Praxis, Einlagearien als Einschub in die Oper eines anderen Komponisten zu komponieren, wenn die ursprüngliche Arie für einen neuen Interpreten nicht passte. Gründe dafür konnte ein anderer Stimmumfang, oder andere stimmtechnische Möglichkeiten sein – also dass ein Sänger oder eine Sängerin entweder virtuoser oder nicht virtuos genug war –, manchmal wollte man eine ältere Oper auch durch neue Arien etwas modernisieren.
Jenseits davon stammen die vermutlich ersten originären Konzertarien von Johann Christian Bach, der aus Libretti von Metastasio entsprechende Passagen entnahm, vertonte und eigenständig aufführen ließ. Bach verwendete in seinen Konzertarien z. T. auch ungewöhnliche Solo-Instrumente, wie Fortepiano, 2 Violoncelli oder Hörner.Siehe die CD: Johann Christian Bach & W. A. Mozart: Concert Arias. Hjördis Thebault, Hiroko Kouda, Gustav Belacek, Ensemble Solamente Naturali, Didier Talpain, Brilliant Classics 2009. Abgesehen von den seltenen Ausnahmen mit einem Klavier als Solo-Instrument (siehe auch Mozarts Ch'io mi scordi di te – Non temer, amato bene (KV 505)) und wenigen anderen Beispielen, gibt es grundsätzlich allerdings keinen eindeutig definierbaren formalen Unterschied zwischen einer Einlage- und einer Konzert-Arie, und rein theoretisch war es gerade im 18. Jahrhundert denkbar, dass eine Konzertarie über einen Text von Metastasio sowohl in einem Konzert-, als auch in der entsprechenden Oper, aus welcher der Text stammte, hätte verwendet werden können. Genau wie man umgekehrt eine beliebte Arie aus einer Oper auch in einem Konzert hätte singen können (was auch vorkam und bis heute vorkommt, siehe oben).
mini|x170px|Aloysia Weber
Eine Vielzahl von Konzertarien komponierte Mozart, oft ebenfalls auf Metastasio zurückgreifend, zumeist maßgeschneidert für bevorzugte Sängerinnen wie Aloysia Weber, Josepha Duschek oder Nancy Storace.Einen erklärenden Text und genaue Auflistung aller Werke mit Entstehungszeit, Textquelle, Besetzung und ursprünglichen Sängern, bietet: H. C. Robbins Landon (Hrsg.): "Kap. X: Das Werk - … Gesang und Orchester", in: Das Mozart-Kompendium – sein Leben seine Musik, Droemer Knaur, München 1991, S. 374–382. Einige dieser Arien sind echte Bravourarien, besonders diejenigen für Aloysia Weber, in denen Mozart häufig den vollen Umfang ihrer Stimme vom c bis zum dreigestrichenen g ausnützt (z. B. Popoli di Tessaglia – Io non chiedo (KV 316) und Mia speranza adorata – Ah, non sai, qual pena sia (KV 416)). Insgesamt schrieb Mozart fast fünfzig einzelne Arien,H. C. Robbins Landon (Hrsg.): "Kap. X: Das Werk - … Gesang und Orchester", in: Das Mozart-Kompendium – sein Leben seine Musik, Droemer Knaur, München 1991, S. 374–382, hier: S. 374, und 377-382 (Liste aller Arien). die meisten für Frauenstimme, insbesondere Sopran,Die dreibändige Ausgabe seiner Konzertarien für Sopran umfasst 33 Titel. Wolfgang Amadeus Mozart: Sämtliche Konzert-Arien für Sopran, Breitkopf-Urtext, hrsg. von Juliane Banse und Franz Beyer, Klavierauszüge in drei Bänden (I: Frühe Werke (bis KV 119), II: Mittlere Werke (bis KV 486a), III: Späte Werke, Einlagearien und nachkomponierte Arien für eigene Opern (KV 418 bis KV 583)) aber auch für männliche Sänger, sowohl Kastraten als auch in der Stimmlage Tenor und Bass. Darunter sind allerdings viele Einlagearien für Opern anderer Komponisten und nachkomponierte Arien für eigene Opern – es ist nicht einmal in allen Fällen bekannt, ob eine Arie als Einlagearie oder ‚nur‘ für ein Konzert gedacht war.H. C. Robbins Landon (Hrsg.): "Kap. X: Das Werk - … Gesang und Orchester", in: Das Mozart-Kompendium – sein Leben seine Musik, Droemer Knaur, München 1991, S. 374–382. Frühe Arien, die er noch im Kindes- und Jugendalter schrieb, waren darüber hinaus vermutlich eine wichtige Kompositionsübung und dienten auch als Demonstration seiner Fähigkeiten im Hinblick auf einen Opernauftrag.Dazu auch: H. C. Robbins Landon (Hrsg.): "Kap. X: Das Werk - … Gesang und Orchester", in: Das Mozart-Kompendium – sein Leben seine Musik, Droemer Knaur, München 1991, S. 374–382., hier: S. 375 und 377.
Auch der junge Beethoven verfasste eine Konzertarie für die Duschek, die Mozarts tückische Arie Bella mia fiamma – Resta, o cara a prima vista fehlerfrei interpretiert hatte. Beethovens Konzertarie mit einer Dauer von 12 bis 14 Minuten besteht aus einem Rezitativ Ah! perfido von Pietro Metastasio und der eigentlichen Arie Per pietà, non dirmi addio, und beschreibt die Seelenqualen einer soeben verlassenen Frau. Das Werk trägt die Opus-Zahl 65 und soll im Herbst 1796 in Leipzig uraufgeführt worden sein. Weder die Widmungsträgerin, Gräfin Josephine de Clary, noch die junge Josephine Killitschky, die 1808 kurzfristig die Wiener Erstaufführung übernahm, konnten die Gesangspartie bewältigten. Das Werk versank in Vergessenheit, bis es in den 1950er Jahren von einer Reihe bekannter Opernsängerinnen im Konzertsaal und auf Schallplatte vorgestellt wurde – darunter waren Gré Brouwenstijn, Astrid Varnay, Elisabeth Schwarzkopf, Inge Borkh und Birgit Nilsson. In den 1960er Jahren zeichnete Maria Callas die Arie auf, es folgten Janet Baker, Montserrat Caballé, Gundula Janowitz, Gwyneth Jones, Cheryl Studer und Christiane Karg.Idagio: "Ah perfido!", Konzertarie op. 65, abgerufen am 19. Januar 2018 Das Werk erfreut sich heute anhaltender Beliebtheit bei Interpretinnen und beim Publikum.
Es gibt auch zumindest eine Konzertarie einer Komponistin, Io d'amor, oh Dio, mi moro von Fanny Hensel, ebenfalls mit einem Text von Metastasio.
Musikgeschichtlich abgelöst wurden die Konzertarien gegen Mitte des 19. Jahrhunderts weitgehend von den Orchesterliedern, erstmals von Hector Berlioz kreiert, mit Gustav Mahler als deren wichtigstem Vertreter.Lernhelfer: Orchesterlied, abgerufen am 15. November 2017 Parallel blieb das Genre der Konzertarie weiterhin bestehen, beispielsweise mit Alban Bergs Vertonung von Texten Charles Baudelaires, Der Wein, aus dem Jahr 1929.
Berühmte Konzertarien (Auswahl) In chronologischer Reihenfolge. Johann Christian Bach: Ebben, si vada, für Sopran, Oboe, Fortepiano & Orchester Johann Christian Bach: Sentimi non partir, für Sopran, 2 Celli, Fortepiano & Orchester Johann Christian Bach: Sventurata, in van mi legno, für Sopran, 2 Hörner & Orchester Mozart: Va, dal furor portata (KV 21), Text aus Metastasios Ezio, London 1765; erste Konzert- oder Einlage- (?)Arie Mozarts.H. C. Robbins Landon (Hrsg.): "Kap. X: Das Werk - … Gesang und Orchester", in: Das Mozart-Kompendium – sein Leben seine Musik, Droemer Knaur, München 1991, S. 374–382., hier: S. 375 und 377. Mozart: Ah, lo previdi – Ah, t'invola agl'occhi miei (KV 272), geschrieben für Josepha Duschek, gewidmet Aloysia Weber mini|x170px|Fanny Hensel
Mozart: Alcandro lo confesso – Non sò donde viene (KV 294), für Aloysia Weber. Mozart: Popoli di Tessaglia – Io non chiedo (KV 316), für Aloysia Weber. Mozart: Nehmt meinen Dank (KV 383), für ein Benefizkonzert von Aloysia Weber (1782). Mozart: Mia speranza adorata – Ah, non sai, qual pena sia (KV 416), für Aloysia Weber. Mozart: Ch'io mi scordi di te – Non temer, amato bene (KV 505), geschrieben für Nancy Storace, und mit einem Solo-Klavierpart, den Mozart für sich selber schrieb. Mozart: Bella mia fiamma – Resta, o cara (KV 528), geschrieben für Josepha Duschek Mozart: Ich möchte wohl der Kaiser sein (KV 539), für Friedrich Baumann, uraufgeführt am 7. März 1788. Mozart: Chi sà, chi sà, qual sia (KV 582), Einlagearie für Vicente Martín y Solers Da Ponte-Oper Il burbero di buon cuore Beethoven: Ah! perfido (1796), op. 65, geschrieben für Josepha Duschek, gewidmet Josephine von Clary-Aldringen Carl Maria von Weber: Rezitativ und Rondo Il momento s’avvicina, op. 16 J. 93 (1810) Carl Maria von Weber: Misera me!, op. 50 J. 121 (1811), Szene und Arie der Atalia