mini|hochkant=1.4|Kolosseum mini|hochkant=1.4|Blick auf das Kolosseum vom Palatin Das Kolosseum (antiker Name Amphitheatrum Novum oder Amphitheatrum Flavium, italienisch Colosseo, Anfiteatro Flavio) ist das größte der im antiken Rom erbauten Amphitheater, der größte geschlossene Bau der römischen Antike und weiterhin das größte je gebaute Amphitheater der Welt. Zwischen 72 und 80 n. Chr. errichtet, diente das Kolosseum als Austragungsort zumeist höchst grausamer und brutaler Veranstaltungen, die von Mitgliedern des Kaiserhauses zur Unterhaltung und Belustigung der freien Bewohner Roms und des römischen Reichs bei kostenlosem Eintritt ausgerichtet wurden. Heute ist die Ruine des Bauwerks eines der Wahrzeichen der Stadt und zugleich ein Zeugnis für die hochstehende Baukunst der Römer in der Antike.

Baugeschichte mini|Die Nordansicht des Kolosseums veranschaulicht die unterschiedliche an den Arkaden verwendete Säulenordnung in den einzelnen Ebenen mini|Bronzemünze (Sesterz) des Kaisers Domitian von 81/82 n. Chr. mit Darstellung seines verstorbenen Vorgängers Titus auf der Vorderseite und einer Ansicht des unter diesem fertiggestellten Kolosseums auf der Rückseite

Das erste steinerne Amphitheater Roms war das 29 v. Chr. eingeweihte Amphitheater des Statilius Taurus. Bis zu seiner Vernichtung durch den Großen Brand von Rom im Jahre 64 n. Chr. stand es auf dem Marsfeld und dürfte sich nicht wesentlich von den Amphitheatern außerhalb Roms unterschieden haben. Nach dem Brand errichtete Kaiser Nero am selben Standort nicht nur einen hölzernen Ersatz, sondern begann auch am Südhang des Hügels Esquilin eine neue Palastanlage, die Domus Aurea. Die Gärten der Domus Aurea umfassten auch den späteren Standort des Kolosseums in der Talsenke zwischen den Hügeln Oppius (Teil des Esquilin) und Palatin.

Um 72, wenige Jahre nach Neros Sturz, gab sein Nachfolger Vespasian, der die Macht in einem blutigen Bürgerkrieg errungen hatte, das Gebiet demonstrativ der römischen Öffentlichkeit zurück. Dort ließ er binnen weniger Jahre ein neues steinernes Amphitheater errichten, das nicht nur Neros Vorgängerbau auf dem Marsfeld, sondern alle bisherigen Arenen übertreffen sollte, um den Ruhm der neuen Herrscherdynastie der Flavier zu mehren. Nach einer Rekonstruktion der Bauinschrift des Kolosseums wurde seine Errichtung insbesondere aus der Beute des Jüdischen Krieges finanziert, unter anderem mit dem im Jahr 70 geplünderten Tempelschatz von Jerusalem.Géza Alföldy: Eine Bauinschrift aus dem Colosseum. In: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik. Band 109, 1995, S. 195–226 (PDF) = .

Das Gebäude, das ursprünglich dreigeschossig sein sollte, war beim Tod Vespasians im Jahr 79 fast vollendet. Es bestand aus drei übereinander angeordneten Arkadenreihen zu je 80 Bögen. Die Arkaden wurden durch Halbsäulen gegliedert: die zu ebener Erde in dorischer, die des zweiten Geschosses in ionischer und die des dritten Geschosses in korinthischer Ordnung. Angeblich auf Wunsch von Vespasians Sohn und Nachfolger Titus wurde den drei Rundbogengeschossen noch ein viertes Geschoss hinzugefügt, das nicht von Arkaden durchbrochen, sondern massiv gestaltet und nur von rechteckigen Fensternischen durchbrochen wurde. Die Außenmauern des Kolosseums wurden in römischem Travertin ausgeführt, im Inneren wurden jedoch die billigeren Ziegel und Tuff verwendet.

Nach seiner Fertigstellung im Jahr 80 wurde das Kolosseum dem Geschichtsschreiber Cassius Dio zufolge mit hunderttägigen Spielen eröffnet, unter anderem mit Gladiatorenkämpfen, nachgestellten Seeschlachten und Tierhetzen, bei denen 5000 Tiere in der Arena getötet wurden.

Architektur mini|Schnittzeichnung aus dem Lexikon der gesamten Technik (1904) von Otto Lueger Das Kolosseum ist nicht nur eine architektonische Meisterleistung, sondern wird auch den logistischen Problemen eines derart riesigen Veranstaltungsareals gerecht.

Eingangssystem 80 Eingänge rund um die Arena ermöglichten den Zuschauern, auf direktem Weg zu ihren Plätzen zu gelangen. Vier von diesen Eingängen waren den obersten gesellschaftlichen Schichten vorbehalten. Unter diesen befanden sich unter anderem der Kaiser, Senatoren, Vestalinnen und die männlichen Priester. Für diese bedeutenden Personen wurde ein eigens abgesichertes Podium am Rande der Arena errichtet.

Equites und normale Bürger benutzten die verbleibenden 76 der als Bögen gestalteten Eingänge. Die umlaufenden Korridore und die zahlreichen Treppen, die meist aus Marmor angefertigt wurden, führten das Publikum bis zur Höhe des dritten Geschosses, von wo aus sie ihre Plätze auf den Sitzreihen erreichten.

Auch heute noch bedient man sich beim Stadionbau dieses ausgeklügelten Systems, das es den Zuschauern möglich machte, die Arena in nur fünf Minuten zu räumen oder in 15 Minuten zu füllen. Die Erbauer gaben daher diesem System den Namen Vomitorium (von lateinisch vomere „erbrechen“).

Die Anordnung der Sitzplätze mini|Sitzplatzränge am Osteingang des Kolosseums. In den Stufen sind Inschriftenfragmente vorhanden, die zur Einteilung der Sitzplatzordnung für bestimmte Bevölkerungsgruppen im Amphitheater gedient hatten, , , , , , , ,

Im Kolosseum konnten nach heutigen Berechnungen ca. 50.000 Zuschauer Platz finden. Das podium, die erste Reihe der Sitzplätze, war den römischen Senatoren vorbehalten. Auch die kaiserliche Loge (pulvinar) befand sich hier. Spezielle Plätze gab es auch für die Vestalinnen, die traditionsgemäß öffentlichen Schauspielen beiwohnten. Darüber lag das Maenianum primum, das dem Stand der Equites (Ritter) vorbehalten war. Die darüber befindlichen Reihen maenianum secundum waren in drei Sektoren unterteilt. Der unterste Sektor (imum) diente den wohlhabenden Bürgern, während der oberste Sektor (summum) den ärmsten Bewohnern Roms vorbehalten war. Schlechter waren nur noch die Frauen der untersten Schichten untergebracht. Für sie gab es Stehplätze auf einer Holzkonstruktion auf dem obersten Geschoss (maenianum summum in ligneis), das Titus hatte anbauen lassen..

Die Arena mini|Grundriss (verschiedene Ebenen) Das Kolosseum ist ellipsenförmig gebaut. Seine Breite beträgt 156 Meter, die Länge 188 Meter, der Umfang 527 Meter, die Höhe 48 Meter. Auch der Boden der Arena war elliptisch mit einer Breite von 54 Metern und einer Länge von 86 Metern. Die runde Form sollte verhindern, dass Gladiatoren, zum Tode Verurteilte oder gejagte Tiere in einer Ecke Schutz suchen konnten. Den Boden der Arena bildeten Holzbohlen, die sich nach Bedarf entfernen ließen. Darunter befanden sich die Kellerräume und das 7 Meter dicke Fundament.

Am Außenrand des Obergeschosses wurden 240 senkrecht stehende Masten befestigt, an denen ein riesiges Velarium aufgezogen werden konnte, um den Innenraum zu beschatten. Dazu wurden Seesoldaten der bei Misenum (am Golf von Neapel) stationierten römischen Flotteneinheiten herangezogen. mini|Blick über das Kolosseum ins Innere (2021)

Unterkellerung und Bühnentechnik Der Raum unterhalb des Arenabodens war ursprünglich nicht bebaut. Nach Entfernung der Holzbohlen konnte er geflutet werden, etwa für die Naumachien (Seeschlachten), wie sie Titus nachweislich zur Einweihung des Kolosseums aufführen ließ.

Man vermutet, dass die Arena bereits unter Titus’ Bruder und Nachfolger Domitian in verschiedene Kellerräume untergliedert wurde. Damit entstand das sogenannte hypogeum, ein System aus Räumen, Gängen und Versorgungsschächten. Hier befanden sich Kerker für die zum Tode Verurteilten, der unterirdische Zugang von der benachbarten Gladiatorenkaserne (Ludus Magnus), Käfige für wilde Tiere und die Einrichtungen der höchst komplizierten Bühnenmaschinerie wie Falltüren, Rampen und Aufzüge. Mit Hilfe eines komplexen Systems von Winden und Flaschenzügen konnten aufwändige Dekorationen und Bühnenbilder in die Arena befördert werden. Innerhalb weniger Minuten konnte sich zur Überraschung der Zuschauer beispielsweise eine komplette Wald- oder eine Wüstenlandschaft aus dem Boden erheben. Unklar ist, ob die Arena nun immer noch geflutet werden konnte.

Die Nutzung des Kolosseums Als Arena war das Kolosseum fast 450 Jahre lang in Betrieb, unterbrochen nur in den Jahren von 217 bis 238, als es nach einem durch Blitzschlag am 23. August 217Kolosseum bei Structurae. verursachten Brand renoviert werden musste.

Kaiserzeit mini|Steintafel über dem an der Ostseite gelegenen Eingang zum Kolosseum, die das Amphitheater als eine durch Papst Benedikt XIV. geweihte Märtyrer-Stätte ausweist Das Kolosseum war der Veranstaltungsort von in aller Regel höchst grausamen Spielen, die von Mitgliedern des Kaiserhauses ausgerichtet wurden und zu denen jeder freie Bewohner Roms kostenlos Zutritt hatte.

Üblich waren vor allem Gladiatorenkämpfe (munera) und Tierhetzen (venationes), wobei Kämpfe zwischen besonders exotischen Tieren am beliebtesten waren. Umstritten ist, ob im Kolosseum auch die Exekution von Verurteilten durchgeführt wurde, vor allem jener, über die die damnatio ad bestias, der Tod durch wilde Tiere, verhängt worden war. Die Verurteilten wurden auch gezwungen, mit Waffen gegeneinander anzutreten, was einer damnatio ad ferrum entsprach. Die verbreitete Annahme, dass im Rahmen von Christenverfolgungen zahlreiche Märtyrer im Kolosseum auf diese Weise den Tod gefunden hätten, ist nicht durch antike Quellen belegt, und viele Forscher vermuten, dass die Hinrichtungen an anderer Stelle stattfanden (vgl. Sinn 2006).

Zu Beginn fanden Schiffskämpfe (Naumachiae) im Kolosseum statt, was aber nach der Unterkellerung der Arena nicht mehr möglich war. Einige Historiker schätzen, dass im Laufe der Jahrhunderte etwa 300.000 bis 500.000 Menschen und noch lange nach ihnen viele Millionen Tiere im Kolosseum starben. Viele Gelehrte halten diese Zahlen aber für viel zu hoch gegriffen, da Gladiatorenkämpfe seltener tödlich ausgingen als oft vermutet.

Spätantike Auch nach der Christianisierung des Römischen Reichs wurden in Rom, das die Rolle als Hauptresidenz zunächst an Augusta Treverorum (heute Trier), dann an Mediolanum (Mailand) und schließlich Ravenna (Weströmisches Reich) beziehungsweise Konstantinopel (Oströmisches Reich) verloren hatte, aber immer wieder von Kaisern aufgesucht wurde, zunächst weiter Spiele veranstaltet, die nun oft von reichen Senatoren finanziert wurden, munera zuletzt vermutlich 434/435. Denn Rom blieb weiterhin der Sitz des Senats, und von den Aristokraten wurde erwartet, dem Volk Unterhaltung zu bieten.

Bereits unter Kaiser Honorius (395–423) war die Spieltätigkeit eingeschränkt worden. Die sehr populären Tierhetzen (venationes) blieben hingegen gestattet und wurden auch nach dem Ende des weströmischen Kaisertums unter der Herrschaft der Ostgoten fortgesetzt. Die letzte Hetze im Kolosseum, von der die Quellen berichten, fand 523 unter der Herrschaft Theoderichs des Großen statt.

Das Christentum lehnte die Spiele zwar ab, doch gab dies nicht den Ausschlag: erst wegen des rapiden Bevölkerungsrückgangs Roms während des 5. und 6. Jahrhunderts lohnte sich der Aufwand zuletzt nicht mehr. Zur Zeit der letzten Tierhetze war das Kolosseum bereits durch Erdbeben beschädigt worden, doch hatten Odoaker und die Ostgoten noch umfangreiche Reparaturen durchführen lassen. Spätestens nach den schweren Zerstörungen, die Rom während der Rückeroberungskriege des oströmischen Kaisers Justinian erlitten hatte, verfiel das Kolosseum. Da fortan endgültig kein Herrscher mehr in der Stadt residierte und auch der Senat bald nicht mehr existierte, wurde es auch nicht wieder renoviert.

Vom Mittelalter bis heute mini|Kolosseum um 1890 mit der Meta sudans im Vordergrund, die dort bis 1936 stand. mini|Kolosseum. Historisches Luftbild von Werner Friedli (1953)