mini|Numerorum mysteria von Pietro Bongo, 1591
Unter Zahlensymbolik (auch Zahlenmystik, Zahlenspekulation oder Numerologie) versteht man die Zuweisung von Bedeutungen an einzelne Zahlen oder Zahlenkombinationen, wobei die Zahlen eine symbolische Funktion erhalten, die über ihre mathematische Funktion hinausverweisen. Diese Symbolik wird, mit Unterschieden in Ausprägung und Funktion, in Religion, Liturgie, Literatur, Brauchtum und Aberglaube beachtet und spielt darüber hinaus bei der Erforschung historischer Formen der Musik, Architektur, Medizin, Kunst und des Rechts eine Rolle.
Einführung Im Gegensatz zum mathematischen Zahlenverständnis, bei dem Zahlen rein formale Funktionen haben, weist die Zahlenmystik bestimmten Zahlen darüber hinausgehende Bedeutungen zu. In Brauchtum, Mystik und Religion treten mit Bedeutsamkeit aufgeladene Zahlen als Symbol, als Metapher oder in der Struktur von Riten (bspw. Orakeln) oder Bauwerken auf. Diese Zahlen erhalten einen spezifischen Charakter, eine individuelle Qualität und Eigenschaften, etwa „männlich“, „weiblich“, „glückverheißend“ oder „heilig“, der je nach Kulturkreis durchaus variieren kann. Dabei werden oft auch Werturteile über Dinge auf mit ihnen verknüpfte Zahlen übertragen oder umgekehrt Werturteile über Zahlen auf die mit ihnen verknüpften Dinge.
Fast alle zahlensymbolischen Systeme betrachten die einstelligen Zahlen von Eins bis Sieben sowie die Zehn. Dies dürfte auf die Mondphasen und die daraus abgeleiteten kulturellen Konventionen wie die Siebentägigkeit der Woche zurückgehen. Die Zahl Zehn ist auch grundlegend für das Dezimalsystem, ausgehend von der Zehnfingrigkeit der Hände.
Zahlensymbolik ist weltweit in zahlreichen Kulturen und Religionen verbreitet. Vor allem im Mittelalter strebten Verfasser wissenschaftlicher Texte gemäß Konrad Goehl oft eine Zahlenharmonie an.Johannes Gottfried Mayer: „Zwoelf stúcke von dem harne“. Eine Uroskopie aus den Harnschriften des „Elsässischen Arzneibuchs“. In: Konrad Goehl, Johannes Gottfried Mayer (Hrsg.): Editionen und Studien zur lateinischen und deutschen Fachprosa des Mittelalters. Festgabe für Gundolf Keil. Königshausen und Neumann, Würzburg 2000 (= Texte und Wissen. Band 3), ISBN 3-8260-1851-6, S. 193–205, hier: S. 195. Die erste und umfassende Systematik der abendländischen Numerologie auf der Grundlage symbolischer Bibelexegese wurde im ausgehenden 16. Jahrhundert von Pietro Bongo erarbeitet.
Hintergrund Wissenschaftliche Theorien werden oftmals als „Numerologie“ bezeichnet, wenn der ursprüngliche Zweck der Studie auf einer Reihe von Mustern basiert, anstatt auf wissenschaftlichen Beobachtungen zu beruhen. Dieser umgangssprachliche Gebrauch des Begriffs ist in wissenschaftlichen Kommentaren weit verbreitet und wird im Wesentlichen dafür verwendet, um eine Theorie bzw. eine wissenschaftliche Publikation als zweifelhaft zu verwerfen.
Das bekannteste Beispiel der Numerologie in der Wissenschaft ist die Large Number Hypothesis, die 1937 von Paul Dirac aufgestellt wurde. Dabei handelt es sich um eine Theorie, die sich mit der seltsamen Häufung von absoluten Verhältnissen in der Größenordnung der Zahl 1040 beschäftigt. Mit der Hypothese beschäftigten sich auch andere Persönlichkeiten, wie der Mathematiker Hermann Weyl und der Astronom Arthur Stanley Eddington.Victor J. Stenger: University of Colorado, abgerufen am 16. März 2015.
Mit naturwissenschaftlichen Methoden sind zahlensymbolische (numerologische) Praktiken etwa zum Zwecke des WahrsagensWebseite der GWUP gwup.org. Abgerufen am 2. April 2014. oder zur Gewinnung okkulter Erkenntnisse nicht überprüfbar und wegen ihres weiten Interpretationsspielraumes nicht falsifizierbar. Damit entziehen sie sich naturwissenschaftlichem Urteil. Die Naturwissenschaften ordnen numerologische Praktiken deshalb dem Bereich des Aberglaubens zuU. Dudley: Numerology: Or, What Pythagoras Wrought. Mathematical Association of America. – a skeptical survey of the field through history. 1997. und werten sie generell als Irrglaube.I. Oepen, K. Federspiel, A. Sarma, J. Windeler (Hrsg.): Lexikon der Parawissenschaften. Lit-Verlag, Münster 1999. Dies wird auch gegen Behauptungen ins Feld geführt, symbolträchtige Zahlenverhältnisse würden Naturgegebenheiten (Kristallographie, Pflanzenwuchsformen) getreu abbilden, desgleichen gegen Hypothesen, die eine verborgene Zahlensymbolik in Bauwerken wie der Cheops-Pyramide annehmen und in ihrer Argumentation archäologische Befunde mit astrophysikalischen und geophysikalischen Gegebenheiten verknüpfen.Cornelis de Jager: Was ist Radosophie? In: Gero von Randow (Hrsg.): Mein paranormales Fahrrad und andere Anlässe zur Skepsis, entdeckt im „Skeptical Inquirer“. Reinbek 1993, S. 23–33.
Die Entdeckung atomarer Triaden, die sich mit den Elementen einer Gruppe oder Spalte des Periodensystems beschäftigt, wurde als eine Form der Numerologie bezeichnet, die schließlich zur Entstehung des Periodensystems führte.Johann Wolfgang Dobereiner. Purdue University, abgerufen am 16. März 2015. In diesen Triaden wird das durchschnittliche Atomgewicht des leichtesten und schwersten Elements einer Gruppe errechnet, welches dann annähernd dem Atomgewicht des mittleren Elements entspricht. Obwohl diese Methode nicht mit jedem Triplett funktioniert, basierten manche wissenschaftliche Arbeiten in der Folge auf dieser Beobachtung.I. J. Good: A Quantal Hypothesis for Hadrons and the Judging of Physical Numerology. In: Disorder in Physical Systems. Oxford University Press, Oxford 1990, ISBN 0-19-853215-6, S. 141.Dan Falk: Cosmic numbers: Pauli and Jung's love of numerology. In: NewScientist – Opinion. am 29. April 2009, abgerufen am 16. März 2015.
Zu den weiteren Wissenschaften, die sich mit Zahlensymbolik befassen, gehören die Linguistik (Zahlen als semantisch relevante Objekte) und die Kulturwissenschaften (Zahlen in Brauchtum, Ritus und Aberglaube). Außerdem können esoterische Praktiken zahlensymbolischer Orakeltechnik unter dem Begriff Numerologie hinsichtlich ihrer sozialen und psychologischen Auswirkungen auf Individuum und Gesellschaft ein Gegenstand von sozial- und kulturwissenschaftlichem Interesse sein.
Alchemie Manche Theorien in der Alchemie lassen sich auf numerologische Prinzipien zurückführen. Beispielsweise basierte der iranische Alchemist Dschābir ibn Hayyān seine Experimente auf einem eigens ausgearbeiteten numerologischen System aufgrund der Bezeichnung der verwendeten Substanzen in arabischer Sprache.Syed Nomanul Haq: Names, Natures and Things – The Alchemist Jabir Ibn Hayyan and His Kitab Al-Ahjar (Book of Stones). Springer Netherlands, Dordrecht 1994, ISBN 0-7923-3254-7. Sowohl in der abendländischen als auch in der orientalischen wie der chinesischen Alchemie waren Zahlenmystizismen verbreitet.Allison Coudert: Der Stein der Weisen. Die geheime Kunst der Alchemisten. (Originalausgabe: Alchemy: the Philosopher's Stone. 1980) Lizenzausgabe. Pawlak, Herrsching 1992, ISBN 3-88199-911-6, S. 205–206.
Zahlenschriften (Zahlen aus Wörtern) Es gibt zahlreiche Zahlenschriften, die bestimmten Buchstaben im Alphabet einen numerischen Wert geben. Beispiele hierfür sind das Abdschad, die hebräische Zahlschrift, die griechische Zahlschrift und die armenische Zahlschrift. Die jüdische Tradition der Interpretation von Worten aufgrund ihrer numerischen Werte wird Gematrie genannt. Das arabische System der Numerologie ist das Abdschad. In diesem System hat jeder Buchstabe des arabischen Alphabets einen bestimmten Wert.Frank Lewis: Overview of the Abjad numerological system. In: Bahai-Library, abgerufen am 16. März 2015.
Zur Zahlensymbolik gehört auch die Umwandlung von Wörtern in Zahlenwerte. Hierzu werden einzelnen Buchstaben Zahlenwerte zugeordnet, die dann gemäß verschiedenen Rechenverfahren, die in der Regel die Bildung der Quersumme beinhalten, in Ergebniszahlen resultieren.
Zahlensymbolik in der Bibel
In der Bibel haben Zahlen oft eine symbolische Bedeutung. Es gilt, dass die Exegese und Analyse historischer und religiöser Texte ohne zahlensymbolisches Verständnis kaum möglich ist.Pat Alexander, David Alexander (Hrsg.): Das große Handbuch zur Bibel. Stuttgart 2003.Herbert Kölsch: Die biblischen Zahlen als Gleichnis : ihre Deutung im Werk Em. Swedenborgs. In: Offene Tore. 18/1974.Georg Fohrer: Einleitung in das Alte Testament. 12. Auflage. Heidelberg 1979.Ethelbert W. Bullinger: Number in Scripture. Kregel Publications.Christoph Dohmen: Die Bibel und ihre Auslegung. C.H. Beck Verlag, 2011.
Im Frühmittelalter stellte schon Isidor von Sevilla in seinen Etymologiae den Erkenntniswert der Zahlensymbolik für die Theologie heraus: Die Bedeutung der Zahlen ist nicht zu verachten. An vielen Stellen in den heiligen Schriften wird nämlich deutlich, welch großes Geheimnis sie enthalten. Denn nicht umsonst heißt es in den Lobpreisungen Gottes: »Du hast alles nach Maß und Zahl und Gewicht gemacht.« Die Zahl Sechs, die durch ihre Teiler vollkommen ist, zeigt die Vollkommenheit der (in sechs Tagen erschaffenen) Welt durch ihre Zahlenbedeutung an. In gleicher Weise lassen sich die vierzig Tage, die Moses, Elias und der Herr selbst gefastet haben, ohne Erkenntnis der Zahlen nicht verstehen. So kommen in den heiligen Schriften noch andere Zahlen vor, deren uneigentlichen Sinn nur Kenner dieser Fachwissenschaft deuten können. (Isid. orig. 3.4.1)Ratio numerorum contemnenda non est. In multis enim sanctarum scripturarum locis quantum mysterium habent elucet. Non enim frustra in laudibus Dei dictum est: »Omnia in mensura et numero et pondere fecisti.« Senarius namque qui partibus suis perfectus est, perfectionem mundi quadam numeri significatione declarat. Similiter et quadraginta dies, quibus Moyses et Helias et ipse Dominus ieiunauerunt, sine numerorum cognitione non intelleguntur. Sic et alii in scripturis sacris numeri existunt, quorum figuras nonnisi noti huius artis scientiae soluere possunt (Isid. orig. 3.4.1). Das Alte Testament und das Neue Testament enthalten viele Zahlenangaben, die in der Geschichte der Bibelexegese nach der Lehre vom vierfachen Schriftsinn bis zum Spätmittelalter intensiv buchstäblich und allegorisch ausgelegt worden sind. Dabei werden Zahlen, die sowohl im Alten wie im Neuen Testament vorkommen, oftmals typologisch als auf den späteren christlichen Sinn vorausdeutend interpretiert. So wurden die vier viergesichtigen und vierflügligen Wesen in der Vision des Ezechiel (in ) spätestens seit Hieronymus als Typen der vier Evangelisten gedeutet.
Die moderne historisch-kritische Exegese hat die Zahlen-Hermeneutik als Allegorese fallengelassen. Es bleibt umstritten, inwieweit die alttestamentlichen und neutestamentlichen Autoren bewusst die jüdische Zahlensymbolik (Gematrie) anwandten, d. h. dass Zahlenwerte einzelnen Wörtern zugewiesen wurden, weil die hebräischen Buchstaben zugleich Zahlen bezeichnen (hebräische Zahlschrift).
Insbesondere in den Schriften des Johannes und apokalyptischen Schriften spielen Zahlen eine Rolle, da sie als systematisierend und die Weltordnung übersichtlicher machend empfunden werden.Philipp Vielhauer: Geschichte der urchristlichen Literatur. Berlin 1978, ISBN 3-11-007763-9, S. 488. Der Ursprung biblisch-apokalyptischer Zahlensymbolik ist in der babylonischen Zahlenspekulation zu sehen.Philipp Vielhauer: Geschichte der urchristlichen Literatur. Berlin 1978, ISBN 3-11-007763-9, S. 492.