Die UGM-73 Poseidon war eine U-Boot-gestützte ballistische Rakete (SLBM) aus den Vereinigten Staaten. Die Poseideon-Raketen waren bei ihrer Einführung die ersten SLBM mit MIRV-Gefechtsköpfen.Duncan Lennox: Jane’s Strategic Weapon Systems – 38th Edition. Jane’s Information Group, 2003, S. 628.
Entwicklung Bereits bei der Entwicklung der UGM-27C Polaris A3 beabsichtigte die United States Navy eine weitere Ausführung dieser Rakete mit einer größeren Reichweite zu entwickeln. Daraufhin untersuchte das United States Navy Special Projects Office das Polaris-Konzept auf den U-Booten der Lafayette-Klasse hinsichtlich einer möglichen Reichweitensteigerung. Dabei untersuchte man auch die Stoßdämpfer, mit welchen die Polaris-Raketen an den Schachtwänden in den Raketenschächten fixiert waren. Würde man diese Stoßdämpfer weglassen, könnte man eine Rakete mit einem größeren Durchmesser und somit einer größeren Reichweite im Raketenschacht unterbringen. Im November 1963 startete das Programm Polaris B3 mit dem Ziel, eine Rakete mit einer Reichweite von 5.600 km (3.500 Meilen) zu entwickeln. Im Laufe des Jahres 1964 wurde beschlossen die neue Rakete mit MIRV-Gefechtsköpfen auszurüsten und die Forderung nach größerer Reichweite wurde zweitrangig. Im Januar 1965 stellte Lyndon B. Johnson das Programm der Öffentlichkeit vor, welches nun die Bezeichnung Poseidon C3 trug. Im selben Jahr bekamen die Raketen die offizielle Bezeichnung UGM-73. Am 16. August 1968 erfolgte ab dem Kennedy Space Center der der erste Start eine UGM-73. Bis im Juni 1970 fanden dort 20 Testflüge mit der UGM-73 statt, von denen 14 als erfolgreich gewertet wurden. Am 3. August 1970 erfolgte der erste Teststart ab einem U-Boot, der USS James Madison (SSBN-627). Danach wurden weiter vier Testflüge ab U-Booten durchgeführt, welche alle erfolgreich verliefen. Am 31. März 1971 waren die ersten UGM-73 Poseidon einsatzbereit und gingen an Bord der USS James Madison auf Patrouille. Nach weiteren Testfügen die fehlerhaft verliefen wurden Qualitätsmängel an den Raketenbauteilen, insbesondere an der Verkabelung und der Elektronik festgestellt. Daraufhin mussten die bereits ausgelieferten Raketen aus den U-Booten entnommen und nachgebessert werden. Bis zum Produktionsende im Jahr 1978 wurden bei Lockheed Martin 619 Poseidon-Raketen produziert.Graham Spinardi: From Polaris to Trident: The Development of US Fleet Ballistic Missile Technology. Cambridge University Press, 2008, S. 98–131.James N. Gibson: Nuclear Weapons Of The United States: An Illustrated History. Schiffer Military History, 1997, S. 36–38.
Technik Die UGM-73 Poseidon war eine zweistufige, U-Boot-gestützte ballistische Rakete mit Feststoffraketentriebwerken. Die Rakete hatte eine typisch zylinderförmige Rumpfgeometrie mit einem Durchmesser von 1.880 mm (74 Zoll) sowie einer ogiven Raketenspitze mit einem Basisdurchmesser von 1.830 mm (72 Zoll). Die Rakete kann grob in drei Sektionen aufgeteilt werden: Erste Raketenstufe, zweite Raketenstufe und die Gefechtskopfsektion.Max Walmer: An Illustrated Guide to Strategic Weapons. Salamander Books, 1988, S. 64–56.
Erste Raketenstufe Die Rakete verwendete in der ersten Raketenstufe ein von Hercules Inc. und Thiokol entwickeltes Raketentriebwerk mit einer hydraulisch beweglichen Düse. Die Stufe entwickelte am Boden einen Startschub von 980,6 kN, hatte eine Länge von 3,99 m und wog 18.987 kg, wovon 17.599 kg auf den Treibstoff entfielen. Als Raketentreibstoff wurde Ammoniumperchlorat-Verbundtreibstoff (APCP) verwendet. Das Gehäuse, das gleichzeitig die Brennkammer darstellte, bestand aus Glasfaserverstärktem Kunststoff (GFK).
Oben auf der ersten Stufe befand sich der Stufenadapter für die Verbindung zur zweiten Stufe. Diese Zwischensektion war 0,86 m lang und wog rund 88 kg und bestand aus einer gehärteten Aluminiumlegierung. Zwei Wartungsluken ermöglichten den Zugang zu den Komponenten am oberen Ende der ersten Antriebsstufe und am unteren Ende zweiten Antriebsstufe. Weiter gab es Entlüftungsöffnungen für den Druckausgleich unter Wasser sowie in der Atmosphäre.
Zweite Raketenstufe Die zweite Raketenstufe verwendete ein von Hercules Inc. entwickeltes Raketentriebwerk aus glasfaserverstärktem Kunststoff mit einer hydraulisch beweglichen Düse. Die Stufe entwickelte einen Schub von 392,3 kN, hatte eine Länge von 1,50 m und wog 7.763 kg, wovon 7.203 kg auf den Treibstoff entfielen. Als Treibstoff wurde Komposit-Modifizierter Doppelbasis-Treibstoff (CMDB) auf der Basis von Cellulosenitrat, Ammoniumperchlorat, Oktogen und Aluminiumpulver als Oxidator verwendet. Die zweite Antriebstufe verfügte über eine Schubterminierung. Zu diesem Zweck waren Raketenstufe kopfseitig sechs Öffnungen angebracht, die zum gewünschten Zeitpunkt aufgesprengt wurden, wobei sich der Innendruck in der Treibstoffkammer schlagartig reduzierte.
Oben auf der zweiten Stufe befand sich ein Adapterkonus aus einer gehärteten Aluminiumlegierung für die Verbindung zur Gefechtskopfsektion. Diese Zwischensektion war 0,61 m lang und wog rund 98 kg. Der Konus hatte unten einen Durchmesser von 1.880 mm welcher sich nach oben auf 1.830 mm verjüngte. Eine Wartungsluke gewährte Zugang zur Lenkeinheit und für Testflüge konnten in dem Konus Messgeräte platziert werden.
Gefechtskopfsektion mini|Die unbeladene Gefechtskopfsektion einer Poseidon Die aus einer gehärteten Aluminiumlegierung bestehende Gefechtskopfsektion war 0,65 m lang und wog ohne Nutzlast rund 84 kg. Oben auf der Gefechtskopfsektion war die ogive Nutzlastverkleidung aufgesetzt. Diese war aus einem Verbundwerkstoff aus Sitka-Fichtenholz, Glaserfaserkunststoff und Aluminiumblech gefertigt, wog rund 37,6 kg und war 2,31 m lang. Sie enthielt zwei kleine Raketentriebwerke, um die Verkleidung nach deren Absprengen aus der Flugbahn der Rakete zu befördern. Unter der Nutzlastverkleidung war der Wiedereintrittskörperträger (englisch Post Boost Vehicle oder Bus) platziert. Im Wiedereintrittskörperträger befand sich die Lenkeinheit und der Träger konnte mit bis zu 14 MIRV-Gefechtsköpfen beladen werden. Die Lenkeinheit sowie die Gefechtsköpfe waren gegen Elektromagnetische Impulse von Kernwaffenexplosionen im Weltraum geschützt. Die Wurfmasse der Poseidon betrug je nach Quelle 1.497–2.000 kg.
Lenkeinheit Die Mk 3-Lenkeinheit wurde von General Electric, Raytheon, Bendix Corporation, Honeywell International sowie vom MIT entwickelt. Die Lenkeinheit bestand aus einem Inertialen Navigationssystem sowie einer Elektronikbaugruppe mit einem Digitalcomputer. Für das inertiale Navigationssystem wurden drei IRIG-Trägheitsreferenz-Gyroskope (Inertial Reference Integrating Gyroscopes) verwendet und für die Geschwindigkeitsmessung waren drei gepulste PIPA-Geschwindigkeitsmesser (Pulsed Integrating Pendulous Accelerometers) verbaut. Die Elektronikbaugruppe verwendete Schaltkreise mit kleiner Integration (SSI) mit etwa 5000 Gatter. Der Digitalcomputer arbeitete mit 100 KByte Festwertspeicher (ROM) für die permanente Programmspeicherung sowie 12 KByte Kernspeicher (RAM) für die Variablen vor und während dem Flug.
Wiedereintrittskörperträger & Gefechtsköpfe Der Wiedereintrittskörperträger wurde von einem Festtreibstoff-Gasgenerator angetrieben. Weiter waren am Wiedereintrittskörperträger kleine Raketenmotoren zur Lageregelung sowie für die Rollbewegungen verbaut. Auf dem Wiedereintrittskörperträger waren bis zu 14 kegelförmigen Mk 3-Wiedereintrittskörper aufgesetzt. Bei diesen wurde als Hitzeschild eine Berylliumlegierung sowie eine Spitze aus Graphit verwendet. Die Graphitspitze hatte eine asymmetrische Form, die beim Durchfliegen der Erdatmosphäre den Wiedereintrittskörper in leichte Rotation versetzte, um ein ungleichmäßiges Abbrennen des ablativen Hitzeschildes zu verhindern. In dem Wiedereintrittskörper war ein W68-Nukleargefechtskopf verbaut, der vom Lawrence Livermore National Laboratory entwickelt wurde. Der Nukleargefechtskopf besaß eine Sprengleistung von 40–50 kT. Für die Zündung des primären Kernspaltungssprengsatzes wurden anfänglich Sprengstofflinsen aus polymer-gebundenem Sprengstoff vom Typ LX-09 verwendet. Dieser Sprengstoff begann sich allerdings früh zu zersetzen, so dass später die Sprengstoffe LX-10 und LX-10-1 verwendet wurden. Die bereits ausgelieferten Gefechtsköpfe mussten von den Raketen entnommen und beim Hersteller nachgebessert werden. Insgesamt wurden 5.250 Gefechtsköpfe für die Poseidon-Raketen gefertigt.Thomas B. Cochran: Nuclear Weapons Databook 1984, Volume I, U.S. Nuclear Forces and Capabilities. Natural Resources Defense Council, 1984, S. 69–70.
Stationierung & Einsatzkonzept mini|Die USS Woodrow Wilson mit teilweise geöffneten Raketenschächten Die UGM-73 Poseidon war ab 1971 auf den U-Booten der Lafayette-Klasse sowie deren Unterklassen James-Madison-Klasse und Benjamin-Franklin-Klasse stationiert. Die älteren U-Boote der Ethan-Allen-Klasse blieben weiterhin mit der UGM-27C Polaris A3 bewaffnet. Diese Boote gingen im Pazifischen Ozean entlang der Ostküste der Sowjetunion auf Patrouille. Die Boote mit den Poseidon-Raketen operierten im Atlantischen Ozean und im Mittelmeer. Für diese Boote standen die Marinebasis Rota in Spanien und der Stützpunkt Holy Loch in Schottland zur Verfügung. Die Poseidon-Raketen waren ein wichtiger Bestandteil der MAD-Doktrin. Die Raketen waren aufgrund ihrer kleinen Gefechtsköpfe und dem eher großen Streukreisradius (CEP) primär für einen Zweitschlag vorgesehen. Zu den wahrscheinlichen Zielen gehörten Militärflugplätze, Militärbasen, militärische Depots sowie zivile Infrastruktur- und Industrieziele.Max Walmer: An Illustrated Guide to Strategic Weapons. Salamander Books, 1988, S. 46–47.Peter Lobner: Marine Nuclear Power 1939–2018. Lyncean Group, 2018. S. 308–310.