Bernhard Berghaus (* 31. Juli 1896 in Amsterdam; † 30. Dezember 1966 in ZürichGenealogisches Handbuch des Adels 1989, S. 127; vollständiger Name: Bernhard Ignazius Josef Maria Berghaus) war ein deutscher Rüstungs-Unternehmer.Trotz der vielen Patente in seinem Namen war Berghaus selbst durchaus kein ausgewiesener Physiker, wie mitunter zu lesen (so bei Gerald D. Feldman: Austrian Banks in the Period of National Socialism. Cambridge University Press, Cambridge 2015, ISBN 978-1-107-00165-7, S. 525); nach Aussagen eines leitenden Mitarbeiters war er hauptsächlich Kaufmann, kein Ingenieur, und es fehlte ihm die fachmännische Fähigkeit (Aussage Hugo Wedekind, 28. Februar 1947). Er bezeichnete sich selbst stets als Fabrikant. In seinem Labor wurde das Ionitrierverfahren zur Härtung von Metallen entwickelt, auch als Ionenplattieren bezeichnet.

Leben Bernhard Berghaus war Sohn eines vermögenden deutschen Textilunternehmers. Er wuchs in Münster auf und besuchte hier das Gymnasium bis zum Abitur 1915.

Im Ersten Weltkrieg diente er ab 1915 in der Kaiserlichen Marine als Leutnant zur See, unter anderem auf der Schlesien und bei der I. Seeflug-Abteilung in Kiel-Wik. Am 3. Juni 1920 wurde er außer Dienst gestellt.Ehrenrangliste der Kaiserlich Deutschen Marine 1914–1918. Marine-Offizier-Verband, Berlin 1930, S. 550. Was er in der Zeit vom Kriegsende bis 1923 machte, ist unbekannt.

1923 eröffnete er eine Reparaturwerkstatt für Maschinen in Berlin-Lankwitz. Daraus entwickelte sich später das Unternehmen Versuchsstation und Laboratorium Bernhard Berghaus, das bis zu 150 Forscher beschäftigte.Memorandum von Robert Murphy an amerikanische Gesandtschaft Bern vom 30. Januar 1946 1932 erhielt er ein epochemachendes Patent für ein in seinem Labor entwickeltes Verfahren zum Vergüten von Metallgegenständen. Er hatte bzw. die für ihn tätigen Ingenieure hatten, aufbauend auf Forschungen von Arthur Wehnelt, erstmals ein stabiles Verfahren zum Ionitrieren mittels Glimmentladung entwickelt. Mit diesem Verfahren konnten Metalle beschichtet und so gehärtet werden. Insbesondere Leichtmetall wie Aluminium konnte dadurch dem Stahl vergleichbare Eigenschaften gewinnen, was das Verfahren für Rüstungsprodukte wichtig werden ließ. Damit begann die technische Anwendung der Glimmentladung, die zu zahlreichen weiteren Patenten führte.Max Fink, Alfred Friedrich Steinegger: Die Erscheinung der Reiboxydation an ionitrierten Stahloberflächen. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 1965, S. 26 f.

Beginnend mit dem Erwerb der Mehrheit an dem Unternehmen Leipziger Leichtmetallwerke Rackwitz 1932 baute Berghaus zielstrebig einen Konzern der Rüstungsindustrie auf. Nach Einschätzung der alliierten Untersuchung hat er „einen wesentlichen Beitrag zur deutschen Wiederaufrüstung und Kriegswirtschaft geleistet“.Tarnung - Transfer - Transit (Lit), S. 204

Zum 1. Mai 1933, dem Tag der Arbeit, trat Berghaus der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 2.878.103).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/2541257Memorandum von 1947 (ohne die dort stehende zusätzliche O am Ende). Eine Ernennung zum Wehrwirtschaftsführer und andere Ehrungen wie das Kriegsverdienstkreuz lehnte er laut Zeugenaussagen jedoch ab.Aussage von Viktor Schulz vom 9. Juli 1948, Archiv der Hansestadt Lübeck (AHL) Entnazifizierung („DeNa ohne Kosten“) Nr. 4330.

Seine Betriebe arbeiteten eng mit dem Oberkommando des Heeres zusammen. Sie entwickelten zahlreiche Verfahren der Mittel- und Hochfrequenztechnik sowie der Atomphysik. Berghaus meldete 1100 Patente an, wovon 800 für die Produktion in der Rüstungsindustrie genutzt wurden. In seinen Werken arbeiteten bis zu 11.000 Personen, darunter auch viele Zwangsarbeiter im Zweiten Weltkrieg. Bernhard Berghaus galt als viertgrößter Unternehmer des Deutschen Reichs.

Nach dem Ende des Abessinienkriegs schickte er mit Genehmigung der deutschen (Wilhelm Keppler, Reichsamt für Bodenforschung) und italienischen Behörden eine Expedition in das von Italien besetzte Äthiopien mit dem Ziel, abbaubare Mineralien wie Wolfram zu erkunden. Berghaus stellte die Finanzierung mit eigenen Mitteln sicher; er erregte dabei jedoch nach Aussage seines zeitweiligen Anwalts Friedrich-Carl Sarre den Verdacht der Devisenstelle im Reichswirtschaftsministerium, dass er die Expedition dazu nutzen wollte, um Devisen ins Ausland zu bringen.Aussage Sarre vom 2. Dezember 1946

Berghaus unterhielt umfangreiche Kontakte in die neutrale Schweiz und war 1940/1941 längere Zeit in Davos. Peter Anton Feldscher, der Schutzmachtbevollmächtigte der Schweizer Botschaft, lebte längere Zeit auf dem Gut der Gontards, der Schwiegereltern von Berghaus, in Großwudicke. Feldscher nahm Berghaus deshalb am 12. April 1945 mit in die Schweiz.Aussage Berghaus vom 19. September 1946 Berghaus setzte sich in die Schweiz ab, um – so die Aussage von Walter Schellenberg – seine Vermögenswerte zu schützen, und ließ sich in Zürich nieder.

Als er 1946 versuchte, ein Visum zur Einreise in die Vereinigten Staaten zu erlangen, führte dies zu umfangreichen Untersuchungen. Der Abschlussbericht befürwortete eine Aufnahme von Berghaus in das Central Registry of War Crimes and Security Suspects wegen seiner schlechten Behandlung der Zwangsarbeiter und wegen der völkerrechtswidrigen Beschäftigung von Kriegsgefangenen.Beibrief zum Final Report, 17. April 1947 Es sollte auch geprüft werden, ob Berghaus nicht als Angeklagter in den Nürnberger Prozessen in Frage käme.Beibrief zum Final Report, 16. April 1947 Britische und französische Militärbehörden in Deutschland verlangten seine Auslieferung wegen der Beschäftigung von Zwangsarbeitern und deren Misshandlungen in seinen Betrieben, sowie wegen der Finanzierung namhafter NS-Größen. Allerdings kam es nie zu einem förmlichen Verfahren. Sowohl die Schweiz als auch die USA wollten von seinen Patenten profitieren.

Gleichzeitig lief in Lübeck sein durch den Rechtsanwalt Walther Böttcher betriebenes Entnazifizierungsverfahren vor der Spruchkammer. Darin behauptete Berghaus, seit 1942 Kontakte zu Personen im Widerstand gegen Hitler wie Wolf-Heinrich von Helldorff und Arthur Nebe unterhalten zu haben und selbst wegen „beleidigende[r] Äusserungen gegen Hitler, Defaitismus und Teilnahme am Widerstand“ verfolgt gewesen zu sein.Fragebogen zur Entnazifizierung: Antworten auf Fragen 111–116, Archiv der Hansestadt Lübeck (AHL) Entnazifizierung („DeNa ohne Kosten“) Nr. 4330. Mehrere Zeugen, darunter zwei niederländische Zwangsarbeiter, die Berghaus als Chauffeure angestellt hatte, ein Angestellter, den er nach dessen Aussage vor der Gestapo gerettet hatte, sowie die Betriebsräte seiner beiden Lübecker Unternehmen sagten zu seinen Gunsten aus. Am 1. Oktober 1948 stufte ihn der Entnazifizierungsausschuss in Lübeck als Pg. [seit 19]33 ohne Amt in die Kategorie 5: Entlastete ein.Archiv der Hansestadt Lübeck (AHL) Entnazifizierung („DeNa ohne Kosten“) Nr. 4330. Ende 1948 zogen die britischen Besatzungsbehörden das Verfahren an sich, da Grund zur Annahme vorliege, dass Berghaus als Kriegsverbrecher in die Kategorie 1 oder 2 eingeordnet werden müsse und das Verfahren daher unter die Zuständigkeit der Militärregierung falle. Die Lübecker Entscheidung sei out of order. Das Verfahren sei zu annullieren und alle Entlastungsbescheinigungen seien einzuziehen.Colonel T. E. H. Helby an den Innenminister des Landes Schleswig-Holstein, 29. Dezember 1948, Archiv der Hansestadt Lübeck (AHL) Entnazifizierung („DeNa ohne Kosten“) Nr. 4330. Die Militärregierung sah eine Parallele zum Fall von Claude Dornier. Wie bei diesem sei die Kontrolle über das in Schleswig-Holstein befindliche Vermögen beizubehalten. Bei Berghaus kam es jedoch zu keinem weiteren Verfahren. Bis 1950 lag die Akte noch beim Public Safety Branch der Besatzungsbehörde; sie kam dann ohne weitere Folgen zurück an die Lübecker Behörde. alternativtext=Bernhard Berghaus (1896–1966) Rüstungsunternehmer. Familiengrab auf dem Friedhof Witikon, Zürich. Edmond Saran (* 8. November 1934; † 14. März 1986), Odette Saran (* 18. September 1911; † 5. Januar 1999), Bernhard Viktor Berghaus (* 11. Dezember 1937; † 18. August 2010), Bernhard Viktor Berghaus (* 11. Dezember 1937; † 18. August 2010), Lillyclaire Edmee Berghaus-Saran (1939–2020). |mini|Familiengrab auf dem Friedhof Witikon, Zürich Daraufhin reiste Berghaus wieder nach Deutschland, wo er vorübergehend in München lebte. Er starb 1966 in der Schweiz. Seine letzte Ruhestätte fand er auf Friedhof Witikon in Zürich.

Berghaus war seit dem 20. Juni 1934 verheiratet mit Lilly Claire (auch Lillyclaire, * 20. Juni 1910 in Berlin; † 1. August 1986 in New York) geb. von Gontard gesch. Schleber, einer Tochter von Paul von Gontard und dessen Frau Clara von Gontard geb. Busch (1876–1954), einer Tochter des Brauereibesitzers Adolphus Busch (1839–1913) (Anheuser-Busch). Daher besaß sie die US-amerikanischen Staatsbürgerschaft. Gert von Gontard war ihr Bruder. Für sie war es ihre zweite Ehe, in erster Ehe hatte sie 1930 den Unternehmer Werner Schleber (* 1895) (Georg Schleber AG) geheiratet. Diese Ehe war jedoch schon bald wieder geschieden worden. Bernhard und Lillyclaire Berghaus hatten zwei Kinder: Bernhard Victor Berghaus (* 11. Dezember 1937; † 18. August 2010) und Lillyclaire Edmee (* 1939; † 1. Januar 2020 in Zürich, abgerufen am 28. April 2020), später verheiratete Saran.Sie trat regelmäßig bei gesellschaftlichen Anlässen als Budweiser-Erbin auf; siehe exemplarisch Frühlingsgefühle in Paris. In: Berliner Zeitung vom 10. April 2002, abgerufen am 25. Juni 2017 Spätestens ab 1941 lebten seine Frau und die Kinder dauerhaft in der Schweiz.

Berghaus sammelte Silberobjekte. Seine Silbersammlung wurde 1968 bei der Galerie Stuker in Bern versteigert.Galerie Stuker, Bern. Grosse Jubiläumsauktionen 87-91 [Kataloge in einem Band]. 13. – 27. Nov. und 7. Dez. 1968

Unternehmen Nach alliierten Recherchen von 1947 besaß Berghaus folgende Unternehmen in Deutschland, Österreich, Italien und Spanien:Im Wesentlichen nach

Leipziger Leichtmetallwerke, Rackwitz Das 1925 gegründete Werk in Rackwitz bildete den industriellen Grundstock und das finanzielle Rückgrat des Unternehmensimperiums von Bernhard Berghaus. Es verarbeitete Magnesium und Aluminium zu Teilen für die Flugzeugproduktion. 1932 übernahm Berghaus die Mehrheit des Unternehmens einschließlich aller Rechte von der IG Farben. 1935 erfolgte die Umwandlung in die Leipziger Leichtmetallwerke Rackwitz Bernhard Berghaus & Co. KG.

Nach 1945 wurde das Unternehmen enteignet und das Rackwitzer Werk als VEB Leichtmetallwerk Rackwitz weiterführt, seit 1997 gehört es zu Norsk Hydro.offizielle webseite, abgerufen am 26. Mai 2017

Berlin-Lübecker Maschinenfabriken

Die Berlin-Lübecker Maschinenfabriken Bernhard Berghaus (BLM) wurden 1934 mit Hilfe eines verdeckten Kredits des Heereswaffenamts und Unterstützung der Stadt Lübeck gegründet. Das Betriebsgelände lag an der unteren Trave am Glashüttenweg (1936–1945 Curt-Helm-Straße) 29/35. Die BLM stellte vor allem Infanteriegewehre (Gewehr 41, Gewehr 43) und feinmechanisches Kriegsgerät wie Zielfernrohre her. Im Jahr 1939 beschäftigte das Unternehmen etwa 2000 Arbeitskräfte. Während des Zweiten Weltkriegs stieg die Zahl zeitweise auf über 5000 an.Antjekathrin Graßmann: Lübeckische Geschichte. 4. Auflage, Schmidt-Römhild, Lübeck 2008, ISBN 978-3-7950-1280-9, S. 717 f. Darunter befanden sich ca. 1300 Zwangsarbeiter. Ab 2. Mai 1945 wurde es von der britischen Besatzungsmacht unter Zwangsverwaltung gestellt.

Hannemann & Co. Das Stahlbau-Unternehmen Hannemann & Co. wurde 1897 in Berlin gegründet und 1934 nach Lübeck verlegt, wo es Teil des BLM-Komplexes war. Es war am Bau der U-Boote vom Typ XXI beteiligt. In Lübeck wurde die Sektion 1 (Heck mit Heckraum, Steueranlage und Werkstatt) gefertigt.

Leichtmetallwerke Berghaus