Die Kirchenburg von Birthälm () ist eine spätgotische Kirchenburg in Birthälm, Kreis Sibiu, in der historischen Landschaft Siebenbürgen im heutigen Rumänien. Erbaut wurde sie Ende des 15. JahrhundertsEintrag „Birthälm/Biertan“ im Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, abgerufen am 22. Oktober 2017. von Siebenbürger Sachsen; als damals noch römisch-katholische Kirche war sie Maria geweiht. Eine Inschrift über dem Triumphbogen mit der Jahreszahl 1522 bezieht sich vielleicht auf die Fertigstellung des Kirchenbaus.

Nachdem 1572 der Birthälmer Pfarrer Lukas Unglerus (1526–1600) zum Bischof der evangelischen Kirche gewählt worden war, wurde die Kirche zum Bischofssitz der Evangelischen Kirche A.B. und blieb bis zur Verlegung des Bischofssitzes 1867 geistlicher Mittelpunkt der Siebenbürger Sachsen. bei biserici-fortificate.org, abgerufen am 22. Oktober 2017. Mit dem sie umgebenden Ort gehört die Kirchenburg seit 1993 zum UNESCO-Welterbe.Villages with Fortified Churches in Transylvania. Eintrag in der Welterbeliste der UNESCO, abgerufen am 27. Oktober 2017.

Baugeschichte mini|Isometrische Zeichnung der Kirchenburg nach Hermann Fabini

Die Ortschaft Birthälm wurde wahrscheinlich in der Zeit zwischen 1224 und 1283 gegründet. Sie liegt auf Königsboden im Gebiet der Zwei Stühle von Mediasch und Schelk. Um 1315 erlangte diese Region die im Goldenen Freibrief (1224) festgelegten Rechte und entwickelte sich zu einem bedeutenden Marktort.

Eine Kirche, wahrscheinlich im romanischen Stil, wurde erstmals 1402 erwähnt. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung nahm auch die Bautätigkeit am Ort zu. Im letzten Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts begann der Bau der spätgotischen, dreischiffigen Hallenkirche, die heute noch steht. Während des Kuruzenkriegs (1703–1711) wurde die Kirche geplündert. auf der Webseite des Kulturbüros des Kreises Sibiu, abgerufen am 27. Oktober 2017. Beim Erdbeben von Vrancea 1977 wurde der Baukomplex beschädigt und in der Folge 1983 bis 1989 restauriert.Alexandra Mureșan: The Fortified Church of Biertan (Transylvania). In: Myra Shackley (Hrsg.): Visitor Management: Case Studies from World Heritage Sites. Elsevier, Amsterdam, 2000. ISBN 0-7506-3279-8, S. 27

1993 wurden der Ort Biertan und seine Kirchenburg zum UNESCO-Welterbe erklärt; 1999 wurden sechs weitere Orte mit Kirchenburgen hinzugefügt. Die Kirchenburg wird auch in Rumänien als Monument istoric auf der Liste des rumänischen Ministeriums für Kultur und Religionsangelegenheiten geführt.

Baubeschreibung Befestigung und Türme mini|Plan der Kirchenburg mini|Mausoleumsturm und mittlerer Mauerring, Ansicht von Süden Zur Wahrnehmung der vom König gewährten Verteidigungsrechte mussten Festungsanlagen errichtet werden. Da eine Befestigung des gesamten Ortes die Einwohner nicht nur finanziell überfordert hätte, sondern ihre Zahl auch nicht ausgereicht hätte, eine solch ausgedehnte Wehranlage zu verteidigen, wurde – wie oftmals in Siebenbürgen – nur die Kirche befestigt.

Die Birthälmer Kirchenburg besitzt drei Mauerringe mit insgesamt acht Türmen. Der innere Mauerring mit vier Türmen stammt aus dem 14. Jahrhundert. Der mittlere Ring wurde zusammen mit der neuen Kirche errichtet und besitzt eine Reihe von Verstärkungsbögen. Der äußere Mauerring wurde im 16. und 17. Jahrhundert erbaut. Wie beispielsweise am Rathausturm deutlich sichtbar, beträgt der Höhenunterschied zwischen innerem und mittlerem Mauerring teils bis zu 7 m; die Mauerringe tragen somit wesentlich zur Stabilität des Baugrunds bei. Sechs Türme besitzen ein Pyramidendach (Stundenturm, Glockenturm, Mausoleumsturm, Katholischer Turm, Speckturm, Einfahrtsturm), zwei Türme ein Pultdach (Rathausturm, Weberturm). Eine Bastei im inneren Ring trägt das sogenannte „Scheidungshaus“.

Innerer Mauerring Die Bastei im Westen des inneren Mauerrings, der Rathausturm, hat ihren Namen vom Rathaus des Ortes, das früher hier untergebracht war. Ihr Turm liegt dicht an der Kirche. Sein Obergeschoss ist durch eine kleine Tür ebenerdig vom inneren Mauerring aus erreichbar. Hier befindet sich der aufwendig mit Ornamenten ausgemalte Ratssaal. Die Fundamente des dreigeschossigen Torturms verbinden die mittlere und innere Ringmauer. Zusammen mit dem südlicher gelegenen Torturm bildete der Rathausturm früher den Zugang zum mittleren Burghof. Auf der Südseite sind noch die Gleitsteine für das Falltor zu erkennen.

Der Stundturm im Nordwesten diente mit seinem tonnengewölbten Durchgang als Torweg zu den inneren Befestigungsanlagen. An den Pfeilern des westlichen Torbogens sind die Gleitrinnen eines Fallgatters erhalten. Der viergeschossige Bau besitzt einen hölzernen Wehrgang und Brustwehren. Die Uhr befindet sich in einem Türmchen oberhalb des pyramidenförmigen Dachs. Das Uhrwerk trägt die Aufschrift „Josef Roth – Uhrmacher – Kronstadt 1883“. Auf drei Seiten des Uhrtürmchens finden sich Zifferblätter.

Ganz im Norden des inneren Mauerrings liegt der Glockenturm, der als einziger Turm vollständig aus Holz erbaut ist. Die tragende Holzkonstruktion ist mit senkrechten Brettern verschalt; das Dach ist mit hölzernen Schindeln eingedeckt.

Weiter nordöstlich im Mauerring steht der Mausoleumsturm. Seine drei Geschosse sind mit Schießscharten ausgestattet. Der Turm besitzt einen hölzernen Wehrgang und ein Pyramidendach. Ein kleiner Treppenturm an der Südseite führt zu den oberen Geschossen. Seit 1913 sind an den Innenwänden des Erdgeschosses die Grabplatten und Epitaphien der Bischöfe und Würdenträger angebracht, die einst in der Kirche bestattet waren. Im Boden ist in der Raummitte die Grabplatte einer Gemeinschaftsgruft eingelassen.

Im Südosten befindet sich eine Bastei mit dem sogenannten „Scheidungshaus“, welches der Versöhnung zerstrittener Ehepaare diente, indem die Eheleute bis zur Entscheidung über ihre Beziehung auf engem Raum festgehalten wurden.Ramona Găină, "Secretele bisericilor fortificate săsești din Sibiu", Adevărul, 9. September 2013

Der „katholische Turm“ ganz im Süden wurde von den wenigen Siebenbürger Sachsen genutzt, die die katholische Konfession beibehalten hatten. In seinem Inneren befindet sich eine kleine Kapelle (ca. 1520–1530), die reich mit Fresken ausgeschmückt ist.Vasile Drăguț, Dicționar enciclopedic de artă medievală românească. Editura Științifică și Enciclopedică, Bucharest, 1976, S. 233

Mittlerer Mauerring Zwischen mittlerem und innerem Mauerring verläuft entlang der Mauer der von Strebebögen überdeckte Zugang zum Burginneren. Der Rathausturm verbindet als Tordurchgang den inneren mit dem mittleren Mauerring, der Zugangsweg führt dann durch den Speckturm im Nordwesten in den äußeren Mauerring.

Äußerer Mauerring Der äußere Mauerring ist im Süden durch den südlichen Torturm zugänglich. Im Westen befindet sich der Weberturm. Vom Torhaus im Nordwesten des äußeren Mauerrings bietet eine teils mit Holzschindeln überdachte Stiege einen direkten Zugang zum inneren Mauerring, den sie westlich des Glockenturms erreicht.

Kirche mini|Ansicht von Süden mini|Mittelschiff, Triumphbogen mit Bauinschrift und „Narrenkonsolen“, Chorraum mini|Mittelschiff und Westempore

Auf der Kuppe des Bergplateaus, das sich etwa 20 m über dem Tal eines östlich der Burg gelegenen Baches erhebt, liegt die Kirche. Sie ruht auf einem Sockelgesims aus behauenen Kalksteinen. Gestufte Strebepfeiler stützen die Wände von Chor und Langhaus von außen. Der Grundriss des Bauwerks ist – bedingt durch die beschränkten Raumverhältnisse auf dem Plateau – fast quadratisch: Das Langhaus hat bei einer Höhe von 16 m und Innenbreite von 20 m nur eine Länge von 26 m. Der 18 m lange, schmale Chorraum der Kirche besitzt einen polygonalen 5/8-Schluss. Über dem Chor befinden sich Reste eines Wehrgeschosses mit Wehrgang und Brüstung.

Das Langhaus ist mit einem Satteldach aus Biberschwanzziegeln gedeckt; nach Westen hin schließt ein steiler Schopfwalm das Dach ab. Der Chor ist ebenfalls mit einem Satteldach gedeckt, die Sakristei mit einem Schleppdach.

Außen an der westlichen Nord- und Südfassade sind Treppentürme angebaut. Ein Treppenaufgang im nördlichen Turm führt von außen zur Orgelempore und zum Dachstuhl, der südliche Turm führt aus dem Kircheninneren herauf. An die Nordseite des Chores schließt sich die Sakristei an, die von innen über eine Tür in der Nordwand des Chores zugänglich ist. Im Inneren der Sakristei liegt in der Ostwand der Zugang zu einem kleinen, außen angebauten Treppenturm.

Der Chorraum und die zweigeschossige Sakristei besitzen Netzgewölbe. Das aus drei fast gleich hohen Schiffen bestehende, vierjochige Langhaus wird von einem Sterngewölbe überdeckt, dessen Gewölberippen (aus Stuck) ohne Schlusssteine zusammenlaufen. Drei achteckige Pfeilerpaare stützen das Gewölbe, dessen Rippen an den Seitenwänden auf Kragsteinen aufliegen. Die Gewölbeflächen zwischen den braun angestrichenen und mit weißen aufgemalten Fugen unterteilten Gewölberippen in Chor, Langhaus, und Sakristei weisen im Chorraum zusätzlich aufgemalte Feuerzungenmotive und grüne Spitzstrahlen auf.

Am Triumphbogen sind zwei Konsolen farbig als Narrenköpfe gestaltet, deren zugehörige Körper auf die Wände gemalt sind. An der Wand des Triumphbogens befindet sich ein Schriftband mit einer Inschrift in gotischen Minuskeln: anno natalis Domini n[ost]ri 1522, die auf die Vollendung des Baus hinweisen könnte. Darunter gedenkt eine längere (heute restaurierte) Inschrift des „Herrn baccalaureus Johannes“, der testamentarisch eine Stiftung zugunsten der Kirche verfügt hatte. Links von der Inschrift ist das Wappen der Stadt Mediasch zu erkennen, rechts ein weiteres Wappen, vielleicht ein Zunftwappen.

Stifterinschrift auf dem Triumphbogen:

Die älteste, heute im Mausoleumsturm befindliche Grabplatte trägt die Buchstaben „IO“, die sich zudem auf einem Wappenschild am Hauptaltar sowie auf der Sakristeitür finden. Müller (1857) und Salzer (1881) ordnen beide diese Buchstaben dem Pleban (Pfarrer) Johannes († 1526) zu. Somit erweist sich Pfarrer Johannes als bedeutender Stifter und Förderer des Baus und der Ausschmückung der Birthälmer Kirche.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, zur Zeit des Rokoko, wurde im Westen eine aus Stein gemauerte Orgelempore eingezogen. In der Nord- und Südwand befinden sich je drei, in der Westwand zwei hohe, spitzbogige Fenster. Ein drittes Fenster in der Mitte der Westwand wurde beim Bau der Orgelempore zugemauert. Steinerne Stege teilen die Langhausfenster in zwei oder drei Abschnitte. Die Bogenfelder sind durch Maßwerk mit Vierpass- und Fischblasenmotiven über Kleeblattbögen gegliedert. Verglast sind sie mit grünen und gelblichen, in Bleistege eingesetzte Butzenscheiben.

Zum Chorraum hin steigt der Baugrund an. Daher liegt der Chor drei Stufen höher als das Langhaus. Auch hier bilden Gurtrippen ohne Schlusssteine ein Netzgewölbe, das seitlich auf Konsolen ruht. Im polygonalen Chorabschluss befinden sich drei, in der Südwand zwei zusätzliche, durch Stege dreigeteilte Fenster, auch hier gliedert spätgotisches Maßwerk mit Vierpässen und Fischblasen über Dreipassbögen die hohen und schmalen Fenster.

Im gesamten Gewölbe fangen Zuganker den Schub auf, besonders dicht und in mehreren Ebenen ist das Ankernetz im Chorraum gezogen.

Portale mini|Westportal. Zeichnung nach Salzer (1881), S. 785