mini|hochkant=1.25|Physische Karte des Kraichgaus (braun umrandet) mini|hochkant=1.25|Blick von der Ravensburg bei Sulzfeld über die Kraichgau-Hügellandschaft zum höchsten Punkt des Kraichgaus, der Burg Steinsberg (am Horizont in der Bildmitte) mini|Burg Steinsberg auf dem gleichnamigen Berg, der höchsten Erhebung des Kraichgaus mini|Die markante katholische Pfarrkirche von Waibstadt mini|Ruine des Wasserschlosses in Kraichtal-Menzingen
Der Kraichgau ist eine Hügellandschaft im Nordwesten von Baden-Württemberg.
Geographie Die Landschaft des Kraichgaus im nordwestlichen Baden-Württemberg wird begrenzt vom Odenwald im Norden, dem Schwarzwald im Süden sowie der Oberrheinischen Tiefebene im Westen. Im Osten wird der Kraichgau von den Höhenzügen des Stromberg und Heuchelberg zum Zabergäu abgegrenzt. Die Gesamtfläche des Gebiets erstreckt sich über 1630 km².Bundesamt für Naturschutz: Landschaftssteckbrief 12502 Nördlicher Kraichgau, Bundesamt für Naturschutz: Landschaftssteckbrief 12502 Südlicher Kraichgau Im Nordosten geht er mit Erreichen des Neckars in Bauland und Unterland über, im Südosten mit Erreichen der Enz in das Heckengäu.Historischer Atlas von Baden-Württemberg, Karte II.4: Karte der Naturräumlichen Gliederung von Baden-Württemberg Das Gebiet des Kraichgaus erstreckt sich auf Teile der Landkreise Karlsruhe, Heilbronn, Enzkreis, Rhein-Neckar-Kreis und Neckar-Odenwald-Kreis.
Die größten Städte des Kraichgaus sind Sinsheim, Eppingen, Bad Rappenau, Bretten und Bruchsal. Kennzeichnend ist jedoch die Vielzahl überwiegend bereits im Mittelalter besiedelter Dörfer inmitten der Hügellandschaft. Zu den vorgenannten fünf Städten gehören alleine schon über 40 solcher Dörfer. Weitere größere Orte sind Dielheim, Mühlhausen, Knittlingen, Oberderdingen, Östringen, Rauenberg, Waibstadt und Schwaigern sowie die Gemeinden Angelbachtal, Walzbachtal, Pfinztal und die Stadt Kraichtal, die aus der Fusion vieler kleinerer Dörfer entstanden.
Die bedeutendsten Fließgewässer in dieser Landschaft sind der Kraichbach, der bei Sternenfels im Enzkreis entspringt, dann in Richtung Nordwesten fließt und bei Ketsch in den Rhein mündet, sowie die Elsenz, welche beim gleichnamigen Dorf in der Nähe von Eppingen entspringt und bei Neckargemünd in den Neckar mündet. Weitere wichtige Gewässer sind im westlichen Teil Pfinz, Saalbach und Leimbach, im Osten Lein und Schwarzbach.
Der Kraichgau ist im Grunde eine tiefe Mulde, die zwischen Odenwald und Schwarzwald einsank, als diese Gebirge sich im Tertiär vor etwa 65 Millionen Jahren anhoben und zwischen sich und den westlicher gelegenen Vogesen und dem Pfälzerwald die heutige Oberrheinische Tiefebene bildeten. Aus dem Oberrheingraben wurden im Eiszeitalter bedeutende Mengen Löss als Schluff ausgeblasen und im Kraichgau wieder abgelagert. Mit bis zu über 30 Metern Dicke erreicht der Löss im Kraichgau seine größte Mächtigkeit in Deutschland. Der Löss und die daraus entstandenen fruchtbaren Böden sind Grundlage für den intensiven Ackerbau, der die Region bis heute prägt. Aufgrund des relativ milden Klimas wird der Kraichgau häufig – ähnlich dem Markgräflerland – als badische Toskana bezeichnet.
Die höchste Erhebung im Kraichgau ist der Burgberg der Burg Steinsberg bei Sinsheim-Weiler mit 333 m über NN. Der Bergfried der Burg wird auch als Kompass des Kraichgaus bezeichnet. Als eine der markantesten Kirchen des nördlichen Kraichgau gilt die katholische Stadtpfarrkirche Unserer lieben Frau in Waibstadt, deren 65 m hoher Turm weithin sichtbar ist und die als Dom des Kraichgaus bezeichnet wird.
Naturräumliche Gliederung
Der Kraichgau ist naturräumlich in der Systematik des Handbuchs der naturräumlichen Gliederung Deutschlands die Haupteinheit 125 der mit Neckar- und Tauber-Gäuplatten (Haupteinheitengruppe 12) der Schwäbischen Gäue, die zusammen mit den Fränkischen Gäuen eine Großregion 3. Ordnung bildet, die ihrerseits Teil der Großregion 2. Ordnung des Südwestdeutschen Schichtstufenlandes darstellt.
Der Kraichgau gliedert sich wie folgt in Teillandschaften: (zu 12 Neckar- und Tauber-Gäuplatten) 125 Kraichgau 125.1 Lein-Elsenz-Hügelland 125.11 Gartacher Feld 125.12 Leinbachgäu 125.13 Eppinger Gäu 125.14 Neckarbischofsheimer Höhen 125.15 Eichelbergvorland 125.16 Eichelberg 125.17 Schwarzbachgäu 125.18 Angelbachgäu 125.2 Kraich-Saalbach-Hügelland (Korngäuplatte) 125.21 Bruchsaler Randhügel 125.22 Brettener Hügelland 125.23 Derdinger Hügelstreifen 125.24 siehe 125.33 125.25 Strombergvorland 125.3 Pfinzhügelland (Heckengäu) 125.30 Westlicher PfinzgauDer kleine auf Blatt Karlsruhe liegende Nordteil ist dort als 125.31 Pfinztal eingezeichnet. 125.31 Pfinz-Alb-Platte 125.32 Östlicher Pfinzgau 125.33 (= 125.24 auf dem älteren Blatt Karlsruhe) Bauschlotter Platte 125.34 Pforzheimer Enztal 125.4 Mingolsheim-Wieslocher Bucht 125.41 Rauenberger Bucht 125.42 Letzenberg 125.43 Rettigheimer Bucht
Namensherkunft Die Bezeichnung Kraichgau für das heutige Gesamtgebiet ist neuzeitlichen Ursprungs. Ursprünglich bezog sich der Name nur auf den Teil des heute weiter verstandenen Kraichgaues, der zum Einzugsgebiet des Kraichbaches gehörte, teilweise auch auf Orte an Waldangelbach und Saalbach. Die übrigen Gebiete gehörten zum Elsenzgau, zum Pfinzgau oder zum Gartachgau. Orte im Bereich des Leimbaches wurden zum Lobdengau gerechnet, für das Einzugsgebiet der Saalbach wurde auch der Begriff Salzgau verwendet.
Im Frühmittelalter wird der damals noch enger verstandene Kraichgau im Lorscher Codex zum ersten Mal urkundlich als Creichgowe (769), später auch als Chrehgauui (773) oder Craichgoia (778), erwähnt. Eine wesentlich spätere Namensform ist Kreuchgau (1594).
Kraichbach wird gedeutet als „gewundener Bach“; Kraich leitet sich ab von germanischen Wörtern, die Biegungen, Buchten, Krümmungen oder Windungen bezeichnen.Albrecht_Greule: Deutsches Gewässernamenbuch. Etymologie der Gewässernamen und der dazugehörigen Gebiets-, Siedlungs- und Flurnamen. De Gruyter, Berlin 2014, ISBN 978-3-11-019039-7, S. 281. Der Begriff Gau bezeichnet ein offenes, waldfreies Gebiet und insbesondere auch von Ackerbau bestimmte Landschaften.
Nach einer anderen Theorie geht der Name Kraich auf das keltische Wort „Creuch“ für Schlamm und Lehm zurück, was vermutlich auf die bräunliche Farbe des Flusses durch ausgewaschenes Löss hinweist.
Geschichte Frühe Geschichte Der Kraichgau zählt zu den ältesten Kulturräumen Europas. In diesem Gebiet war schon vor über einer halben Million Jahren ein entfernter Verwandter des modernen Menschen, der Homo heidelbergensis, zu Hause. Der Fund eines Unterkiefers in Mauer, zwischen Sinsheim und Heidelberg, aus dem Jahre 1907 sorgte weltweit für Aufsehen; bis heute ist der Unterkiefer von Mauer das älteste Fossil der Gattung Homo, das jemals in Deutschland gefunden wurde.
Klimatische Veränderungen schufen im Laufe der nachfolgenden Jahrtausende eine hügelige Landschaft mit Lössböden, so dass der gesamte Kraichgau als Senke zwischen Odenwald und Schwarzwald zu den leicht bebaubaren und ohne Schwierigkeiten zu durchquerenden Siedlungsgebieten wurde. In die Jungsteinzeit und die Bronzezeit weisen viele Einzelfunde von beispielsweise Steinbeilen, Getreidereiben, Dolchklingen, Lanzenspitzen und bronzezeitliche Bestattungen. Weitere Spuren hinterließ auch der keltische Volksstamm der Helvetier, von dem Siedlungsspuren aus der Zeit um 400 v. Chr. existieren.
Besonders die Römerzeit hinterließ nachhaltige Spuren. Zahlreiche Funde zeugen von der Bedeutung dieses Raumes als Hinterland des Obergermanisch-Raetischen Limes während der römischen Besetzung. Ein eindrucksvolles Beispiel gallo-römischer Kunst stellt die höchste Jupitergigantensäule Süddeutschlands dar, die 1959 in Steinsfurt zutage kam.
Von den landsuchenden Germanenstämmen drangen in der Folgezeit besonders Kimbern, Teutonen und Sueven nach Südwestdeutschland vor. Sesshaft wurden seit 260 n. Chr. die Alemannen (Spuren östlich von Sinsheim), zu deren Siedlungsgebiet der Kraichgau etwa bis zum Jahre 500 gehörte. Die Alemannen gerieten in Konflikt mit dem Fränkischen Reich, da sie ihr Gebiet nach Westen und Nordwesten ausdehnen wollten. Aus der entscheidenden Schlacht von Zülpich 496/497 gingen die Franken als Sieger hervor. Spätestens nach einem gescheiterten Aufstand der Alemannen 506/507 mussten sie ihr bisheriges Herrschafts- und Siedlungsgebiet an die Franken abtreten.
In der frühen fränkischen Merowingerzeit wurden im Kraichgau vor allem die großen Bachtäler besiedelt. Dort dürften auch wichtige Fernverbindungen verlaufen sein, da nur in den Bachtälern des Kraichgau eine weitgehend ebene Ost-West-Passage zwischen dem Odenwald im Norden und dem Schwarzwald im Süden möglich ist. Eine großflächige Rodungstätigkeit setzte ebenfalls längs der Bachtäler ein. Spätere Siedlungsgründungen fanden im Wesentlichen nur mehr dort statt, wo zwischen den Siedlungsschneisen der Bachtäler noch genügend Fläche zur Verfügung stand.Friedrich Metz: Der Kraichgau, Karlsruhe 1922, S. 148ff.Karl Banghard: Archäologische Aspekte der frühmittelalterlichen Kulturlandschaftsgenese im Kraichgau, in: Ludwig H. Hildebrandt (Hrsg.): Archäologie und Wüstungsforschung im Kraichgau, Heimatverein Kraichgau, Sonderveröffentlichung Nr. 18, Ubstadt-Weiher 1997, S. 35–46.
Der Kraichgau als Gaugrafschaft im hohen Mittelalter Der Kraichgau als fränkische Gaugrafschaft wurde erstmals im 8. Jahrhundert im Lorscher Codex als Craichgoia urkundlich dokumentiert. Die Grafen wurden vom König bzw. Herzog als Stellvertreter eingesetzt, wobei sich die Grenzen der Verwaltungsbezirke im Wesentlichen an den Naturräumen orientierten, ein Graf aber auch gleichzeitig die Vormacht über verschiedene Gaue haben konnte. So zählte z. B. der Anglachgau verwaltungstechnisch immer zum Kraichgau, vom späten 10. bis späten 11. Jahrhundert wurden Anglach-, Elsenz-, Gartach- und Kraichgau jeweils von denselben Würdenträgern verwaltet. Zu jener Zeit war wohl die Großmotte Wigoldesberg bei Östringen-Eichelberg zentraler Verwaltungssitz.Hildebrandt 2008, S. 60–63. Bis zum frühen 12. Jahrhundert war der Grafentitel immer an eine Person gebunden und nicht erblich, wurde dann aber einhergehend mit schwindender Macht der Grafen zum erblichen Titel.Hildebrandt 2008, S. 54.
Als einer der frühen Kraichgaugrafen wird Gerold (* um 730; † um 784/786) genannt. Er war Kraichgaugraf ab spätestens 777 bis um 784/786. Der Sohn eines fränkischen Grafen und Mitglied der fränkischen Reichsaristokratie war mit Imma, Tochter des alemannischen Herzogs Hnabi, verheiratet und Vater von Hildegard, der Ehefrau Karls des Großen. Der Kraichgaugraf Sieghard, der von 858 bis 861 genannt wird, war Stammvater der Sieghardinger.
mini|Das Stift Sinsheim wurde um das Jahr 1000 von Otto von Worms gegründet Otto von Worms (* um 948; † 1004) war 956 Graf im Nahegau, Graf im Speyergau, Wormsgau, Elsenzgau, Kraichgau, Enzgau, Pfinzgau und Ufgau. Er wurde 978 Herzog von Kärnten und war Thronkandidat bei der Königswahl von 1002. Er gilt um das Jahr 1000 als Gründer des Stifts Sinsheim. Im Amt nachgefolgt könnte ihm sein Sohn Konrad († 1011) sein, möglicherweise aber auch bereits ein Vertreter der Zeisolf-Wolframe, da die Grafen Zeisolf (vermutlich der 1008 belegte Wormsgau-Graf Zeisolf II.) und Wolfram (vermutlich der 987 bis 1006 als Graf des Speyergaus auftretende Wolfram I.) schon 1001 beim Gerichtstag in Verona als Zeugen Ottos erscheinen. Für das Kraichgau ist ein Wolfram mehrfach zwischen 1024 und 1056 belegt.Hildebrandt 2008, S. 55 Ab 1065 folgte ihm Engelbert I. von Spanheim.Andreas Thiele: Erzählende genealogische Stammtafeln zur europäischen Geschichte Band I, Teilband 2 Deutsche Kaiser-, Königs-, Herzogs- und Grafenhäuser II, R.G. Fischer Verlag 1994 Tafel 495 1067 wird das Eigengut eines Grafen Zeisolf in Sinsheim erwähnt.